Kein Kampf ums Gas?

04. Juni 2024

Der Gasmarkt hat sich im Frühjahr das erste Mal seit 2022 etwas entspannt. Zwar verbleibt der Gaspreis momentan auf einem hohen Niveau, doch scheint die allgemeine Krisenstimmung in der Öffentlichkeit verflogen. Ist dies nun ein Anzeichen, dass der Ukraine-Krieg doch keine nachhaltigen Folgen für die Wirtschaft und die Preise hat? Wurde die Umrüstung der europäischen Infrastruktur für die Gaslieferungen problemlos umgesetzt? Unser letzter Text ‚Kampf ums Gas‘ endete mit der Prognose, dass der Gaspreis noch mindestens zwei weitere Jahre hoch bleiben würden. Im Folgenden wollen wir untersuchen, wie sich die Wirtschaft seit 2022 entwickelt hat und natürlich die damalige Prognose einer erneuten Prüfung unterziehen. Gibt es doch keinen Kampf ums Gas?

 

Zur aktuellen Entwicklung der Gaspreise

Auch wenn die Gaspreise aus der alltäglichen Berichterstattung verschwunden sind, bedeutet dies nicht, dass die Versorgungslage nicht weiterhin angespannt ist. Die Gaspreise liegen in Europa mittlerweile bei circa ca. 33€/Mwh (Stand: 07.06.24).1 Sie haben sich, genau wie wir dies in unserem Text vor zwei Jahren prognostizierten, auf einem hohen Niveau eingependelt. Dennoch hat sich die Lage der europäischen Gasversorgung verbessert und der Preis verzeichnet keine extremen Ausschläge mehr wie das noch 2022 der Fall war.2

Doch wie wurde diese Entspannung der Preise erreicht? Um dies zu verstehen, ist es zunächst wichtig nachzuvollziehen, wie und womit das russische Erdgas ersetzt wurde. Die europäische Gasversorgung konnte in den letzten zwei Jahren tatsächlich umstrukturiert werden: von Pipelinegas auf Flüssiggas (LNG). Der Anteil der Gasversorgung der EU durch LNG stieg von 20% in den Jahren 2018-2019 auf rund 40% in den Jahren 2022-2023.3 Der Anteil am europäische Gesamtverbrauch von Gas, der durch Russland gedeckt wird, ist deutlich gesunken. Das russische Pipeline-Gas an den EU-Importen ist von über 40 % im Jahr 2021 auf etwa 8 % im Jahr 2023 gefallen.4 Der Gesamtanteil des russischen Gases, also Pipelinegas und LNG, beträgt hingegen nach wie vor 14,8%.5

Diese Umstellung auf LNG hat Russland folglich nicht völlig aus dem europäischen Markt gedrängt. Das Land liefert neben dem Erdgas auch circa 13 % an Flüssigerdgas (LNG) an die EU, was ironischerweise eine deutliche Erhöhung zu den Vorjahren darstellt. Da Sanktionen, die die Lieferungen von russischem Gas unterbinden würden, nur im Gespräch sind, aber bis dato noch nicht umgesetzt wurden, plant Russland mit weiteren Lieferungen von LNG nach Europa. Es wurde bekannt, dass die russische Regierung den Bau von 15 LNG-Frachtern plant, die die Hälfte der ausgefallenen Nordstream-Pipeline kompensieren könnten, außerdem will Gazprom bis 2026 ein weiteres Terminal in der Ostsee, im russischen Ust-Luga, in Betrieb nehmen.6

Obwohl die EU, um ihren Bedarf zu decken, die russischen Gasimporte weiterhin dringend benötigt, hat sich nichtsdestotrotz ihre Abhängigkeiten zu anderen Anbietern verschoben. Die Profiteure des Konflikts mit Russland sind insbesondere die USA und Norwegen, die die neuen Großlieferanten für Flüssiggas in die EU sind.7 Es wurden zudem Absicherungsverträge mit den USA und Katar geschlossen.8 Die USA wird durch die ausgebaute LNG-Infrastruktur und neue Exportvolumen der weltweit größte LNG-Exporteur.9

