Kabelsalat. Wie der Widerstand gegen Big Tech zum Flop wird
Rappelvoll war es Ende April auf der Berliner Konferenz „Cables of Resistance“, die gegen Big Tech und Künstliche Intelligenz mobilisieren sollte. Das Thema ist zurzeit allgegenwärtig. Aber biegt die Linke mit ihrem Widerstand vielleicht wieder mal in eine altbekannte Sackgasse?
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Folgt man dem bürgerlichen ökonomischen Fachpersonal, dann hängt unser aller Existenz heutzutage ganz und gar davon ab, dass wir in allen Lebensbereichen erfolgreich Künstliche Intelligenz (KI) verwenden – ganz besonders bei der Produktion von Waren und Dienstleistungen. Liest man genauer, dann ergibt sich diese angeblich totale Unverzichtbarkeit von KI allerdings nur aus der Marktkonkurrenz. Da haben welche angefangen mit KI und nun müssen alle anderen mitgehen. Es geht um die Wettbewerbsfähigkeit von Einzelkapitalen und „Wirtschaftsstandorte“, in unserem Fall um den „Wirtschaftsstandort Deutschland“, also die Wettbewerbsfähigkeit „unserer“ Nationalökonomie auf dem Weltmarkt.
Man glaubt es kaum, aber Waren und Dienstleistungen wurden bisher auch ohne große Sprachmodelle (LLMs) und KI-Agenten in Mengen produziert, die sich nur noch mit Mühe absetzen ließen. Das Kapital existierte ohne KI, die Klassen in den kapitalistischen Gesellschaften reproduzierten sich ohne KI. Wir alle existierten ohne KI. Existenzbedrohend für uns alle sind eher Klimaerwärmung, Vermüllung der Weltmeere und inzwischen auch des Weltraums, kurz die Umweltzerstörung, die ein Produkt kapitalistischer Industrie ganz allgemein ist. Wovon die Masse der Menschen ferner existenziell bedroht ist, das sind die sozialen Folgen ungenügender Verwertung von Kapital, also allgemeine Wirtschaftskrisen. Die Nutzung von KI soll nun diese allenthalben beklagte ungenügende Verwertung von Kapital überwinden. Ausgerechnet Big-Tech-Unternehmen, die schon mit ihren bisherigen Geschäftsmodellen enorme Profite machen, stellen jetzt dem Kapital im Allgemeinen weltweit enorme Profite in Aussicht. Dazu muss es nur ordentlich die KI nutzen, in die Big Tech riesige Summen investiert. Natürlich stellen sich diese Unternehmen nicht selbstlos in den Dienst der Menschheit. Sie wollen in ihrem maßlosen Trieb nach Mehrung des Profits an der KI verdienen – zusätzlich zu ihren übrigen saftigen Gewinnen.
Während tatsächlich mehr und mehr Unternehmen und Menschen sei’s gewollt, sei’s unfreiwillig KI nutzen, regt sich inzwischen auch Widerstand. Dem schwärmerischen Hype um KI begegnen Linke – speziell radikale Linke – inzwischen teils mit einer Art Gegen-Hype, der kein gutes Haar an KI lässt. In Berlin fand kürzlich die Konferenz „Cables of Resistance statt“, der Andrang war riesig. In dem Zusammenhang wurde auch ein erstes Manifest der Bewegung veröffentlicht. Darin steht manch markiger Satz. Hier eine kleine Auswahl:
„Big Tech zerstört unsere Gesellschaft und den Planeten.
Wir haben genug von Big Tech! Wir wehren uns!
Wir wollen Big Tech verweigern, hacken und herunterfahren.
Wir wollen Big Tech zerschlagen, vergesellschaften und umbauen: Lasst uns Big Tech enteignen, dezentralisieren und eine radikaldemokratische Kontrolle über digitale Infrastrukturen etablieren.
