Eine Geschichte des jüdischen Radikalismus

03. Juli 2026

„Die sechs Jahrzehnte, die wir in diesem Buch abdecken, waren ein Labor der Experimente des Kampfes gegen Unterdrückung, Armut und Ausbeutung. Nichtjüdische Arbeiterinnen und Arbeiter hatten die Wahl, sich entweder mit ihren Ausbeutern gegen Sündenböcke zusammenzuschließen oder gemeinsam mit den Unterdrückten gegen den wahren Feind zu kämpfen. Juden und Jüdinnen ihrerseits konnten von Palästina träumen oder radikal politisch aktiv werden. Die sozialistischen Zionisten versuchten beides gleichzeitig, Wir können viel davon lernen, wie eine Politik des Absonderns einerseits und der Solidarität andererseits sich auf einer großen historischen Bühne zueinander verhielten, mal mit und mal ohne Erfolg verfolgt wurden […]. Als entscheidende Lehre konnte daraus gezogen werden, dass gegen das ‚Teile und Herrsche‘ der Herrschenden Einigkeit und Widerstand helfen.“1

In ihrer 2023 auf Englisch erschienenen Abhandlung Die radikale jüdische Tradition. Partisanen, Revolutionäre und Widerstandskämpfer, die seit Ende letzten Jahres dankenswerterweise in einer deutschen Übersetzung von Thomas Weiß vorliegt, erzählen Donny Gluckstein und Janey Stone jüdische Geschichte von der Zeit der Pogrome im zaristischen Russland Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Staatsgründung Israels 1948. Dabei geht es ihnen keineswegs um eine weitere Schilderung der Unterdrückung und Auslöschung jüdischen Lebens – obwohl sie grausame Beispiele eines mörderischen Antisemitismus anführen. Schon in der Einleitung bestehen sie auf der Aktualität ihrer Darlegung. Durch den Fokus auf die bemerkenswert große Beteiligung jüdischer Menschen am linksradikalen Widerstand sowohl gegen Diskriminierung als auch gegen kapitalistische Unterdrückung untermauern sie ihren Aufruf, dass nur beides zugleich und nur gemeinsam mit nichtjüdischen Aktivist:innen erfolgreich bekämpft werden kann. Dass sie den Zionismus – den sie als Politik der Absonderung bezeichnen – dabei nicht hilfreich finden, verdeutlichen sie ebenfalls gleich in der Einleitung: „Wir erklären uns öffentlich als jüdische Antizionisten.“

Der Fülle der linken jüdischen Geschichte kann ein einziges Buch kaum gerecht werden. Gluckstein und Stone beschränken sich deshalb auf vier geografische Gebiete: Russland, das Londoner East End, New York und Polen.

Klassensolidarität statt nationaler Absonderung

Das erste Kapitel, „Partisanen“, konzentriert sich auf den modernen Antisemitismus als kapitalistische Teile-und-Herrsche-Politik. Es zeigt, dass diese Sündenbockfunktion von oben implementiert wurde und eben nicht – wie der Vordenker des politischen Zionismus Theodor Herzl nicht müde wurde zu versichern – eine unabänderliche Gesinnung aller nichtjüdischen Menschen war. Die meisten Jüdinnen und Juden folgten zunächst nicht Herzls Ansicht. Statt sich in Palästina abzuschotten, suchten sie vielmehr außerhalb ihrer Gemeinschaft nach Verbündeten und schlossen sich in großer Zahl dem Klassenkampf an. Immer wieder finden sich in dem Buch Statistiken, die zeigen, dass sie unter Linken und Linksradikalen überdurchschnittlich stark vertreten waren. Das gilt auch für die sozialistischen Kampfgruppen. Offenbar führte die Erfahrung der eigenen Drangsalierung dazu, die Befreiung aller Menschen von Ausbeutung und Unterdrückung herbeizusehnen und in Angriff zu nehmen. Auch aufgrund ihrer weltweiten Zerstreuung gaben viele jüdische Menschen einem Internationalismus statt eines Nationalismus den Vorzug.

