„autoritäre, dogmatische, islamofaschistische, klerikal…“ – Über die liberale Rekuperation des Antiautoritarismus
Bereits seit einigen Jahren wird in der Linken eine Debatte über ein kaum zu übersehendes Wiedererstarken des Leninismus geführt, das sich etwa im Zulauf zu allerlei Gruppen zeigt, die sich in ihrer Theorie und Praxis auf Fragmente des Stalinismus, Maoismus oder auch des Trotzkismus stützen. Die Kritik an dieser Form des Neo-Leninismus sollte für Menschen, die sich in einer antiautoritären Tradition verorten, die also darauf bestehen, dass die Befreiung von Herrschaft und Unterdrückung nur gelingen kann, wenn sich diese auch in der Form des Kampfes und der politischen Organisierung bereits selbst widerspiegelt und partiell vorweggenommen wird, ein Herzensanliegen sein. Dass diese notwendige Kritik am Neo-Leninismus mitunter ebenso kritikwürdig ist wie ihr Gegenstand, damit beschäftigt sich der folgende Text. Er zeigt auf, wie das Label des „Autoritären“ besonders in der antideutschen Szene als Schlagwort fungiert, das zur Affirmation der bestehenden Ordnung beiträgt.
***
„Eine politische Intellektuellenbewegung muss Momente kleinbürgerlicher Asozialität entfalten, wenn sie aus bürgerlichen Verkehrsformen sich löst, nicht in eine proletarische Organisation sich integrieren und sich gleichwohl als eigenständige Klasse nicht setzen kann.“
(Hans-Jürgen Krahl)1
Ein Januartag in Connewitz
Zu Anfang diesen Jahres wurde der Leipziger Stadtteil Connewitz zum Schauplatz eines unwürdigen Spektakels: Angemeldet und maßgeblich organisiert von einer Mitarbeiterin des Bündnis Sarah Wagenknecht fand dort eine Demonstration gegen den antifaschistisch geprägten Stadtteil sowie dessen Landtagsabgeordnete von der Linkspartei statt. Der Stein des Anstoßes war die pro-israelische Prägung der dortigen Subkultur. Diese mag einem Gefallen oder auch nicht. Aber ausgerechnet in einem Bundesland, das von militanten Neonazigruppen wimmelt und in dem die AfD seit langem alle Wahlumfragen als stärkste Partei anführt, eine Demonstration gegen antifaschistische Strukturen mit abweichenden Positionen in außenpolitischen Fragen durchzuführen, scheint doch mehr als fragwürdig. Da nun aber auch die pro-israelische Antifaszene genau dieser außenpolitischen Frage ebenfalls höchste Wichtigkeit einräumt, nahm sie gerne das „Duell“ um die Szenehegemonie an. Großflächig stellten sich im Januar 2026, also zu einem Zeitpunkt, zu dem der Gazakrieg nach Angaben der UN bereits mehr als 71.000 Palästinenser*innen das Leben gekostet hatte,2 mit einem Meer aus Israel- und vereinzelten Ukraineflaggen sowie pro-zionistischen Bannern vor Connewitz auf, um „ihr“ Viertel zu schützen.
In der ersten Reihe stand ein älterer Autonomer, der mit schwarzem Käppi und Sonnenbrille ausgestattet und in eine Israelflagge eingehüllt war. Als ein Filmteam ihn mit der rhetorischen Frage „Das sind aus Ihrer Sicht keine Linken?“ nach seiner Einschätzung der Gegenseite fragte, gab er folgendes zum Besten: „Nein, das sind Antisemiten, das sind autoritäre, dogmatische, islamofaschistische, klerikal…“
Weiter kam er nicht. Statt die Pro-Palästina-Demonstration mit noch weiteren negativen Adjektiven zu versehen, war es ihm plötzlich wohl wichtiger, einen rechten Streamer mit „Du verpisst dich jetzt hier! Verpiss dich, du Wichser!“ anzuschreien.3
Diese von der Kamera eingefangene Szene lässt einen einigermaßen ratlos zurück. Dass sich unter den Demonstrant*innen gegen die Connewitzer Antifaszene zweifellos eine nicht geringe Zahl Linker befand, die einen Faible für Lenin, Mao oder Stalin haben, lässt sich wohl schwerlich leugnen. Doch wie, so fragt man sich, konnte es eigentlich passieren, dass Linke, die sehr wahrnehmbar das Label des „antiautoritären“ für sich reklamieren oder zumindest autoritäre Tendenzen in der Linken kritisieren, selbst Fans von kriegsführenden Nationalstaaten mit rechtsextremen Regierungen sind4 und sich offensiv mit deren Insignien schmücken.
