Gespräch über das „Handbuch für Unerschrockene“

20. Februar 2026

Aaron: Dein Buch Wie wir uns eine Zukunft auf diesem Planeten erkämpfen. Ein Handbuch für Unerschrockene ist kürzlich erschienen. Worum geht es darin und woran arbeitest du jetzt gerade?

Johanna: Ich arbeite seit 2011 für Labournet TV und produziere regelmäßig Videos zu aktuellen Streiks und wichtigen Kämpfen von Arbeiter:innen. Ich bin seit Kurzem auch in einer Gruppe, die die ex-GKN-Arbeiter:innen in Campi Bisenzio unterstützt. Sie sind dabei, aus ihrer Fabrik ein Beispiel für ökologische Konversion unter Arbeiter:innenkontrolle zu machen, und sammeln gerade Spenden. Außerdem arbeite ich zusammen mit einem Genossen von den Angry Workers an einem neuen Film: Jeder Acker, jede Fabrik – Ideen für eine notwendige Revolution. Das Besondere daran ist, dass wir uns solche Ideen von der Sphäre der Produktion aus anschauen und vierzehn Arbeiter:innen interviewt haben, Elektroingenieure, Gemüsegärtner:innen, Arbeitende in der Pharmaindustrie, Wasseraufbereitung, Umspannwerken, Autoindustrie, Cybersicherheit etc. Zusätzlich haben wir Genoss:innen dazu interviewt, wie ein Übergang in eine post-kapitalistische Gesellschaft aussehen könnte, u. a. Jasper Bernes, Nick Chavez und Heide Lutosch. Und wir haben Zeitzeug:innen aus den Klassenkämpfen in den 1970er Jahren befragt, Genoss:innen wie Ana Barradas, die bei der Nelkenrevolution in Portugal dabei war, so wie auch Regina Colado, die als Ärztin die Landarbeiter:innen im Aufstand versorgt hat, oder Sergio Bologna und Emilio Mentasti zu Kämpfen in Italien und Francisco Moreno, der in den 1970er Jahren im Hafen von Barcelona die Arbeiter;innenautonomie erlebt und mitgestaltet hat. Aus dem Scheitern dieser massiven Bewegungen und aus dem, was die Arbeiter:innen und Theoretiker:innen sagen, leiten wir Erkenntnisse ab, synthetisieren sie und machen sie damit diskutierbar und nutzbar.

Das Thema des neuen Filmes ist also ganz nah verwandt mit dem des Buches. Womit soll man sich denn vernünftigerweise sonst beschäftigen, wenn nicht damit, wie wir den Kapitalismus loswerden können? Das nicht zu tun, ist Ausdruck von Verantwortungslosigkeit, Nihilismus, Verzweiflung oder Verdrängung. Wenn wir nur noch ein paar Jahre haben, bevor sich die Klimakatastrophe exponentiell verschlimmert, ist es vielleicht an der Zeit, dass sich alle dazu bequemen, ihre Nischenthemen, ihren Eskapismus und ihre Verzagtheit beiseite zu schieben, die Doomer in die Schranken zu weisen und sich ganz nüchtern zu überlegen, wie wir unsere Energien am besten einsetzen, um die Klimakatastrophe einzudämmen und eine humane Gesellschaftsordnung zu etablieren. Darum geht es in meinem Buch. Ich versuche zu beschreiben, was der Staat ist, warum es keinen Klimaschutz im Kapitalismus gibt, warum klassenblinde Bewegungen uns nicht weiterbringen werden, welche Bedeutung praktischer Feminismus für unsere Organisationsbemühungen hat und wie wir uns einen Übergang in eine postkapitalistische Gesellschaft vorstellen können. Ich entwickle einen kleinen revolutionären Katechismus und bringe viele Beispiele aus Klassenkämpfen, bei denen ich selber dabei war. Während alle der Großteil der Klimabewegung die Machtfrage ausklammert, steht sie in meinem Buch im Zentrum.

Wer ist denn gerade die Klimabewegung und wie steht es um sie?