Eine Flucht ins „eigene Land“ fanden die meisten eher unattraktiv. Als Herzl 1904 starb, „war nicht einmal ein Prozent der weltweiten Juden offiziell Mitglied der zionistischen Organisation.“ Dass sich die jüdische Oberschicht in der Diaspora lieber assimilierte, um ihre Privilegien zu behalten, und die aufsässige Unterschicht den Zionismus ebenfalls ablehnte, führte naturgemäß nicht zu größerem Zulauf. Das machen die Autor:innen immer wieder deutlich: Der Klassengegensatz findet sich auch innerhalb der jüdischen Gemeinschaft. So engagierten sich viele lieber im Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbund, der auf Klassensolidarität statt nationale Absonderung setzte. Der wechselvollen Historie des „Bund“ (gegründet 1897 im damals russischen Vilnius) über die sechs Jahrzehnte schenken Gluckstein und Stone besondere Aufmerksamkeit, war er doch nicht nur für die jüdische Gemeinschaft von großer Bedeutung: „Der Bund führte vieles erstmalig ein, was revolutionäre Parteien von nun an ausmachen sollte: die agitatorische Zeitung, die Berufsrevolutionäre und die Notwendigkeit der Verankerung der Partei in der Arbeiterklasse.“

Judenfeindlichkeit, vor allem religiös motivierte, gibt es schon seit Jahrtausenden. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit flohen viele Jüdinnen und Juden nach Polen, das damals – man mag es heute kaum glauben – toleranter war als andere europäische Länder. Im 16. Jahrhundert lebten drei Viertel aller jüdischen Menschen weltweit in Polen. Doch nach der Aufteilung des Landes im 18. Jahrhundert lebte die Mehrheit von ihnen plötzlich im zaristischen Russland. „Dieses Russland hieß sie jedoch nicht willkommen. Vielmehr war es, bevor der Holocaust geschah, der Ort des schlimmsten Antisemitismus.“ Ab 1826 wollte Zar Nikolaus I. Russland „entjudaisieren“ und zwang die jüdische Bevölkerung im sogenannten Ansiedlungsrayon, der sich im ehemaligen Polen, dem größten Teil der heutigen Ukraine, Litauen und Belarus befand. „Obwohl Juden insgesamt nur 12 Prozent der Bevölkerung des Rayons ausmachten, nahm ihre Bedeutung […] in den Städten und Kleinstädten (jiddisch ‚Schtetl‘) zu. In neun Provinzen stellten sie die Mehrheit der städtischen Bevölkerung.“ Diese unfreiwillige Konzentration und die zaristische Repression und Propaganda führten 1871 schließlich zum drei Tage andauernden Pogrom im jüdischen Viertel Odessas, dem Ereignis, das Stone und Gluckstein als Ausgangspunkt ihrer historischen Schilderung im zweiten Kapitel namens„Revolutionäre“ setzen.

Sie beschreiben, wie nach dem Attentat auf Zar Alexander II. 1881 durch Narodniki die Jüdinnen und Juden als Sündenböcke ausgemacht wurden, was eine Pogromwelle nie gekannten Ausmaßes lostrat; wie Alexander III. antijüdische Verordnungen einführte, die in ihrer Detailwut und Perfidie an die Nürnberger Rassegesetze erinnern; wie die jüdischen Arbeiter:innen, die sich in den Städten des Ansiedlungsrayons mitten im Zentrum des sich entwickelnden Kapitalismus befanden, Gewerkschaften mit aufbauten, streikten und massenhaft demonstrierten – auch gegen ihre jüdischen Chef:innen. „In den kleinen Werkstätten waren beide, die Chefs und die Arbeiter, jüdisch, was die Grundlage für eine besonders heimtückische Art von Überausbeutung war, schließlich war es einfacher, an ein gemeinsames Interesse zu appellieren, wenn alle in die gleiche Synagoge gingen und getrennt von der nichtjüdischen Bevölkerung in abgesonderten Stadtvierteln lebten und arbeiteten.“ Die Bosse forderten sogar christliche Arbeiter:innen zu Streikbrüchen auf. „Die Sozialisten taten ihr Bestes, um die Feindseligkeiten zwischen den Gemeinschaften zu zerstreuen. Sie zielten darauf, die Tradition, wonach alle Juden Brüder seien, durch die neue Idee der Klassensolidarität zu ersetzen: ‚Unter uns Arbeitern gibt es keinen Unterschied zwischen einem Juden und einem Christen, wir gehen Hand in Hand gegen unsere Unterdrücker vor.‘ […] Es wurden Flugblätter an nichtjüdische Arbeiter und Arbeiterinnen verteilt, um das Klassenbewusstsein zu heben und gegen den Antisemitismus vorzugehen, jedoch mit wenig Erfolg. Doch es gab auch beispielhafte Zusammenarbeit zwischen den Gemeinschaften. […] In der Zigarettenfabrik Schereschewski weigerten sich im Jahr 1904 nichtjüdische Arbeiter, als Streikbrecher eingesetzt zu werden. ‚Hier gibt es keine Juden oder Polen, wir sind alle Arbeiter‘, war eine Parole.“

