Gegen Krieg und Nationalismus

09. Oktober 2022

Die anarchistische Antikriegsbewegung in den 90er Jahren in Kroatien war der Versuch, sich gegen die Kriegstreiberei der Nationalstaaten zu wehren. Anarchistische Gruppen gaben Informationsmaterial heraus, sie hielten solidarische Verbindungen nach Serbien, unterstützten Kriegsdienstverweigerer und halfen beim Wiederaufbau von zerstörten Häusern. Angesichts der linken Diskussion um den Ukrainekrieg halten wir den Text für ein wichtiges Zeitzeugnis gegen Krieg und Nationalismus.

Der Text ist 2019 auf Englisch bei Antipolitika erschienen und wurde dieses Jahr ins Deutsche übersetzt. Wir veröffentlichen den Einleitungstext der deutschen Fassung und den ersten Teil der Broschüre.

 

Einleitung

Die vorliegende Broschüre enthält zwei Beiträge von Anarchisten, die sich während der Jugoslawienkriege auf verschiedenen Seiten der Frontlinie wiederfanden und dort jeweils gegen den Krieg engagierten. Im ersten Text geht es um anarchistische Solidaritäts- und Antikriegsinitiativen in Kroatien während des Kroatienkriegs. Der zweite Text ist ein Interview mit Igor Seke, der in den 1990er und 2000er Jahren eine wichtige Rolle in der Bewegung der Kriegsdienstverweigerer in Serbien spielte.

Ein paar Eckdaten zur Orientierung: Das sozialistische Jugoslawien wurde am Ende des Zweiten Weltkriegs als eine Föderation von sechs Teilrepubliken gegründet: Serbien, Kroatien, Slowenien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro und Mazedonien. Nach dem Tod des langjährigen Staatspräsidenten Josip Broz Tito 1980 wurden die sozialen Konflikte und Spannungen zunehmend ethnisiert, d. h. in Konflikte zwischen nationalen Interessen, Bewegungen und Staaten überführt. Dieser Prozess führte zu den Jugoslawienkriegen der 1990er Jahre zwischen der Jugoslawischen Volksarmee (JNA) bzw. lokalen serbischen Einheiten und den Armeen der neu entstehenden Nationalstaaten:

  • der 10-Tage-Krieg 1991 mit Slowenien,

  • der Kroatienkrieg 1991 bis 1995,

  • der Bosnienkrieg 1992 bis 1995,

  • der Kosovokrieg 1998 und 1999.

Während des Kroatien- und Bosnienkriegs wurden zwischen 1992 und 1995 sogenannte „Friedenstruppen“ der UNO entsandt, um die Einhaltung von Waffenstillständen zu überwachen. Während des Kosovokriegs führte die NATO 1999 über zweieinhalb Monate einen Luftkrieg gegen Serbien. Daran war auch die deutsche Bundeswehr beteiligt.

Gleichzeitig entstanden in Jugoslawien schon in den 1980er Jahren eine radikale Subkultur und erste anarchistische Zusammenhänge, die sich nach dem Zerfall der Föderation in den einzelnen Staaten in die Antikriegsbewegung einbrachten.

Beide Texte wurden 2016 in der ersten Ausgabe der Zeitschrift Antipolitika mit dem Themenschwerpunkt Militarismus veröffentlicht. Antipolitika ist eine anarchistische Zeitschrift für Analyse und Theorie, die seit 2016 von Anarchist:innen aus verschiedenen Balkanländern mit Unterstützung von Mitstreiter:innen aus Europa und Nordamerika herausgegeben wird. Das Redaktionskollektiv hat sich in den Jahren zuvor im Rahmen des balkanweiten anarchistischen Solidaritätsnetzwerks kennengelernt, konkret bei der jährlichen Anarchistischen Buchmesse des Balkans und bei anderen Anlässen. Nach der ersten Ausgabe zum Thema Militarismus folgte 2019 die zweite Ausgabe zur Kritik des jugoslawischen Staatskapitalismus aus anarchistischer Perspektive. Die dritte Ausgabe zum Thema Nationalismus wird voraussichtlich im Sommer 2022 erscheinen. Die Zeitschrift erscheint auf Serbokroatisch, Englisch und Griechisch. In Deutschland ist Antipolitika u. a. beim Online-Versand Black Mosquito erhältlich.

Wir halten die Übersetzung und Veröffentlichung dieser beiden Texte in Deutschland aus mehreren Gründen für wichtig:

Wir wollen die Erfahrungen unserer Mitstreiter:innen aus dem ehemaligen Jugoslawien in Deutschland bekannter machen und zum Aufbau einer grenzüberschreitenden Bewegung beitragen.

Wir glauben weiterhin, dass es Aufgabe der Anarchist:innen und auch anderer antiautoritärer Linker ist, eine klare Antikriegshaltung zu vertreten, nicht nur im Allgemeinen, sondern auch dann, wenn es besonders schwer fällt – im Krieg. Sowohl in Kroatien als auch in Serbien gab es Bewegungen, die sich nicht auf die Seite der einen oder anderen Kriegspartei stellten, sondern eine dritte Partei bildeten, die Antikriegspartei, die sich der Logik von Krieg und Nationalismus grundsätzlich verweigerte. An diesen Bewegungen nahmen die Anarchist:innen aktiv teil.

