Die neuere Planungsdebatte aus feministischer Sicht – oder: Wie man eine Parkinsonklinik befreit
Eine kleine Vorbemerkung: Von den Veranstalter:innen der Tagung1 wurde mir für diesen Input die scheinbar einfache Aufgabe gegeben, sowohl die neuere Planungsdebatte kurz darzustellen als auch die feministische Kritik an ihr, dann aber vor allem „etwas stärker zu feministischen Alternativen überzugehen“. Das mit den feministischen Alternativen hat mich fast in eine Lebenskrise gestürzt, denn ich habe gemerkt, dass ich mir nichts weniger wünsche, als eine befreite Gesellschaft, die sich feministisch nennt, ja, dass es womöglich eine der Hauptaufgaben von Feministinnen in dieser Debatte sein könnte, genau eine solche feministische Gesellschaft möglichst zu verhindern. Was ich damit meine, wird hoffentlich im Laufe meines Inputs deutlich. Den richtigen und nachvollziehbaren Wunsch, dass ich nicht bei der Kritik bestehender Entwürfe stehen bleibe, sondern sozusagen selbst etwas Konstruktives beisteuere, habe ich deshalb einfach ein bisschen uminterpretiert. Statt die Umrisse einer feministischen Gesellschaft zu skizzieren, möchte ich am Schluss meines Vortrags ganz vorsichtig die Umrisse eines feministischen Nachdenkens über eine befreite Gesellschaft skizzieren. Ich habe also sozusagen nur eine Methode dabei, kein Modell.
Mein Input hat sechs Teile:
1. Kleine empirische Einleitung
2. Kurze Vorstellung der Planungsdebatte
3. Care in der Planungsdebatte I: Aufwerten und Umverteilen?
4. Kurze Polemik
5. Care in der Planungsdebatte II: Idealisieren statt revolutionieren?
6. Feministisch planen
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Kleine empirische Einleitung
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Aus gegebenem Grund habe ich im vergangenen Spätsommer mehrere Wochen in einer als „führend“ geltenden Parkinsonklinik in der Nähe von Berlin verbracht. Die Zeit dort war (ich hatte es nicht anders erwartet) ziemlich nervig, aber – völlig überraschenderweise – manchmal auch sehr beglückend. Im Rückblick lässt sich sagen, dass diese schönen Erfahrungen möglich waren nicht etwa wegen der Art und Weise, in der diese Klinik organisiert ist, sondern trotz ihrer spezifischen Struktur, sozusagen an ihr vorbei, beziehungsweise in ihren Lücken und toten Winkeln:
Einmal, als ich die dritte Nacht in Folge wach lag, weil meine Bettnachbarin ein neues Medikament bekommen hatte, das dazu führte, dass sie im Schlaf laut mit sich selbst sprach, beschloss die Nachtschwester, sich das Elend nicht länger mit anzugucken und mir den Physiotherapieraum aufzuschließen. Als wir gegen jede Hygieneregel und jedes versicherungstechnische Verbot gemeinsam meine Matratze durch die leeren, hell erleuchteten Krankenhausflure in mein Ausweichquartier schleppten, wusste ich kurz vor Staunen und Dankbarkeit nicht, wohin mit mir.
Die alte Pingpongplatte, die irgendwo auf dem Klinikgelände in einer halboffenen Garage stand, war ein weiterer Auslöser für Glücksgefühle. Dort traf ich mich täglich nach dem viel zu frühen Abendbrot mit einem kroatischen Ex-Profifußballer, einem uralten pensionierten DDR-Polizisten und einem Berufskraftfahrer aus Cottbus zum Tischtennisspielen und erfuhr nebenbei, welchen Reim sie sich auf diese Krankheit machten (einen völlig anderen, viel vernünftigeren als ich), und welches Problem sie in dieser Klinik am zermürbendsten fanden – nämlich haargenau das gleiche wie ich.