Wir treten ein gegen KI und Kapitalismus, für demokratische Gestaltung und das gute Leben für alle.“
Den Big-Tech-Unternehmen wird speziell Folgendes zur Last gelegt:
„Big Tech hinterlässt eine breite Spur der Verwüstung und Ausbeutung: Sie verschwenden Energie und Wasser, betreiben neokolonialen Raubbau seltener Erden und Metalle und entsorgen ihren giftigen Elektroschrott außerhalb der kapitalistischen Zentren.“
Diese Kritik müsste sich allerdings in ganz ähnlicher Weise gegen die Eisen- und Stahlindustrie, die Aluminiumindustrie, die chemische Industrie usw. wenden. Die gesamte kapitalistisch-industrielle Produktionsweise „zerstört unsere Gesellschaft und den Planeten“. Es geht weder nur um Big Tech noch ausschließlich um die Technologie der KI. Es geht um Technologien zur Erzeugung von Roheisen, Stahl und Aluminium, von Kunststoff und Zement, von Lebensmitteln… Fluch und Segen liegen da jeweils dicht beieinander, wobei der Fluch sehr oft weniger in der Technologie selbst als in ihrer kapitalistischen Nutzung besteht, die der Verwertung von Wert dient.
Es ist ratsam, immer zwischen der entwickelten und angewandten Technologie und den kapitalistischen Unternehmen, die sie entwickeln und anwenden, zu unterscheiden. Es sei denn, man will den kompletten Ausstieg aus industrieller Produktion. Dann sollte man das aber offen aussprechen und sich der Diskussion darüber stellen, welche Konsequenzen das hätte.
Es ist ferner ratsam, zwischen den verschiedenen Geschäftsmodellen der Big-Tech-Konzerne zu unterscheiden, bevor man – wie im Manifest verlangt – ans „Zerschlagen“ geht. Amazon, Facebook, Google, Microsoft, Apple und Nvidia etwa verdienen ihr Geld auf sehr unterschiedliche Weise. Sie alle haben schon vor KI und ohne KI enorme Profite eingefahren – mit Werbeeinnahmen, Handel, Softwarelizenzen oder auch GPUs. Was die Entwicklung der für die KI erforderlichen Hardware anbetrifft, so spielt Nvidia mit seinen GPUs eine herausragende Rolle. Vorreiter in der Softwareentwicklung waren bisher OpenAI und Anthropic. Beide gehören nicht zu den Big-Tech-Unternehmen und haben ein Geschäftsmodell, das bisher keine Profite abwirft. Bei der rasanten Entwicklung von KI darf der „Private Credit Market“ nicht außen vor bleiben. Vor allem darüber werden die hunderten Milliarden an Investitionen in Rechenzentren bereitgestellt. Ein sehr riskantes Geschäft, in dem mittlerweile auch Banken „Risikokapital“ bereitstellen. Man wird sehen, wie das in absehbarer Zeit ausgeht.
Wenn man nicht einmal die Technologie und die Unternehmen mit ihren Geschäftsmodellen auseinanderhalten kann, wie das Manifest zeigt, dann werden Kritik und politische Handlungsperspektiven sich kaum bewähren.
Fluch und Segen technologischer Entwicklung liegen auch bei KI nahe beieinander. Doch ohne auch nur den Versuch einer konkreten Beweisführung wird KI in dem Manifest als kapitalistisches Teufelswerk besonderer Güte abgetan:
„Wir lehnen insbesondere ‚Künstliche Intelligenz‘ grundsätzlich ab und halten Gegenwehr für dringend nötig, um zerstörerische Soft- und Hardware unschädlich zu machen und den technokratisch-autoritären Umbau von Gesellschaften zurückzudrängen.“
Von welcher „zerstörerischen Hardware“ in einem KI-Rechenzentrum ist denn da die Rede?
Auch diese Hardware besteht – wie bei anderen Rechenzentren der „digitalen Infrastruktur“ – aus CPUs (zusätzlich jetzt vor allem GPUs), Netzwerk und Optik, RAM, SSDs, Stromversorgung (USV, Trafos, Generatoren), Kühlung (Luft, Flüssigkeit), Racks, Verkabelung, Gebäuden und Stahlkonstruktion. Besonderes Gewicht dabei haben die GPUs, die rund 40 bis 50 Prozent der gesamten Investitionssumme für ein KI-Rechenzentrum ausmachen. Wenn man meint, diese GPUs seien „zerstörerische Hardware“, dann sollte man das auch sagen.