Mein Eindruck ist, dass sich die Klimabewegung in Europa aus jenen jungen Menschen zusammensetzt, die am besten informiert und nicht gewillt oder in der Lage sind zu verdrängen, in welcher Situation wir uns befinden. Viele von ihnen sind im Moment mit ihrem Latein am Ende und auf der Suche nach neuen Strategien, nachdem sie ihr Vertrauen in staatliche Institutionen verloren haben. Andere machen weiter mit direkten Aktionen, so wie z. B. die Genoss:innen von Ende Gelände, die im Mai die fossile Gasinfrastruktur im Ruhrgebiet blockieren werden. Dann gibt es Wissenschaftler:innen, die von Berufs wegen wissen, was uns bevorsteht. Die sind größtenteils im De-Growth Lager, d. h. sie sagen, dass wir auf einem endlichen Planeten kein unendliches Wirtschaftswachstum haben können. Das ist zwar inhaltlich eine antikapitalistische Position, aber die meisten sagen das nicht offen. Sie tun immer noch so, als gäbe es eine bürgerliche Öffentlichkeit, die rationale Entscheidungen zum Wohl der Allgemeinheit erzwingen könnte – good luck with that! Insgesamt klammert die ganze akademische und bürgerliche Welt eisern die Machtfrage aus ihren strategischen Überlegungen aus und bleibt damit letztlich unpolitisch. Es gibt einen bemerkenswerten Aufsatz von Julia Steinberger, in dem sie beschreibt, wie sie diese bürgerliche Weltsicht hinter sich lässt, leider ist sie damit immer noch die absolute Ausnahme!

Dann haben wir noch normale Leute, die im Winter mit Fäustlingen und Wollmützen herumsitzen, um nicht heizen zu müssen, die nicht fliegen und Plastikmüll vermeiden, aber keinen Zugang zu politischen Bewegungen haben. Dieser Teil wird oft übersehen, weil er nicht zur linken Bubble gehört, aber ich halte diese Leute für extrem integer und mobilisierbar.

Und dann gibt es jene Teile der Klimabewegung, die ihre Konsequenzen aus dem Scheitern von Fridays For Future gezogen und einen „labour turn“ vollzogen haben und jetzt Streiks unterstützen. Ich habe in Wien und Berlin beobachtet, wie sie z. B. die Streiks der Busfahrer:innen und die BVG-Streiks unterstützt haben. Die bauen damit Allianzen zwischen „Linken“ und Arbeiter:innen auf, und genau diese Allianzen werden in einer Situation des gesellschaftlichen Umbruchs die Basis bilden für emanzipatorische Entwicklungen. In Frankreich passiert eine ähnliche Solidarisierung schon lange, zuletzt in den großen Kämpfen gegen die Megabassins, die von Linken und Bäuer:innen gemeinsam geführt werden. Auch hier gibt es eine klare Allianz gegen den Staat und das Kapital, die die Existenzgrundlagen der kleinen Landwirt:innen zerstören. 

Genau das Gegenteil macht jener pseudo-linksradikale Teil der Klimabewegung, der „solidarisches“ Preppen propagiert, also die Vorstellung hat, man könne sich mit seinen Freund:innen „solidarisch“ auf die Klimakatastrophe und den Kollaps vorbereiten. Sie schließen aus, dass eine emanzipatorische Bewegung die Produktionsverhältnisse insgesamt in den Blick nehmen kann, und reden stattdessen vollkommen klassenblind von „imperialer Lebensweise“ oder gar einer „Arschlochgesellschaft“. Dass diese Leute so viel Zulauf haben, zeigt, wie sehr das genuin Politische aus dem öffentlichen Diskurs verschwunden ist.  

Das liegt natürlich daran, dass wir im Moment (noch) keine starke organisierte Arbeiter:innenbewegung sehen. Unser klares Ziel muss es sein, das zu ändern. Es gibt ja auch ermutigende Anzeichen, dass die Kämpfe wieder mehr werden und eine neue Qualität annehmen. Wenn wir z. B. an den aufsehenerregenden Kampf der ex-GKN-Belegschaft denken und die Konversionsdebatten, die er auch in Deutschland angestoßen hat, oder die erfolgreichen Kämpfe in den Krankenhäusern in den letzten Jahren oder die vielen neuen revolutionären Stadtteilgewerkschaften. Ich finde es auch ermutigend, dass die meisten Leute nicht mehr glauben, dass der Kapitalismus eine gute Gesellschaftsordnung ist.