Nun könnte man meinen, dieses schlichte Niveau der Auseinandersetzung sei dem aufgeheizten Klima einer Demonstration geschuldet. Dass der Vorwurf des Autoritarismus heute in der antideutschen Szene aber auch sonst als theoretisch völlig entleerter, affirmativer Kampfbegriff eingesetzt wird, der losgelöst ist von den Debatten über die Überwindung autoritärer gesellschaftlicher Strukturen, wie sie von den radikalen antiautoritären Bewegungen der Vergangenheit geführt wurden, will ich im weiteren anhand von drei Fällen skizzieren.
Nicholas Potter und die „neue autoritäre Linke“
Das Handbuch zu den Vorwürfen des Connewitzer Autonomen lieferte ebenfalls Anfang dieses Jahres der Journalist Nicholas Potter mit seinem Titel Die neue autoritäre Linke. Eine akute Bedrohung für die demokratische Gesellschaft (dtv, 2026).5 Der intellektuelle Anspruch des Buches lässt sich irgendwo zwischen dem antideutschen Pöbler und dem aktuellen Verfassungsschutzbericht einordnen. Seine polizeilichen Methoden unterstreicht der Autor stolz bereits in der Einleitung: „Für dieses Buch habe ich Hunderte Seiten interner Chatprotokolle von linken Bewegungen ausgewertet.“ Wie aus einem Artikel im Jacobin hervorgeht, hat Potter wohl zusätzlich illegale Gesichtserkennungssoftware eingesetzt, um einfache Teilnehmende an Pro-Palästina Demonstrationen zu identifizieren.6
Ähnlich dürftig wie sein methodischer ist auch sein theoretischer Ansatz. Auf nicht einmal einer halben Seite referiert er in seinem Buch in sehr groben Zügen die von Erich Fromm erstmals formulierte sowie von Theodor W. Adorno, Else Frenkel-Brunswik und ihrem Team weiterentwickelte Theorie des autoritären Charakters, um sie dann in einer halsbrecherischen Dialektik auf die Linke anzuwenden: „Der linke Autoritarismus will nicht nach unten treten, sondern nach oben, wo die Mächtigen sitzen.“ Vielleicht ist Potters Wendung der Theorie des autoritären Charakters gar nicht so wahnwitzig, wie sie auf den ersten Blick erscheint, stellte sie doch bereits bei Adorno selbst einen liberalen Einbruch in die Kritische Theorie dar. In Adornos Studie fungiert nicht etwa ein klassenbewusstes Proletariat als das Gegenmodell zum autoritären Charakter, sondern ausgerechnet der aufgeklärte Bürger, der sogenannte liberale Typus. Ein ähnlich emphatischer Bezug auf die liberale Demokratie findet sich in Potters Buch an vielen Stellen, an denen diese der sogenannten „autoritären Linken“ entgegengesetzt wird. In einer sieben Punkte umfassenden Liste zur Identifizierung der „autoritären Linken“, die Potter ohne weitere Erklärung, wie er zu dieser kam und anhand welcher Kriterien er diese aufgestellt hat, in seinen „Theorieteil“ eingefügt hat, wird die „liberale Demokratie“ nicht nur jeglicher Kritik enthoben, sondern die Kritik an ihr selbst zu einem Kennzeichen autoritärer Linker erhoben: „Vor allem folgende Merkmale zeichnen die neue autoritäre Linke aus: […] eine Ablehnung der liberalen Demokratie als rassistisches und kapitalistisches Unterdrückungssystem zugunsten von autoritären sozialistischen oder kommunistischen Staatsformen.“ Autoritär ist laut Potter, wer sich nicht zum Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, zu dessen kapitalistischer Eigentumsordnung und zu ihren rassistischen Institutionen bekennt.
