Die russische Februarrevolution 1917
Der Erste Weltkrieg und die russische Sozialdemokratie
Nach der Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Franz Ferdinand in Sarajevo am 28. Juni 1914 richtete die habsburgische Führung ein Ultimatum an Serbien, dessen Bedingungen nicht hinnehmbar waren und daher auf einen Krieg hinausliefen. Der Zar des russischen Reiches, Nikolaus II., reagierte darauf mit der Generalmobilmachung der Armee. Russland wollte im Falle eines österreich-ungarischen Angriffs für die Unabhängigkeit Serbiens einstehen, denn seine Außenpolitik war seit der Mitte des 19. Jahrhunderts darauf ausgerichtet, seinen Einfluss auf dem Balkan zu wahren und falls möglich durch die Einnahme Konstantinopels und der Dardanellen auszuweiten. Die Entscheidung zur Generalmobilmachung hatte, darüber war sich Nikolaus II. im Klaren, die Kriegserklärung des Deutschen Reiches zur Folge.1 Dieser Schritt war mit erheblichen Risiken verbunden, da die russische Führung sowohl um die militärische Überlegenheit der deutsch-österreichischen Seite wusste als auch um die Zunahme der innenpolitischen Spannungen, die ein solcher Krieg mit sich bringen würde. Denn bereits in den Jahren unmittelbar vor Kriegsausbruch war die Lage im Land für die herrschenden Klassen besorgniserregend: Das Lena-Massaker 1912, bei dem streikende Arbeiter:innen vom Militär niedergeschossen wurden, war der Beginn einer Welle von Streiks, die bis 1914 nicht abriss und ihren Schwerpunkt in St. Petersburg hatte.
Die Duma, das Parlament des russischen Reiches, war bei Kriegsausbruch dominiert von rechtsnationalistischen und liberalen Kräften, die uneingeschränkt hinter der Kriegspolitik des Zaren standen.2 So sicherte ihr Vorsitzender, Michail Rodzjanko, Nikolaus II. seine Loyalität zu und erklärte, dass das russische Volk an seiner Seite stehe. Das Zentralkomitee der liberalen Kadetten, der am weitesten links stehenden Partei jenseits der Sozialist:innen, sprach sich einstimmig für die bedingungslose Unterstützung der Regierung und die vorläufige Aussetzung jeder Opposition aus. „Wir verlangen nichts und stellen keine Bedingungen“, so brachte ihr Führer Pawel Miljukow die Haltung der Partei auf den Punkt.
Während die Duma-Mehrheit sich zu Kriegsbeginn hinter den Zaren stellte, verließen die sozialdemokratischen Abgeordneten – acht Menschewiki und sechs Bolschewiki – die Sitzung, in der über die Kriegskredite verhandelt wurde, und veröffentlichten eine gemeinsame Erklärung, in der sie sich gegen die von der herrschenden Klasse beschworene Einheit des Volkes aussprachen, den Krieg als imperialistisch brandmarkten, jedoch zugleich die Notwendigkeit der Verteidigung gegen äußere (und innere) Angriffe betonten:
„Und wir, die Vertreter der Arbeiterklasse Russlands, halten es für unsere Pflicht zu erklären, dass für den gegenwärtigen Krieg – eine Frucht der Politik der Eroberungen und der Gewalt, praktiziert durch alle kapitalistischen Staaten – die herrschenden Kreise aller kriegsführenden Länder die Verantwortung tragen und dass der Krieg den Gefühlen und Stimmungen der bewussten Elemente des russischen Proletariats widerspricht, genauso wie denen des internationalen Proletariats.
Fern vom falschen Patriotismus, unter dessen Deckmantel die herrschende Klasse eine räuberische Politik verfolgt, erfüllt das Proletariat, der ständige Verteidiger der Freiheit und der Interessen des Volkes, in jedem Moment seine Pflicht und wird die kulturellen Errungenschaften des Volkes vor jedem Angriff, ob er von außen oder von innen kommt, verteidigen.“3
Diese Formulierungen spiegeln die Haltung des überwiegenden Teils der russischen Sozialdemokratie wider: Auf der einen Seite positionierte man sich gegen den imperialistischen Krieg, auf der anderen betonte man aber auch das Recht, sich im Falle eines äußeren Angriffes zu verteidigen. Die Bolschewiki zeigten in der Kriegsfrage größte Einigkeit. Sie lehnten ihn geschlossen ab und wollten kompromisslos am Klassenkampf festhalten. Ihre Duma-Abgeordneten wurden im November 1914 verhaftet und wegen Verrats angeklagt. Lenin und Sinowjew vertraten im westeuropäischen Exil die Auffassung, das Proletariat müsse den imperialistischen Krieg in einen revolutionären Bürgerkrieg verwandeln. In sämtlichen Ländern sollten sich die Arbeiter:innen gegen ihre eigene Regierung stellen und die Kriegsanstrengungen sabotieren.4 Die Menschewiki waren in der Kriegsfrage gespaltener. Die Losung, hinter der sich das unter anderem von Julius Martow geführte Organisationskomitee versammelte, lautete „Frieden ohne Annexionen und Reparationen“; sie zielte nicht auf eine Revolution, sondern auf die Wiederherstellung des status quo ante bellum. Mit Georgi Plechanow wich jedoch einer ihrer prominentesten Vertreter von dieser Linie ab und sprach sich für die Bewilligung der Kriegskredite und die Aussetzung von Streiks aus. Allerdings wurden die Debatten, die die Führer der russischen Sozialdemokratie im westeuropäischen Exil austrugen, in Russland nur bedingt zur Kenntnis genommen, da die Informationslage aufgrund des Krieges sehr eingeschränkt war. Die dortige Spaltung in der Kriegsfrage beruhte nicht auf der Lagerbildung entlang der Linien von „Defätismus“ und „Landesverteidigung“, sondern war Resultat der jeweiligen Haltung zur liberalen Bourgeoisie. Während die Bolschewiki, aber auch andere Parteien wie die lettische Sozialdemokratische Arbeiterpartei und ein nicht unbeträchtlicher Teil der Menschewiki und Sozialrevolutionär:innen sie als politischen Gegner betrachteten, suchten die Duma-Abgeordneten um Nikolos Tschcheidse, Matwei Skobelew (beide Menschewiki) sowie Alexander Kerenski (Trudowik, eine der sozialrevolutionären Partei nahestehende Gruppierung) die Zusammenarbeit mit ihr. Da die Liberalen wiederum militante Kriegsbefürworter:innen waren und auch bei anderen zentralen Themen gegensätzliche Auffassungen vertraten, führte dies dazu, dass sich die moderaten Sozialist:innen in der Kriegsfrage, aber auch in der Agrarfrage und der sozialen Frage zu Kompromissen genötigt sahen.
Die wesentliche Differenz innerhalb der russischen Sozialdemokratie bestand also in der Art und Weise, wie der Kampf gegen den Zarismus geführt werden sollte: Während der überwiegende Teil der Menschewiki und Sozialrevolutionär:innen auf eine Zusammenarbeit mit der eigenen sowie der ausländischen, alliierten Bourgeoisie setzte – eine Strategie, die als „Versöhnlertum“ bezeichnet wurde5 –, vertraten die Bolschewiki und andere radikale Parteien die Position, dass eine effektive Verteidigung den Bruch mit der eigenen Bourgeoisie und den imperialistischen Verbündeten voraussetzt. So vollzog sich jenseits von Parteigrenzen eine Spaltung in moderate und radikale Kräfte; in Petrograd arbeiteten die radikalen Sozialist:innen der unterschiedlichen Parteien (Bolschewiki, die menschewistische Initiativ-Gruppe, die Meschrajonzy6 sowie linke Sozialrevolutionär:innen) an der Basis eng zusammen.