Wir brauchen eine Klimabewegung, die der Verdrängung, der Resignation und dem bürgerlichen Nihilismus widersteht. In der es common sense ist, dass nur eine andere Produktionsweise die Emissionen nach unten bringen wird und dass wir alle, da wo wir stehen und mit den Fähigkeiten, die wir haben, eine revolutionäre Bewegung aufbauen müssen, die den Kapitalismus abschafft und durch eine nachhaltige Produktionsweise ersetzt. 

Du beschreibst in deinem Buch strategisches Arbeiten als Ansatz für die Klimabewegung und beziehst dich auch auf die Angry Workers, die eine Zeit lang Jobs im Logistiksektor in Westlondon gemacht haben. Uns scheint etwas zu kurz zu kommen, dass bei strategischem Arbeiten zuvor eine Analyse der Sektoren, der Zentralität bestimmter Branchen für das globale Kapital und der Streikwahrscheinlichkeit notwendig ist, bevor sich Aktivist:innen dort reinbewegen. Die Angry Workers haben das in ihrem Buch Class power! Über Produktion und Aufstand auch beschrieben, aber unseres Wissens die Betriebe selbst nicht nach diesen Kriterien ausgewählt. Was denkst du darüber?

Die Angry Workers haben schon strategisch entschieden, in der Logistikbranche und in größeren Warenlagern zu arbeiten, aber sich dann auch wieder andere Arbeitsplätze gesucht, das stimmt schon. Ich denke, dass Analysen natürlich gut sind, und klar, es gibt Branchen von zentraler Bedeutung und andere, die nicht so wichtig sind. Es ist also gut, sich einen Überblick zu verschaffen und sich z. B. zu überlegen: In einer Situation des gesellschaftlichen Umbruchs muss weiterhin Strom produziert werden, also gehe ich in ein Kraftwerk oder ich studiere Ingenieurswesen oder Ähnliches. Und auch die Streikwahrscheinlichkeit ist ein wichtiger Punkt. Irgendwo anzufangen, wo Streiks wahrscheinlich sind, und sie zu unterstützen, ist von zentraler Bedeutung, weil Streiks Leute radikalisieren.

Irgendwo anzufangen, wo es in hundert Jahren keinen Streik geben wird, weil die Leute gut bezahlt und zufrieden sind, kann aber auch sinnvoll sein, weil es vielleicht Bereiche sind, die strukturell wichtig sind wie Energiewirtschaft, Wasserversorgung, Militär – da sollten die Belegschaften nicht nur aus Konterrevolutionär:innen bestehen.

Die strategische Bedeutung deines gewählten Arbeitsplatzes für die globale Produktion ist aber nicht der einzige relevante Faktor. Der Arbeitsplatz muss auch so beschaffen sein, dass du es da jahrelang aushältst und nicht nach zwei Jahren wieder gehen musst, weil es einfach zu stressig oder schlecht bezahlt ist, v. a. wenn du Kinder hast, körperlich nicht maximal belastbar bist oder Ähnliches.

Unabhängig davon, für welchen Arbeitsplatz man sich entscheidet: Es ist absolut wichtig, dass in den nächsten Jahren viele Linke in Betriebe gehen oder in ihren Betrieben aktiv werden und sich mit ihren Kolleg:innen zusammen organisieren. Es gibt viel zu tun: täglich Gespräche mit Kolleg:innen führen und sie für die Sache der Revolution gewinnen, Streiks anderer Belegschaften verfolgen und sich solidarisieren oder mitstreiken (z. B. indem man einen Sick-Out organisiert, wie kürzlich die persönlichen Assistent:innen von Menschen mit Behinderung in Berlin). Belegschaften müssen sich einen Überblick über den eigenen Betrieb und die eigene Produktion verschaffen und schrittweise Verantwortung dafür übernehmen, was und wie der Betrieb produziert, wie z. B. die, die letztes Jahr gegen den Krieg aktiv geworden sind.

In einer Situation des revolutionären Umschwungs oder in einer Krisensituation wird es entscheidend sein, dass Belegschaften sich den Protesten anschließen, dass sie ihr Know-How und ihr Material einsetzen, um die Bevölkerung zu versorgen, und generell ihre materielle Macht und ihre Geschlossenheit dazu nutzen, einer revolutionären Bewegung zum Durchbruch zu verhelfen.