Dem theoretischen Analphabetismus entspricht eine ebenso fragwürdige Empirie. Neben internen Chatgesprächen irgendwelcher Minipolitgruppen beobachtete Potter etwa, dass auf dem Fusionfestival irgendjemand irgendwohin ein rotes Dreieck gesprüht hatte: „Hinzu kamen Aufkleber mit dem Spruch ‚In Solidarity with Palestinian Resistance‘.“ Diese belanglosen Beobachtungen über Aufkleber und Sprühereien verdichtet er dann immer wieder zu höchst tiefgreifenden Aussagen: „Es geht der neuen autoritären Linken aber nicht nur um einen Kampf gegen den Zionismus, sondern auch gegen die liberale Demokratie des Westens und ihre ‚Eliten‘. Eine Brandmauer gibt es nicht, man freut sich über jeden Verbündeten, so auch bewaffnete islamistische Gruppen, die zu revolutionären Subjekten des Globalen Südens stilisiert werden.“
Es ist sicherlich keine völlig falsche Aussage, dass sich in der Palästinabewegung auch Leute tummeln, die offene Sympathien für islamistischen Terrorismus hegen. Doch dies müsste man am Einzelfall nachweisen und kritisieren. Eine solche Terrorsympathie aber für eine gesamte, eher heterogene Bewegung generell und ohne jeglichen Beleg zu behaupten, kann man nicht anders als denunziatorisch bezeichnen. So kommt die gerade zitierte Stelle völlig ohne Fußnoten oder Textbelege aus, die etwa nachweisen würden, dass der islamistische Terrorismus von der „autoritären Linken“ zum neuen revolutionären Subjekt erhoben worden wäre. Stattdessen sagt Potter auch in diesem Abschnitt selbst wieder selbst offen und deutlich worum es ihm geht: Eine Verteidigung des kapitalistisch-imperialistischen Systems und seiner herrschenden Klasse.
Nun könnte man einwenden, dass ein pöbelnder Demonstrant und ein denunziatorischer Journalist noch kein hinreichender Beleg dafür sind, dass der antideutschen Szene die Kritik an autoritären Tendenzen in der Linken zu nichts anderem dient als der Verteidigung des Kapitalismus. Und auch kein Beleg dafür ist, dass die Frage des Verhältnisses von Kapitalismus, liberaler Demokratie, Kolonialismus und Faschismus, über den sich unzählige Linke seit vielen Jahrzehnten den Kopf zerbrechen, in der antideutschen Diskussion völlig ignoriert wird und stattdessen so etwas wie Theoriesimulation mit aufgeschnappten Schlagwörtern aus der Frankfurter Schule betrieben wird.
Die Poetik des Steuerzahlers
Eine Vielzahl ähnlich denunziatorischer Texte der letzten Jahre zeigt jedoch, dass es sich bei Potter um mehr als einen besonders leicht zu kritisierenden Einzelfall handelt. Er scheint viel eher so etwas wie ein Idealtypus des antideutschen Journalisten zu repräsentieren, der sich mit Bullenmethoden an die Verteidigung des Bestehenden macht. Erst ein paar Artikel für die Jungle World und ein bisschen Aktivismus in der Antifa, dann Redakteur bei der taz, um anschließend bei irgendeiner Publikation von Springer zu landen und dort den Kronzeugen für die angebliche Verkommenheit der Linken zu spielen.