Die Zusammenarbeit jüdischer und nichtjüdischer Arbeiter:innen nahm in der Revolution 1905 noch einmal deutlich zu. Die folgende Konterrevolution griff aber wieder auf die Jüdinnen und Juden als bewährte Sündenböcke zurück, was eine neue Pogromwelle auslöste. Gluckstein und Stone ist besonders wichtig, dass die Angegriffenen diese Pogrome nicht widerstandslos über sich ergehen ließen: „Unter der Führung des Bundes wurden rasch überall Verteidigungseinheiten gegründet. Üblicherweise hatte jede Einheit eine Kerntruppe und eine Reserve. Die Mitglieder waren oft Handarbeiter wie Stauer (Hafenarbeiter) und Metzger, da kräftige Menschen gebraucht wurden. Für die Jahre 1903 und 1904 ist bekannt, dass solche Verteidigungseinheiten bei einem Fünftel aller Pogrome zum Einsatz kamen, ein Jahr später waren es schon ein Drittel.“ Die Darstellung jüdischer Menschen als ewige passive Opfer weisen sie im Laufe ihres Buches immer wieder vehement zurück.

Der Erste Weltkrieg verschärfte das Elend der jüdischen Zivilbevölkerung, da die Kampfhandlungen in Osteuropa vor allem dort stattfanden, wo viele von ihnen lebten. Und nach dem Krieg, als die Grenzen mal wieder verschoben wurden, lebten die meisten der Jüdinnen und Juden (weltweit 70 Prozent) unter einem anderen Regime als zuvor.

Klassenkampf im Gepäck

Die Pogrome und Repression führten ab den 1880er Jahren zu mehreren Auswanderungswellen aus Osteuropa. Viele gingen nach England und ließen sich der Einfachheit halber gleich nahe des Ankunftshafens nieder, im Londoner East End. Obwohl es dort kaum gesetzliche Diskriminierung gab, fanden sie dort kein Paradies vor, sondern Klassengegensätze auch innerhalb ihrer Gemeinschaft. Die wohlhabenden, bereits assimilierten Jüdinnen und Juden verachteten die fremdländischen, armen Neuankömmlinge kaum weniger, als es die nichtjüdische Bevölkerung tat. Ihre sozialistischen Ideen und Erfahrungen im Klassenkampf, die sie mit in die neue Heimat nahmen, hatten daran gewiss einen Anteil.

Die Befürchtungen der jüdischen Oberschicht waren nicht grundlos: Bald kam es zu großen Streikwellen, Protesten und Versammlungen, bei denen Einheimische und Eingewanderte „trotz babylonischer Sprachverwirrung“ gemeinsame Sache machten. Jetzt konnten sich die jüdischen Aktivist:innen legal in Gewerkschaften, Zentren und Klubs organisieren, sich bilden und streiten – zum Beispiel über Atheismus: „Die jüdischen Radikalen waren Atheisten und versuchten die jüdischen Arbeiter und Arbeiterinnen von ihren Glaubensvorstellungen oder wenigstens von ihrer Anhänglichkeit an die, durchweg konservativen, jüdischen Gemeinden abzubringen. Sie stritten mit ihnen bei jeder Gelegenheit und provozierten, indem sie an Jom Kippur vor den Synagogen Schinkenbrötchen aßen.“ Schweinefleisch am Fastentag!

In der Zwischenkriegszeit hatte die zweite Generation der Eingewanderten längst Englisch gelernt und hielt sich mittlerweile für britisch, was der Solidarität zwischen jüdischen und nichtjüdischen Klassenkämpfer:innen und Antifaschist:innen förderlich war. Auch hier war nichts von passivem Opfertum zu spüren. Im Gegenteil: Juden und Jüdinnen beteiligten sich zum Beispiel massenhaft – vor allem gemeinsam mit angeblich besonders fremdenfeindlichen Ir:innen – an der Schlacht in der Cable Street 1936 gegen die British Union of Fascists, die sich davon nicht mehr wirklich erholte.