Die meiste „zerstörerische Hardware“ wird nicht erst für KI-Rechenzentren produziert. Laut Manifest will man will ja auch weiter „digitale Infrastruktur“ nutzen und „radikal-demokratisch“ kontrollieren. Es wäre interessant zu erfahren, was es da noch „radikal-demokratisch“ zu kontrollieren gibt, wenn die „zerstörerische Hardware“ beseitigt ist. Es wäre interessant zu erfahren, welche Hardware eines Rechenzentrums nicht zerstörerisch ist, oder ob man vielleicht „digitale Infrastruktur“ ohne Rechenzentren, ohne Glasfaser etc. will.
Was die „zerstörerische Software“ anbetrifft, so fehlt auch hier jede Einlassung auf das Thema. Was ist an LLMs zerstörerisch, welche KI-Agenten lehnt man ab, oder lehnt man auch hier alle ab, selbst wenn sie etwa die Krebsdiagnostik verbessern oder materielle Ressourcen bei der Produktion einsparen können? Man hält das nicht einmal für diskussionswürdig, was speziell dann bedenklich ist, wenn man über den Kapitalismus hinausdenken will. Revolutionär:innen, die mehr wollen als einen rein politischen Umsturz, nämlich eine neue klassenlose Gesellschaft, sollten eine Vorstellung haben von Produktivkräften (materiell wie ideell), die es zu bewahren und zu entwickeln gilt. Die Kritik an KI ist jedenfalls mehr als dürftig.
Wer ernsthaft für eine soziale Befreiung streiten will, die ihre Grundlage in der ökonomischen Befreiung von Lohnarbeit hat, sollte sich konkret auseinandersetzen mit Technologien, ihrem Einsatz in Produktion, Verwaltung etc. Nur wer sich des Doppelcharakters jeder Technologie bewusst ist, kann mit Grund abwägen, was es zu bewahren gilt und was nicht. Jede Technologie bedeutet einen mehr oder weniger starken Eingriff in die uns umgebende Natur, die Grundlage unseres Lebens ist.
In dem Manifest ist von all dem nichts zu spüren. Big Tech ist KI und KI ist Big Tech. Beides ist gleichermaßen von Übel und muss „zerschlagen“ oder sonst wie beseitigt werden – durch „uns“, wer auch immer das sei. Das Manifest bietet dafür aber schon ein „überzeugendes“ politisches Programm „der Bewegung“. Das wird in einem Satz so ausgedrückt:
„Lasst uns Big Tech enteignen, dezentralisieren und eine radikaldemokratische Kontrolle über digitale Infrastrukturen etablieren.“
Schön! Aber warum soll trotz der antikapitalistischen Gesinnung nur Big Tech enteignet, dezentralisiert und unter radikaldemokratische Kontrolle gebracht werden? Warum soll nicht das Privateigentum an Produktionsmitteln insgesamt abgeschafft werden, um den im Manifest erwähnten Missständen beizukommen? Und wieso meinen die Autor:innen, es sei eine realistische Option, aus dem System allgemeiner Warenproduktion nur die Big-Tech-Unternehmen herauszubrechen, um die „digitale Infrastruktur“ radikaldemokratischer Kontrolle zu unterwerfen?
Mit dem Manifest wird auf den reaktionären Hype um KI aufgesprungen, indem man versucht, einen linken Hype für die Zerschlagung von Big Tech dagegenzuhalten.
Diese Konzentration auf Big Tech erinnert mich sehr stark an die Konzentration auf Finanzkapital und Banken während und nach der Krise ab 2007. So verlor sich die Kritik an der kapitalistischen Produktionsweise in einer Kritik am Finanzkapital. Das hatte keine Perspektive, und auch die Bewegung gegen Big Tech hat keine, wenn sie sich von solchen Manifesten leiten lässt.