Das Problem, das ich meine, war mir aus früheren Krankenhausaufenthalten bekannt, aber es war mir immer irgendwie so unvermeidlich und normal vorgekommen bzw. so eingebildet oder selbstverschuldet, dass ich es als echtes Problem überhaupt erst erkennen und benennen konnte, als mir (in einem wirklich glücklichen und erleichterten Moment) klar wurde, dass meine drei Tischtenniskumpels es genauso erlebten und genauso darunter litten wie ich.
Was ich meine, war die dysfunktionale und entsprechend aufreibende Kommunikation mit Ärzt:innen bei der täglichen Visite. Nach diesem Ereignis, auf das man manchmal stundenlang wartete, fühlte man sich immer irgendwie missverstanden, belächelt, manipuliert und abgestempelt, was nicht nur schlecht fürs Ego war, sondern auch bei jedem von uns zu ziemlich schwerwiegenden Missverständnissen, Fehleinschätzungen und Umwegen in der Behandlung führte. Nicht, dass da kein guter Wille gewesen wäre bei den Mediziner:innen; nicht, dass wir uns keine Spickzettel gemacht oder den Mund nicht aufgekriegt hätten, aber die ganze Situation war irgendwie so verflucht, so hierarchisch, so überladen und widersprüchlich – und das Tag für Tag von Neuem – dass ich es bis zum Schluss nicht schaffte, der überaus freundlichen und sehr klugen Stationsärztin klarzumachen, dass ihre Frage, ob ich unter der Nebenwirkung „Tagesmüdigkeit“ litt, keinen Sinn machte, solange ich nachts aus den erwähnten Gründen nicht schlief.
In einem meiner schwärzesten Momente versuchte ich, mir zum Trost auszumalen, wie diese Klinik in einer besseren, nicht-kapitalistischen Gesellschaft aussehen würde – in einer demokratischen Planwirtschaft zum Beispiel – und ich stellte verwundert fest: so ziemlich genauso wie heute.
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Kurze Vorstellung der Planungsdebatte
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Die Planungsdebatte (bzw. der Ausschnitt von ihr, den ich kenne) beschäftigt sich mit der Frage, ob und wie eine postkapitalistische, demokratische Planwirtschaft dauerhaft funktionieren könnte – und zwar jenseits des Marktes und jenseits autoritärer Zentralplanung. Die einzige imaginäre Voraussetzung der entsprechenden Überlegungen ist ein politisches Szenario, in dem das Privateigentum an Produktionsmitteln abgeschafft ist und öffentlich für die Erfüllung von Grundbedürfnissen gesorgt wird. Im deutschsprachigen Raum wurde diese Debatte ganz wesentlich von Jan Groos und seinem Podcast Future Histories angestoßen. Zu den größten Verdiensten des Podcasts gehört es aus meiner Sicht, dass er das konkrete Nachdenken und Sprechen über eine postkapitalistische Gesellschaft nach dem jahrzehntelang in der Linken geltenden Bilderverbot überhaupt erst wieder möglich gemacht hat – und dabei gleichzeitig einen für die deutschsprachige Linke völlig ungewöhnlichen – nämlich freundlichen, offenen – Ton gesetzt hat, der genaues und kontroverses Diskutieren – wie sich gezeigt hat – nicht etwa verhindert, sondern eigentlich erst ermöglicht.
Also, im Sinne dieser gewünschten, unvermeidlicherweise in unserem Kontext nur sehr kurzen Skizze: Es gibt meiner Beobachtung nach vier prinzipielle Fragen, an denen sich die Diskussion seit ein paar Jahren abarbeitet:
1. Die Informationsfrage:
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Jede Wirtschaft steht vor dem Problem, Rohstoffe, Zwischenprodukte, Arbeitskapazitäten und Maschinen so miteinander zu vermitteln, das Bedürfnisse auf der einen Seite und Konsumgüter und Dienstleistung auf der anderen Seite insofern im Gleichgewicht sind, als am Ende alles genau dort vorhanden ist, wo es gebraucht wird – und zwar weder in viel zu großer noch in viel zu kleiner Menge. Damit all das funktioniert, müssen auf allen Ebenen Unmengen von Informationen gesammelt, bewertet, priorisiert und ausgetauscht werden, und die grundlegende Frage ist, ob und wie das ohne Markt, ohne Konkurrenz und Preise möglich ist.