Der Journalist Jonathan Guggenberger hat zwar bisher keine Ambitionen durchscheinen lassen, zu Springer zu gehen, aber auch er ist ein Experte für „autoritäre Linke.“ Ein Gastbeitrag von Guggenberger in der SZ listet akribisch Kulturförderungen auf, die palästinasolidarische Linke in den letzten Jahren erhalten haben. Bei ihm gesellt sich zum Bullensound noch ein wenig die Poetik des Bundes der deutschen Steuerzahler. Das klingt bei Guggenberger dann so: „Auch der Strike-Germany-Unterstützer und Choreograf Ricardo de Paula erhielt 2024 ein Einzelstipendium über 8000 Euro sowie Projektförderung des Berliner Senats.“7 Begleitet wird Guggenbergers Artikel von gleich fünf Richtigstellung der Redaktion, die über nachträgliche vorgenommene Korrekturen informieren. Diese reichen von falschen, von Guggenberger viel zu hoch angegebenen Fördersummen unf nicht korrekten Berufsbezeichnungen bis zur nachträglichen Anonymisierung eines minderjährigen Aktivisten. Guggenberger recherchiert ähnlich gewissenhaft wie Potter.
Unkritische Theorie
Ausgerechnet die antideutsche Szene, die zumindest in ihrer Selbstwahrnehmung viel darauf hält, angeblich besonders theorieaffin und viel klüger als sonstige linke Strömungen zu sein, scheint in den letzten Jahren nicht viel mehr als staatstragende Propaganda und schlecht recherchierte Artikel hervorzubringen. Nun ließe sich einwenden, dass dies vor allem den journalistischen Betrieb betrifft und es ja auch noch die genuinen antideutschen Intellektuellen gibt, die ernsthafte marxistische Theorie betreiben. Denken könnte man dabei etwa an Stephan Grigat, der einst Bücher über die Marxsche Fetischkritik und die „Emanzipation von Staat und Kapital“ veröffentlichte oder Ingo Elbe, der ellenlange Bücher über die neue Marx-Lektüre in der BRD schrieb. Doch um sie steht es nicht wesentlich besser, nur dass sie ihre staatstragenden Interventionen etwas intellektueller verpacken und mit mehr Theoriezitaten spicken können. Während etwa Potter aufgrund eines gesprühten roten Dreiecks einfach behauptet, dass die gesamte Palästinabewegung Anhänger der Hamas seien, verwenden diese beiden antideutschen Vordenker seit einigen Jahren ihre gesamten theoretischen Fähigkeiten darauf, den Nexus von Linke und Islamismus herzustellen.8 Diese Thesen tragen sie gerne bei der Konrad Adenauer Stiftung,9 in der Programmschänke Bajzsel, der Akademie der Christen für Israel10 oder auf Konferenzen gegen Linksextremismus vor.
So hielt Ingo Elbe am 17.11.2025 in der Volkshochschule Dortmund bei der Fachtagung "Noch immer gegen Staat und Kapital? Linksextremismus im Kontext von Prävention und Demokratiebildung" einen Vortrag zum Thema: "Linker Antisemitismus und postkoloniale Theorie." Die dort referierten Thesen dürften größtenteils einem Text entstammen, den Elbe in dem von den Totalitarismustheoretikern Hendrik Hansen und Armin Pfahl-Traughber herausgegebenen Jahrbuch für Extremismus‐ und Terrorismusforschung 2024-2026 (II) veröffentlicht hat.11 Wie es sich bereits am gewählten Titel zeigt, ist der Vorwurf des Autoritarismus für Elbe zentral.