Während die Radikalen also auf eine unabhängige Politik der arbeitenden Klassen setzten, waren die Gemäßigten um eine Zusammenarbeit mit den Liberalen bemüht. Diese rückten aufgrund ihrer Enttäuschung über die Regierungspolitik – insbesondere nach der Gründung des progressiven Blocks – zunehmend nach links und öffneten sich für eine Kooperation mit der Arbeiter:innenbewegung. Die Liberalen hofften auf eine Schwächung der zaristischen Herrschaft und waren überzeugt davon, dass die „Gesellschaft“ die Gestaltung des Gemeinwohls in die eigenen Hände nehmen müsse. Dafür wurden aus der Zivilgesellschaft heraus Organisationen wie das Semgor (das zentrale Komitee der Allrussischen Zemstwo- und Städteunion zur Versorgung der Armee) und das Kriegsindustriekomitee ins Leben gerufen, die Parallelstrukturen zu den bereits bestehenden staatlichen Einrichtungen etablierten und dem Zweck dienten, die Kriegsanstrengungen zu unterstützen.7
Nach Kriegsausbruch führten die Wyborger Metallarbeiter:innen als radikaler Kern der Petrograder Arbeit:innenbewegung zwar eine Demonstration durch, an der 27.000 Menschen teilnahmen, jedoch folgte darauf zunächst eine Periode, in der die Streikbewegung zum Erliegen kam (Juli 1914 – Juli 1915).8 Die Ausrichtung der Wirtschaft auf die Kriegsproduktion führte dazu, dass die überwältigende Mehrheit des stetig wachsenden Petrograder Proletariats in der Metallindustrie Rüstungsgüter herstellte. Die größten (staatlichen) Fabriken waren die Putilow-Werke (24.000 Beschäftigte), die Petrograder Rohrfabrik (19.046), die Maschinenbaufabrik Obuchow (10.600) und die Ochta-Sprengstofffabrik (10.200). Die Streikbewegung während des Krieges hatte ihren Schwerpunkt jedoch in den kleineren, meist privaten Fabriken auf der Wyborger Seite wie Neu Lessner (6.500), Parviainen (7.300) und Aivaz (4.000). Gewerkschaften konnten sich während des Krieges nicht legal betätigen. Möglichkeiten der legalen Organisation waren dagegen in der Teilnahme an Kulturklubs oder den Krankenversicherungen gegeben.9 Die mit dem Krieg einhergehende Verschlechterung der Lebensbedingungen, die sich unter anderem in einer Verknappung von Lebensmitteln und einer hohen Inflation ausdrückte, führte bereits im Sommer 1915 zu Hungerrevolten und Streiks. Die Streikwelle im August und September 1915 nahm ihren Ausgang von einem Textilarbeiterstreik in Ivanovo-Voznesensk, bei dem 30 Arbeiter von der Polizei ermordet wurden. Dies löste Solidaritätsstreiks in Petrograd aus, auf die der Staat wiederum mit der Verhaftung von Revolutionär:innen und Aktivist:innen in den Krankenversicherungen reagierte, was eine weitere Welle an Solidaritätsstreiks hervorrief und zur Gründung eines stadtweiten Streikkomitees führte.10 Die Streiks in Ivanovo-Voznesensk begannen dabei zunächst als Brotstreiks, nahmen nach der Verhaftung von sozialdemokratischen Aktivist:innen jedoch einen politischen Charakter an. Nach diesen Auseinandersetzungen blieb die Zahl der Streiks auf einem hohen Niveau. Im Frühjahr 1916 erreichten die Arbeitsniederlegungen eine neue Hochphase, bei der es erneut zu einer Auseinandersetzung in den Putilow-Werken kam. Das Petersburger Komitee der Bolschewiki und der Sozialrevolutionär:innen rief in der Folge zu einem Generalstreik auf, der jedoch in einer herben Niederlage endete: Politisch aktive Arbeiter:innen wurden entlassen und an die Front geschickt. Im Herbst verschlechterte sich die Lebensmittelversorgung, auch weil das Eisenbahnnetz den Erfordernissen des Krieges nicht gewachsen war. Durch die zunehmende Bevölkerungskonzentration in den nördlichen Industrieregionen und an der Westfront konnten Lebensmittel nicht entsprechend verteilt werden. Die Ermüdung der russischen Armee, die massive Verluste erlitt, äußerte sich zunehmend in Desertion und mangelnder Kampfbereitschaft. Hatte der Zar zunächst die Liberalen gegen sich aufgebracht, weil er ihnen nur scheinbar Konzessionen machte, jedoch keinen Deut von der Alleinherrschaft ablassen wollte, so verloren auch die stärksten Unterstützer von Nikolaus II. allmählich die Geduld, als Gerüchte über den Einfluss des Wunderheilers Rasputin auf die Zarenfamilie die Runde machten und die Regierung durch ständige Ministerwechsel zunehmend handlungsunfähig wurde. Miljukow brachte die Stimmung in den oberen Kreisen auf den Punkt, als er in einer Rede in Bezug auf das Regierungshandeln die Frage stellte: „Ist das Dummheit oder Verrat?“
Die Februarrevolution und die Herausbildung der Doppelherrschaft
Am 22. Januar, dem Jahrestag des Blutsonntags, streikten 142.000 Arbeiter:innen.11 Als die Duma am 27. Februar nach ihrer zeitweisen Schließung wiedereröffnet wurde, gingen 84.000 in den Streik. Der endgültige Sturz des Zarismus nahm jedoch am internationalen Frauentag seinen Ausgang. Am Morgen des 8. März fanden in zahlreichen Textilfabriken Wyborgs illegale Versammlungen statt, an denen überwiegend Arbeiterinnen teilnahmen, die bereits seit Längerem in der Streikbewegung aktiv waren. Die Schichten dort dauerten bis zu 13 Stunden am Tag, und danach mussten die Frauen noch Schlange stehen, um an Brot zu kommen, während viele ihrer Männer und Söhne an der Front ihr Leben ließen. An diesem Tag verließen sie ihre Arbeitsplätze und zogen zu den Nobel-Werken, wo sie Schneebälle an die Fensterscheiben warfen und die Arbeiter von den Werkbänken holten. Gegen 10 Uhr befanden sich bereits 27.000 Arbeiter:innen auf der Wyborger Seite im Streik. In den nächsten Tagen weiteten sich die Kämpfe aus und ergriffen auch die unorganisierten Sektoren der Arbeiterklasse – die Beschäftigten in kleinen Fabriken, Kellner, Köche usw. – sowie die die in Petrograd stationierten Teile der Armee, was für den weiteren Verlauf entscheidend war: Am 11. März fand die erste große Soldatenrevolte statt, die Revolte des Pawlowski-Regiments. Als die Soldaten von Arbeiter:innen hörten, dass ihre Kameraden auf Demonstranten geschossen hatten, gerieten sie in Zorn, brachen die Munitionslager auf und begaben sich auf die Straße. Die Streikbewegung weitete sich so zu einer Revolution aus.
Am 12. März wurden inmitten des revolutionären Taumels im taurischen Palast, dem Sitz der Duma, sowohl der Petrograder Rat als Klassenorganisation der Arbeiter:innen als auch das sogenannte Duma-Komitee gegründet, in dem sich die besitzenden Klassen um den progressiven Block organisierten.12 Bei der ersten Sitzung des Rats waren neben einigen hastig aus den Fabriken entsandten Delegierten überwiegend moderate Kräfte aus dem Umfeld der sozialdemokratischen und sozialrevolutionären Duma-Fraktion sowie der Arbeitergruppe anwesend, die mehrheitlich die Ansicht vertraten, dass die Macht in die Hände einer bürgerlichen Regierung gelegt werden müsse.13 Durch seine Verbindung zu den aufständischen Massen konnte der Rat unmittelbar auf sie einwirken und Sofortmaßnahmen treffen. „Es war jedem klar, dass dem Sowjet alle vorhandenen Arbeiterorganisationen zur Verfügung standen, dass es von ihm abhing, die stillstehenden Straßenbahnen, Fabriken, Zeitungen wieder in Gang zu bringen und sogar die Ordnung wiederherzustellen“, so Nikolaj Suchanow.14 Die Zahl der Mitglieder des Rates wuchs in den ersten Tagen auf über 2.000 Delegierte, aber die wesentlichen Entscheidungen traf sein Exekutivkomitee.15
Das Duma-Komitee war zu diesem Zeitpunkt noch auf den Erhalt der Monarchie orientiert und setzte sich zunächst lediglich die Aufgabe, die Ordnung in der Hauptstadt wiederherzustellen. Obwohl am Abend offensichtlich war, dass sich die Straßen in den Händen der Aufständischen befanden, beanspruchten die Liberalen um Rodzjanko, Miljukow und Co. zunächst nur widerwillig die Macht für sich: „Wenn wir die Macht nicht übernehmen, dann werden es andere tun, diejenigen, die bereits einige Halunken in den Fabriken gewählt haben,“ so V. V. Schulgin, ein konservativer Abgeordneter.16 Das Duma-Komitee war jedoch auf die Unterstützung von Arbeitervertretern angewiesen, die als Vermittler zum Rat dienten und so seine eigene Autorität stärken sollten. Kerenski schwor in diesen Tagen die Soldaten auf den taurischen Palast als Zentrum der Revolution ein und überzeugte den Rat davon, dass die Duma die militärische Autorität in der Hauptstadt bilden müsse.
Das neu gebildete Exekutivkomitee des Petrograder Rates diskutierte am 14. März die Regierungsfrage. Dabei dominierte die Ansicht, dass man dem Duma-Komitee die Bildung einer provisorischen Regierung überlassen müsse. Wie Suchanow erklärte, sah man seine Aufgabe darin, die Bourgeoisie zur Machtübernahme zu nötigen. Nur eine Minderheit von einigen Bolschewiki, SR-Maximalist:innen17 und Meschrajonzy18 sprach sich zu diesem Zeitpunkt für die Bildung einer provisorischen revolutionären Regierung der Sozialisten aus. Am selben Tag wurde der Rat jedoch mit der wütenden Reaktion einiger Soldaten konfrontiert, nachdem das Duma-Komitee sie aufgefordert hatte, in die Baracken zurückzukehren und ihren Offizieren Folge zu leisten. Die Soldaten sahen darin einen Aufruf zur Wiederherstellung der alten Ordnung und drängten auf eine Demokratisierung der Armee. Als die Militärkommission des Duma-Komitees sich weigerte, ihnen Zugeständnisse zu machen, nötigten sie den Rat dazu, den Befehl Nr. 1 zu erlassen. Er sah Maßnahmen zur Demokratisierung des Militärs vor – respektvoller Umgang der Vorgesetzten mit den einfachen Soldaten, Gewährung bürgerlicher Rechte außerhalb des Dienstes – und rief die Soldaten dazu auf, Komitees zu bilden und Delegierte in den Rat zu entsenden. Befehle der militärischen Kommission der Reichsduma sollten nur ausgeführt werden, „wenn sie zu den Befehlen und Beschlüssen des Rates der Arbeiter- und Soldatendelegierten nicht in Widerspruch stehen.“19 De facto bedeutete dies die Unterordnung der Petrograder Garnison unter den Rat, was dessen Position gegenüber dem Duma-Komitee erheblich stärkte, da so neben den Arbeiter:innen auch die Soldaten seine Machtbasis bildeten.