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Die Unterfragen, die sich daraus ergeben, sind vielfältig, zum Beispiel:
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welche Rolle digitale Medien und Datenbanken beim Sammeln und Kommunizieren von Informationen spielen könnten oder
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ob man für eine gelingende Planung eine allgemeine Recheneinheit (unit of account) braucht, beziehungsweise ob auch eine irgendwie geartete Form der Naturalrechnung möglich wäre.
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2. Die Motivationsfrage:
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Das ist die Frage, wie in einer Gesellschaft, in der die Grundbedürfnisse abgesichert sind, dafür gesorgt werden kann, dass alle gesellschaftlich notwendigen Arbeiten auch gemacht werden. Weil ja, so die Argumentation, der Antrieb zum Arbeiten nicht mehr unmittelbar daraus entsteht, dass man zum Zahlen von Miete und Lebensmitteln auf Lohn angewiesen ist. Damit zusammen hängt die Frage, ob überhaupt noch besonders viel gearbeitet werden muss. Diese Frage wird meiner Beobachtung nach innerhalb der Debatte mittlerweile eindeutig mit „Ja“ beantwortet: Wurde vor ein paar Jahren noch ernsthaft über „vollautomatisierten Luxuskommunismus“ debattiert, ist heute unstrittig, dass angesichts der ökologischen Krise und einer dringend notwendigen Umverteilung vom globalen Norden in den globalen Süden nach einer gesamtgesellschaftlichen Transformation besonders im Norden eher weniger Ressourcen zur Verfügung stehen würden als heute.
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Bezüglich der Motivationsfrage gibt es unterschiedliche Positionen, die sehr kontrovers diskutiert werden, von absoluter Freiwilligkeit der Arbeit über die Koppelung des Ausmaßes der Konsumberechtigung an die geleistete Arbeitszeit bis hin zu einem irgendwie moralisch oder sozial sanktionierten Arbeitszwang beziehungsweise einer Arbeitserwartung.
3. Die Entscheidungsfindungsfrage:
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Wer entscheidet über welche Fragen? Anstelle der abstrakten Alternativen „top-down“ versus „bottom-up“ beziehungsweise „zentral versus lokal“ setzt sich in dieser Frage zunehmend ein sehr pragmatischer Ansatz durch: Was lokal entschieden und geplant werden kann (z. B. wie viele neue Schulen in einer bestimmten Stadt gebraucht werden), wird lokal entschieden und geplant, über andere Fragen (Ausbau des europäischen Schienennetzes, Umgang mit der Klimakrise) muss naheliegenderweise auf einer zentralen/gesamtgesellschaftlichen Ebene abgestimmt werden. Wie diese beiden Ebenen dann miteinander vermittelt werden, ist natürlich eine hochkomplexe und überhaupt noch nicht geklärte Frage.
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Häufiger ausgespart werden meiner Beobachtung nach im Moment noch die in diesen Bereich gehörenden sehr schwierigen und auch sehr interessanten Fragen nach dem demokratischen Umgang mit Interessengegensätzen und mit Konflikten.