Ein wichtiger Punkt ist ja auch, wie sich die Gesellschaft nach der Revolution politisch organisiert. Wie kann eine Balance entstehen zwischen basisdemokratischen Entscheidungen ohne eine Polit-Demokrat:innen-Klasse einerseits und dem Wunsch, nicht stundenlang in Gremien sitzen müssen, andererseits?

Ich denke, die Leute werden in jenen Gremien sitzen, die ihnen wichtig sind, und in anderen werden sie fehlen und damit ihr Recht mitzuentscheiden bewusst abgeben. Mir geht das heute schon so, weil nicht alle Versammlungen, an denen ich eigentlich teilnehmen müsste, in meinen übervollen Alltag passen. Gleichzeitig weiß ich, dass andere Leute sich dafür mehr interessieren und sich die Zeit nehmen – eine win-win Situation: Die können schalten und walten, ohne dass ich ihnen reinrede, und ich muss nicht in der Versammlung sitzen. Ähnliches passiert wahrscheinlich auch in einer Übergangsgesellschaft. Und es wird verschiedene Arten von Entscheidungen geben. Manche sind von globaler Relevanz, wenn es z. B. um die Treibhausgase oder die Energieversorgung geht. Da hast du dann hoffentlich Zugang zu sehr guten Informationen, zu Modellierungen, an denen hunderttausend Menschen mitgearbeitet haben, indem sie an ihren Wohnorten Daten eingeben. Damit kannst du dann dafür sorgen, dass in deiner Versammlung eine informierte Entscheidung getroffen wird. Wichtig ist, dass wir aus keiner dieser Entscheidungsfindungsstrukturen ausgeschlossen werden können. Und die Arbeitsgruppen oder Delegiertentreffen sind der Versammlung, die sie entsendet, rechenschaftspflichtig.  

Die wichtige Frage ist meines Erachtens nicht, welche Gremien etc. es geben wird, sondern wie wir eine Art der Entscheidungsfindung etablieren, die soziale Hierarchien überwindet. Ich glaube, das wird ein dialektischer, spiralförmiger Prozess. Damit er gelingt, brauchen wir autonome Belegschaften, die Verbreitung von Wissen – und Regeln. 

Die Basis einer befreiten Gesellschaft ist, dass Menschen nicht vom Produkt ihrer Arbeit getrennt werden. Sie müssen selber entscheiden können, wie sie ihre Arbeit organisieren, und es darf keine neue Klasse von Bessergestellten entstehen, die sich am Produkt ihrer Arbeit bereichern. Die zweite Voraussetzung ist, dass die Gesellschaft nach dem Grundsatz organisiert sein muss, dass alle sich entfalten können.  Das heißt auch, dass alle sich weiterbilden können. In einem Betrieb sollen z. B. alle alle Tätigkeiten lernen und ausüben. Dieses verallgemeinerte Wissen bildet dann die Basis von echter sozialer Gleichheit in Versammlungen: Da alle Einblick in alle Bereiche haben, können auch alle ähnlich informiert über die Belange des Betriebes entscheiden. Dasselbe gilt für alle weiteren Entscheidungsebenen: Wissen muss allen zugänglich sein, allen soll Lernen nach ihren Neigungen und Interessen ermöglicht werden, sodass sie in welchem Feld auch immer zu Expert:innen werden können, entweder für das Müllmanagement in ihrem Dorf oder für die Gestaltung der örtlichen Obstwiesen oder für die Art und Weise, wie wir am besten Kohlendioxid aus der Luft holen, oder für das Verkehrssystem usw.. 

Dieses gesellschaftlich verbreitete Wissen, das verallgemeinerte Expert:innentum, verwirklicht das alte feministische Postulat, dass alle gleich viel Redezeit haben sollen in Versammlungen. Denn wenn ich in einer Versammlung sitze, wo ich nichts von der Materie verstehe, werde ich auch nicht viel zu sagen haben, auch wenn die Versammlung mir die Möglichkeit einräumt, zu sprechen. Oder wenn ich alleine zu Hause sitze und drei Kinder hüte und das nicht als gesellschaftlich nötige Arbeit anerkannt und auch nicht kollektiviert wird, werde ich auch nicht die nötige Zeit und das nötige Selbstbewusstsein haben, um mich zu informieren und mitzureden, selbst wenn mich das Thema interessiert.