Am 14. März trafen sich Vertreter des Rates mit dem Duma-Komitee, um über die Regierungsbildung zu verhandeln. Sie machten dabei klar, dass sie ihm diese Aufgabe überlassen würden, stellten aber Forderungen wie etwa Amnestien für Häftlinge, die Garantie bürgerlicher Grundrechte sowie die Abhaltung von Kommunalwahlen. Diese Forderungen stießen beim Komitee auf keinen Widerstand, da sie den liberalen Reformideen des progressiven Blocks entsprachen. Am 14. März wurde der Zar abgesetzt und die provisorische Regierung – die so hieß, weil sie zu einem späteren Zeitpunkt einer konstituierenden Versammlung Platz machen sollte – unter der Leitung von Fürst Georgi Lwow gebildet. Sowohl die orthodoxe Kirche als auch der Adel erkannten sie an; selbst Großfürst Michail, von Nikolaus II. zu seinem Nachfolger auserkoren, rief dazu auf, ihr Folge zu leisten. Kerenski, der stellvertretende Vorsitzende des Petrograder Sowjets, wurde Justizminister – und avancierte damit zur wichtigsten sozialistischen Führungsfigur –, obwohl sich das Exekutivkomitee gegen einen Regierungseintritt ausgesprochen hatte.
Tsereteli und die Friedenspolitik der moderaten Sozialisten
Nach der Februarrevolution kehrten viele führende Revolutionäre der unterschiedlichen sozialistischen Parteien aus Exil oder Gefangenschaft zurück – etwa der Menschewik Irakli Tsereteli, Maria Spiridonowa und Viktor Tschernow20 sowie Bolschewiki wie Lenin, Lew Kamenew und Stalin. Durch die Revolution eröffnete sich für die Parteien nun die Möglichkeit freier Agitation und Propaganda.
Als der Petrograder Rat mit dem Duma-Komitee über die Regierungsbildung verhandelte und seine Forderungen präsentierte, blieben sozioökonomische und außenpolitische Fragen ausgespart. Was die Außenpolitik betrifft, war die überwältigende Mehrheit der Sozialist:innen für die Beendigung des Krieges und die Aufgabe imperialistischer Kriegsziele. Dies stand jedoch in krassem Gegensatz zu den Auffassungen der Kadetten, deren Führer Miljukow in der provisorischen Regierung Außenminister wurde. Es war allgemein bekannt, dass er eine auf Expansion ausgerichtete Kriegspolitik unterstützte, weshalb er auch „Miljukow der Dardanellen“21 genannt wurde.
Die Politik des Rates wurde von Irakli Tsereteli bestimmt, der gerade aus dem sibirischen Exil zurückgekehrt war und die sogenannten sibirischen Zimmerwalder anführte.22 Die Gruppe hieß so, weil sie sich aus dem fernen Exil den Prinzipien der im September 1915 tagenden Zimmerwalder Konferenz verschrieben hatte.23 Ihr gelang es bereits kurz nach ihrer Rückkehr, die Mehrheit des Rates hinter sich zu vereinen, wobei sie sich vorrangig auf die Vertreter der Soldaten stützte.24
Tseretelis Plan bestand darin, die provisorische Regierung durch Verhandlungen dazu zu bewegen, den imperialistischen Kriegszielen abzuschwören. Er setzte ausschließlich auf Absprachen zwischen politischen Führern; Massenaktionen lehnte er als Kampfmittel ab. Nach seiner Ansicht konnte die Armee das Land besser verteidigen, wenn die Regierung der Bevölkerung verständlich machte, dass sie den Krieg alleine zum Zweck der Verteidigung fortsetzte. Diese Position der „revolutionären Verteidigung“ betonte das Recht der revolutionären Demokratie, sich gegen den deutschen Imperialismus zur Wehr zu setzen, aber ebenso, dass jede Form von Annexionen illegitim sei und der Krieg durch einen allgemeinen Verhandlungsfrieden beendet werden müsse.25
Entsprechend dieser Linie drängte der Rat die Regierung zu einer gemeinsamen außenpolitischen Erklärung, die die Aufgabe der imperialistischen Kriegsziele beinhalten sollte. Tatsächlich veröffentlichte die Regierung am 11. April ein entsprechendes Dokument, doch gleichzeitig spielte Außenminister Miljukow dessen Bedeutung herunter und betonte, man halte an den expansionistischen Kriegszielen fest. Dies löste unter den Sozialist:innen Empörung aus, sodass der Druck auf Miljukow weiter wuchs und er sich schließlich genötigt sah, die Erklärung vom 11. April an die Alliierten zu übersenden. Da er aber nicht klein beigeben wollte, bekräftigte er in einem Begleittelegramm, Russland werde sich an seine Bündnisverpflichtungen halten und auf einen Siegfrieden hinarbeiten. Die sogenannte Miljukow-Note löste Demonstrationen aus, auf denen sein Rücktritt gefordert wurde.
Eine Begleiterscheinung dieser Auseinandersetzung war, dass die Forderung nach einer Koalitionsregierung der bürgerlichen und sozialistischen Parteien zunehmend an Popularität gewann. Die Sozialrevolutionär:innen begrüßten die Idee, die Menschewiki unter der Führung Tseretelis beurteilten sie jedoch skeptisch, da sie ihrer Grundüberzeugung widersprach, die jegliche Regierungsbeteiligung ausschloss.26 So argumentierte Tsereteli, der Eintritt in eine Koalitionsregierung werde bei den Massen unerfüllbare Hoffnungen säen, sie so den radikalen Sozialist:innen in die Arme treiben und den Einfluss der Moderaten auf die Regierung – trotz Beteiligung an ihr – schwächen. Für die Menschewiki sei es daher vorteilhafter, von außen Einfluss auf sie auszuüben. Der Druck zur Bildung einer Koalitionsregierung war jedoch immens und verstärkte sich noch durch den Rücktritt des Kriegsministers Guchkow. Am 15. Mai stimmte das Exekutivkomitee des Rates schließlich für den Eintritt der sozialistischen Parteien in die Regierung. Unter anderem wurde Tsereteli Minister für Post- und Fernmeldewesen (ein vergleichsweise unbedeutendes Amt, das er anscheinend bewusst gewählt hatte) und Skobelew Arbeitsminister; Miljukow wurde zwar ein Posten als Bildungsminister angeboten, er lehnte jedoch ab. Die Regierungsbeteiligung der Gemäßigten hatte weitreichende Folgen für die russische Sozialdemokratie, da sich in vielen Regionen des Reiches – etwa Georgien und Baku – gemeinsame Parteikomitees auflösten und eigene menschewistische und bolschewistische Organisationen gegründet wurden.27
Der Austritt Miljukows aus der Regierung eröffnete den moderaten Sozialist:innen die Möglichkeit, die Friedenspolitik Teseretelis zu verfolgen, die auf zwei Stützen ruhte. Einerseits sollte im Anschluss an die Zweite Internationale eine sozialistische Konferenz in Stockholm durchgeführt werden. Dabei konnte auf bereits existierende Bestrebungen der skandinavischen Sozialist:innen und des internationalen sozialistischen Komitees, das aus Kienthal und Zimmerwald hervorgegangen war, zurückgegriffen werden. Die Absicht hinter der Einberufung einer solchen Konferenz bestand darin, sich auf einen gemeinsamen sozialistischen Weg zum Frieden zu verständigen. Die Sozialist:innen in den jeweiligen Ländern sollten Druck auf ihre Regierungen ausüben, um den Krieg zu Bedingungen zu beenden, die für alle Parteien akzeptabel wären.