Auch Elbes methodischer Ansatz, mit dem er sein totatlitarismustheoretisches Argument unterfüttern will, ist nicht wesentlich elaborierter als der von Potter. So wirft Elbe in seinem Text mit einer Vielzahl von aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten um sich. Anstatt das Argument der meist nur in Halbsatzlänge zitierten Autor*innen zu verstehen oder zu rekonstruieren, bringt er diese in kurzen, meist einsätzigen Kommentaren meist direkt mit nationalsozialistischem Vokabular und Konzepten rechter Denker oder auch direkt mit Adolf Hitler in Verbindung. Elbes Relativierung der antisemitischen Menschheitsverbrechen des NS klingt dann etwa so: "So meint Grosfoguel zum Beispiel, im Kampf gegen Israel gelte: 'the future of humanity is at stake'. Wir haben es hier mit einem klassischen Erlösungsantizionismus zu tun. Schrieb Hitler in ‚Mein Kampf‘ noch in Bezug auf die Juden: [...].12 Entsprechend heißt es bei antiisraelischen Aktionen inzwischen: 'Palestine will set us free'."13
Elbe bezieht sich hier auf den nun wahrlich nicht als kanonisch zu bezeichnenden postkolonialen Theoretiker Ramón Grosfoguel und seinen Aufsatz "Gaza: The Warsaw Ghetto of the 21st Century", der auf einer Propagandaseite des iranischen Regimes erschien. Elbe will die postkoloniale Theorie also dadurch diskreditieren, dass er sich irgendwelche Randfiguren heraussucht, die in der Tat sehr kritikwürdige und mitunter antisemitische Positionen vertreten und anschließend postuliert, damit den problematischen (sprich: antisemitischen) Kern dieser Theorie insgesamt aufgezeigt zu haben.
Ab und an tauchen in Elbes Text auch die wichtigeren Vertreter der postkolonialen Theorie auf. An Edward Said kritisiert er vor allem, dass der palästinensische Literaturwissenschaftler eine andere Positionierung zum Nahostkonflikt einnimmt als er, der Nachfahre von Nazitätern, selbst. Frantz Fanon bringt Elbe wiederum mit einer höchst selektiven Lesart und Zitatfragmenten in die Nähe von Nazikonzepten: „Dekolonisierung begreift er [Fanon] als existentiellen Krieg, der durch Ausübung der ‚absolute(n) Praxis‘ ‚absolute(r) Gewalt‘ gegen den Kolonialherrn eine homogene Volksgemeinschaft stiftet: ‚Der bewaffnete Kampf mobilisiert das Volk, er wirft es in eine einzige Richtung ohne Gegenströmung.‘ Die ‚zukünftige Nation ist von Anfang an ein ungeteiltes Ganzes‘, basierend auf einem ‚in Blut und Zorn geschaffene[n] Bindemittel‘. Wie bei Ernst Jünger wird hier Arbeit identisch mit Krieg.“14
Elbe interessiert sich nicht im geringsten für den Kontext, in dem diese aus dem Zusammenhang gerissenen Textausschnitte stehen, nicht für die Erfahrungen des in der französischen Kolonie Martinique geborenen Fanon, nicht für den Rassismus, den er erlebte als er als Teil der französischen Armee mit dem Gewehr in der Hand ganz praktisch die Nazis bekämpfte und schon gar nicht für den Kontext der unfassbaren Gewalt, die die französische Kolonialmacht in seiner damaligen Kolonie Algerien entfachte und die Fanon dazu brachte, sich der algerischen Befreiungsfront anzuschließen. An einer anderen Stelle heißt es bei Fanon hingegen: „Der Tod des Kolonialismus ist zugleich der Tod der Kolonisierten und der Kolonisatoren.“15 Dies klingt gleich viel weniger blutrünstig und es zeigt, worum es Fanon eigentlich geht: Nicht um Gewalttaten an einzelnen Kolonisator*innen, sondern um die Aufhebung des kolonialen Verhältnis, mit dessen Ende folglich sowohl die Kolonisierten als auch der Kolonisator*innen aufhören, zu existieren. Man könnte Fanons Ideen zum „Tod“ der Kolonisator*innen eher parallel zum marxistischen Konzept der Selbstaufhebung des Proletariats lesen. In dieser hören Kapitalisten und Proletarier ebenfalls auf zu existieren, aber nicht, weil die einen die anderen ermorden, sondern weil das zugrunde liegende gesellschaftliche Herrschaftsverhältnis aufgehoben wird – auch wenn dies sicherlich nicht vollständig ohne Gewalt möglich sein wird.