Das heißt aber nicht, dass die Regeln in Versammlungen überflüssig wären. Vor allem in der ersten Zeit des Übergangs wird es von entscheidender Bedeutung sein, feste Regeln für die Versammlungen zu etablieren, z. B. eine begrenzte Redezeit und quotierte Redelisten, die benachteiligte Gruppen bevorzugen. Diese Regeln helfen den Schwächsten, denen, die traumatisiert und unsicher sind oder unter sozialen Ängsten leiden. Je länger die Übergangsgesellschaft existiert und je mehr sie nach dem Grundsatz der freien Entfaltungsmöglichkeit organisiert ist, desto eher werden die sozialen Ängste gebannt. 

Wenn man also eine wirklich egalitäre Entscheidungsfindung etablieren will, muss man die soziale Ungleichheit angehen, und zwar von zwei Seiten: durch Regeln und durch das Etablieren einer Produktionsweise, die die Entfaltung von allen auf allen Ebenen fördert. Der Grundsatz der Entfaltung würde z. B. konkret bedeuten, dass Leute selber entscheiden können, ob sie Frau oder Mann oder nichts von beidem sind, ohne dass eine transphobe Versammlung sie in die Genderbinarität zurückdrängt, wie es die kapitalistische Produktionsweise getan hat. 

Eine entfaltete Subjektivität ist die Basis für gelingende Kollektivität. Erst wenn alle sich entfalten können, hat man eine solide Basis für egalitäre Entscheidungsfindung. Und umgekehrt: Ohne egalitäre Entscheidungsfindung gibt es auch wenig Raum für die Entfaltung der Einzelnen. Es hat keinen Sinn, das eine gegen das andere auszuspielen. Mir ist klar, dass das ein zirkuläres Argument ist, deshalb müssen wir irgendwo anfangen und einen spiralförmigen Prozess starten. Glücklicherweise stehen wir auf den Schultern vergangener Kämpfe und können Prinzipien, die die identitätspolitischen Bewegungen in ihren Kämpfen bereits entwickelt haben (Entfaltung der Einzelnen in ihrer Subjektivität, Gleichwertigkeit von Produktions- und Reproduktionsarbeit, das Sichtbar-Machen von Care-Arbeit, Kampf gegen Diskriminierung) in einer Situation des Umbruchs nutzen, um die Etablierung einer egalitären Gesellschaft zu kickstarten.

Wir finden es wichtig, dass du das Thema Disziplin ansprichst, denn das wird gerne von Genoss:innen abgetan oder sogar verurteilt. Du nennst Mittel der Disziplinierung (Gutscheine, sozialer Druck und Drohung von Gewaltanwendung). Wie können wir im Fall eines mühevollen Übergangs solche Maßnahmen demokratisch und rational umsetzen? Wie können Menschen nach einer Sanktionierung in das politische Projekt reintegriert werden, damit keine längerfristigen oder gar permanenten Spannungen entstehen?

Disziplin klingt ja erstmal einschüchternd und unsympathisch, aber in einer Phase des Übergangs wird es die Dinge sehr vereinfachen, wenn es klare Regeln gibt, die für alle gelten und durch soziale Kontrolle durchgesetzt werden. Das System der Arbeitszeitrechnung leistet genau das und setzt dabei bei der Produktion an. Es geht damit an die Wurzeln unserer Gesellschaftlichkeit. Es geht davon aus, dass Belegschaften selbst Jahrespläne für ihre Produktion erstellen, in denen steht, was und wie viel sie produzieren wollen und welche Rohstoffe, welches Material und wie viele Arbeitsstunden sie dafür brauchen. Diese Pläne reichen sie bei einer öffentlichen Buchhaltungsagentur ein, die sie auf Richtigkeit prüft und absegnet, bevor die Belegschaften ihre Rohstoffe, Material und Arbeitsstunden bekommen. Jedes Jahr wird überprüft, ob sie ihre Pläne eingehalten haben und ob ihre Produkte Abnehmer:innen gefunden haben, sodass sie ihre Pläne entsprechend anpassen können.