Inhaltlich hatten die russischen Sozialist:innen – sowohl die moderaten als auch die radikalen – dabei die stärksten Übereinstimmungen mit den Minderheitsfraktionen der westeuropäischen Länder. Sie wollten jedoch auch die Mehrheitsfraktionen, die die Kriegspolitik ihrer jeweiligen Regierungen unterstützten, zur Teilnahme an der Konferenz bewegen. Das war allerdings mit unüberwindlichen Schwierigkeiten verbunden. Die Mehrheitsfraktionen standen nicht geschlossen und überzeugt hinter der Friedenspolitik des Petrograder Rates, sondern waren direkt in die Kriegsanstrengungen ihrer Staaten eingebunden und betrachteten die russische Revolution mit gemischten Gefühlen. Die Hoffnung, die Tsereteli in die europäischen Sozialist:innen legte, erwiesen sich als verfehlt. Insbesondere die Französ:innen stellten Bedingungen an eine Teilnahme: Die deutsche Sozialdemokratie sollte den Burgfrieden aufkündigen, ohne dass sie selbst aus der Regierung ihres Landes austreten wollten. Hinzu kam, dass einige Staaten ankündigten, den prospektiven Teilnehmer:innen an der Konferenz die Ausreise zu verweigern. Die zweite Stütze der Friedenspolitik Tseretelis war das Bemühen, die Alliierten über traditionelle diplomatische Kanäle zur Revision ihrer Kriegsziele zu bewegen, was jedoch ebenfalls keinen Erfolg zeitigte.28
Da alle Bestrebungen Tseretelis, einen gerechten Frieden herbeizuführen, im Sande verliefen, fand sich der Rat in einer Sackgasse wieder. Einen Separatfrieden mit Deutschland lehnten alle sozialistischen Parteien ab. Vor dem Hintergrund, dass ein allgemeiner Verhandlungsfriede jedoch in weite Ferne rückte, sahen sich die Gemäßigten jeder Möglichkeit beraubt, den Krieg zu beenden. Um aus dieser Sackgasse herauszukommen, gewann die von rechten Kreisen favorisierte Idee einer militärischen Offensive auch unter ihnen an Popularität. Man wollte durch Erfolge auf dem Schlachtfeld beweisen, dass das russische Reich weiterhin ein ernstzunehmender Partner sei, und hoffte so, der Friedenspolitik des Rates neues Leben einzuhauchen. Dies war jedoch eine katastrophale Fehleinschätzung. Die nach Kerenski benannte Offensive scheiterte innerhalb weniger Tage, führte zu einem Zusammenbruch der Front und hatte große Gebietsverluste in Galizien zur Folge; die Stellung der provisorischen Regierung gegenüber den Verbündeten wurde entgegen der Absicht Kerenskis massiv geschwächt. Mit dem katastrophalen Verlauf der Offensive lag die Friedenspolitik der moderaten Sozialist:innen in Trümmern.
Die soziale Revolution in den Fabriken
Die Arbeiter:innenklasse Petrograds erhoffte sich von der Februarrevolution nicht nur demokratische Freiheiten, sondern auch die unmittelbare Verbesserung ihrer Arbeits- und Lebensbedingungen. Zentrale Forderungen waren der 8-Stunden-Tag, erhebliche Lohnerhöhungen sowie die Demokratisierung des Fabrikregimes. Als der Rat am 18. März zur Wiederaufnahme der Arbeit aufforderte, rief dies Widerstand in Teilen der Arbeiterschaft hervor, da der seit vielen Jahren geforderte 8-Stunden-Tag noch immer nicht Realität war. Daher ignorierten die meisten Fabriken den Aufruf des Petrograder Rates entweder und streikten weiter, oder führten den 8-Stunden-Tag eigenmächtig ein.29
Die Demokratisierung des Fabriklebens fand vor allem durch die Gründung von Fabrikkomitees statt. In den privaten Betrieben hatten die Petersburger Unternehmer in den Jahren vor der Revolution jede Form von Mitbestimmung und Organisierung am Arbeitsplatz kategorisch ausgeschlossen. In den staatlichen wiederum herrschte während des Krieges die härteste Fabrikdespotie. Die Leitung übten teilweise Militärs aus, die eng mit dem Staatsapparat verflochten waren. Mit dem Sturz des Zarismus geriet auch dieses System ins Wanken; die Arbeiter:innen sahen die Revolution als Gelegenheit, es umzustürzen. Besonders repressive Teile der Fabrikleitung beförderten sie während der Februarrevolution in Schubkarren und mit Säcken über den Köpfen aus den Fabriken hinaus. Viele der Flotten- und Armeeoffiziere, die als Betriebsleiter fungierten, ergriffen während der Revolution selbst die Flucht. Hatte die Streikbewegung während des Krieges ihren Schwerpunkt im Privatsektor, so entfalteten die Fabrikkomitees nach der Februarrevolution in den Staatsbetrieben die stärkste Aktivität.
Die Fabrikkomitees hatten eine sehr breite Palette an Aufgaben. Sie regelten die innere Ordnung der Betriebe (Arbeitszeiten, Löhne, Aufrechterhaltung der Fabrikdisziplin), versuchten aber auch die Lebensmittelversorgung der Belegschaft sowie die Versorgung der Fabriken mit Rohmaterialien zu gewährleisten. Häufig wurden zudem bewaffnete Arbeitermilizen und rote Garden gegründet.
Aufgrund dieser Vielzahl an Aufgaben und der Bedrohung, die die Komitees aus der Perspektive der Fabrikherren darstellten, wurden Versuche unternommen, ihre Zuständigkeiten klar zu umreißen. Die dominierenden sozialistischen Strömungen, einschließlich der Bolschewiki, waren sich darin einig, dass eine Enteignung und darauf folgende Selbstverwaltung der Fabriken durch die Arbeiter:innen nicht auf der unmittelbaren Tagesordnung standen.30 Insbesondere die moderaten Sozialist:innen hatten zudem die Befürchtung, dass die Komitees durch ihr Agieren die Fabrikherren verschrecken würden, mit denen sie auf politischer Ebene zusammenarbeiten wollten.
Am 6. Mai wurden die Fabrikkomitees schließlich durch ein von der provisorischen Regierung beschlossenes Gesetz institutionalisiert. Demnach nach sollten sie die Interessen der Beschäftigten in Bezug auf Arbeitszeit und Lohn vertreten sowie Konflikte unter ihnen schlichten. Kontrolle des Managements gehörte laut dem Gesetz dagegen nicht zu ihren Aufgaben. Während die realen Befugnisse der Komitees in Petrograd bereits weiter reichten, diente das Gesetz in anderen Teilen des Reiches als Motivation, überhaupt Komitees zu gründen.
Die Fabrikherren reagierten auf diese Offensive der Arbeiter:innenklasse mit einer Drosselung der Produktion und dem Abzug von Kapital. Während die liberale Presse dies auf die gestiegenen Kosten durch Verkürzung der Arbeitszeit und höhere Löhne zurückführte, vermutete der Rat dahinter einen bewussten Plan der Industriellen, die Arbeiterbewegung durch versteckte Aussperrungen zu schwächen. Und auch die Arbeiter:innen hegten den Verdacht, dass die Unternehmer die Produktion manipulierten, indem sie etwa Kohle, Metall oder Öl zurückhielten. Das war ein wesentlicher Antrieb für sie, sich beispielsweise durch die Kontrolle der Finanzbuchhaltung immer weiter in das Management einzumischen. In den Monaten nach der Februarrevolution spitzte sich der Klassenkampf zwischen Arbeiter:innenklasse und Bourgeoisie zu und führt zu einer immer weiteren Radikalisierung der Bewegung – die damit einhergehende Ausweitung der Befugnisse der Fabrikkomitees stand jedoch in offensichtlichem Widerspruch zu den Vorstellungen der Sozialist:innen. Das Dilemma der Arbeiterkontrolle bestand darin, dass sie auf der Prämisse fußte, die Kapitalisten würden sich von den Arbeiter:innen kontrollieren lassen. Das erwies sich jedoch als falsch, wie die Reaktionen der Kapitalisten zeigten, die unter anderem mit verdeckten Aussperrungen, der Drohung, Fabriken zu schließen, etc. auf die Offensive der Arbeiter:innen reagierten.
Die moderaten Sozialist:innen reagierten auf den Klassenkampf in den Fabriken mit dem Versuch, die Aktivität der Komitees einzuhegen, woraufhin sich die überwältigende Mehrheit der Arbeiter:innen von ihnen abwandte.31 Die führenden Aktivist:innen der Komitees waren deshalb Bolschewiki, denen es durch ihre Praxis in ihnen gelang, einen großen Teil der Petrograder Arbeiterklasse hinter sich zu vereinen. Hinzu kam, dass diese innerhalb der Partei die Mehrheit bildeten: Zwei Drittel der Petrograder Bolschewiki waren Arbeiter:innen.32 Bei den fünf stadtweiten Konferenzen der Komitees waren die Bolschewiki in der Mehrheit und auch ein Großteil der verabschiedeten Resolutionen stammte von ihnen.33 Den meisten Delegierten auf diesen Konferenzen schwebte eine staatlich gelenkte Planung der Wirtschaft vor, die auch lokale Initiative erlauben sollte. Sie führten die ökonomische Krise vor allem auf die bewusste Sabotage der Industriellen zurück und glaubten, der ökonomische Verfall könne durch die Praxis der Fabrikkomitees aufgehalten werden.