Drittens liefern die Erfahrungen der Anarchist:innen aus dem ehemaligen Jugoslawien konkrete Beispiele dafür, wie die unversöhnliche Opposition zum Krieg konkret aussehen kann: Aufklärungs- und Info-Kampagnen gegen die Kriegspropaganda und Informationsblockade der kriegführenden Staaten, Kundgebungen und Demonstrationen, humanitäre Hilfe für Kriegsopfer und Flüchtlinge, die Unterstützung von Deserteuren und Kriegsdienstverweigerern, die Solidarität mit zum Feind erklärten Bevölkerungsgruppen, Bündnisse mit anderen politischen Organisationen im eigenen Land, Vernetzung mit Gleichgesinnten auf der anderen Seite der Front.

Der Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Broschüre ist nicht zufällig. Seit dem 24. Februar 2022 findet in der Ukraine ein Krieg statt, in dem bereits Tausende von Menschen ermordet und Millionen von Menschen in die Flucht getrieben wurden. Der Krieg hat innerhalb der anarchistischen Bewegung zu einer Debatte darüber geführt, auf welche Art und Weise Anarchist:innen in diesem Krieg und in Kriegen generell Position beziehen sollten. Die organisierten Anarchist:innen der „Operation Solidarity“ in der Ukraine haben sich dazu entschieden, innere Konflikte der Ukraine zugunsten des gemeinsamen Kampfs gegen den russischen Imperialismus zurückzustellen. Diese Strategie wird von anderen als Burgfriedenpolitik und Übernahme der militaristischen Logik sowie eines ukrainischen Befreiungsnationalismus kritisiert. Wir hoffen, dass die Erfahrungen der Anarchist:innen aus der Zeit der Jugoslawienkriege diese Debatte bereichern.

 

Anarchistische Solidaritäts- und Antikriegsinitiativen in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens

Z.A.P.O Antikriegs-Demonstration, 19.06.1991.

 

Ein paar Anmerkungen zu Beginn: Ich schreibe diesen Text aus meiner persönlichen Perspektive. Ich habe zu der Zeit in Kroatien gelebt und gebe nur meinen eigenen Standpunkt wieder. Zitate oder Verweise sind entsprechend markiert.

Weiterhin ist das kein historischer Text. Es gibt keine objektive Geschichte. Das ist ein persönlicher Rückblick auf Aktivitäten und Ereignisse, die organisiert wurden, um dem Krieg, dem Nationalismus und der Militarisierung etwas entgegenzusetzen und um Solidarität mit all jenen zu üben, die unter den Folgen und Nebeneffekten des Kriegs zu leiden hatten.

Vor allem ist dieser Text weder eine Analyse der Kriege im ehemaligen Jugoslaiwien, noch ein Versuch herauszufinden, wie es dazu kommen konnte. Das war nämlich eigentlich schon immer klar: Wie alle Kriege der Vergangenheit ging es auch hier um Macht, Reichtum, die Kontrolle über Territorien und Menschen, egal welche Seite des Kriegs man sich anschaut.

 

Der Beginn anarchistischer Initiativen gegen Krieg und Nationalismus

Zum besseren Verständnis des Kontexts, in dem sich die Ereignisse abspielten, die ich hier beschreiben möchte, sei gesagt, dass es in den Jahren unmittelbar vor den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien keine anarchistische Bewegung gab, lediglich ein paar Einzelpersonen und erste Gruppen, die Ende der 1980er und Anfang der 1990er gegründet wurden. Dementsprechend waren die Kriegsjahre gleichzeitig auch der Neubeginn – nach fast 60 Jahren – einer organisierten anarchistischen Bewegung.

Dennoch war Antimilitarismus keine neue Sache. Schon einige Jahre zuvor hatte sich Protest geregt. In den 1980er Jahren gab es in Jugoslawien breite Kampagnen gegen die Militarisierung der Gesellschaft und gegen die zwölfmonatige Wehrpflicht für alle Männer über 18 Jahren. Damals waren Begriffe wie „Kriegsdienstverweigerer“ neu, zumindest im öffentlichen Diskurs und in den Medien. Verweigerer wurden ins Gefängnis gesteckt, es fanden Solidaritätsdemonstration statt, Zeitungen, die die Inhaftierten unterstützten, wurden verboten … Zum ersten Mal wurde die Rolle des Militärs offen infragegestellt. Vor allem hatte diese Kampagne eine antimilitaristische und pazifistische Ausrichtung, keine nationalistische, wie es in den Folgejahren der Fall sein würde.