4. Die letzte der vier prinzipiellen Fragen der Planungsdebatte, die Transformationsfrage, wird ebenfalls noch mit einer gewissen Scheu behandelt und selten gesondert und im Detail zum Thema gemacht. Zur Transformationsfrage gehört auch die Frage nach der Notwendigkeit einer Übergangsgesellschaft, vor allem aber die alte Frage nach Reform oder Revolution – langsamem Übergang oder grundsätzlichem Bruch, und davon unabhängig, die überaus wichtige Frage, wie man eigentlich eine Mehrheit der Menschen in der kurzen, noch zur Verfügung stehenden Zeit davon überzeugt, dass die angestrebte emanzipative nachkapitalistische Gesellschaft notwendig und umsetzbar ist. In diesem Zusammenhang fällt häufig das Wort „Narrative“, das, genau wie die Frage der Transformation insgesamt, gleich noch einmal genauer zum Thema gemacht werden soll.
Weil sich die Diskussionen der Planungsdebatte sehr häufig an Modellen entzünden, also an so konkret wie möglich ausgearbeiteten Vorschlägen, wie eine postkapitalistische Gesellschaft mit demokratischer Wirtschaftsplanung als Ganze funktionieren könnte, werden diese vier prinzipiellen Fragen sehr häufig im Zusammenhang und in ihren Wechselwirkungen diskutiert – insgesamt ist das dadurch eine ungeheuer vielfältige, komplexe und interessante Debatte, an der sich begrüßenswerterweise auch zunehmend linke Expert:innen beteiligen, die keine Sozialwissenschaftler:innen sind, zum Beispiel Ingenieur:innen , Mathematiker:innen und Ökolog:innen.
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Care in der Planungsdebatte I: Aufwerten und umverteilen?
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Eine weitere prinzipielle Frage, die inzwischen fester Bestandteil der Planungsdebatte ist, ist die nach dem Bereich der Reproduktion. Zu diesem Bereich gehört bekanntermaßen sowohl das Sorgen von Menschen für Menschen im räumlichen und emotionalen Nahbereich, zum Beispiel das Großziehen von Kindern, als auch die professionelle Pflege und die medizinische Versorgung, zum Beispiel von chronisch Kranken in Spezialkliniken. Nach heftiger Kritik von nicht-akademischen Feminist:innen (u.a. mir selbst) an der in der Debatte weit verbreiteten Idealisierung von Sorgearbeit und einer erschreckend affirmativen Haltung zur Familie ist es inzwischen Konsens, dass auch Sorgearbeit (indem man zwischen ihren affektiven und nicht-affektiven Anteilen differenziert) in einer nicht-kapitalistischen Gesellschaft daraufhin überprüft werden kann und muss, inwieweit sie „automatisierbar, digitalisierbar und kollektivierbar“ ist und dadurch reduziert, erleichtert und (zumindest teilweise) dem Bereich des Privaten entzogen werden kann.
Aus Sicht vieler männlicher Autoren in der Planungsdebatte ist damit die Reproduktionsfrage schon fast erledigt. Wäre da nicht das Problem der mangelnden „Anerkennung“ der Sorgearbeit und das Problem ihrer „ungerechten Verteilung“ zwischen Männern und Frauen.
Ich halte diese Problembeschreibung für unnötig kompliziert und möchte kurz begründen, warum: So sehr die mangelnde Anerkennung der Sorgearbeit und ihre ungleiche Verteilung zwischen Männern und Frauen in der heutigen Gesellschaft ein Problem sind, so sehr gehören sie aus meiner nüchternen feministischen Sicht in einer befreiten Gesellschaft zu jenen ganz wenigen Dingen, die sich – sogar beide auf einen Streich – auf einer grundsätzlichen ökonomischen Ebene lösen lassen, womit sie eigentlich nicht Teil der Planungsdebatte, sondern ihrer oben skizzierten imaginären Voraussetzungen wären: Vergesellschaftung der Produktionsmittel usw. Zu diesen vorausgesetzten radikalen Veränderungen gehört selbstverständlich ein gesamtgesellschaftlicher Beschluss, jegliche Sorgearbeit (auch die, die im räumlichen und emotionalen Nahbereich verrichtet wird) hundertprozentig und in jeder Situation als vollwertige, gesellschaftlich notwendige Arbeit zu zählen – zu zählen wie dann auch immer, ob nun mit Blick auf eine irgendwie gearteten Kompensation oder einfach im Sinne einer von jedem und jeder gesellschaftlich erwarteten täglichen Arbeitszeit. Denn was der Reproduktionsarbeit fehlt, ist ja nun wirklich nicht die ideelle Anerkennung, sondern ihre ganz handfeste Gleichwertigkeit als Arbeit. (Wenn etwas herauskam während der Coronakrise, dann das!)