Hätte Elbe mehr als die drei Seiten aus Fanons Die Verdammten dieser Erde gelesen, die sich mitunter wie eine Gewaltverherrlichung anhören, wäre ihm vielleicht auch aufgefallen, dass Fanon sich in den darauffolgenden Kapiteln II „Größe und Schwäche der Spontanität“ und III „Missgeschicke des nationalen Bewusstseins“ ausführlich den Kopf darüber zerbricht, wie man verhindern könnte, dass sich in den vom Kolonialismus unabhängig gewordenen Staaten eine neue postkoloniale Elite und Bourgeoisie herausbildet: „Das Volk entdeckt, dass das ungerechte Phänomen der Ausbeutung auch in schwarzer oder arabischer Gestalt auftreten kann.“16 Fanon beschreibt hier alles andere als eine homogene und über die Klassengegensätze hinweggehende Volksgemeinschaft. Vielmehr betreibt er eine konkrete Analyse des Fortwirkens von Herrschaftsstrukturen und versucht Wege zu deren Überwindung auszuloten. Zudem betont Fanon explizit, dass Französ*innen, die sich dem algerischen Unabhängigkeitskampf anschließen, zum Teil der neuen algerischen Nation werden.17 Fanons Überlegungen haben weder etwas mit Jünger noch mit der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft zu tun, sondern sie beschreiben eine Gemeinschaft, die sich im Kampf um die kollektive Befreiung von Gewaltverhältnissen konstituiert und die keinesfalls ethisch homogen ist.
Anhand von Zitaten eines wichtigen Denkers der dekolonialen Studien, nämlich Walter Mignolo, kommt Elbe in seinem Text irgendwann darauf zu sprechen, was er eigentlich verteidigt: „Politisch gelten ‚Kolonialität und Moderne‘ häufig als ‚zwei Seiten einer Medaille‘ und kommen ‚liberale Demokratie(n)‘ nur als ‚rassialisierte und kapitalismuszentrierte‘ in den Blick. [...] Die Behauptung der ‘formative role of colonialism as the real foundation and the inescapable condition of possibility of the modern’ wird im postkolonialen Wissensregime ad nauseam wiederholt.”
An diesem Textausschnitt zeigt sich nun, dass der einzige Unterschied zwischen Potter und Elbe darin zu liegen scheint, dass ersterer sich mit Müh und Not durch die Studien zum autoritären Charakter quälen musste, um seinem Buch überhaupt so etwas wie einen theoretischen Anstrich geben zu können, während letzterer etwas theorieaffiner ist und seine Texte mit einer Vielzahl, meist aus dem Zusammenhang gerissener Zitate und lateinischer Ausdrücke ornamentiert. Das Ergebnis ist aber das gleiche: die Leugnung dessen, dass erst der Kolonialismus und die mit ihm verbundenen Raubzüge der kapitalistischen Moderne zu ihrem vollen Durchbruch verhalfen, dass die westliche Aufklärung sich auf dem Rücken von Ausbeutung und Sklaverei entfaltete und dass die rassistische und neokoloniale Ausbeutung auch heute noch eine der Geschäftsgrundlagen ist, auf denen sich die bürgerliche, die sogenannte „liberale“ Demokratie reproduziert. Damit reihen sich beide, Potter und Elbe, in einen rechten Kulturkampf ein, der progressive Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen die auf diesem Zusammenhang beharren, denunziert,18 indem sie in die Nähe von islamistischem Terror und nationalsozialistischer Volksgemeinschaft gestellt werden.