Anfang der 1990er Jahre bildete sich eine sogenannte Antikriegsbewegung gegen die Jugoslawische Volksarmee (JNA – Jugoslovenska Narodna Armija), die jedoch vom Nationalismus der neuen Nationalstaaten motiviert war und mithalf, deren Nationalarmeen aufzubauen. Selbstverständlich war diese nationalistische Opposition gegen die JNA in Kroatien eine reine „Show“. Sie war von der aufstrebenden neuen politischen Elite manipuliert und diente nur dazu, eine Situation zu schaffen, in der man die eine Armee als Feind und die andere als „die eigene Armee“ präsentieren konnte. Diese Opposition zur JNA begann mit dem Versuch von Müttern, ihre Söhne aus der JNA herauszuholen, da sich im Frühling 1991 bereits abzeichnete, dass der Krieg bald beginnen würde. Manche behaupten (und ich habe keinen Grund, ihnen nicht zu glauben), dass diese Initiative noch ohne Einfluss der politischen Elite entstand, als wirkliche Graswurzelinitiative von Eltern. Sobald sie an Fahrt aufgenommen hatte, wurde den Herrschenden in Kroatien jedoch klar, dass sie sie bestens für ihre eigenen politischen Ziele einspannen konnten. Entsprechend boten sie kostenlose Busfahrten an, halfen bei der Organisation von Demonstrationen in Brüssel und verteilten Hunderte neuer Nationalfahnen an die Demonstrant:innen. Nach einigen Monaten übernahm diese Bewegung, auch wenn sie eine Graswurzelbewegung war, die nationalistische Rhetorik. Damit konnte man sie kaum noch als antimilitaristische oder Antikriegsbewegung bezeichnen.

 

Anarchistische und andere Antikriegsinitiativen

Zur selben Zeit, im Frühsommer 1991, gründete sich in Zagreb eine neue anarchistische Gruppe mit dem (damaligen) Namen „Zagreber Anarcho-Pazifistische Organisation“ (ZAPO). Sie organisierte die ersten Proteste gegen Krieg und Militarismus vor dem Parlament in Zagreb. Dabei war der Ansatz ein ganz neuer: ohne Nationalfahnen – selbstverständlich! – und in Opposition zur Kriegspolitik, wie sie zu der Zeit von allen Seiten betrieben wurde. Das war im Juni 1991, nur wenige Wochen vor dem Beginn des Kriegs in Slowenien und nur zwei Monate vor Kriegsbeginn in Kroatien (wobei es bereits zu einigen Schießereien und niedrigschwelligen Kampfhandlungen kam, die jedoch noch nicht „Krieg“ genannt wurden).

Die ZAPO bestand vor allem aus jungen Menschen aus der Zagreber Subkultur. In den ersten Kriegsmonaten verließen viele von ihnen das Land, weil sie nicht zum Kriegsdienst eingezogen werden wollten, sodass die Gruppe schon kurz nach ihrer Gründung nur noch aus wenigen Personen bestand. Dennoch bedeutete das nicht das Ende ihrer Aktivitäten. Die Gruppe konzentrierte sich vielmehr auf unmittelbare Probleme: Sie half jungen Männern dabei, sich der Mobilmachung zu entziehen, verteilte Flugblätter in den Straßen, plakatierte Poster gegen Krieg und Nationalismus.

Das waren das natürlich kleine und gewissermaßen symbolische Aktionen angesichts dessen, dass ein richtiggehender Krieg stattfand und große Teile des Landes bombardiert wurden oder sich in unmittelbarer Frontnähe befanden. Das Militär war im öffentlichen Raum allgegenwärtig und die Medien berichteten nur noch über den Krieg. Die Kriegsatmosphäre war sehr bedrückend und wurde zur Normalität, als gäbe es nichts mehr als den Krieg. Zumindest schien es so. Ich kann an dieser Stelle nicht ins Detail gehen, was die allgemeine Atmosphäre betrifft, da es zu viel Raum einnehmen würde. Ich will nur kurz darauf eingehen, damit man ein besseres Gefühl für die Rahmenbedingungen bekommt, unter denen diese Aktivitäten stattfanden. Der Krieg war nicht zu jeder Zeit und an jedem Ort gleich intensiv, aber zumindest die letzten vier Monate des Jahres 1991 waren im ganzen Land ziemlich heftig. Es war einfach eine vollkommen neue Situation voller Stress, Angst, Tod und aggressiver nationalistischer Propaganda. Nach einiger Zeit werden aber auch die schlimmsten Bedingungen zur Normalität und die Leute sagten sich: „Es hilft ja alles nichts. Man muss ja irgendwie leben.“ Der Krieg wurde zur neuen Realität.

Im Juli 1991 gründete sich in Zagreb die „Antikriegskampagne Kroatien“ als loses Netzwerk verschiedener Organisationen und Einzelpersonen, von Anarchist:innen über Feminist:innen, Anti-AKW-Aktivist:innen und Umweltgruppen bis hin zu Pazifist:innen, Menschenrechtsgruppen und so weiter. Das war der Versuch, eine stärkere Opposition gegen die normalisierte Kriegslogik aufzubauen. Auch wenn wir anerkennen mussten, dass wir nun im Krieg lebten, war es wichtig, eine Bewegung zu schaffen, die die Vorstellung von Frieden, die Kritik an Nationalismus und Militarismus im öffentlichen Diskurs am Leben erhielt und hochhielt, sodass nicht alles von dieser neuen Kriegsnormalität dominiert würde. Es blieb aber nicht nur bei Symbolpolitik. Viele Gruppen und Einzelpersonen engagierten sich für den Schutz von und die Solidarität mit Kriegsopfern, egal welcher Seite die Opfer und die Täter angehörten. Das war wichtig, denn Nicht-Kroat:innen, hauptsächlich Serb:innen, bekamen schon allein dafür Probleme, dass sie den „falschen“ Namen hatten.