Sobald diese Gleichwertigkeit in einer befreiten Gesellschaft gegeben ist (und sie müsste aus meiner Sicht gegeben sein, damit sich diese Gesellschaft so nennen dürfte) gibt es außerhalb von individuellen Neigungen und Begabungen nicht mehr den geringsten Grund, das Programmieren von Software oder die serielle Fertigung von Maschinenteilen der Pflege des eigenen Großvaters oder der Arbeit in einer Parkinson-Spezialklinik vorzuziehen, einfach weil Sorgearbeit nicht schlechter, anstrengender oder unbefriedigender ist als andere Arbeit, es entsprechend auch keine Notwendigkeit gibt, sich darüber Gedanken zu machen, wie man Männer dazu bringt, sie zu verrichten.
Doch was ich als eines der wenigen überhaupt existierenden rein ökonomischen Probleme definieren würde, wird von meinen männlichen Mitdiskutanten lieber dem politisch-kulturellen Bereich zugerechnet. Die entsprechenden vorgeschlagenen Maßnahmen zum Umgang mit diesen ohne Not in die befreite Gesellschaft mitgeschleppten Problemen erinnern nicht zufällig an das Werkzeugköfferchen des bürgerlichen Feminismus: Gleichbehandlungsgesetze, „Affirmative Action“ und Antidiskriminierungsarbeit. Andere Mitdiskutanten mögen im Zusammenhang mit der befreiten Gesellschaft nicht so unbefangen auf neoliberale Integrationsinstrumente zurückgreifen und empfehlen ganz traditionalistisch Frauenkomitees, deren Mitglieder ja dann in aller Ruhe für ihre vollständige Integration in die befreite Gesellschaft kämpfen könnten.
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Kurze Polemik
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Hier muss ich wirklich schlucken: Wie jetzt!? Ich soll mir Gedanken über eine radikal andere, emanzipative Gesellschaft machen (und mich für sie einsetzen), von der von vornherein klar ist, dass sie weiterhin Frauen (und andere FLINTA-Personen) ausschließt und diskriminiert? Weil sich das alles eben nur langsam rauswächst? Und die progressiveren Mitglieder der diskriminierenden, ausschließenden Gruppe gestehen den Diskriminierten, Ausgeschlossenen jovial zu, sich dann ja in Frauenkomitees in zäher feministischer Kleinarbeit für „Gleichbehandlungsgesetze“« engagieren zu dürfen? Den Freunden einer in diesem Sinne feministischen Gesellschaft möchte ich zurufen: Passt IHR mal lieber auf, dass ihr überhaupt mitmachen dürft bei unserer befreiten Gesellschaft!
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Care in der Planungsdebatte II: Idealisieren statt revolutionieren?
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Ist das alles ein Missverständnis? Warum werde ich so wütend? Haben sich meine Genossen nicht gerade für mehr Anerkennung und eine gerechtere Verteilung von Carearbeit eingesetzt? Was ist da passiert?