Für die deutschen Gaslieferungen ist die Rolle Norwegens nicht zu unterschätzen. Norwegen konnte, als die deutschen Speicher gefüllt werden mussten, seine Liefermenge extrem ausweiten. Der Anteil Norwegens an den deutschen Gaslieferungen wird daher auf etwa 60 % steigen, das ist vergleichbar mit der Menge, die früher auf Russland entfiel.10 Der norwegische Energiekonzern Equinor hat mit dem deutschen Energiekonzern SEFE den größten langfristigen Gasvertrag seit fast 40 Jahren unterzeichnet, er hat ein Volumen von 50 Milliarden Euro.11 Das Flüssiggas bezieht Deutschland allgemein hauptsächlich über die Systeme Belgiens und der Niederlande.

Interessant ist hier, und das unterschätzten wir in unserer ursprünglichen Analyse, wie reaktionsfähig kapitalistische Märkte werden, wenn die Aussicht auf Profite besteht. Insbesondere die USA und Norwegen legten, als der Gaspreis in die Höhe schoss, bei ihren Lieferungen im hohen Maße zu und werden auch in Zukunft von den hohen Preisen und der veränderten Abhängigkeit Europas profitieren.12

 

Die Entwicklung der Infrastruktur

Die zentrale Frage des Umbaus der europäischen Energieinfrastruktur nach der Krise sowie die Auslastung und das Betreiben dieser neuen Systeme ist für uns bislang noch das undurchsichtigste Themenfeld. Auf den ersten Blick mag zwar der Eindruck entstehen, dass die Infrastruktur unter großem Druck erfolgreich umgebaut worden ist, doch bei genauerer Untersuchung entsteht ein anderes Bild. Es wird deutlich, dass gerade Länder wie Deutschland ihre nationale Versorgung auf Kosten anderer sicherten.

Europas Gasversorgung besteht aus Subsystemen, die bis vor dem russo-ukrainischen Krieg kaum miteinander verbunden waren (und es auch bis heute nicht sind). Da Teile Mitteleuropas stark auf russisches Gas ausgerichtet waren, musste eine LNG-Infrastruktur erst aufgebaut werden. Es handelte sich hierbei insbesondere um den Ausbau von Terminals, von Regasifizierungsanlagen oder der europäischen Verteilungsnetze, wodurch die europäischen Kapazitäten für LNG deutlich erhöht werden konnten. Im Jahr 2023 konnten so 120 bcm (billion cubic metres) LNG-Import in die EU gelangen, im Jahr 2024 sollen diese um weitere 30bcm erweitert werden.13 Europa besitzt nun über 37 funktionstüchtige Terminals, acht davon wurden in den letzten zwei Jahren aufgebaut, weitere 13 sind im Bau und vier weitere geplant. 94 bcm an neuen oder erweiterten LNG-Importkapazitäten sind in Planung und sollen bis zum Jahr 2030 in Betrieb genommen werden. Damit wird die LNG-Kapazität in Europa auf 405 Mrd. Kubikmeter steigen.14

Die Zahlen klingen erstmal grandios, doch zeigen die Verteilungsprojekte innerhalb Europas, dass es mit der Kooperation nicht gut bestellt ist. Die Verteilungsnetze innerhalb Europas, die geschaffen werden sollten, sind relativ klein oder gescheitert. So kann z.B. eine Gaspipeline, die bis jetzt lediglich von Deutschland nach Frankreich transportieren konnte, nun auch Gas in die andere Richtung befördern.15 Die Relevanz dieser Verbindung ist jedoch eher gering und wie viele Lieferungen tatsächlich über dieses Projekt stattgefunden haben, ist sogar der Bundesregierung unbekannt.16 Der notwendige fortgesetzte Ausbau dieser Verbindung wurde bereits wieder eingestellt.17 Und auch Großprojekte, wie Spaniens LNG-System über Frankreich mit Deutschland zu verbinden, sind gescheitert.18