Das Wichtige an dieser Idee ist, dass Belegschaften nicht verhandeln müssen, was sie für ihre Produkte bekommen. Im System der Arbeitszeitrechnung haben sie die Gewissheit, dass ihnen das geliefert wird, was sie für ihre Produktion brauchen, und dass ihre Produkte auch Abnehmer:innen finden. Die Arbeit und Mühe, in einer Gesellschaft ohne Geld eine direkte Gegenleistung für jede Produktcharge bekommen zu müssen, fällt für die Belegschaften also weg und damit eine Menge gesellschaftlich sinnloser (Verhandlungs)arbeit. Gleichzeitig erhält die Gesellschaft Transparenz über alle Produktionsprozesse, weil die Öffentliche Buchhaltung eben öffentlich ist und die Produktionspläne und ihre Auswertung allen zugänglich sind.

Die Arbeitszeitrechnung sieht aber auch individuelle Arbeitsgutscheine vor, die man pro geleistete Arbeitsstunde bekommt und für den individuellen Konsum, der über eine gewisse Grundversorgung hinausgeht, einlösen kann. Während die holländischen Rätekommunist:innen der Meinung waren, wer nicht arbeite, solle auch nicht essen, würde man heute (entsprechend der viel höheren Arbeitsproduktivität und weil man nicht in einer Gesellschaft leben möchte, in der Leute hungern und obdachlos sind) vermutlich alle mit Essen, Gesundheit, Wohnung und Kleidung versorgen, egal ob sie arbeiten oder nicht; die individuellen Arbeitszeitgutscheine werden dann für alles verwendet, was über eine solche Grundversorgung hinausgeht.

Ich denke, dass diese Gutscheine dazu beitragen werden, dass alle sich an gesellschaftlich notwendiger Arbeit beteiligen, in einer Phase, wo das nicht alle von sich aus machen werden. Ich war z. B. am Aufbau eines Hausprojektes beteiligt. Das war viel Arbeit. Manche der Beteiligten haben viel Verantwortung übernommen und sich in die Arbeit gestürzt, manche haben sich in Maßen beteiligt und manche fühlten sich gar nicht verantwortlich und haben den anderen die Arbeit überlassen. Die Engagierten hat das natürlich frustriert und wir sind ganz von allein zum selben Schluss gekommen wie Jan Appel in den späten 1920er Jahren: Wir haben vorgeschlagen, dass alle die Anzahl der Stunden, die sie für das Hausprojekt arbeiten, aufschreiben. Allein die Transparenz, die dadurch entstanden wäre, hätte uns geholfen, über das Problem der ungleichen Arbeitsverteilung zu reden und über eine gerechtere Aufteilung zu verhandeln. Leider sind wir überstimmt worden. 

Ich leite daraus ab, dass Arbeitszeitgutscheine eine pragmatische Lösung für die Übergangszeit sind, in der nicht alle in gleichem Maß von sich aus Verantwortung übernehmen werden. Vor allem, wenn wir davon ausgehen, dass in der ersten Phase zwar die ganze sinnlose Arbeit wegfallen wird, aber auch viel notwendige Reparaturarbeit und Aufbau von Infrastruktur neu anfallen wird. Je mehr Struktur da ist, desto leichter wird es den Leuten fallen, sich irgendwo einzubringen, und desto schneller wird sich eine egalitäre Gesellschaftsordnung festigen. Ich würde keine Gesellschaft unterstützen, die Leute buchstäblich verhungern lässt, es sollte immer eine kostenlose Kantine und ein Dach über dem Kopf für alle geben, aber sofern eine Person gesund ist und sofern private Reproduktionsarbeit auch als Arbeit zählt, sollte die Gesellschaft von allen verlangen, dass sie sich einbringen. Das entspricht, finde ich, unserer grundsätzlichen Stellung in der Natur: Ohne Arbeit überleben wir nicht, also teilen wir uns die Arbeit auf. Wie genau sie aufgeteilt wird und wie genau soziale Kontrolle ausgeübt wird, werden die Leute dann in ihren Versammlungen entscheiden. Aber ein System wie die Arbeitszeitrechnung ermöglicht die Transparenz, die für jede Art von sozialer Kontrolle nötig ist.