Was passiert ist und in dieser Debatte immer wieder passiert, ist, dass da – völlig ohne bösen Willen, ja, mit dem erklärten Willen, genau das nicht zu tun – ein ganzer gesellschaftlicher Bereich mit einer Mischung aus Unwissenheit, Idealisierung und freundlicher Herablassung betrachtet wird. Das kann man an der scheinbar so gutwilligen Forderung nach mehr Anerkennung und gerechterer Verteilung der Carearbeit auch noch auf einer anderen Ebene zeigen. Denn diese Forderung hat zwei unausgesprochene Implikationen. Zum einen: Etwas, das „aufgewertet“ werden soll, ist der Sache nach – inhaltlich – unproblematisch, ja sogar gut. Zum anderen: Aufgaben, die „gerechter“ verteilt werden sollen, stehen als solche – inhaltlich – überhaupt nicht infrage.
Beide Implikationen sind aus meiner Sicht hochproblematisch, denn sie beruhen auf einer weitgehend unbewussten und entsprechend hartnäckigen Idealisierung von Sorgearbeit.
Zur Begründung: Sorgearbeit in dieser Gesellschaft ist nicht frei von dieser Gesellschaft, nicht neutral, nicht einfach so da, nicht unschuldig, nicht natürlich, nicht gegeben. Sorge ist durchdrungen von bürgerlich-kapitalistischen Vorstellungen und Zielen, gerade da, wo sie als das ganz andere des Öffentlichen, Politischen, Ökonomischen konzipiert ist. Care ist Kontrolle, besitzergreifende Fürsorge, emotionale Erpressung, ist Paternalismus, Maternalismus, Besserwisserei, Co-Abhängigkeit. Care ist asymmetrisch, hierarchisch. Care ist Neugier, Schnüffelei, vorgetäuschte Selbstlosigkeit, Care knickt ein vor Krieg und Gewalt und stellt sich in ihren Dienst, Care ist auch Reparierenwollen, Wegmachenwollen von Behinderung, Geraderückenwollen von allem Schiefen und eines der neoliberalsten Konzepte, das es gibt, ist „Self-Care“.
Das alles hat mit Glück und Freiheit nichts zu tun, das muss nicht aufgewertet, das muss kritisch analysiert, revolutioniert, „neu erfunden“ werden!
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Feministisch planen
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Und das bringt mich zurück zu meiner Parkinsonklinik und zu der Behauptung, dass in ihr nach einer radikalen Transformation – so, wie sie im Moment diskutiert wird – so ziemlich alles beim Alten bliebe, außer, dass es eine Gleichstellungsbeauftragte gäbe und das Bewusstsein für geschlechtersensible Medizin ungefähr genauso langsam wachsen würde wie in der jetzigen Gesellschaft. Klar, der Kostendruck wäre weg, die Verwaltung, die Kennzahlen, die juristische Absicherung, aber ob das automatisch hieße, dass Ärzt:innen mehr Zeit für ihre Patient:innen hätten, es also noch genauso viele oder mehr studierte Mediziner:innen in dieser Klinik gäbe, ist angesichts der enormen gesellschaftlichen Ressourcen, die der Umgang mit der ökologischen Krise erfordern wird, fraglich.
Hoffentlich ist die Produktionssphäre so gut organisiert, dass genügend Rollatoren, Dopaminagonisten, Hirnschrittmacher und Tischtennisschläger vorhanden sind, und zwar sowohl in Beelitz als auch in Burkina Faso. Aber das oben geschilderte, sehr feine und trotzdem ernste Problem der misslingenden Kommunikation zwischen Ärzt:innen und Patient:innen wäre – indem es weder unmittelbar mit Automatisierung, Digitalisierung und Kollektivierung zu lösen ist und auch mit Aufwertung oder Umverteilung von Carearbeit erstmal nichts zu tun hat, weder automatisch erledigt noch durch »Affirmative Action« zu lösen.