Die Landfrage und die Krise der Lebensmittelversorgung
Die Bäuerinnen und Bauern erhofften sich von der Februarrevolution eine Verbesserung ihrer elenden materiellen Lage, die vor allem durch Landmangel, hohe Steuer- und Abgabenlasten sowie durch fortbestehende wirtschaftliche Abhängigkeiten von den Großgrundbesitzern verursacht war. Was die Landknappheit betrifft, so hatte sie sich im europäischen Teil Russlands aufgrund der demografischen Entwicklung drastisch verschärft – zwischen 1864 und 1913 war die Bevölkerung von 61 auf 122 Millionen Menschen gewachsen. Die Bauernschaft strebte daher die entschädigungslose Enteignung der Gutsbesitzer an, denen ein nicht unerheblicher Teil der Landflächen gehörte. Eine der ersten Handlungen der provisorischen Regierung war es, die Eigentumsrechte durch das Verbot von illegalen Enteignungen zu schützen. Als im Mai 1917 die erste Koalitionsregierung gebildet wurde, trat Viktor Tschernow, einer der Gründer der Sozialrevolutionären Partei und Teilnehmer an der Konferenz von Zimmerwald, als Landwirtschaftsminister in sie ein. Das Ministerium war für die Sozialrevolutionär:innen entscheidend, da die Partei sich als Interessenorganisation der Bäuerinnen und Bauern verstand und seit ihrer Gründung das Ziel der Sozialisierung des Landes verfolgt hatte. So beinhaltete das von Tschernow verfasste Parteiprogramm unter anderem die Abschaffung des Privateigentums an Grund und Boden sowie seine Verwaltung durch demokratische Organisationen des Volkes. Als Tschernow Agrarminister wurde, waren moderate Stimmen in der Partei jedoch bereits von diesem Programm abgerückt und sprachen sich zum Beispiel für die Entschädigung der Gutsbesitzer im Falle von Enteignungen aus. Dies war Ausdruck einer Tendenz, die radikalen Forderungen des Programms zugunsten von Konzessionen an die Koalitionspartner abzuschwächen. Insbesondere die Kadetten als Interessenvertreter der Grundeigentümer waren nicht für eine radikale Agrarreform zu gewinnen. In der provisorischen Regierung setzte sich deshalb die Position durch, sie selbst sei zur Durchführung einer Agrarreform nicht befugt und über die Landfrage müsse daher eine konstituierende Versammlung entscheiden. Während seiner Zeit als Agrarminister bemühte sich Tschernow, das Land bereits vor dem Zusammentreten der konstituierenden Versammlung in die Hände von Landkomitees zu übergeben. Diese Komitees rief die provisorische Regierung als Ersatz für die alten zaristischen Behörden ins Leben; sie sollten unter anderem Konflikte zwischen Gutsbesitzern und Bauern und Bäuerinnen beilegen sowie durch die Erfassung der vorhandenen Landflächen die Agrarreform vorbereiten. Sie begannen jedoch, eigenständig Gutsbesitzer zu enteignen und ihr Land an die Bauern zu verteilen. Tschernow billigte diese Schritte, obwohl sie eindeutig über die legalen Befugnisse der Komitees hinausgingen, und zog so den Unmut seiner liberalen Koalitionspartner auf sich.34 Darüber hinaus setzte er sich für die Aussetzung der Stolypinschen Reformen ein, die die Auflösung des bäuerlichen Gemeineigentums zugunsten von Marktmechanismen zum Ziel hatten.35 Und er setzte sich für ein Verbot des Handels mit Grund und Boden ein, was ebenfalls die Kadetten gegen ihn aufbrachte, die ihn aus der Regierung drängen wollten.36 Während Tschernows Bemühungen am Widerstand der Grundeigentümer scheiterten, begannen die Bauern eigenmächtig, sich deren Land und Eigentum anzueignen. Versuchten sie dies zunächst über die Landkomitees, so brach sich im Herbst ihre Wut in einer Reihe von Aufständen Bahn, die das Reich erschütterten und denen insbesondere die großen Besitzungen des Landadels zum Opfer fielen.
Während sich die provisorische Regierung aufgrund ihrer unvereinbaren Standpunkte zu keiner Agrarreform durchringen konnte, versuchte sie auf der anderen Seite, die Bauern bei der Versorgung der Städte mit Getreide in die Pflicht zu nehmen. Eine wichtige Ursache für den Sturz des Zarismus war, dass der Staat diese Versorgung nicht mehr sicherstellen konnte. Er scheiterte daran, weil er den Bauern keinen angemessenen Gegenwert für ihr Getreide bot und außerdem nicht in der Lage war, das vorhandene Getreide dorthin zu transportieren, wo es gebraucht wurde. Erschwert wurde die Situation insbesondere durch den Krieg, der zu einem Arbeitskräftemangel auf dem Land führte und zugleich die in der Landwirtschaft benötigten Importgüter verknappte. Die provisorische Regierung sah sich nach der Februarrevolution angesichts des fortdauernden Krieges vor die Aufgabe gestellt, dieses Problem zu lösen. So führte sie im März 1917 ein Getreidemonopol ein: Überschüssiges Getreide mussten die Bauern zu festgelegten Preisen an den Staat abliefern, der als Einziger zu seinem Kauf und Verkauf befugt war. Darüber hinaus wurden lokale Nahrungsmittelkomitees gegründet, an denen die Bauern selbst teilnehmen sollten, um das System zu demokratisieren.37 Die Komitees sollten unter anderem die verfügbaren Getreideüberschüsse erfassen. Jedoch gelang dies nur bedingt, sodass letztlich auf Grundlage willkürlicher Schätzungen agiert wurde. Hinzu kam, dass die Bauern kaum dazu zu bewegen waren, ihr Getreide ohne einen entsprechenden Gegenwert abzugeben. Der Staat unternahm zwar Bemühungen, ihnen durch Festpreise für Güter des täglichen Bedarfs (etwa Leder, Textilien, Kerosin) entgegenzukommen, hatte damit aber nur sehr mäßigen Erfolg, da diese Güter nicht in ausreichendem Maß produziert wurden. Bloße moralische Appelle genügten jedoch nicht, um die Bauern zur Abgabe des Getreides zu bewegen. Die Lebensmittelversorgung in den Städten verschlechterte sich im Lauf des Jahres 1917 zunehmend.
Schlussfolgerung
Dem Bündnis aus moderaten Sozialist:innen und liberaler Bourgeoisie gelang es nicht, die in die Revolution gesetzten Hoffnungen zu erfüllen. Zwar wurden nach der Februarrevolution umfassende bürgerliche Freiheiten eingeführt, jedoch enttäuschte die Regierung bei der Lösung der dringendsten politischen und sozialen Fragen. Die Friedensbemühungen der moderaten Sozialist:innen um Tsereteli liefen ins Leere. Mit dem Andauern des Krieges wuchs die Unzufriedenheit unter den Massen, die sich von der Februarrevolution sein baldiges Ende versprochen hatten. Was die soziale Revolution in den Fabriken betraf, so scheiterten die moderaten Sozialist:innen daran, den Klassenkampf zu befrieden. Er spitzte sich immer weiter zu und radikalisierte die Arbeiter:innen, was das Bündnis der moderaten Sozialist:innen mit der Bourgeoisie weiter untergrub. Und auch im Hinblick auf die Agrarfrage waren die moderaten Sozialist:innen handlungsunfähig. Die Sozialrevolutionär:innen traten zwar für eine radikale Agrarreform ein, die die Enteignung der Großgrundbesitzer vorsah, konnten sie aber nicht umsetzen, da die liberale Bourgeoisie sich strikt dagegen stellte.
Die Strategie der moderaten Sozialist:innen führte sowohl bei den Arbeiter:innen als auch bei den Soldaten und der Bauernschaft zu Enttäuschung und Unmut. Dieses Scheitern war die Voraussetzung dafür, dass es den radikalen Kräften im Lauf des Jahres gelang, immer größere Teile der Bevölkerung auf ihre Seite zu ziehen. Die Bolschewiki wurden zum Sammelpunkt für alle, die von der Politik der Gemäßigten enttäuscht waren und einen politischen Bruch mit der Bourgeoisie forcierten: Im Juni schlossen sich die Meschrajonzy38 um Trotzki, Anatoli Lunatscharski und W. Wolodarski den Bolschewiki an, im August folgte ihnen der Martow nahestehende Menschewik Yuri Larin zusammen mit hunderten von Arbeiter:innen. Die Bolschewiki wurden so zum Anziehungspunkt für alle von der gemäßigten Politik enttäuschten Sozialist:innen und Arbeiter:innen.
Literatur
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- Deklaration der sozialdemokratischen Deputierten der 4. Reichsduma in Verbindung mit dem Anfang des Krieges. 26. Juli 1914. Online abrufbar unter: https://docs.historyrussia.org/ru/nodes/19478-deklaratsiya-sotsial-demokraticheskih-deputatov-iv-gosudarstvennoy-dumy-v-svyazi-s-nachalom-voyny-26-iyulya-1914-g#mode/inspect/page/1/zoom/4.
- Draper, Hal (1954): „The Myth of Lenin’s ‚Revolutionary Defeatism‘“. New International. September 1953–Februar 1954. Online abrufbar unter: https://www.marxists.org/archive/draper/1953/defeat/index.htm.
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- Mandel, David (2018): The Petrograd Workers in the Russian Revolution. February 1917–June 1918. Chicago: Haymarket.