Ein Beispiel für diese Solidaritätsarbeit war die Unterstützung von Menschen, deren Wohnungen zwangsgeräumt wurden, weil sie die „falsche“ Nationalität hatten. Das Prozedere war oft gleich: Ein paar Typen in Militäruniform klopften mit irgendeinem Papier an die Tür, das besagte, dass sie das Recht hätten, die Wohnung zu beziehen. Sollte die Räumung nicht gelingen, kamen sie mit den Bullen und noch mehr bewaffneten Leuten wieder, bis sie Erfolg hatten. Das alles war nicht nur möglich, sondern auch aufgrund neuer Verordnungen sogar legal (zumindest in den ersten vier Kriegsjahren). Die Räumungen ließen sich nur verhindern, wenn man möglichst viel Aufmerksamkeit schaffte und sie durch die Anwesenheit möglichst vieler Menschen praktisch blockierte. Meistens half jedoch auch das nichts und so wurden ganze Familien auf die Straße geschmissen. Zumindest konnten ein paar Menschen dank dieser Solidaritätsaktionen in ihren Wohnungen bleiben.

Anfang 1992 trat auch die ZAPO der Antikriegskampagne bei und galt nun als offizielles Netzwerkmitglied. Die Gruppen, die dem Netzwerk angehörten, organisierten ihre Aktivitäten in voller Autonomie und stimmten sich nur dann ab, wenn es notwendig war oder sie das Bedürfnis dazu hatten.

 

Medienprojekte gegen die Informationsblockade

Von Kriegsbeginn an war eine der wichtigsten Maßnahmen der Herrschenden die Informationsblockade. Das bedeutete vor allem, dass keinerlei Nachrichten von der „anderen Seite“ durchkamen. Praktisch waren in den Mainstream-Medien also keine Informationen aus Serbien oder von der SAO Krajina (die Gebiete Kroatiens unter serbischer Kontrolle) und später auch aus Bosnien und Herzegowina zu finden. Die Informationsblockade war Teil des Versuchs, die andere Seite zu dämonisieren. Es sollten keine Nachrichten durchkommen, die zeigten, dass es auf allen Seiten Leid gab und vor allem dass es auch auf der anderen Seite aktiven Widerstand gegen den Krieg gab. In Kroatien erfuhr man beispielsweise nichts über die Antikriegsproteste und die große Zahl der Deserteure in Serbien. Freund:innen aus Serbien können dazu mehr schreiben oder sagen, da ich selbst dazu keine Erinnerung habe.

Einen kleinen Eindruck von diesen Ereignissen in Serbien vermittelt der folgende Ausschnitt aus dem Buch „ We Were Gasping for Air: (Post)-Yugoslav Anti-War Activism and Its Legacy“ (Wir schnappten nach Luft: (Post-)Jugoslawischer Antikriegsaktivismus und sein Erbe), das Bojan Bilić und Vesna Janković 2012 im Nomos-Verlag herausgegeben haben:

„[…] Im Juni 1992 gingen in Belgrad Tausende von Menschen gegen die Belagerung von Sarajevo und in Solidarität mit den Bewohner:innen der Stadt auf die Straße. Sie hatten schwarze Papierblätter dabei, mit denen sie eine kilometerlange schwarze Kette bildeten, ein Symbol für ihr Mitgefühl […]. Einige Jahre später reisten einige derer, die an dieser Aktion teilgenommen hatten, über Kroatien und Ungarn nach Bosnien, überquerten den Berg Igman und gelangten durch den Sarajevo-Tunnel in die belagerte Stadt, um den Menschen dort zu zeigen, dass es „auf der anderen Seite“ viele gab, die gegen diese sinnlose Zerstörung waren.“ (Aus dem Englischen übersetzt von der Antipolitika.)

Die Informationsblockade bedeutete nicht nur, dass in den Medien bestimmte Informationen nicht zu finden waren. Es gab zudem keine Telefonverbindung und keine Internetverbindung (das Internet gab es damals noch nicht wirklich, zumindest nicht in der Form, wie wir es heute kennen) nach Serbien und auch die Post hatte ihre Dienstleistungen eingestellt.