Regeln und Struktur werden das anfängliche Chaos bannen, aber natürlich dürfen diese Regeln nicht von einer Clique von neuen Machthaber:innen von oben dekretiert werden. Wir müssen diese Regeln und Prinzipien breit diskutieren und möglichst kollektiv entwickeln, starting from today, als Teil unserer Bemühungen, eine vereinte revolutionäre Bewegung aufzubauen. Deshalb ist es auch wichtig, uns klarzumachen, was eigentlich das Kommunistische am Kommunismus ist, was der kommunistische Gehalt ist. 

Uns würde schon interessieren, wie diese soziale Kontrolle aussehen wird. Du sagst, das entscheiden die Leute dann in den Versammlungen, aber sollten wir uns nicht schon heute darüber Gedanken machen und genauere Vorstellungen entwickeln? Wir denken an Situationen, in denen revolutionäre Arbeiter:innen mit dem revolutionären Projekt in Konflikt geraten. Z. B. wenn in einem Betrieb klimaschonende Prozesse eingeführt werden sollen, die aber komplizierter sind, und die Arbeiter:innen sich vehement weigern. Oder wenn in einer akuten Nahrungskrise Lebensmittel umverteilt werden müssten und deshalb der Lebensstandard in einer bestimmten Agrarregion sinken würde.

Wir denken, es gibt – auch historisch – viele solche Beispiele, die zwar theoretisch gut lösbar sind, aber auch viel Eskalationspotenzial haben.

Nehmen wir an, Deutschland befände sich seit fünf Jahren im Transformationsprozess und steht unter strengen Handelssanktionen, was von den Truppen des internationalen Kapitals durchgesetzt wird. Es werden Paramilitärs in Sachsen mit Geld und Waffen unterstützt, die immer wieder Anschläge auf die Infrastruktur verüben. Es beginnt sich Unmut in der Bevölkerung breitzumachen, weil die Versorgung mit Nahrungsmitteln und wichtigen Medikamenten seit zwei Jahren immer schlechter wird.

Die mit wichtigen Düngemitteln beladenen Frachtschiffe der verbündeten revolutionären Gebiete in Mexiko und Indonesien werden auf hoher See durch US-Truppen gekapert und die Ladung beschlagnahmt. Im hohen Rat für Grundversorgung entscheiden Delegierte aller deutschen Lokalräte, dass die Agrarregion Bayern-Ost einen höheren Anteil ihrer Produktion als bisher an andere Gebiete abgeben muss, um eine Hungersnot zu verhindern. Drei bayrische Produktionsgenossenschaften weigern sich. Sie hatten bereits vor einem Jahr zugestimmt, den Pestizideinsatz einzustellen und ihre Arbeitsstunden zu erhöhen, was ihre Lebensqualität deutlich gesenkt hat. Diese neue Forderung bringt das Fass zum Überlaufen und sie treten in den Streik. Es werden verschiedene Mediationsversuche unternommen, die jedoch scheitern. Aufgrund der ernsten Lage werden Arbeitsbrigaden aus ganz Deutschland entsandt, die die Produktion übernehmen sollen. Auf einigen Feldern kommt es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, die völlig eskalieren, als eine bayrische Genossenschaftlerin stirbt, nachdem sie von einem besetzten Getreidesilo fällt. Die Situation beruhigt sich erst wieder, als mehrere Hundertschaften der Volksmiliz die rebellierenden Arbeiter:innen festnehmen und die Genossenschaften ihre Produktion unter Zwangsverwaltung wieder aufnehmen. Wie integriert man diese Arbeiter:innen wieder ins revolutionäre Projekt?

Immer die Bayer:innen, machen nur Probleme …

In der Entscheidungstheorie wird Entscheidungsfindung als eine Art Rechnung rekonstruiert. Leute haben Werte, aufgrund derer und abhängig von den Umständen sie entscheiden, was sie tun. Je nachdem, welcher Wert am wichtigsten für sie ist, entscheiden sie so oder anders. Je nachdem, ob es den Einzelnen wichtiger ist, dass die Revolution sich ausbreitet oder dass sie komfortabel über den Winter kommen, werden sie sich für das eine oder das andere entscheiden. In der Versammlung müssen sie diese Werte dann artikulieren und sehen, ob sie in der Mehrheit sind oder nicht.