- Martow, Julius (1905): Die Arbeiterpartei und die „Machtergreifung“ als unsere nächste Aufgabe. Iskra, 17. März 1905.
- Macnair, Mike (2006): „War and revolutionary strategy“. Weekly Worker. 19. April 2006. Online abrufbar unter: https://weeklyworker.co.uk/worker/621/war-and-revolutionary-strategy/.
- McAuley, Mary (1991): Bread and Justice. State and Society in Petrograd 1917–1922. Oxford: Clarendon Press.
- Miéville, China (2017): October: The Story of the Russian Revolution. London/New York: Verso.
- Lenin, Wladimir Iljitsch (1917): „Die drohende Katastrophe und wie man sie bekämpfen soll“. In: Werke. Bd. 25. Berlin: Dietz 1974. S. 327–377. Online abrufbar unter: https://www.marxists.org/deutsch/archiv/lenin/1917/09/katastrophe.html.
- Radkey, Oliver Henry (1958): The Agrarian Foes of Bolshevism: Promise and Default of the Russian Socialist Revolutionaries, February to October 1917. New York/London: Columbia University Press.
- Suchanow, Nikolaj Nikolajewitsch (1967): 1917. Tagebuch der russischen Revolution. München: R. Piper & Co Verlag. Russische ungekürzte Ausgabe online abrufbar unter: http://az.lib.ru/s/suhanow_n_n/text_1922_zapiski_o_revolyutzii.shtml
- 1. Mit dem Ausbruch des ersten Weltkrieges und der Reaktion der deutschen Sozialdemokratie haben wir uns vertiefend in unserem Text „Die Sozialdemokratie und der erste Weltkrieg“ auseinandergesetzt.
- 2. Die Duma, das Unterhaus im russischen Reich, wurde erst nach der 1905er-Revolution als Zugeständnis des Zaren an die Bevölkerung ins Leben gerufen, hatte jedoch keine wirkliche Macht, weshalb das politische System im russischen Reich auch als Scheinkonstitutionalismus bezeichnet wurde. Von der Radikalität der Duma abgeschreckt, initiierte die Regierung überdies 1907 eine Reform des Wahlrechts, welche die überwältigende Dominanz der traditionellen Elite sicherstellte, insbesondere die reichen Gutsbesitzer.
- 3. Übersetzung der Deklaration der sozialdemokratischen Deputierten der 4. Reichsduma in Verbindung mit Kriegsbeginn vom 26 Juli 1914. Die russische Version findet sich hier: Декларация социал-демократических депутатов IV Государственной Думы в связи с началом войны. 26 июля 1914 г.
- 4. Diese als revolutionärer Defätismus bezeichnete Auffassung diente Lenin und Sinowjew als zentraler Kampfbegriff in ihrer Polemik gegen die Sozialpatrioten und das Zentrum. Ausgehend von ihrer Analyse, dass es sich beim Ersten Weltkrieg um einen imperialistischen Krieg handele, der der Arbeiter:innenklasse die Möglichkeit eröffne, die Macht zu übernehmen, forcierten sie den Bruch mit der II. Internationale, deren Vertreter sich hinter die Kriegsanstrengungen ihrer Regierungen stellten. Kritisiert wurde die Losung vom „revolutionären Defätismus“ unter anderem von Leo Trotzki und Rosa Luxemburg dafür, dass sie suggeriert, man müsse sich im Weltkrieg für eine der kriegsführenden Seiten entscheiden. So schreibt Sinowjew beispielsweise: „Ja, wir sind für eine Niederlage ‚Rußlands‘, denn sie würde den Sieg Russlands, seine Entsklavung, seine Befreiung von den Fesseln des Zarismus fördern. Wo sind die Fälle in der neuesten Geschichte Europas, in denen der äußere Sieg einer reaktionären Regierung zur demokratischen Freiheit innerhalb des Landes geführt hätte?“ Lenin selbst erkannte nach seiner Rückkehr nach Russland jedoch, dass in den Massen die Auffassung tief verwurzelt war, man müsse sich gegen die deutsche Bedrohung verteidigen. Die bolschewistische Agitation versuchte dem Rechnung zu tragen, indem sie darauf verzichtete für eine russische Niederlage oder für die bewusste Sabotierung der russischen Kriegsführung zu agierten. Stattdessen wies man auf die imperialistischen Bestrebungen der russischen Führung hin, die sich nicht in einer bloßen Verteidigung gegen eine äußere Bedrohung erschöpften, sowie auf deren Unfähigkeit, eine effektive Verteidigung zu organisieren. Die Bolschewiki agitierten innerhalb der Reihen der Armee konsequent für den Klassenkampf, indem sie immer wieder betonten, dass die Interessen der herrschenden Klassen denen der Arbeiterklasse widersprachen. Diese Bemühungen waren ein wichtiger Baustein, um die Armee, in der sich die Kriegsmüdigkeit im Jahre 1917 immer mehr ausweitete, auf die Seite der Bolschewiki zu ziehen. Zur Kontroverse um den Begriff des revolutionären Defätismus vgl. vertiefend Draper, The Myth of Lenin’s „Revolutionary Defeatism“ und MacNair, War and revolutionary Strategy.
- 5. Übersetzung des russischen Wortes соглашательство. Die dahinterstehende Vorstellung ist, dass die moderaten Sozialist:innen an die Möglichkeit bzw. Notwendigkeit einer politischen Übereinkunft der revolutionären Demokratie auf der einen Seite (d. h. den Arbeiter:innen, den Bäuer:innen und den Soldaten) und der Zensus-Gesellschaft – also all denjenigen, die genügend Eigentum besaßen, um unter dem Zarismus wählen zu dürfen – auf der anderen Seite glaubten. Die Strategie der Bolschewiki wiederum war ganz auf den Bruch mit der Bourgeoisie ausgerichtet: „Nur der rückhaltlos konsequente Bruch mit den Kapitalisten in der Innen- wie in der Außenpolitik ist imstande, unsere Revolution und unser Land, das vom Imperialismus in eiserner Umklammerung gehalten wird, zu retten.“ (Lenin, Die drohende Katastrophe, S. 374). Die Trennung in moderate und radikale Sozialist:innen war eine Folge der ersten russischen Revolution von 1905, aus der die nach der Revolution entstandene moderate Strömung die Lehre zog, dass die Arbeiterklasse auf die Zusammenarbeit mit der Bourgeoisie angewiesen sei. Parteien, die sich nach 1905 dem moderaten Lager anschlossen, waren u. a. die georgischen Menschewiki, der jüdische Bund und die ukrainische sozialdemokratische Arbeiterpartei. Die Bolschewiki wiederum zogen aus der Revolution von 1905 und den Bauernprotesten von 1906 den Schluss, dass die Arbeiterklasse ein Bündnis mit der Bauernschaft anstreben solle. Vgl. hierzu: https://communaut.org/de/die-erste-russische-revolution-1905.
- 6. Die Meschrajonzy, die Zwischenbezirksorganisation der vereinigten Sozialdemokraten, war eine zwischen Bolschewiki und Menschewiki angesiedelte Organisation, der u. a. Trotzki angehörte. Sie strebte eine Vereinigung der Sozialdemokratie an. Ihre Mitglieder ca. 4.000, schlossen sich im Lauf des Jahres 1917 jedoch mehrheitlich den Bolschewiki an. Vgl. auch https://de.wikipedia.org/wiki/Meschrajonzy.
- 7. Das Kriegsindustriekomitee wurde von russischen Unternehmern gegründet, um die Regierung bei der Ausrüstung der Armee zu unterstützten. Das Kriegsindustriekomitee sollte auch der Arbeiterschaft einen Kanal für legale Beteiligung öffnen und rief dafür die sogenannte Arbeitergruppe ins Leben, deren Mitglieder durch Wahlen unter den Arbeiter:innen bestimmt wurden. Während die Bolschewiki gegen eine Beteiligung am Kriegsindustriekomitee waren und sich dafür einsetzten, dass die Arbeitergruppe sich der Mitarbeit verweigert, setzte sich die Mehrheit der Menschewiki für eine ernsthafte Beteiligung am Kriegsindustriekomitee ein. Ausschlaggebend für die Entscheidung, sich zu beteiligen, war für sie die Möglichkeit, die angestrebte Zusammenarbeit mit den Liberalen zu institutionalisieren und auf eine legale Grundlage zu stellen. „Wir haben kein Bedürfnis, Deutschland zu zerstören, und nicht zu diesem Zweck treten wir in das zentrale Kriegskomitee ein“, so Kusma Gwosdew, eines der Mitglieder der Arbeitergruppe. Nach der Wahl der Arbeitergruppe, die mehrheitlich aus Menschewiki und einigen Sozialrevolutionären bestand, verfolgte diese zunächst einen Kurs, der institutionelle Zugeständnisse zum Ziel hatte, während man sich gleichzeitig gegen die Beteiligung an Streiks und Demonstrationen stellte, um die Liberalen nicht zu vergraulen.