Ihr nächstes Schlaglicht werfen Stone und Gluckstein auf New York. Zwischen 1880 bis zum Ersten Weltkrieg flüchteten 2,5 Millionen Jüdinnen und Juden in die USA. Die meisten von ihnen blieben gleich in New York, stellten 1914 mit 1,75 Millionen fast ein Drittel der Bevölkerung und verwandelten die Stadt von einer eher konservativen, mittelständischen in eine Brutstätte des Klassenkampfes. Die meisten Immigrant:innen landeten wieder nicht im Paradies, sondern vor allem in Sweatshops mit miserablen Arbeitsbedingungen. Auch hier fühlten sich die schon länger ansässigen, aus Westeuropa stammenden Jüdinnen und Juden den armen osteuropäischen Neuankömmlingen überlegen. Die frisch Eingewanderten mussten sich mit der Ausbeutung durch jüdische Bosse plagen, konnten dabei aber auf ihre Kampferfahrungen zurückgreifen und organisierten Streiks und Mietboykotts – gemeinsam mit nichtjüdischen Genoss:innen.

In der Zwischenkriegszeit verschärfte sich die wirtschaftliche Lage für Arbeiter:innen in den USA, insbesondere für Immigrant:innen und Schwarze: „Als im Jahr 1929 die bis dahin größte Wirtschaftsleistung der gesamten US-Geschichte erzielt wurde, hatten 60 Prozent der Bevölkerung kein für das Lebensnotwendige ausreichendes Einkommen. Außerhalb der USA geborene und schwarze Arbeiter erhielten nur die Hälfte des Arbeitslohnes von weißen, in den USA geborenen Arbeitern.“ Der vorherrschende hysterische Antikommunismus ging seine unheilige Allianz mit dem Antisemitismus ein, sodass die Immigration 1924 drastisch eingeschränkt wurde – mit einem Gesetz, das man praktischerweise bald darauf wiederverwenden konnte, um die armen, vor dem Holocaust Flüchtenden abzuweisen. Solange musste der Zionismus warten, bis er eine relevante Anzahl von Jüdinnen und Juden überzeugen konnte. „Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges war der Zionismus in den USA keine relevante politische Strömung. Vor 1914 hatte er sehr wenig Unterstützung, und die meisten jüdischen Organisationen waren entweder gleichgültig oder offen dagegen. Im Jahr 1917 zählte die US-amerikanische zionistische Bewegung landesweit gerade 200.000 Mitglieder. Das war sehr wenig im Vergleich zur Zahl jüdischer Menschen in den verschiedenen sozialistischen Organisationen.“

Widerstand gegen die Vernichtung

Anders sah es im neuen polnischen Staat aus. Dort waren 1918 die Zionist:innen in der jüdischen Gemeinschaft die Mehrheit und standen vor dem Dilemma, das Gleiche zu fordern wie der erstarkende Faschismus: die Ausreise nach Palästina.

Das dritte Kapitel, „Widerstandskämpfer“, widmet sich dem Holocaust, vielmehr: dem Widerstand im Holocaust. Die Autor:innen betonen, dass es die Eliten waren, die dem Faschismus zum Sieg verhalfen und damit den Weg in die Katastrophe des Holocaust ebneten. Und dass überhaupt Jüdinnen und Juden dieser Hölle entgehen konnten, war fast immer der Hilfe nichtjüdischer Menschen vor allem aus der Arbeiterklasse zu verdanken. „Unter solchen Umständen konnte der Versuch, am Leben zu bleiben, bereits ein Ausdruck von Auflehnung sein, und Versuche, sich zu verstecken oder zu fliehen, müssen als Widerstand betrachtet werden.“ Oft heißt es, die Jüdinnen und Juden seien wie die Lämmer zur Schlachtbank gegangen. „Doch es gab Widerstand, und zwar in einem Ausmaß, das, aus welchen Gründen auch immer, aus dem historischen Bewusstsein verschwunden ist. Der Aufstand im Warschauer Ghetto war nicht das einzige Ereignis. Jüdischer Widerstand fand im gesamten von den Nazis besetzten Osteuropa statt.“ Es gab bewaffnete Verteidigungseinheiten, Geldfälscher:innen und „Ghettomädchen“. „Die Untergrundorganisationen in den Ghettos hätten nicht funktionieren können ohne die Tausenden von Kurieren, die unter größter Gefahr daran arbeiteten, die Isolation der Ghettos zu durchbrechen. Die meisten waren Frauen, da es für sie leichter war, sich als nichtjüdisch darzustellen. Die Frauen sprachen oft besser polnisch als die Männer und mussten nicht befürchten, vor den Nazis die Hosen runterlassen zu müssen […] Die weiblichen Kuriere überbrachten jedoch nicht einfach nur Nachrichten. Sie schmuggelten Menschen, Geld, gefälschte Pässe, Untergrundblätter, Informationen und Waffen. Sie versteckten Gegenstände in ihren Kleidern, ihren Büstenhaltern, in ihren Monatsbinden, in Schuhen, in Kartoffelsäcken. Sie gaben sich unbefangen und flirteten sogar etwas mit den Soldaten und SS-Leuten, immer in Gefahr entdeckt, gefoltert, eingesperrt oder getötet zu werden.“