Als Reaktion auf die Informationsblockade und die Propaganda in den Mainstream-Medien entstanden einige größere Medienprojekte. 1993 begann die ZAPO gemeinsam mit anarchistischen Gruppen aus anderen ex-jugoslawischen Ländern, die Zeitung „Preko zidova nacionalizama i rata“ (Gegen Krieg und Nationalismus) herauszugeben und zu vertreiben. Sie wurde in Italien mit finanzieller Unterstützung italienischer Anarchist:innen gedruckt und in allen ehemaligen jugoslawischen Staaten verbreitet, überall da, wo sich jemand für diese Aufgabe fand. In Kroatien wurde sie auf der Straße und in Kasernen (unter Soldaten, die ihren Kriegsdienst leisteten) verteilt und im öffentlichen Raum ausgelegt. Auch wenn ein paar Tausend Exemplare einer Zeitung sicherlich nicht weltbewegend sind, war es doch ein Schlag ins Gesicht der lokalen Zensurbehörden und Nationalist:innen und ein starkes Zeichen der Solidarität für die Menschen, die auf beiden Seiten der Frontlinie lebten und weder den Krieg noch die politischen Machthaber:innen, egal welcher Seite, unterstützten. Die Zeitung gab Menschen, die auf allen Seiten des Kriegs lebten, den Raum, sich zu Themen wie Krieg, Nationalismus, aber auch zu wirtschaftlichen Fragen zu äußern. Vor allem aber war sie ein gemeinsames Projekt von Menschen der jeweils „anderen Seite“. Zu dieser Zeit war „Solidarität“ ein Schimpfwort, es galt als „Überbleibsel des Kommunismus“. Solidaritätsaktionen wurden entsprechend als Verrat gewertet. Tatsächlich habe ich selbst kein Problem mit dem Verrat an den Herrschenden, dem Staat und seinen Institutionen. Unabhängig von den Ansichten der Anarchist:innen war es überhaupt nicht einfach, Solidaritätsinitiativen zu starten, da die meisten Menschen in Kroatien sich selbst als Kriegsopfer verstanden, eines Kriegs, den „die andere Seite“ angefangen hatte. Für sie war Solidarität keine Option. Die Anarchist:innen sprachen auch über die Kriegsopfer, aber eben über alle Kriegsopfer, egal, woher sie kamen. Für die meisten Menschen in Kroatien war das einfach zu viel.

Compilation LP Preko zidova…

 

Die Anfangsidee von „Gegen Krieg und Nationalismus“ war es, die Zeitung je nach den finanziellen Möglichkeiten und der Initiative der verschiedenen Gruppen in unregelmäßigen Abständen herauszubringen. Leider kam nur eine erste Ausgabe zustande. Eine zweite Ausgabe wurde erst 1995 veröffentlicht, allerdings als Teil des ZAPO-Zines „Comunitas“, damit all die Materialien nicht umsonst gesammelt worden waren. Der Effekt war natürlich nicht derselbe.

Trotzdem war das nicht das Ende der Idee von „Gegen Krieg und Nationalismus“: Anarchistische Punkbands und DIY-Musiklabels griffen den Slogan auf und organisierten gemeinsame Konzertreisen unter demselben Titel. Beide Konzertreisen fanden in Slownien statt, dem einzigen postjugoslawischen Land, für das man kein Visum benötigte bzw. für das das Visum einfacher zu bekommen war. Die erste Tour fand 1997 statt und es spielten die Band Bad Justice aus Kroatien und Totalni promašaj aus Serbien. 1998 machten die Bands Radikalna promjena aus Kroatien und Unutrašnji bunt aus Serbien dieselbe Tour. Die Konzerte waren politische Veranstaltungen mit einer klaren Botschaft, nicht einfach nur eine Party. In der Zeit wurden zwei 7"-Schallplatten unter dem Titel „Gegen Krieg und Nationalismus“ herausgegeben. Die erste war eine Split-Veröffentlichung von Bad Justice und Totalni promašaj, die zweite ein Sampler mit Bands aus anderen ex-jugoslawischen Staaten.

Das war nicht das einzige Projekt aus der DIY-Szene. Schon davor, Anfang 1994, sind ein paar Leute aus Pula über Ungarn nach Serbien gefahren – es gab damals keine Direktverbindung, da man die Frontlinie hätten überqueren müssen –, um Leute aus der dortigen Subkultur-Szene (und nicht nur) zu interviewen. Die Interviews wurden als Fanzine mit dem Titel „Distorzija“ gemeinsam mit einem Sammelalbum namens „No Border Compilation“ veröffentlicht. Das war ein mutiger Versuch, die Kommunikationsblockade zu brechen.

Compilation LP Preko Zidova

 

Ungefähr zur selben Zeit, als „Gegen Krieg und Nationalismus“ begann, 1992, wurde innerhalb der Antikriegskampagne das Projekt ZaMir (Für Frieden) gestartet. Es handelte sich dabei um ein BBS-System (Bulletin Board System) der ersten Generation, aus heutiger Perspektive eine Art simples Internet (belassen wir es angesichts meiner fehlenden technischen Kenntnisse dabei, in Ordnung?). Dazu wurden ein paar gespendete Computer mit altmodischen Modems und Telefonen verbunden. Die so entstandenen Server ermöglichten eine Art der Kommunikation, die damals noch weitgehend unbekannt war. Das war unsere Initiation in die Welt der E-Mails. Damit konnten nicht nur Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien, die sich gegen Krieg und Nationalismus engagierten, zusammengebracht werden, sondern auch Familien und Freund:innen, die vom Krieg auseinandergerissen worden waren. Dieses großartige Kommunikationsmittel wurden von Aktivist:innen mit den entsprechenden technischen Kenntnissen von vor Ort und aus dem Ausland auf die Beine gestellt. Es sollte in den Folgejahren eine wichtige Rolle spielen.