Wie im Originaltext prophezeit, ist sich jede Regierung selbst am nächsten. Wenn wir abermals nach Deutschland blicken, sehen wir, dass es seine europäischen Nachbarstaaten auch gerne mal im Stich lässt. Unter massivem Druck hatte das Land, da an seinen Küsten bis dato keinerlei LNG-Terminals vorhanden waren, neue Infrastrukturprojekte gefördert. Zu Beginn des Jahres 2023 sind schwimmende Speicher- und Regasifizierungseinheiten (FSRU) in Wilhelmshaven19 und Brunsbüttel in Betrieb gegangen, sowie ein privat betriebenes FSRU in Lubmin an der Ostsee. Durch die Kapazitäten dieser drei Terminals konnte im Jahr 2023 zunächst LNG für ca. 13,5 Milliarden Kubikmeter Gas in Deutschland angelandet werden. Diese Terminals sind bislang jedoch nur zu 50% ausgelastet.20

Um die eigene prekäre Versorgungslage zu sichern, hatte Deutschland deshalb seine Gasexporte um über 60% drastisch verringert. Dies wurde über die sogenannte Gasspeicherumlage erreicht, die wie ein Exportzoll wirkt und das Gas für andere Staaten des Subsystems, wie Tschechien und Österreich, deutlich verteuert. Die abhängigen Nachbarstaaten, die bislang von Deutschland Gas bezogen, stellt dies vor die Wahl entweder deutlich höhere Preise zu zahlen (Schätzungen gehen von über einer halben Milliarde Euro zusätzlicher Kosten pro Jahr aus21) oder weiter von Russland abhängig zu bleiben. Dagegen regt sich inzwischen Widerstand und nach Beschwerden der betroffenen Staaten und Druck durch die EU-Kommision entschied die Bundesregierung die Gasumlage auf Exporte ab 2025 aufzugeben. Um die dadurch anfallenden finanziellen Verluste auszugleichen gibt es aber bereits eine neue Idee: Die Umlage für inländische Verbraucher:innen wird voraussichtlich, zusätzlich zu der sowieso geplanten Erhöhung um ca 30% ab Juli 2024, noch weiter steigen. 22

Deutschland kam nicht durch die Krisenzeit, weil ausreichend neue Infrastruktur gebaut wurde oder weil gar eine solidarische Verteilung in Europa stattfand. Deutschland konnte den Winter 2022/23 deshalb überbrücken, weil es erstens kaum mehr Gas exportierte und zweitens aufgrund von zufälligen Faktoren (ein warmer Winter und eine geringe Nachfrage nach LNG, wie wir im folgenden Kapitel noch diskutieren werden). Das Gas, das Deutschland beziehen konnte, kam primär über bereits bestehende Infrastruktur sowie durch den eingeschränkten Export in andere Länder. Die betroffenen Länder Österreich und Tschechien müssen deshalb weiterhin ein großes Gaskontigent von Russland beziehen.23

 

Wirtschaftliche Entwicklung und Marktsituation

Die Gasmärkte sind derzeit weniger angespannt als im Winter 2022/23. Dies ist durch vielfältige Faktoren bestimmt, die bereits im Text vor zwei Jahren Erwähnung fanden und vor allem die Nachfrageseite betrachten.

Ein erster Faktor waren die Temperaturen des Winters in Europa und die Nachfrage der privaten Haushalte. Zwar bestand noch im Winter 2023 die Angst, wie die internationale Energieagentur feststellte, dass ein kalter Winter und der totale Stopp von Gaslieferungen aus Russland große Spannungen auf dem Markt verursachen könnten24, doch sollten beide Befürchtungen nicht eintreten. Russland lieferte weiter Gas und ein milder Winter sorgte für einen geringen Gasverbrauch durch private Haushalte.25