Viele aus den Lagern Geflüchtete schlossen sich Partisanengruppen an oder bildeten insbesondere im heutigen Belarus eigene jüdische Kampfeinheiten. „Doch auch die Partisanen standen, wie die Untergrundbewegungen in den Ghettos, vor der Frage, was die vielen Menschen, die aus den Ghettos flohen, viele von ihnen unbewaffnet und für Kämpfe nicht geeignet, tun sollten? Ungefähr 10.000 Juden überlebten in Familienunterkünften, die Schutz und Unterstützung sowohl für nichtkämpfende Menschen als auch für bewaffnete Partisanen gewährten. Das berühmteste Familienlager dieser Art, Bielski Otriad [benannt nach den jüdischen Brüdern Bielski], kümmerte sich hauptsächlich um die Rettung von Juden und nahm alle, die das Lager erreichten, unabhängig von Geschlecht oder Alter, auf.“

Die Flucht aus den Lagern, das Verstecken im Wald oder in den Städten und das weitere Überleben waren nicht ohne die Hilfe von nichtjüdischen Unterstützer:innen möglich. Oft wird behauptet,, dass beispielsweise die Pol:innen selbst besonders antisemitisch eingestellt gewesen seien. Dieser Darstellung folgt das Buch nicht: „Auf der Liste der Gerechten unter den Völkern (eine Liste in Yad Vashem, die nichtjüdische Einzelpersonen versammelt, die ihr Leben aufs Spiel setzten, um Juden vor der Ermordung zu retten) stehen 6.266 Polen. Das sind mehr als in irgendeinem anderen Land.“ Stone und Gluckstein verweisen darauf, dass es für die Pol:innen wesentlich schwieriger war, andere Jüdinnen und Juden zu unterstützen, mussten sie sich doch selbst eines genozidalen Angriffs der Nazis erwehren. Es waren die westlichen Alliierten, die nicht die nötige Hilfe leisteten.

Eine vertane Chance

Das vierte Kapitel, „Palästina und heute“, beleuchtet die Ansiedlung jüdischer Auswander:innen in Palästina. „Nachdem die 1917 geweckten Hoffnungen durch Stalin zerstört worden waren und angesichts der völligen Gleichgültigkeit der Regierungen weltweit gegenüber dem Schicksal der Flüchtenden, führte der Massenmord des Holocaust dazu, dass sich der Fokus der jüdischen Frage auf Palästina verschob.“ Die Erfahrungen der Pogrome und des Holocaust führten zu mitunter sehr unterschiedlichen Lebenswegen. Zwei von ihnen stellen Gluckstein und Stone vor. Da ist auf der einen Seite ein polnisch-jüdischer Bolschewik, der in einer sowjetischen Munitionsfabrik arbeitete, aber nach dem Krieg, enttäuscht von Stalin – der bei der Heldenverehrung der Antifaschist:innen die jüdischen Kämpfer:innen nicht einmal erwähnte – zunächst zurück nach Polen ging, um dort mitzuerleben, wie 1946 im Pogrom in Kielce 42 Holocaust-Überlebende ermordet wurden. So ging er nach Palästina in einen Kibbuz und schloss sich 1948 einer paramilitärischen Truppe an, um Araber:innen zu bekämpfen, und errichtete sogar eine Fabrik für israelische Panzer. Anschließend emigrierte er nach Südafrika, da er fand, dass es – wie Israel – von anderen Staaten unnötig angefeindet wurde, und baute dort für das Apartheidregime Panzer.