Wenn wir uns anschauen, wie Leute sich in Krisensituationen verhalten, wie derzeit in Minneapolis, nach der Überschwemmung im Ahrtal, oder wenn wir uns anschauen, wie Leute sich in selbstverwalteten Betrieben in Argentinien verhalten haben, dann schlussfolgere ich, dass Egoismus und Betriebsegoismus oder regionaler Egoismus unsere kleinste Sorge sein werden.

Unsere Aufgabe ist es aber nicht zu spekulieren, wie sich Leute verhalten werden, sondern uns zu überlegen, wie wir uns auf eine revolutionäre Situation am besten vorbereiten können.

Die materiellen Voraussetzungen für ethisches Handeln sind ein transparentes Wirtschaftssystem. Für unser bayerisches Beispiel heißt das also: Wenn Leute mehr von ihrer Produktion abgeben sollen, ohne genau zu wissen, wem das zugute kommt, oder wenn sie wissen, dass sie damit auch eine Klasse von bessergestellten Entscheider:innen alimentieren, wenn sie also veräppelt werden, dann haben sie natürlich keine Lust, altruistisch zu handeln. Wenn sie hingegen genau wissen, was ihre Weigerung, mehr von ihrer Produktion anzugeben, bewirken wird, weil sie umfassende Informationen haben über die Gesamtwirtschaftslage, weil der Kommunismus, in dem sie leben, ein System offener Bücher ist, und wenn sie sehen, dass es keine Klasse von Bessergestellten gibt, dann sieht die Sache ganz anders aus. Dann hat der Egoismus in den Versammlungen vermutlich ganz schlechte Karten – auch in Bayern.

Das bedeutet für unser Nachdenken über günstige Bedingungen für einen revolutionären Übergang, dass wir eine Idee für ein solches transparentes Wirtschaftssystem haben müssen und schon anfangen sollten, es zu entwickeln, – so wie es die Initiative Demokratische Arbeitszeitrechnung heute schon macht. Zudem müssen wir darauf hinarbeiten, dass die Lieferketten für lebenswichtige Produktion eben nicht am ersten Tag des Aufstandes in sich zusammenbrechen und dass der Staat uns nicht das Internet abdrehen kann, wenn es so weit ist. Dazu, wie wir uns entsprechend vorbereiten können, schreibe ich viel im Buch, und darum geht es auch im neuen Film.

Die Frage, wie Leute, die überstimmt wurden, oder denen mit Gewalt ein Teil des Produktes ihrer Arbeit weggenommen wurde, wieder integriert werden können, hat auch mit den Werten zu tun. Sie werden sich integrieren, wenn sie umfassend versorgt sind, wenn sie durchgehend menschlich behandelt wurden, wenn sie sehen, dass die Werte, aufgrund derer das übergeordnete Gremium entschieden hat, tatsächlich Altruismus und Solidarität waren und diese Werte nicht nur ideologisch behauptet und vorgeschoben waren.

Was den Klassenfeind angeht, richtig sinistre Leute und verbohrte Konterrevolutionär:innen, so scheint mir nicht so wichtig zu sein, wie und ob diese Leute in den revolutionären Prozess integriert werden. Wichtig ist, dass sie um ihre gesellschaftliche Macht, ihre Besitztümer und ihre Waffen erleichtert werden und dass sie ihren sozialen Status verlieren. Sobald sie keinen Schaden mehr anrichten können, sollen sie von mir aus gerne gegen die neue Gesellschaftsordnung Stimmung machen und sich nicht beteiligen. Sie sollen ihre Meinung auch in jeder Form öffentlich äußern können, nur Macht dürfen sie keine haben.

 

Johanna Schellhagen, Wie wir uns eine Zukunft auf diesem Planeten erkämpfen. Ein Handbuch für Unerschrockene. Büchner-Verlag, Marburg 2026, 172 S. Preis: 18,00 Euro.

Buchpremiere: 21. Februar 2026, 19h, Aquarium, Skalitzer Straße 6, Berlin Kreuzberg; mit: Gesundheit statt Profite, Vogliamo Tutto, Angry Workers und Lichtenrade Solidarisch

Das Interview führten Aaron Eckstein und Ruth Jackson.