Ein zweiter Aspekt war nicht nur die Nachfrage der privaten Haushalte, sondern die allgemeine Nachfrage nach Gas, sowohl in Europa als auch auf den internationalen Märkten. In der EU ging die Gasnachfrage insgesamt zurück. Sie lag im zweiten Quartal 2023 um 19% unter dem Durchschnitt der Jahre 2019-202126. Im 4. Quartal 2023 sank der Gasverbrauch um 1,1 Mrd. m3. Die EU erreichte somit ihre Ziele zur Verringerung der Gasnachfrage für den Zeitraum von April 2023 bis März 2024 mit über 14 Mrd. m³ problemlos. Besonders interessant ist die Frage, wie viel Gas durch erneuerbare Energie ersetzt werden konnte und wie viel industrielle Nachfrage zurückging, da industrielle Aktivität in Europa langfristig eingestellt wurde. Analysten unterscheiden bei dem Nachfragerückgang zwischen „reduction“ und „destruction“: reduction bezeichnet eine vorrübergehende Senkung der Nachfrage z.B durch warmes Wetter oder das zwischenzeitliche Ausweichen auf billigere Energieträger, während „destruction“ die Nachfrage beschreibt, die auch zu einem späteren Zeitpunkt nicht wieder anzieht sondern zerstört wurde z.B durch die Verlagerung von Produktion oder der großflächigen Umstellung auf erneuerbare Energien. Analyst:innen des Oxford Energy Research Instituts gehen von einer Gesamtverringerung von 100bcm aus, davon werden ca. 35bcm als „demand destruction“ klassifiziert, dies betrifft vor allem die Industrie und die Stromerzeugung. Zudem wird betont, dass Teile der „reduction“ in Zukunft in „destruction“ verwandelt werden können.2728

Aber nicht nur die europäischen Industrien schwächelten. Asien ist gemeinhin ein reger Käufer von LNG auf dem Weltmarkt und speziell China ein wichtiger Akteur, der international die Preise für Energieträger maßgeblich mitbestimmt.29 Chinas Wirtschaftswachstum konnte zwar immerhin um 5,2% zulegen, hatte aber dennoch die schwächste Konjunktur seit dem Jahr 1990.30 Somit kaufte das Land 2023 auch weniger Gas als im Jahr 202131 und trug somit zur Entspannung der Märkte bei. Auch Indien, Pakistan und Bangladesch kauften bis Mitte 2023 relativ wenig Gas. In Japan fiel die Gasnachfrage 2023 am drastischsten, was verhinderte, dass sich die weltweite Marktnachfrage weiter zuspitzte.32

 

Lebensmittelpreise, Dünger und Klima

In unserem ursprünglichen Text gingen wir zudem von steigenden Lebensmittelpreisen aus und thematisierten die Folgen für das Klima. Die steigenden Preise, hauptsächlich für Getreide, Mais und Soja, führten im Jahr 2022 zu großer Sorge. Insbesondere ärmere Länder hatten Schwierigkeiten, weiterhin die gleichen Mengen an Grundnahrungsmitteln zu importieren. Zusätzlich zu den bereits durch die Pandemie erhöhten Preisen wurde befürchtet, dass die Ukraine, ein großer weltweiter Getreidelieferant, seine Produkte kriegsbedingt nicht mehr ausführen könne, da Russland die Häfen im Schwarzen Meer blockiere. Russland wurde beschuldigt, gezielt Agrarflächen der Ukraine zu zerstören, um das Land zusätzlich zu schwächen.33 Mittlerweile haben sich die Getreidepreise entspannt und sind sogar unter das Vorkriegsniveau gesunken, während sich die Düngerpreise auf einem erhöhten Preisniveau eingependelt haben.

Für diese Entwicklung der Getreidepreise können drei Erklärungen angeführt werden. Erstens, konnte die Ukraine wider Erwarten ihr Getreide exportieren. Zweitens, ähnlich wie bei der Erhöhung der Gasförderung, konnten in Brasilien, den USA und Russland Agrarflächen erweitert werden. Dies war durch die höheren Preise, die auf dem Markt zeitweise erzielt werden konnten, lukrativ. Drittens waren die Ernten, die erwirtschaftet werden konnten, sehr üppig, wie z.B. die Sojabohnenernte in Brasilien 202334.