Die Mutter von Donny Gluckstein dagegen wuchs in Kapstadt auf, musste erleben, wie die Regierung nicht nur die Schwarzen unterdrückte, sondern auch Flüchtlingsschiffe aus Nazi-Deutschland abwies, und wanderte ebenfalls in einen Kibbuz aus. Abgestoßen davon, dass die jüdischen Siedler:innen das Land für den Kibbuz von arabischen Dörfern gekauft hatten, verließ sie aber bereits 1947 Palästina wieder als überzeugte Antizionistin. „Die Anfänge bei Urman und Rosenberg waren die gleichen, aber nach der Erfahrung in Palästina fanden sie sich in entgegengesetzten Lagern wieder. Was war passiert? Die Antwort ergibt sich aus dem Zusammenprall zwischen der zionistischen Theorie und der Realität in Palästina.“

Wie Stone und Gluckstein an vielen Stellen darlegen, war die Gründung des zionistischen Staates Israel keine natürliche Folge des Antisemitismus. Vor dem Holocaust fand dieses Projekt kaum Unterstützung. Zwar es immer wieder Einwanderungswellen („Alijot“) aber „die Einwanderungszahlen blieben weit hinter den Erwartungen zurück. Nur wenige jüdische Migranten gingen nach Palästina, und noch weniger blieben dort. 70 Prozent der ersten Alija [1881–1903] und zwei Drittel der zweiten [1904–1914] reisten wieder aus. Die jüdische Bevölkerung, die vor dem Ersten Weltkrieg 85.000 betragen hatte, verringerte sich bis 1918 auf 65.000. Die Mitte der 1920er Jahre von vielen Staaten verfügten Einwanderungsbeschränkungen förderten die Immigration nach Palästina, aber nach einer kurzen Wirtschaftskrise verließen doppelt so viele Menschen das Land, wie neu hinzukamen. Die Tatsache, dass jüdische Einwanderung rasch wieder in Auswanderung umschlagen konnte, gefährdete den Plan eines jüdischen Heimatlandes in Palästina.“

Die Siedler:innen, die zuvor – zum Teil erzwungenermaßen – in Städten gelebt hatten, sollten sich nun der Landwirtschaft widmen und konnten nicht mit den erfahrenen arabischen Arbeitskräften konkurrieren. Selbst jüdische Landbesitzer:innen stellten lieber arabische – also geübte und billigere Arbeiter:innen – ein, zumal sie keine Klassenkampferfahrungen im Gepäck hatten. Auch die arabischen Kleinbauern freuten sich nicht über die neue Konkurrenz, da sie die zusätzlichen saisonalen Jobs zum Überleben brauchten. „Araber oder Jude, als der Klasse der Landarbeiter zugehörig, mussten beide Armut und Arbeitslosigkeit erdulden, gleich ob die Landbesitzer arabisch oder jüdisch waren. Die führenden Zionisten dieser Zeit kümmerten sich wenig um den Lebensstandard der politisch radikalen Immigranten, deren politische Ansichten sie nicht mochten. Das Einzige, was zählte, war, dass eine möglichst hohe Zahl von ihnen einwanderte.“

Wehmütig beschreiben Stone und Gluckstein die verpasste Chance auf einen gemeinsamen arabisch-jüdischen Klassenkampf gegen die Bosse auf dem Land und in den Städten. Selbst eine – wenn auch knappe – Mehrheit der linken Zionist:innen lehnte eine Zusammenarbeit mit Araber:innen ab, obwohl Spannungen zwischen den beiden Gemeinschaften erst ab dem Ersten Weltkrieg begannen, als die jüdische „Eroberung der Arbeit“ schließlich erfolgreich war. So legen die Autor:innen dar, dass sich der Zionismus zwar einen linken Anstrich gab, aber nur, um weitere Siedler:innen oder zumindest europäische und US-amerikanische Spenden anzulocken.