Eine weitere Zeitung ist an dieser Stelle zu erwähnen: Arkzin. Sie war ursprünglich das Zine der Antikriegskampagne. Die erste Ausgabe wurde 1991 veröffentlicht. 1993 hatte Arkzin sich zu einer Zeitung mit normalem Erscheinungsbild, aber unnormalen Inhalten entwickelt. Es ging um Themen, die nicht in die Vorstellungen von Normalität in Kroatien passten und den herrschenden Werten widersprachen. Die Zeitung war zwar nicht anarchistisch, stand aber Anarchist:innen offen. Sie war in klarer Opposition zum Regime, sodass wir schnell zusammenfanden und zusammenarbeiteten. In ihren besten Zeiten wurden alle zwei Wochen 10.000 Exemplare gedruckt.

"Arkzin hält Kroation sauber" Poster, mehrere Tausend davon wurden in Zagreb und anderswo verbreitet, 1995/1996.

 

1994 entschied die ZAPO, ihren Namen zu ändern: Aus der „Zagreber Anarcho-Pazifistischen Aktion“ (ZAPO) wurde die „Zagreber Anarchistische Bewegung“ (ZAP, Zagrebački anarhistički pokret) – nicht mehr pazifistisch, aber immer noch gegen Militarismus und Krieg. Innerhalb der Antikriegskampagne wurde das akzeptiert und auch nie richtig diskutiert. Das war auch nicht nötig, da jede Gruppe autonom agierte.

Ungefähr zu der Zeit entstanden zwei neue Projekte: der Newsletter „Nećemo i nedamo“ (Wir wollen nicht und wir geben nicht) und seine englische Version, das „Zaginflatch“ (Zagreber Informations-Potlach). Für die nächsten sieben/acht Jahre stellten diese zwei Newsletter wichtige Informationsquellen dar. Sie wurden alle zwei Monate verschickt, je nach den finanziellen Ressourcen. Die Druckauflage umfasste ein paar Hundert bis ein paar Tausend Exemplare. Die Grundidee ähnelte der von „Gegen Krieg und Nationalismus“, aber mit mehr Informationen. Während der NATO-Bombardements von Serbien spielte das Zaginflatch eine wichtige Rolle. Es konnte mittlerweile dank der Technologie von ZaMir auch per E-Mail verschickt werden. Serbien hatte schon seit Jahren unter Sanktionen zu leiden und wurde nun von der NATO bombardiert. Die Kommunikationskanäle wurden unterbrochen, ausländische Journalist:innen verließen das Land. Unsere einzige Verbindung zu den Anarchist:innen dort war die ex-yu-a-lista (die von ZaMir gehostet wurde), eine Info-E-Mail-Liste und ein Forum für Anarchist:innen aus dem ehemaligen Jugoslawien. Man schickte über diese Liste Nachrichten, Geschichten, Texte und Analysen; die ZAP und Freund:innen übersetzten das ins Englische und veröffentlichten es während der Bombardements in den mittlerweile täglichen Ausgaben vom Zaginflatch. Für uns war das eine wichtige Sache, weil wir so aus der Ferne etwas tun konnten, um Solidarität zu zeigen und irgendwie zu helfen. Als wir dann aus Serbien und von anderswo das Feedback bekamen, dass so die totale Isolation aufgebrochen wurde, in der sie damals lebten, war klar, dass die täglichen Newsletter weitergehen mussten. Und das taten sie, über zwei Monate.

Um besser verstehen zu können, warum diese Projekte so wichtig waren, würde ich gerne kurz auf die Atmosphäre in Kroatien während der NATO-Bombardements eingehen. Viele feierten es, dass Serbien nun endlich seine „Strafe“ für all die Kriege im ehemaligen Jugoslawien bekam. Das war die Einstellung der Meisten. Obwohl der Krieg zwischen Serbien und Kroatien schon vier Jahre zurücklag, war es genau die Kriegslogik von damals, bei der man die „andere Seite“ dämonisiert und davon ausgeht, dass „die doch alle gleich sind“. Und wieder wurde Solidarität als Verrat betrachtet.

Das Zaginflatch wurde während der 75 Tage des Bombardements regelmäßig herausgegeben und international verbreitet und auch in viele Sprachen übersetzt.

Über all die Jahre kannten sich die, die über die ex-yu-a-lista miteinander kommunizierten, sich nicht persönlich, zumindest nicht jene, die in Staaten lebten, die miteinander Krieg führten, sondern nur über die E-Mail-Liste. Nach einiger Zeit wurde die Initiative ergriffen, ein Treffen von möglichst vielen Leuten zu organisieren und so die Zusammenarbeit zu vertiefen. Es ging vor allem darum, Leute aus Kroatien und Serbien zusammenzubringen. Nach zwei kleineren Treffen 1997 und 1998 in Ungarn, wo man aus beiden Staaten kein Visum für die Einreise brauchte, die allerdings aus verschiedenen Gründen wie fehlenden finanziellen Ressourcen und organisatorischen Problemen nicht gerade gut besucht waren, fand im Mai 2000 das erste große Treffen mit über 100 Teilnehmer:innen im Ökodorf Zelenkovac in Bosnien und Herzegowina statt. Für viele was es das erste Mal, dass sie die Leute persönlich kennenlernten, mit denen sie über all die Jahre zusammengearbeitet hatten. Auch wenn das Treffen keine konkreten Entscheidungen oder Projekte hervorbrachte, war es ein guter Rahmen für Austausch und Diskussion. Und dass es überhaupt stattfand, war schon ein politisches Statement an sich. Die gegenseitige Hilfe und die Projekte vor Ort gingen dann auch weiter und das war die Hauptsache.