- 8. Die Wyborger Seite war der am stärksten proletarisch geprägte Stadtteil St. Petersburgs (das im August 1924 in Petrograd umbenannt wurde), in der sich zahlreiche Fabriken befanden. Dazu gehörten u. a. die staatliche Patronenfabrik und das Arsenal, die privat geführten Nobelwerke, die Maschinenbau- und Eisengießerei von G. A. Lessner sowie zwei Textilfabriken mit überwiegend weiblicher Belegschaft. Die hier angeführten Zahlen sind Hasegawa, The February Revolution entnommen.
- 9. Das Versicherungsgesetz von 1912 gab den Arbeitnehmer:innen das Recht, in den Betrieben Krankenkassen einzurichten, was der Arbeiterbewegung einen Ort der legalen Organisation bot.
- 10. Das Ausmaß der Streiks – in Petrograd beteiligten sich über 82.000 Arbeiter – löste Ängste bei den moderaten Sozialist:innen aus, da sie befürchteten, die Streiks könnten die fragile Koalition mit den Liberalen gefährden. Skobelew, Tscheidsche und Kerenski versuchten, die Arbeiter:innen daher davon zu überzeugen, die Arbeit wiederaufzunehmen.
- 11. Am Petersburger Blutsonntag 1905 machten sich zehntausende Arbeiter:innen in einem Sternmarsch auf den Weg zum Winterpalast, um dem Zaren eine Petition zu überreichen. Die Armee eröffnete daraufhin das Feuer auf dieDemonstrierenden, was zum Tod von mehreren hundert Menschen führte. Vgl. https://communaut.org/de/die-erste-russische-revolution-1905.
- 12. Der Rat gründete sich zunächst als „provisorische Exekutivkomitees des Rats der Arbeiterdeputierten“. Der offizielle Name des Duma-Komitees lautete „Vorläufiger Ausschuss der Mitglieder der Staatsduma für die Wiederherstellung der Ordnung in der Hauptstadt und der Herstellung von Beziehungen zu öffentlichen Organisationen und Institutionen“.
- 13. Nach dem Aufruf der moderaten Sozialisten zur Gründung des Rats der Arbeiterdeputierten und in Anbetracht der Tatsache, dass nun Wahlen stattfinden sollten, versuchten die von den Ereignissen überrollten radikalen Sozialisten, den Charakter des Rates in eine revolutionäre Kraft abzuändern und zu verhindern, dass dieser ein bloßes Hilfsorgan würde, welches die liberale Opposition bei der Bildung einer neuen Regierung zur Ablösung des zaristischen Regimes unterstütze. Jedoch erkannten sie die Bedeutung des Rates erst relativ spät: Von der ersten Sitzung am 12. März wird berichtet, dass Alexander Schljapnikow, einer der führenden Bolschewiki und ehemaliger Metallarbeiter, mit einigen der Aktiven im Wyborger Bezirk telefonisch Kontakt aufnahm und sie aufforderte, an der Ratssitzung teilzunehmen. Die Parteiaktivisten auf den unteren Ebenen weigerten sich jedoch, auf Schljapnikows Appell zu reagieren und erklärten, sie seien mit dem Kampf gegen den Zarismus auf der Straße beschäftigt. Vgl. Hasegawa, The February Revolution, S. 338.
- 14. Suchanow, 1917, S. 97. Suchanow war ein dem Kreis um Julius Martow zugehöriger Menschewik.
- 15. Das Exekutivkomitee setzte sich entsprechend der Mehrheitsverhältnisse des Rates aus Vertreter:innen unterschiedlicher Parteien zusammen. Mit der Aufnahme der Soldatendelegierten in den Petrograder Rat, die deutlich patriotischer gesinnt waren als die Arbeiter:innen, stieg auch der Einfluss der moderaten Sozialist:innen. Suchanow beschreibt bereits für die ersten Tage der Revolution die Tendenz der Entkopplung der Arbeit des Exekutivkomitees vom Ratsplenum: „Noch ein weiterer Umstand muss hier verzeichnet werden, nämlich, dass ich, ein Mitglied des Exekutivkomitees des Sowjets, bis heute überhaupt nicht weiß, womit sich der Sowjet im Laufe dieses Tages befasste. Und zwar ist es mir deswegen unbekannt, weil ich mich dafür – weder damals noch hinterher – interessiert habe. Mein fehlendes Interesse aber rührte daher, dass für jeden erkennbar war, auf wessen Schultern die gesamte praktische Arbeit lag: auf denen des Exekutivkomitees. Der Sowjet war in diesem Augenblick angesichts seiner qualitativen und quantitativen Zusammensetzung offensichtlich nicht arbeitsfähig, nicht einmal als Parlament. Er übte lediglich moralische Funktionen aus.“ (Ebd., S. 97). Für die späteren Monate beschreibt Suchanow zudem die Herausbildung einer kleinen Gruppe um Irakli Tsereteli, der sogenannten Sternkammer, die versuchte die radikalen Sozialist:innen aus der Entscheidungsfindung im Exekutivkomitee auszuschließen und „in einem abgeschiedenen Winkel die große Politik bestimmte“ (Ebd., S. 390).
- 16. Zitiert und übersetzt nach Miéville, October, S. 57.
- 17. Die SR-Maximalisten waren ein radikaler Flügel innerhalb der sozialrevolutionären Partei, die jedoch 1906 aufgrund ihrer Radikalität aus der Partei ausgeschlossen wurden.
- 18. Vgl. Fußnote 6.
- 19. Der Befehl lässt sich bei Wikipedia nachlesen: https://de.wikipedia.org/wiki/Befehl_Nr._1_des_Petrograder_Sowjets.
- 20. Spiridonowa war eine berühmte Revolutionärin und zentrale Figur der linken Sozialrevolutionär:innen. Sie kehrte aus mehr als zehnjähriger Haftstrafe zurück, nachdem sie 1906 den Vizegouverneur von Tambow ermordet hatte. Zu Tschernow siehe den Abschnitt zur Agrarfrage.
- 21. Miljukow stand also in der Tradition der imperialistischen Außenpolitik des russischen Reichs, die auf die Annexion der Dardanellen und die Einnahme Konstantinopels abzielte.
- 22. Tsereteli war die idealtypische Verkörperung des „Versöhnlertums“. Er zeichnete sich durch einen großen Optimismus hinsichtlich der Möglichkeit eines Bündnisses aller „progressiven Elemente“ der Gesellschaft aus, zu denen er die liberale Bourgeoisie und ihre Partei, die Kadetten, zählte. Die russische sozialdemokratische Duma-Fraktion lobte er für die Ablehnung der Kriegskredite, da die Ablehnung für ihn ein Ausdruck des Protests gegen das Bündnis aus reaktionären und liberalen Kräften darstellte. Die deutsche Sozialdemokratie wiederum kritisierte er während des Welkrieges dafür, dass sie ihren Einfluss nicht genutzt habe, um die anderen „gesunden Elemente“ der Gesellschaft in den Kampf gegen die absolutistischen Überbleibsel zu führen.
- 23. Suchanow hoffte, dass mit der Rückkehr der sibirischen Zimmerwalder aus dem Exil der internationalistische Flügel des Rates gestärkt werden würde, da er der Illusion aufsaß, dass die sibirischen Genossen eine ähnliche Auffassung vertreten würden wie das menschewistische Organisationskomitee um Martow. Desto überraschter war er von Tseretelis Auftreten, der nach seiner Rückkehr in seiner Rhetorik den Fokus fast ausschließlich auf die Landesverteidigung legte. Suchanow kommt daher zu dem Schluss, dass die sibirischen Zimmerwalder im Grunde den gesamten spezifischen Inhalt von Zimmerwald über Bord warfen. Suchanow selbst forderte beispielsweise eine öffentliche Kampagne für den Frieden, was von Tsereteli, als der neuen Führungsfigur der Menschewiki, jedoch abgelehnt wurde.
- 24. Tsereteli kam hierbei die Überrepräsentation der Soldaten im Petrograder Rat gelegen, die er zu seinen Zwecken auszunutzen wusste: „Das Verhältnis zwischen den Arbeiter- und Soldatenvertretern war ebenfalls unerträglich. Die Zahl der Arbeiter in Petrograd war zwei- bis dreimal so groß wie die der Soldaten (obwohl dies, soweit ich weiß, nie genau festgestellt wurde – nicht nur wegen der Fluktuation der Garnison, sondern auch wegen der mangelnden Bereitschaft der entsprechenden Soldatenorgane wie auch der sowjetischen Organe überhaupt). Die Arbeiter wählten je einen Abgeordneten pro tausend Personen, die Soldaten jedoch je einen pro Kompanie. Das heißt, die Soldaten hatten eine vier- bis fünffache Überrepräsentation.“ (Suchanow, Tagebuch der Revolution)
- 25. Vor der Revolution argumentierte Tsereteli, dass sich die Sozialist:innen angesichts des Krieges neutral zu verhalten haben, da sich mit Russland und Deutschland zwei absolutistische bzw. halbabsolutistische Staaten gegenüberstünden. Nach der Februarrevolution konnte Tsereteli nun aber aufgrund der veränderten Konstellation argumentieren, dass es sich um einen Konflikt zwischen dem halbabsolutistischen Deutschland auf der einen und einem Bündnis von Demokratien auf der anderen Seite handle.