Zusätzlich waren in vielen westlichen Ländern Sanktionen gegen Russland und Belarus verhängt worden, wodurch die Lebensmittel- und Düngemittellieferungen erschwert wurden35. Der dramatische Anstieg der Düngemittelpreise im Jahr 2022 hatte die Versorgungslage weltweit erschwert. Stickstoffdünger basiert auf Ammoniakproduktion, die wiederum viel Erdgas benötigt. Einige europäische Düngemittelhersteller stoppten ihre Produktion in mehreren Werken aufgrund der hohen Gaspreise.36 Doch durch die Entspannung der Energiepreise, die Aufhebung bestimmter Sanktionen und den Ersatz von Lieferanten, konnte die Verwendung von Düngemittel sichergestellt werden.37 Außerdem zeigte sich auch hier der Kapitalismus als flexibler als von uns angenommen. Die Ammoniakproduktion wurde in die USA verlegt38 und Düngemittel wie Kali, das herkömmlicherweise in großen Mengen aus Weißrussland kommt und weiterhin Sanktionen unterliegt, wurde durch Kali aus Kanada ersetzt. Zwar verbleiben die Düngemittelpreise auf einem hohen Niveau, dennoch sind auch diese gesunken.39

Die Frage nach der Klimafreundlichkeit des LNG ist tragisch und bestätigt unsere formulierte Sorge vor einem carbon-lock-in, d.h. der Fortsetzung und Intensivierung der CO2 Emissionen durch den Verbrauch fossiler Energieträger bei gleichzeitiger Beschränkung von nachhaltiger Energieproduktion. Europa hat seine Energieinfrastruktur gerade auf ein Art Steinkohle-Äquivalent umgestellt. Einer neuen Studie zufolge wird bei Förderung und Lieferung von Flüssiggas im schlimmsten Fall 274% mehr Methan (ein aggressives Treibhausgas) ausgestoßen als bei der Verwendung von Steinkohle. Wenn die modernsten Schiffe zum Transport und die kürzesten Seerouten verwendet werden würden, wäre das LNG nach wie vor 24% klimaschädlicher als Kohle.40 Die neuen Gasversorger haben zugleich unterschiedlich katastrophale Klimabilanzen. LNG mit hohem Fracking-Anteil aus den USA soll laut Greenpeace über sechsmal und aus Australien rund 7,5-mal klimaschädlicher sein als Pipeline-Gas.41 Dies wirkt sich natürlich auf die Klimaziele der Europäischen Union aus. Die EU strebt zwar an, bis 2050 Netto-Null-Emissionen zu erreichen, bindet sich aber mit langfristigen Gasverträgen an das LNG. Diese massive Umweltschädlichkeit des fossilen Brennstoffes stößt jedoch bereits auf Widerstand. Im US-amerikanischen Pennsylvania, wo das Fracking ausgeweitet werden soll, wehren sich Initiativen von Bewohner:innen gegen die LNG Förderung und die Folgen für Menschen und Umwelt.42

 

Kein Kampf ums Gas?

Allgemein kann hervorgehoben werden, dass die im Originaltext erwähnten abmildernden Faktoren für die Gaspreisentwicklung eingetreten sind und sich gegenseitig positiv verstärkten: warmer Winter, geringes Wirtschafswachstum, Einsparungen beim Verbrauch, geringe Nachfrage in Asien (besonders in Japan) und Anstieg der russischen Lieferungen seit 2022. Dennoch müssen wir den Text „Kampf ums Gas“, der im Handgemenge entstanden ist, kritisch überdenken. Er identifiziert alle wichtigen Aspekte der Gaspreisentwicklungen und hat nichtsdestotrotz einige Faktoren unterschätzt, die die Inflation des Gaspreises in den letzten Monaten abschwächen konnten.