Für mich ist die Vorstellung ein Albtraum, dass es tatsächlich in absehbarer Zeit einmal die Möglichkeit gäbe, eine befreite Gesellschaft aufzubauen und solche Probleme im Eifer des Gefechts einfach hinten runterfallen, beziehungsweise aus der alten Gesellschaft unbewusst mitgeschleppt werden und sich für immer verfestigen. Denn so sehr ich oben dafür plädiert habe, ein materielles, sozusagen grobes Problem auch als solches zu behandeln, so sehr ist mir klar, dass vielleicht gerade im Reproduktionsbereich die bürgerliche Ideologie so tief in jede Ritze eingesickert ist, dass praktisch alles auf den Prüfstand muss, alles neu erfunden werden muss. Entsprechend ist das Argument, dass man mitten in einer gesellschaftlichen Transformation andere Sorgen hat, als sich über eine Neukonzeption des Verhältnisses von Ärzt:innen und Patient:innen Gedanken zu machen, Wasser auf meine Mühlen.
Denn besser als das Verschieben auf ruhigere postrevolutionäre Zeiten, aber auch besser als das vor allem im Reproduktionsbereich so häufig propagierte und oft so verlustreiche „Experimentieren im Hier und Jetzt“, besser auch, als das paternalistische Erfinden von „Narrativen“ für die Massen wäre meiner Ansicht nach eine ganz spezielle, vorausschauende Denkarbeit, die man in einem etwas anderen Sinne „Planen“ nennen könnte, als dieser Begriff normalerweise im Kontext der Planungsdebatte gebraucht wird. Planen hieße hier: vom Heute aus das Morgen gedanklich umorganisieren, und wäre insofern eben gerade kein „Utopisieren“, sondern ein unverzichtbares Element in einer umfassenden Transformationsstrategie. Die wichtige Frage nach der Möglichkeit einer rational geplanten Ökonomie wird durch diese Art der Planung nicht etwa ausgehebelt, sondern unterfüttert, konkretisiert und gestärkt. Letztlich geht es um die schlichte Frage, wie man unter den Bedingungen einer funktionierenden Planwirtschaft konkrete Bereiche besser, freier, freundlicher organisieren könnte. Zum Beispiel Spezialkliniken, zum Beispiel das Verhältnis von Ärzt:innen und Patient:innen.
Eins steht für mich fest: Eine solche etwas andere Planungsdebatte wäre „expertistisch“ bis zum Abwinken, insofern als sie von denjenigen geführt würde, die sich mit einem bestimmten Bereich auskennen – bezogen auf das Beispiel also von Patient:innen und Ärzt:innen einer Spezialklinik; sicher müssten auch Pfleger:innen mit von der Partie sein, denn sie sind häufig Zeug:innen der beschriebenen Kommunikationskatastrophe und haben vielleicht (vorausgesetzt, sie werden endlich mal gefragt) das eine oder andere Wort dazu zu sagen.
Ich weiß, die politischen Verhältnisse sind zurzeit nicht so, aber denkbar wäre es schon, dass sich heute, hier, in dieser Gesellschaft überall Leute an den Orten, an denen sie sowieso sind, und mit denen sie sich auskennen, zusammentun, um gemeinsam darüber nachzudenken, oder (optimistisch gesprochen) gemeinsam zu planen, wie ihr jeweiliger Bereich umorganisiert werden könnte. Ein wichtiger Teil dieser Planungsarbeit wäre die Analyse des Ausgangsproblems. Auch Ärzt:innen hätten ihren Teil zur Beschreibung des Kommunikationsproblems beizutragen. Zum Beispiel, dass sie sich von der tiefen Abhängigkeit der Patient:innen von ihrem Wissen und ihrer Entscheidungsfähigkeit zugleich geschmeichelt und überfordert fühlen. Zum Beispiel, dass sie sich von Seiten der Kranken mit Erwartungen konfrontiert sehen, die sie nicht alle erfüllen können, wenn sie gleichzeitig rational entscheiden und einen kühlen Kopf bewahren sollen: mit dem Wunsch nach Aufmerksamkeit, Lob und Mitgefühl zum Beispiel. Das vorläufige Ergebnis einer solchen Analyse könnte sein, dass plötzlich transparent auf dem Tisch liegt, was Patient:innen von Ärzt:innen erwarten und was Ärzt:innen umgekehrt an Patient:innen mögen. Und dann käme irgendwann in dieser Runde, in diesem Kreis, in diesem Rat, wie immer man so eine Gruppe von Involvierten nennen würde, die sich für diese Art von Planung zusammentun, der schönen Moment, in dem es heißt: Das muss nicht so sein, das können wir anders organisieren.
