Reihe zur Geschichte der Arbeiter:innenbewegung

03. September 2021

In dieser Rubrik steht die historische, revolutionäre Arbeiter:innenbewegung im Mittelpunkt. In regelmäßigen Blogbeiträgen bereiten wir zentrale Stationen und Debatten in ihrer Geschichte auf und stellen Materialsammlungen zur Verfügung, die zur eigenen Auseinandersetzung anregen sollen: Im Kern jedes Blocks stehen historische Debattenbeiträge, die wir durch eigene kontextualisierende Einleitungen und gelegentliche Verweise auf weiterführende Quellen ergänzen. Das Material spiegelt damit die Diskussionen und Suchbewegungen in unserem Arbeitskreis wider und ist auch als Einladung für weitere Diskussion und gemeinsames Forschen zu verstehen. Unser Ziel ist es, uns die Geschichte der revolutionären Arbeiter:innenbewegung auf undogmatische Weise anzueignen, sie als lebendigen historischen Prozess ernst zu nehmen und zu verstehen.

Häufig ließ uns die Beschäftigung mit der Geschichte, die wir im Zuge unserer Biographien innerhalb der Linken kennengelernt haben, unzufrieden zurück: Die einen stellen sich ganz selbstverständlich und ungebrochen in eine bestimmte Tradition - als wäre die Geschichte der Arbeiter:innenbewegung nicht von Umwälzungen, Brüchen und Katastrophen geprägt. Wir denken dabei an die Anarchist:innen, Leninist:innen, Stalinist:innen, Rätekommunist:innen, die je nach Couleur die Geschichte auf ihre eigene Weise mythologisieren und vor allem zur Bestätigung ihrer politischen Identität in der Gegenwart heranziehen. Das Ergebnis ist dabei allzu oft eine Geschichte ohne besagte Brüche und Niederlagen, die es doch gerade zu reflektieren gilt, oder eine Geschichte des Verrats, wo wieder je nach Couleur, mal die Anarchist:innen, mal die Leninist:innen zu Verrätern der reinen revolutionären Bewegung oder ihren Gralshütern erklärt werden. Andere, im deutschen Falle z.B. die Wertkritik und die Antideutschen, leugnen die Arbeiterbewegung als revolutionäre Bewegung. Ihre Geschichte ist für diesen Teil der zu spät geborenen Linken keine Geschichte von theoretischen und strategischen Auseinandersetzungen, sowie Niederlagen gegen eine übermächtige Konterrevolution. Stattdessen sei die Arbeiter:innenbewegung von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen, da sie theoretisch noch zu rückständig war, um den Kapitalismus fundamental anzugreifen. Oder sie sei durch ihre Staatsfixiertheit, durch antisemitische Motive in ihrer Kritik oder das bereitwillige Aufgehen breiter Segmente des deutschen Proletariats in der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft als politische Referenz diskreditiert. Der historische Bruch von 1989 wird verabsolutiert: es gibt keine revolutionäre Geschichte mehr, daher kann es auch nie eine gegeben haben.

Wir versuchen, die Geschichte der Arbeiter:innenbewegung nicht verengt durch die Brille einer bestimmten politischen Strömung zu betrachten. Was uns jedoch eint, ist die Sympathie und Nähe zu einer Tradition der revolutionären Sozialdemokratie/Linken/Sozialismus, der/die so unterschiedliche Theoretiker:innen wie Anton Pannekoek und Lenin, Karl Kautsky und Rosa Luxemburg umfasst. Wir wollen nachvollziehen, in welchem Zusammenhang bestimmte Konzepte und Ideen entstanden, warum einige Bewegungen revolutionäre Kräfte entfalten konnten und andere weniger – und natürlich die Frage stellen, weshalb kommunistische Revolutionen bisher scheiterten.   

Mit diesem Interesse haben wir bis dato die Zeit von 1848 bis 1921 in den Blick genommen: die Frühgeschichte der westlichen und russischen Arbeiter:innenbewegung und ihr langsames Aufblühen zu einer Massenbewegung, wie auch die Spaltungen durch den 1. Weltkrieg und die in seiner Folge ausbrechenden Revolutionen. Diese Phase kann zugleich auch als eine historische Periode in der Geschichte der Arbeiter:innenbewegung verstanden werden. Sie ist charakterisiert durch relativ einheitliche Entstehungs- und Organisierungsprozesse im Zuge des aufkommenden Industriekapitalismus, zeichnet sich durch eine Gemeinsamkeit in ihren zentralen Debatten aus und lief – trotz zunehmender Spaltungen – mit den Revolutionen von 1917ff. noch auf ein gemeinsames historisches Ereignis zu. Nach dem Scheitern der Revolutionen im Westen, sowie der sukzessiven Herausbildung der bolschewistischen Staatsdespotie im Osten, kann kaum mehr von einer Arbeiter:innenbewegung gesprochen werden. Vielmehr haben wir es seitdem mit differenzierten Formen sozialistischer oder kommunistischer Politik zu tun, die häufig nur noch wenig eint. Zu unterschiedlich sind die Ziele, die theoretischen Grundlagen und die Rahmenbedingungen. Unsere Untersuchungen sollen aber hier nicht aufhören. Wir wollen auch nach dem Scheitern dieser ersten Epoche der Revolution die Geschichte der revolutionären Arbeiter:innenbewegung verfolgen, die von nun an in noch stärkerem Maße mit der äußeren wie auch inneren Konterrevolution konfrontiert sein wird.

Glücklicherweise sind wir weder die ersten, noch die einzigen, die ein ähnliches Projekt verfolgen: Wir bauen insbesondere auf die Arbeit des Communist Research Clusters auf, die eine beispielhafte Auswahl historischer Debattenbeiträge zusammengestellt haben. Zusätzlich zu diesem Fokus möchten wir auch Erkenntnisse aus Sekundärliteratur (vor allem sozialhistorischen Studien) zugänglich machen, die hilfreich waren, um die politischen Auseinandersetzungen innerhalb der Bewegung vor ihrem gesellschaftlichen Hintergrund zu verstehen.

Die Auseinandersetzung mit Organisationsformen und Instrumenten des politischen Kampfes haben nach wie vor eine große Relevanz. Sie werden auch aktuell heftig diskutiert und führen immer wieder zu Spaltungen und Brüchen innerhalb der Linken. Mit unserer Reihe hoffen wir einen konstruktiven Beitrag zur praktischen Lösung dieser Fragen zu leisten.

Teil I: Die Revolution von 1848 und der Bund der Kommunisten