Nur die Kommunistische Partei Palästinas war sowohl in der palästinensischen als auch der jüdischen Bevölkerung aktiv. „ Aber auch sie scheiterte. Sie wurde 1923 gegründet und war von Anfang an zwischen zwei entgegengesetzten Auffassungen gefangen. Die eine Fraktion zielte auf die Einheit der Klasse, und jüdische Immigranten waren für sie eine Verstärkung für die arbeitende Klasse in einer gemeinsamen arabisch-jüdischen Revolution. Die andere Fraktion hielt den antiimperialistischen Kampf für zentral, ihr Feindbild war die Balfour-Deklaration und die koloniale zionistische Siedlungspolitik. Unfähig ihre Meinungsverschiedenheiten zu beheben, spaltete sich die Partei 1943 in eine jüdisch-palästinensische und in eine arabische kommunistische Partei. Erstere ermöglichte fünf Jahre später Waffenlieferungen aus Osteuropa, die zur ethnischen Säuberung Palästinas eingesetzt wurden, und trat der israelischen Regierung bei. Letztere wurde während der Nakba ins Exil getrieben und vom arabischen Nationalismus aufgesogen.“

Auch die Kibbuz-Bewegung entmythologisiert dieses Buch, war sie doch immer sehr klein – 1922 lebten gerade mal 8 Prozent der jüdischen und 2,6 der Gesamtbevölkerung in einem Kibbuz – und zudem vor, während und nach der Staatsgründung ein Hort der Militärrekrutierung. „Noch in den 1960er Jahren, als nur vier Prozent der Israelis in Kibbuzim lebten, kamen 22 Prozent der israelischen Offiziere von dort.“

Dem Versuch, städtisch sozialisierte Jüdinnen und Juden zur Landwirtschaft zu animieren, wo sie außerdem noch Hebräisch – als Alltagssprache seit fast zwei Jahrtausenden ausgestorben – sprechen sollten, zumal in einem bereits bewohnten Gebiet, können Stone und Gluckstein wahrlich nichts abgewinnen. „Die Suche nach einem Zufluchtsort für Unterdrückte hätte sich nicht in eine ‚nationale Mission‘ verwandeln dürfen, um die Bewohner des Zufluchtsorts zu vertreiben. Verantwortlich für die Lage war von Anfang an die kapitalistische Unterdrückung und ihre Praxis des ‚Teile und Herrsche‘. Wenn nun auch noch Juden und Jüdinnen aus der Arbeiterklasse ihre Klassengenossen im Stich ließen, dann wurden sie so zu Komplizen genau jenes Systems, das sie einst bekämpft hatten. Es war eine Tragödie, dass die einst von linken Ideen Geleiteten nun Partei ergriffen für die gewaltsame Vertreibung der palästinensischen Mehrheit aus ihren Häusern und von ihrem Land. Das war der letzte Nagel im Sarg des bemerkenswerten Phänomens des massenhaften jüdischen Radikalismus.“

Geschichtsschreibung ist nie objektiv und interesselos. Gluckstein und Stone legen von Beginn an offen, worum es ihnen geht. Ihre detailreiche und sorgfältige Darstellung der Historie taugt nicht als Entschuldigung für irgendwelche späteren Schandtaten. Stattdessen zeigt sie auf, wie ein gemeinsamer Kampf mit Menschen anderer Religionen, Ethnien, Communitys – oder wie auch immer man das bezeichnen mag – gegen Unterdrückung und Ausbeutung die einzige Hoffnung auf ein besseres Leben für alle war und immer noch ist.

Und natürlich ist das Buch auch ein Beitrag zur aktuellen Debatte darüber, was als antisemitisch gilt oder nicht. „Das Wissen um die wirkliche jüdische Geschichte ist auch deshalb von entscheidender Bedeutung, weil in einer perversen Verdrehung die herrschenden Mächte inzwischen eine neue Taktik des ‚Teile und Herrsche‘ anwenden. In der Vergangenheit machten sie die Juden zu Opfern, um die Linke zu schwächen. Jetzt nutzen sie die Abscheu, die ihre eigenen Handlungen hervorrufen, dazu, die Linke erneut zu verunglimpfen. […] Wagen es Linke, ob jüdisch oder nicht, den Staat Israel zu kritisieren, riskieren sie, als rassistische Antisemiten angeklagt zu werden.“

Donny Gluckstein/Janey Stone, Die radikale jüdische Tradition. Partisanen, Revolutionäre und Widerstandskämpfer, übersetzt von Thomas Weiß, Berlin 2025. 480 Seiten, 20 €, Zu bestellen direkt beim Verlag unter diebuchmacherei.de.

  • 1. Donny Gluckstein, Janey Stone, Die radikale jüdische Tradition. Partisanen, Revolutionäre und Widerstandskämpfer, Die Buchmacherei, Berlin 2025. Zu bestellen direkt beim Verlag unter diebuchmacherei.de.