 

Humanitäre Hilfe von unten

Zurück zu den ersten Kriegsjahren in Kroatien, konkret zum Sommer 1993. Damals fuhren ein paar Antikriegsaktivist:innen gemeinsam mit ihren internationalen Freund:innen in die Kleinstadt Pakrac, die von der Frontlinie, die genau durchs Stadtzentrum verlief, in zwei geteilt war. Im Juli 1993 gründeten sie das „Volunteer Project Pakrac“. Das Projekt an sich war nicht anarchistisch, aber viele Anarchist:innen beteiligten sich daran. Es war vor allem ein Friedens- und Solidaritätsprojekt für die Gemeinde. Es wurde von der Antikriegskampagne unterstützt und die ersten Freiwilligen kamen im Sommer 1993 in die Stadt. Bis zum Sommer 1997 hatten 400 Freiwillige in der Stadt einen Friedensdienst geleistet und blieben dazu teilweise drei Wochen, teilweise ein paar Monate bis Jahre vor Ort. Was war das Besondere an diesem Projekt? Ein Haufen idealistischer Jugendlicher (und nicht mehr ganz so Jugendlicher) kam in diese vollkommen zerstörte Stadt kam – wo die sozialen Beziehungen abgerissen waren, wo die Wirtschaft darniederlag, die Häuser abgebrannt oder zerbombt waren – und bemühte sich darum, die sozialen Beziehungen wiederherzustellen, die Häuser wiederaufzubauen und zum Frieden beizutragen. In all diesen verschiedenen Solidaritäts- und Community-Projekten arbeiteten sie mit den Einwohner:innen der Stadt zusammen. Man sollte nicht vergessen, dass noch Krieg war. Der „Frieden“, eigentlich lediglich ein Waffenstillstand, wurde von den „Friedenstruppen“ der UN kontrolliert und man war noch lange nicht zur „Normalität“ übergegangen. In der Stadt und in der Umgebung der Stadt lagen noch Tausende von Landminen und Blindgänger. Die Front war immer noch da, sie war nur nicht mehr so aktiv.

Eine der wichtigsten Aufgaben der zumeist internationalen Freiwilligen war es, die zerstörten Häuser zu beräumen und für den Wiederaufbau vorzubereiten. Dabei arbeiteten sie mit den Einwohner:innen und den Hausbesitzer:innen zusammen. An einem typischen Arbeitstag entfernte eine Gruppe von fünf bis zehn Personen den alten bzw. verbrannten Putz von den Wänden, entsorgte (Tonnen von) Abfall aus den Häusern – Verbranntes, Ziegelsteine, persönliche Gegenstände (Bilder und Spielzeug erinnerten einen immer wieder schmerzhaft daran, dass hier einmal echte Menschen gelebt hatten). Und dann Pause: Kaffee, Rakija, Essen und Gespräche mit den Menschen, deren Haus für den Wiederaufbau vorbereitet wurde.

Es ging also nicht nur um die eigentliche Arbeit, sondern auch um die Interaktion mit den Menschen, um die Gelegenheit, mit ihnen über ihre Probleme, Ängste und Erfahrungen zu sprechen. Ich finde, das war sogar das Wichtigste. Die Einwohner:innen konnten so Gespräche führen, die mit ihren Nachbar:innen so nicht möglich waren, und sie traten in Kontakt mit Menschen, die von woanders herkamen, aus einer ganz anderen Realität, wo Krieg nicht die Normalität war. Nicht zuletzt entstand so ein Gefühl internationaler Solidarität und Kommunikation, das über die Probleme von Krieg und Nationalismus und die alltägliche Misere hinaus verwies, mit denen die meisten Menschen damals konfrontiert waren.

Um diese Initiative angemessen zu diskutieren und zu analysieren, bräuchte es ein ganzes Buch. Also belasse ich es an dieser Stelle bei dieser kurzen Beschreibung.

Pakrac

 

Kriegsdienstverweigerung

Und wie sah es mit den Kriegsdienstverweigerern aus? Es gab durchaus einige, aber sie waren in der Öffentlichkeit nicht präsent. Die meisten versuchten einen Weg zu finden, die Mobilmachung und – in den Folgejahren – den Kriegsdienst zu umgehen. Im ersten Kriegsjahr gab es noch keinen regulären Kriegsdienst. In Kroatien war die Situation besonders. Der gesellschaftliche Druck und die Propaganda waren ziemlich heftig. Das Gesamtklima war, dass „das Land angegriffen wird und jeder seinen Beitrag in diesem Krieg leisten muss“. Wenn man noch etwas patriarchale Kultur und Mythen über „Krieger-Männer“ hinzufügt, hat man ungefähr einen Eindruck davon, wie die meisten dachten. „Kriegsdienstverweigerer“ war gleichbedeutend mit „Deserteur“. Selbst wenn es in den frühen 1990er Jahren die Möglichkeit gegeben hätte, den Dienst an der Waffe zu verweigern, hätte das nicht wirklich einen Unterschied gemacht, weil der gesellschaftliche Druck damals viel stärker war als das Gesetz.