- 26. „Die Partei des Klassenkampfes, die russische Sozialdemokratie bleibt die Partei der revolutionären Opposition in Beziehung zu allen politischen Regimen, welche die Klassenherrschaft der Bourgeoisie über das Proletariat ausdrücken“ schrieb Martow in seinem Artikel „Die Arbeiterpartei und die „Machtergreifung“ als unsere nächste Aufgabe“ (Vgl. Martow, Die Arbeiterpartei). Diese Doktrin war die offizielle Parteidoktrin der Menschewiki in den Jahren nach der 1905er-Revolution, der sich viele Parteimitglieder auch 1917 noch verpflichtet sahen.
- 27. Ausführlicher hierzu Blanc, Revolutionary Social Democracy, S. 280.
- 28. Der Kriegsminister Michail Tereschtschenko, ein Großgrundbesitzer und Zuckerfabrikant, der Kerenski nahestand, versuchte die Verbündeten davon zu überzeugen, sich dem bereits von der russischen Regierung geäußerten Verzicht auf imperialistische Bestrebungen anzuschließen. Hierzu stand Tereschtschenko im Austausch mit den Alliierten, die jedoch nicht bereit waren, ihre Kriegsziele aufzugeben. Gab es im Frühling des Jahres 1917 eine verbreitete Kriegsmüdigkeit unter den westlichen Verbündeten und zumindest auf Seiten Englands die Bereitschaft, den Friedensplan des Rates ernsthaft in Erwägung zu ziehen, so änderte sich das Bild mit dem Kriegseintritt der USA. Die Alliierten waren entschlossen, einen Siegfrieden herbeizuführen und waren nicht bereit, über die Vorschläge des Rats zu verhandeln. Angesichts der Unwilligkeit auf Seiten der Alliierten blieb die Idee Tseretelis, eine gemeinsame Konferenz zum Zwecke der Revision der Kriegsziele abzuhalten, unverwirklicht. Konkrete Planungen diesbezüglich wurden nie angestellt.
- 29. Am 23. und 24. März wurde schließlich eine diesbezügliche Vereinbarung zwischen dem Rat und der Gesellschaft der Fabrikanten und Werkbesitzer getroffen, die auch die Gründung von Fabrikkomitees vorsah.
- 30. Dies war auch die Auffassung der aktiven Arbeiter:innen, die in den Fabrikkomitees aktiv waren. So trafen sich am 28. April Delegierte aus den Fabriken, die der Artillerieverwaltung und dem Marineministerium unterstellt waren, um die Rolle der Fabrikkommitees zu diskutieren. Sie verabschiedeten eine Resolution, in der man sich darauf verständigte, sich aus der Leitung herauszuhalten: „Bis zur vollständigen Vergesellschaftung der nationalen Wirtschaft – sowohl der staatlichen als auch der privaten – übernehmen die Arbeiter weder die Verantwortung für die technische noch für die administrativ-wirtschaftliche Organisation der Produktion und verweigern eine Mitwirkung an dieser.“ Die Fabrikkomitees sollten sich auf die Gewährleistung der inneren Ordnung in den Fabriken beschränken, während sich für die Organisation der Produktion die offizielle Verwaltung verantwortlich zeichnen sollte.
- 31. Suchanow beschreibt die Politik der Moderaten hinsichtlich der Fabrikkomitees folgendermaßen: „Die sowjetischen Führer hatten daher recht, als sie die Bewegung nicht forcierten … Doch die Sache ist die, dass sie sich damit nicht begnügten. Bald setzten sie alle Kräfte daran, sie zu mäßigen, zu bremsen, zunichtezumachen – nicht nur indem sie gegen Exzesse kämpften, sondern indem sie die gesamte Arbeiterklasse zu einer Einschränkung ihrer Bedürfnisse aufriefen. Das war ein verhängnisvoller Fehler schon allein deshalb, weil es die reinste Utopie war. Die Hebung des Lebensniveaus der Arbeitermassen war ein unverzichtbares „organisches“ Programm der Revolution, ähnlich wie „Land – den Bauern“; es war ein Programm, das man der Revolution nicht entreißen konnte, ohne die Revolution selbst zu zerstören. Und wenn dieses Programm unter den gegebenen Bedingungen von Krieg und Zerstörung hoffnungslos und unausführbar war, dann durfte man nicht zu seiner Aufhebung aufrufen, sondern musste andere Bedingungen schaffen. Man musste den Krieg liquidieren. Als die künftigen Führer des Sowjets dies nicht verstanden und einen anderen Weg einschlugen, verstrickten sie sich in Widersprüche und führten die Revolution in eine ausweglose Morastlandschaft …“ (Suchanow, Tagebuch der Revolution, Siehe den Abschnitt: Совет и власть „самоопределяются“)
- 32. Dies bezieht sich auf Zahlen von Mitte Juli 1917 (Vgl. Mandel, The Petrograd Workers S. 240). Mary McAuley schreibt, dass im Oktober 1917 80 Prozent der Parteimitglieder Fabrikarbeiter:innen gewesen seien (McAuley, Bread and Justice S. 28). Als Beispiel für die Zusammensetzung der lokalen Parteigliederungen seien das Wyborger Bezirkskomitee und das Petrograder Komitee angeführt: 16 von 23 Mitgliedern des Bezirkskomitees waren Metallarbeiter, die als junge Männer nach St. Petersburg kamen und überwiegend aus Bauernfamilien stammten. Nur drei der 23 Mitglieder waren ihrer Klassenlage nach der Mittelschicht zuzurechnen (ein Lehrer und zwei junge Studenten). Unter den 23 Mitgliedern war nur eine Frau, die Näherin Xenia Egorowa. Was das 50 bis 60 Personen umfassende Petrograder Komitee betrifft, so war der relative Anteil der Personen aus der Mittelschicht (mit circa 25 Prozent) und der Anteil der Frauen (mehr als zehn Prozent) etwas höher.
- 33. Suchanows Bericht von der Konferenz am 30. März: „Im Gegensatz zur Arbeitersektion des Sowjets, die allmählich und nicht besonders schnell neu gewählt wurde, war die Konferenz der Fabrik- und Werkskomitees vollständig frisch gewählt und spiegelte genau das tatsächliche Gesicht des Petrograder Proletariats wider. Sie war tatsächlich seine Vertretung, und die Arbeiter direkt von den Maschinen nahmen in großer Zahl aktiv an ihrer Arbeit teil. Zwei Tage lang diskutierte dieses Arbeiterparlament die Wirtschaftskrise und die Zerrüttung des Landes. Und selbstverständlich verband es die Wirtschaft mit der Politik. Die Regierungs-Menschewiki wie auch einige Internationalisten verteidigten eine staatliche Organisation der Wirtschaft, wobei sie die Frage in den Hintergrund drängten, welchem Staat sie diese Aufgabe anvertrauen wollten. Die Bolschewiki dagegen – Lenin und Sinowjew – entfalteten hier erstmals unter Unterstützung der Arbeiterredner ihre Losung der ‚Arbeiterkontrolle‘.“ Suchanow, Tagebuch der Revolution, Siehe den Abschnitt: В недрах.
- 34. Vgl. zur Rolle Tschernows: Radkey, The Agrarian Foes of Bolshevism. S. 248.
- 35. Zu den Landumverteilungsgemeinden vgl. https://communaut.org/index.php/de/die-entstehung-der-sozialistischen-bewegung-russland. Pjotr Stolypin war von 1906 bis 1911 Premierminister des Kaiserreichs und führte eine weitreichende Agrarreform durch, die einerseits auf die Beendigung von Bauernunruhen zielte, andererseits auf die Integration der Bauernschaft in die Marktwirtschaft. Die Reformen ermöglichten es u. a., das Gemeineigentum der Bauern in Privateigentum zu überführen. Stolypin, auf den von Seiten der Sozialrevolutionäre zahlreiche Anschlagsversuche verübt wurden, fiel 1911 einem Attentat zum Opfer.
- 36. Was das Verbot des Handels mit Landeigentum betraf, so befürchteten die Bauern u. a., dass die Grundeigentümer ihr Land an ausländische Käufer abtreten könnten. Bei diesen Verkäufen witterten sie die Gefahr, dass die verkauften Ländereien von etwaigen Enteignungen ausgenommen werden könnten. Während also auf der einen Seite die Bauern zu Geduld aufgefordert wurden, weckten die Verkäufe auf der anderen Seite den Eindruck, dass hier bereits Tatsachen geschaffen wurden, welche die Menge des an die Bauern zu verteilenden Landes verringern würden. Dies versuchte Tschernow durch das Verbot zu unterbinden. Er brachte damit jedoch die Grundeigentümer gegen sich auf, aus deren Perspektive das Verbot einen inakzeptablen Eingriff in die Prinzipien der Marktwirtschaft darstellte, das zudem zu einer Entwertung der Bodenpreise führen würde. Vgl. Radkey, The Agrarian Foes of Bolshevism. S. 255
- 37. Wörtlich übersetzt Lebensmittelversorgungskomitees (продовольственные комитеты)
- 38. Vgl. Fußnote 6.