Zur Kritik des Neoleninismus
Genau in diesem affirmativen Gestus liegt das Problem vieler heutiger Debatten um einen neuen Autoritarismus in der linken Bewegung, die sich anhand der zunehmenden Sichtbarkeit und Beliebtheit sogenannter „roter Gruppen“ besonders bei jungen Menschen in den letzten Jahren entfacht haben: Die Kritiken am Neo-ML, Neotrotzkismus und Neomaoismus erschöpfen sich meist in einer Verteidigung der liberalen Demokratie und von Israels Besatzung Gazas und des Westjordanlands. Den genannten Gruppen fällt es unter diesen Vorzeichen natürlich nicht schwer aufzuzeigen, dass diejenigen, die sie kritisieren, gar keine Marxist*innen oder Kommunist*innen sind, sondern im besten Fall Linksliberale. Die Neoleninist*innen können sich anschließend als die wahren Vertreter*innen des Marxismus inszenieren und dies macht sicherlich auch einen Teil ihrer Attraktivität für antikapitalistisch eingestellt Jugendliche aus: Während die Antideutschen wie lauwarme Liberale wirken, kann man sich bei den „Roten“ unter echten Revolutionär*innen wähnen.19
Die Kritik an „roten Gruppen“ müsste daher in genau der gegenteiligen Intention geäußert werden als die Antideutschen es tun. Man sollte diese nicht dafür kritisieren, dass sie „autoritär“ – und das heißt im antideutschen Verständnis immer: antiliberal – sind, sondern ganz im Gegenteil ist das Problem am Neoleninismus doch, dass dessen Verständnis von Sozialismus nicht in der Lage ist, Staat und Kapital zu überwinden. Kurz: Er ist nicht radikal genug, denn er geht nicht an die Wurzel des Problems. Letztlich bleibt dessen Revolutionsverständnis auf den Staat bezogen, beruht das leninistische Organisationsmodell doch darauf, dass die Revolutionär*innen als organisierte Vorhut des Proletariats einen Staatsstreich durchführen. Anschließend soll dieser sich in einen proletarischen Staat verwandeln, indem die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse durch Verstaatlichung per Dekret abgeschafft werden. In der Theorie sollte dies der Ausbeutung der Proleten ein Ende bereiten, bisher bedeutete dies aber eher, dass die Proleten durch die neue Führungsschicht eines nunmehr proletarischen Staats weiter ausgebeutet wurden. Um 1968 herum brachte ein schlauer antiautoritärer Kommunist dieses Problem auf folgende Weise auf den Punkt: „Die Verkürzung des revolutionären Befreiungsprozesses auf industrielle Revolution schleppt das Elend der Verdinglichung mit sich fort und unterwirft die Individuen der unpersönlichen Knechtschaft der materiellen Produktionsmittel. […] Emanzipation ist nicht primär eine veränderte Eigentumsorganisation der Industrie, sondern eine veränderte Verkehrsorganisation der Gesellschaft.“20
- 1. Hans-Jürgen Krahl, Zur Dialektik des antiautoritären Bewusstseins, in: Hans-Jürgen Krahl, Konstitution und Klassenkampf, Frankfurt: Neue Kritik (2008), S. 309-316, hier: S. 310)
- 2. Ebenso zu betrauern sind die mehr als 1.000 israelischen Zivilist*innen, die durch die Angriffe der Hamas und des darauf einsetzenden Krieges ihr Leben verloren haben.
- 3. Besagte Szene findet sich zu Anfang dieses Videos.
- 4. Das besagte Kamerateam fing auch andere Gegendemonstrant*innen aus Connewitz ein, die den Slogan „Netanyahu ist ein Antifaschist“ in die Kamera blökten.
- 5. Alle nicht weiter ausgegebenen Zitate entstammen diesem Buch. Auf die Angabe der Seitenzahl verzichte ich, da ich mit einem von meiner Bibliothek kostenfrei zur Verfügung gestellten PDF gearbeitet habe, um kein Geld für dieses Buch ausgeben zu müssen. Die Seitenzahlen des PDFs weichen von denen des Buchs ab.
- 6. Siehe: Daniel G.B. Weissmann, „Autoritär ist, wer nicht auf Staatsräson-Linie liegt.“, Jacobin 04.05.2026.
- 7. Jonathan Guggenberger, „Sieht so Zensur aus?“, SZ 18.02.2026.
- 8. Daniel G. B. Weissmann weist in seiner Besprechung von Potters Buch darauf hin, dass die Verbindung Linke-Islamismus erstmals 2002 von dem französischen Philosophen Pierre-André Taguieff unter dem Schlagwort des Islamo-Gauchisme postuliert wurde: "Der Begriff [...] behauptet, dass Antirassismus und Antifaschismus Teil eines linken Plots sind, um den Westen mit illegalen Migranten zu fluten."