Ich glaube übrigens, dass das das Einzige wäre, wofür man in diesen Planungszirkeln noch linke Sozialwissenschaftler:innen bräuchte: um immer wieder auf die imaginäre Ausgangssituation dieser Planung hinzuweisen, die für die meisten Menschen so ungewohnt ist, dass sie kaum fünf Minuten im Kopf bleibt. Leute wie ihr und ich, die sich hier zu dieser Tagung versammelt haben, wären also dafür zuständig, immer wieder einzuschreiten, und sozusagen auf die Spielregeln hinzuweisen, wenn es heißt:
„Aber wie sollen wir das bezahlen?“
„Aber da könnte doch jeder kommen!“
„Aber so sind die Menschen nicht!“
„Aber das war schon immer so!“
Was die inhaltliche Lösung des Kommunikationsproblems angeht, traue ich mir kein abschließendes Urteil zu, aber ich könnte mir vorstellen, dass ganz verrückte Sachen rauskommen, wenn Leute, die sich in einem Bereich auskennen, unter diesen gedanklich freien Bedingungen darüber nachdenken, wie man ihn verbessern könnte: zum Beispiel, dass man gar nicht mehr Ärzt:innen bräuchte, sondern weniger, dass zum Beispiel die Anamnese, das ausführliche Erzählen der eigenen Krankheitsgeschichte, das oft so schmerzhaft ist, von Patient:in zu Patient:in stattfinden könnte, mit so viel Zeit, wie dafür eben nötig ist, in einem KI-gestützten digitalen Format, das nebenbei die für eine weitergehende Diagnostik und eine gute Behandlung wichtigen Informationen abfängt. Dass Ärzt:innen sich ein für alle Mal von dem hohen sozialen Prestige ihres Berufes verabschieden und sich fragen müssten, was sie darüber hinaus an ihrem Job mögen. Wenn es nicht die wirklich anspruchsvolle Anwendung eines riesigen Wissensschatzes auf einen besonderen Fall ist, sondern vor allem der Kontakt zu den Patient:innen, könnten sie einfach in die Pflege wechseln, wo das fast verschwundene Wissen darüber, was Menschen, die krank sind, brauchen, vielleicht wieder aufblühen kann – von tröstendem Körperkontakt bis hin zu wirklich gutem Essen. Wie solches im Rahmen planetarer Grenzen anzubauen und herzustellen wäre, wäre das Thema eines anderen Zirkels.
Ich stelle mir vor, dass es so etwas wie ein festes kommunikatives und organisatorisches Format für diese Planungsräte gäbe, vielleicht in einer Mischform aus digitalen Treffen und Präsenztreffen. Vielleicht hätte das Ganze sogar einen spielerischen Charakter: Welcher Rat findet die beste Lösung für ein Problem? Wer hat die besten, nachhaltigsten Ideen? Und so weiter.
So oder so wären diese Treffen Zusammenkünfte zur Erweiterung unserer Vorstellung von Zukunft, Zusammenkünfte der gegenseitigen Überzeugungsarbeit, des Mehrwerdens, und vor allem: der Festigung des Wissens, dass Freiheit geplant werden kann und eine andere, bessere Gesellschaft möglich ist.
- 1. Dieser Text beruht auf einem Input, der auf der Tagung Beyond Property der Uni Jena am 8.11.24 vorgetragen wurde.