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Angry Workers zur Organisierungsdebatte

Angry Workers zur Organisierungsdebatte

29. Mai 2022

Die Angry Workers of the World haben im Februar die ersten vier Beiträge unserer Organisierungsdebatte ins Englische übersetzt. Die englische Version leiten sie mit einer kurzen Einschätzung der Debatte ein, die wir hier übersetzt haben.

 

In den letzten drei Monaten haben Genoss:innen um das neue deutschsprachige Blogprojekt Communaut eine Debatte über einige grundlegende Fragen der kommunistischen Organisationspraxis geführt. In erster Linie ging es um die Fragen, welche Rolle Kommunist:innen im Kampf für den Kommunismus einnehmen und wie wir uns dementsprechend organisieren sollten. In gewisser Weise kann man sich fragen, ob es sinnvoll ist, diese alten Debatten wieder aufzugreifen, zumal dabei im schlimmsten Fall häufig nur alte Kamellen hervorgekramt werden. Wir haben uns jedoch entschlossen, die Debattenbeiträge zu übersetzen, denn soweit wir sehen können, bleiben diese Fragen im Grunde unvermeidbar. Es gibt immer noch viel aus der Vergangenheit zu lernen, und in diesem Fall sehen wir einige ernsthafte Versuche, die bestehende Theorie und, was noch wichtiger ist, die Praxis des "antiautoritären kommunistischen Milieus" neu zu überdenken.

Obwohl wir einige der Ausgangspunkte teilen, hat die Debatte bisher doch ihre Grenzen. Einige Beteiligte scheinen aneinander vorbeizureden oder zumindest den Sinn oder die Bedeutung bestimmter Perspektiven in der Diskussion zu verfehlen. Der erste Text "Was tun in Zeiten der Schwäche?" beispielsweise wiederholt die alte Debatte um Organisation und Spontaneität. Die Autor:innen setzen sich mit Beiträgen von uns, Endnotes und den Freundinnen und Freunden der klassenlosen Gesellschaft auseinander und stellen fest, dass wir alle die Grenzen spontaner Kämpfe erkennen, betonen gegen uns jedoch die Notwendigkeit einer Organisation in Form der Partei. Bei allen sonstigen Differenzen aber sind sich alle drei Gruppen über die Notwendigkeit einer bewussten, koordinierten Intervention einig; wir und Endnotes sind sogar offen für den Begriff "Partei" für solche Formen von Koordination.

Wie im frühen 20. Jahrhundert geht es in dieser Debatte nicht um den Gegensatz von Organisation und Spontaneität an sich, sondern um bestimmte Formen von Organisation und ihr Verhältnis zu den Kämpfen. In "Was tun in Zeiten der Schwäche?" wird der klassische Gegensatz zwischen "politischen" und "ökonomischen" Kämpfen beibehalten, und damit auch ziemlich traditionelle Vorstellungen von Strategie. Zwar produziert die kapitalistische Gesellschaft eine reale Trennung zwischen Politik und Ökonomie (die sich vor allem im Staat auf der einen und dem Markt auf der anderen Seite ausdrückt), beide Seiten haben aber auch eine widersprüchliche, materielle Einheit, da das Kapital für seine Reproduktion auf den Staat angewiesen ist (zum Beispiel für Geldwertstabilität, Rechtsstaatlichkeit, Reproduktion der Arbeitskraft) und die Reproduktion des Staates wiederum vom Kapital abhängt (z.B. durch Steuern und Kredite). Wenn der Text "Was tun in Zeiten der Schwäche?" die Angry Workers fälschlicherweise als auf die wirtschaftliche Ebene beschränkt darstellt, übersieht er diese widersprüchliche Einheit und die "soziale" und "politische" Dimension der "wirtschaftlichen" Kämpfe. Wir wollen den Punkt hier nicht zu sehr strapazieren, doch sie wenden zu Unrecht dieselbe Kritik auf uns an, die wir in Class Power on Zero Hours (2020) am Syndikalismus üben (dt.: Class Power. Vom Aufstand zur Produktion, 2022). Auf jeden Fall war ein Teil des Anstoßes für unser Projekt immer, Kämpfe innerhalb und außerhalb des Arbeitsplatzes zu vereinen.

Manche dieser Missverständnisse sind angesichts des Abstraktionsniveaus der Debatte möglicherweise unvermeidlich. Abgesehen von einigen allgemeinen Verweisen auf die Deindustrialisierung hat die Diskussion bisher detaillierte Analysen der Beziehung zwischen Klassenzusammensetzung und politischer Organisation, sowohl in der Geschichte als auch in der Gegenwart, vernachlässigt. Infolgedessen dominieren recht pauschale Verallgemeinerungen und bleiben die konkreten Vorschläge vage. Auch wenn in den Beiträgen um Fragen der zukünftigen Orientierung gerungen wird (für oder gegen ein Minimalprogramm, für eine Massenpartei oder eine Minderheitenpartei usw.), sind wir der Meinung, dass diese Orientierung in der Gegenwart verankert werden muss; die Frage der "Organisation" sollte mit den konkreten aktuellen Tendenzen innerhalb der Klassenkämpfe in Verbindung gebracht werden. Wie hilft uns eine "Organisation" tatsächlich, um komplexe Bewegungen wie die Gelbwesten oder die aktuellen Greenpass-Proteste zu verstehen und aus der Perspektive der Arbeiterklasse zu intervenieren? Wo sehen wir in der aktuellen Abfolge von Abwehrstreiks gegen Stellenabbau und "steigende Lebenshaltungskosten" Potenziale für eine Ausweitung, und wie könnten wir versuchen, sie zu unterstützen? Welche Rolle spielen die real existierenden "Massenorganisationen" der Arbeiterklasse, in unserem Fall die großen Gewerkschaften und die Labour Party, in den aktuellen Auseinandersetzungen und was würde es konkret bedeuten, "innerhalb dieser Organisationen zu arbeiten", wie die Autor:innen des ersten Artikels vorschlagen? Wie sollten wir all diese Fragen angehen? Auf einige klassische Texte über Klassenzusammensetzung zurückzukommen, könnte sich dafür noch immer als fruchtbar erweisen.

Es gäbe noch viel mehr zu den vorliegenden Beiträgen zu sagen, aber wir haben beschlossen, auf einige Klarstellungen in den kommenden Texten zu warten, bevor wir eine längere Antwort in Erwägung ziehen. In der Zwischenzeit werden wir sehen, wohin das führt. Beteiligt euch an der Diskussion!