Zum besseren Verständnis möchte ich an dieser Stelle ein vielsagendes Beispiel geben. 1993 organisierte die Antikriegskampagne eine öffentliche Diskussionsveranstaltung unter dem Titel „Die Zerstörung Bosniens“. Darin ging es um die Aggressionspolitik Kroatiens gegenüber Bosnien und Herzegowina und um die Kriegsdienstverweigerung als praktische Möglichkeit, sich dem Krieg zu widersetzen. Danach erklärte Drago Krpina, zu der Zeit einer der mächtigsten Politiker der rechten Partei HDZ (Kroatische Demokratische Union), die in den 1990er Jahren Kroatien regierte, gegenüber einem der Antikriegsaktivisten: „Man sollte Sie einziehen, an die Front schicken und Ihnen einen Kopfschuss verpassen, sobald sie sich auch nur einmal umdrehen!“

Anhand dieser Situation lässt sich der Kontext nachvollziehen, in dem wir damals aktiv waren. Schließlich befürwortete ein hoher Regierungsvertreter in aller Öffentlichkeit die Hinrichtung politischer Gegner, ohne sich über politische oder rechtliche Konsequenzen Sorgen machen zu müssen. Darüber hinaus standen alle, die sich an der Bewegung gegen Krieg und Nationalismus beteiligten, unter einem dauerhaften Druck: von öffentlichen Drohungen und geheimer Überwachung über Angriffe in den Mainstream-Medien bis hin zu „diskreten“ Drohungen von Nachbar:innen und Verwandten oder gegen diese. Mit allen Mitteln wurden Angst und Paranoia verbreitet. So funktioniert der Staat zwar allgemein, aber in extremen Zeiten greift er auf extreme Mittel zurück.

 

Anstatt eines Fazit

Das war ein kurzer persönlicher Rückblick auf einige Momente aus den Kämpfen der 1990er Jahre gegen Militarismus, Krieg und Nationalismus. Ich hoffe, ich konnte so einen Eindruck von einigen Initiativen und beteiligten Gruppen vermitteln. Dabei habe ich mich auf die Rolle der Anarchist:innen konzentriert. Tatsächlich war die Bewegung viel breiter. Beispielsweise habe ich nicht die feministischen und Frauengruppen erwähnt, die mit Frauen zusammenarbeiteten, die vergewaltigt wurden oder anderweitig unter dem Krieg zu leiden hatten. Das ist ein Kapitel, das noch zu schreiben wäre. Ich bin auch nicht auf andere Kämpfe eingegangen wie die ersten Hausbesetzungen 1994 in Zagreb und Split, zu einer Zeit, als der Krieg noch im vollen Gange war, oder die große DIY- und Punkszene und restliche Subkultur, die damals ziemlich politisch war, und in den 1990ern über ein Netzwerk von über 150 Zines verfügte, und das nur in Kroatien – die Zahl der Zines war im gesamten Ex-Jugoslawien viel höher. ZAP hat Anfang der 2000er Jahre auch eine Reihe von Aktionen und Protesten gegen die NATO organisiert, was eine Fortsetzung all dieser vorangegangen Aktivitäten war. Auch dafür war hier kein Platz. Es gibt noch viel Bewegungsgeschichte zu entdecken.

Wie eingangs erwähnt, sollte das kein historischer Text sein. Entsprechend endet der Text nicht mit einem Fazit, sondern mit ein paar wichtigen Fragen: Was haben wir in den Kriegsjahren gelernt? Was ist heute aus diesen Erfahrungen geworden? Ist es alles einfach vorbei?

Man kann keine endgültigen Antworten geben. Auf jeden Fall, so viel kann ich sagen, ist das alles noch nicht vorbei. Der Nationalismus ist immer noch präsent. Er ist nur ein bisschen ruhiger, und er wird immer dann wieder lauter, wenn die Herrschenden eine neue Ablenkung, ein neues Spektakel, einen neuen Adrenalin-Kick für die Massen brauchen, die sonst möglicherweise rebellieren würden. Krieg sollte für uns außerdem dauerhaft ein Thema sein. Auch nach 20 Jahren sind die Wunden nicht verheilt, sind die Ängste noch da. Für viele ist der Krieg noch nicht vorbei. Und für viele, einschließlicher der Herrschenden, ist der Krieg etwas Heiliges, etwas, „an das man sich gerne zurückerinnert“, „die guten alten Zeiten“. Das gilt für Nationalist:innen in aller Welt. Alle Staaten, egal wie groß oder klein, zelebrieren ihre Kriege, ihre Siege und Niederlagen, als etwas Heiliges.

Am Krieg gibt es jedoch nicht Gutes oder Heiliges, nur Elend und Zerstörung. Das ist die wichtigste Lehre aus der Zeit. „Krieg ist die Gesundheit des Staats.“ Dieses kurze Zitat ist immer noch gültig und erinnert uns noch heute daran, dass Macht und Reichtum für die Herrschenden der einzige Grund für Krieg ist.

Auf der anderen Seite haben wir viel darüber gelernt, wie wichtig Solidarität ist. Egal, wie die Rahmenbedingungen sind und welchen unmittelbaren Effekt eine Aktion hat, ist Solidarität das Einzige, was langfristig zählt.