Wir unterschätzten erstens, wie schnell das Kapital reagieren kann, wenn große Profite winken: Norwegen konnte zum Beispiel unverzüglich seine Kapazitäten ausweiten, um auf den europäischen Märkten Gas zu horrenden Preisen zu verkaufen. Zweitens hatte die geo-politische Situation sehr kurzfristige Veränderungen auf den Märkten zur Folge. Zu nennen wären u.a. die unerwartete Entspannung zwischen der Ukraine und Russland an den Häfen des Schwarzen Meeres und, wider Erwarten, die Ausfuhr von Getreide. Drittens ist für ökonomische Analysen der „Faktor Zeit“ ausschlaggebend. Besonderen Vorrang hatte im Winter 2022/23 die maximale Befüllung der Gasspeicher. Dies gelang, indem die Speicher in einem ungewöhnlich hohen Maße gefüllt werden konnten. Da die Speicher nun gut gefüllt sind, fallen andere kurzfristige logistische Schwierigkeiten, wie die zeitweilige Unpassierbarkeit des Panamakanals aufgrund von Trockenheit oder die Angriffe auf Tanker im Roten Meer, nicht ins Gewicht. Hält dies allerdings langfristig an, werden auch wieder die Preise beeinflusst (u.a. aufgrund veränderter Routen um das Horn von Afrika oder der Knappheit von Tankern).43

Europa ist ein totaler Gasausfall erspart geblieben und nach dem Winter 2024/25 wird die Situation wahrscheinlich nicht mehr im Krisenmodus sein.44 Dennoch ist der Kampf ums Gas nicht vorbei. Das deutsche Bundesverwaltungsgericht lehnte gerade die Klage der Deutschen Umwelthilfe und des Naturschutzbundes gegen einen LNG-Terminal ab. Dies wurde damit begründet, dass es sich um eine sogenannte Gasmangellage handeln würde.45 Mit etwas mehr Vorsicht wollen wir nur einige wenige Punkte nennen, die Europa bevorstehen und die die Gasversorgung weiterhin betreffen wird.

Zum einen ist die Gasversorgung Europas weiterhin im Wandel begriffen: statt von russischer Gasversorgung macht sich Europa nun von den volatilen LNG-Märkten abhängig. Diese sind wesentlich anfälliger für kurz- und langfristige Preisanstiege.46 Es gibt nun zwar Langzeitverträge mit Ländern wie Norwegen, doch je nach Bedarfslage wird sicherlich LNG auf dem freien Markt gekauft werden müssen. Wie bereits erwähnt, spielt Asien hinsichtlich der LNG-Marktentwicklung eine wesentliche Rolle. Falls in China, wie zu erwarten ist, die Nachfrage nach Gas steigt, wird sich auch das Flüssiggas verteuern. Berichterstattungen zufolge könnte Chinas LNG-Nachfrage bis zum Jahr 2025 von 139.3 million tons jährlich auf 181.8 million tons steigen.47 Zum anderen muss sich für Europa zeigen, was es bedeutet, wenn Russland ab Ende des Jahres kein Gas mehr über ukrainisches Gebiet liefern darf.48 Auch stellen sich die Fragen, wie und zu welchem Preis das russische Gas ersetzt werden kann, wenn Russland nicht mehr liefert und wie die Nachfrage nach Gas bedient werden soll, wenn Europa einen wirtschaftlichen Aufschwung erleben sollte. Die Gaskrise hat Europa zwar weniger schwer erfasst als angenommen, aber das langfristige Nachspiel ist nicht nur hinsichtlich der Energie- und Klimapolitik besorgniserregend.

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Der Text ist Teil des Sammelbandes „Sterben und sterben lassen. Der Ukrainekrieg als Klassenkonflikt“, der im Juli in der Buchmacherei erscheinen wird. Das Buch versammelt Interviews mit Aktivist:innen aus der Ukraine und Russland, antimilitaristische Stimmen aus der westlichen Linken und Beiträge zur Situation in Russland. Es kann auf der Homepage der Buchmacherei bestellt werden.