- 9. So ist Stephan Grigat am 03.12.2026 für ein Podium im Rahmen eines von der Konrad Adenauer Stiftung an der Hochschule Ludwigsburg organisierten Studientags angekündigt. Ebenso hat Grigat 2024 bei der Friedrich-Naumann Stiftung über 2024 „Israels Verteidigung“ und 2025 über die Eskalation im Nahen Osten referiert.
- 10. Dort hielt Stephan Grigat den Vortrag „Von Antijudaismus zum Hass auf Israel“.
- 11. Ingo Elbe, 'Einen Israeli zu töten bedeutet, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen’ Bemerkungen zu Gewaltpotential und Autoritarismus-Affinität im postkolonialen Diskurs, in: Hendrik Hansen (Hg.), Armin Pfahl-Traughber (Hg.) Jahrbuch für Extremismus‐ und Terrorismusforschung 2024-2026 II, 2026.
- 12. Elbes antisemitisches Hitlerzitat erspare ich den Leser*innen hiermit.
- 13. Elbe 2026, S. 77-78.
- 14. Elbe 2026, S. 78.
- 15. Unsere Übersetzung. Original: „La mort du colonialisme est à la fois mort du colonisé et mort du colonisateur.“ Frantz Fanon, L‘an V de la révolution algérienne, Paris: La découverte (2011), S. 14.
- 16. Unsere Übersetzung. Original: „Le peuple découvre que le phénomène inique de l‘exploitation peut présenter une apparence noire ou arabe!“ Frantz Fanon, Les damnés de la Terre, Paris: La Découverte (2004), S. 139.
- 17. Ebd.
- 18. Besonders Elbes fokussiert wesentlich auf die von ihm so bezeichnete „linke akademische Elite.“ (S. 66) Mit seiner Suggestion, dass geisteswissenschaftlicher Fakultäten an (US-)Universitäten, wie der New Yorker Columbia-Universität, die in seinem Text eine Schlüsselrolle einnimmt, beinahe vollständig von “antisemitisch“-postkolonialen Akademiker*innen beherrscht würden, bedient er natürlich das trumpistische Narrativ über eine „linke Hegemonie“ an US-Universitäten.
- 19. Deren Vertreter*innen wissen diese Klaviatur durchaus zu bedienen, etwa indem sie die Zuschreibung als „autoritäre Linke“ selbstbewusst als Ausweis ihrer eigenen Radikalität übernehmen. So antwortete etwa ein Vertreter der Roten Jugend unlängst in einem Interview mit dem Lower Class Magazin auf die Frage, in welcher politischen Tradition sie sich verorten und welche organisatorischen und politischen Bezugspunkte in der Vergangenheit für sie wichtig seien: "Wir sind natürlich stolze autoritäre Linke (lacht). Da sind wir ehrlich. Manche Leute können uns Dogmatismus vorwerfen – wenn man ein Liberaler ist, erscheint das vielleicht so. Unser ideologisches Fundament ist der Marxismus-Leninismus, dabei sind wir aber explizit anti-sektiererisch." Und: "Also der Punkt mit autoritär: Wir sind autoritäre Linke. José Carlos Mariátegui, ein peruanischer Kommunist aus den 20ern, hat mal gesagt: 'Wenn die Revolution Gewalt, Autorität und Disziplin erfordert, dann bin ich für Gewalt, Disziplin und Autorität.' Und es gibt die entsprechenden Texte von Engels – also den Vorwurf machen wir nicht mit. So, wir sind autoritäre Linke, wenn uns jemand fragt. Wir sind trotzdem ganz nette Leute, behaupte ich." (Lower Class Magazine, The kids are all red? – Interview mit Rote Jugend Deutschland, 23.08.2026.)
- 20. Hans-Jürgen Krahl, "Fünf Thesen zu 'Herbert Marcuse als kritischer Theoretiker der Emanzipation', in: Hans-Jürgen Krahl, Konstitution und Klassenkampf, Frankfurt: Neue Kritik (2008), S. 304-308, hier: 306.