„Sauber bleiben!“ – Reflexionen aus den Minenfeldern der deutschen Linken

16. August 2026

Es ist Frühjahr 2025, der Höhepunkt des israelischen Angriffs auf Gaza steht bevor, das Portal statista meldet allein für den April des Jahres zweitausend palästinensische Tote. In dieser Situation veranstaltet das Bündnis Gegenform, hervorgegangen, wie es selbst schreibt, „aus den antifaschistischen Protesten gegen den Al Quds-Marsch“, unschwer zu verorten im Israel-solidarischen Spektrum, einen Antifa-Kongress in Berlin – und in der radikalen Linken schlagen die Empörungswellen hoch. Der Kongress war mit der seit Jahren größten Mobilisierung im antideutschen Spektrum verbunden; die Podien und Workshops waren teils prominent besetzt. Wir, die Autor:innen des vorliegenden Textes, waren zu diesem Kongress unabhängig voneinander als Referent:innen eingeladen1, hatten ursprünglich zugesagt und haben nach einer Phase der Diskussion und Reflexion – ebenfalls unabhängig voneinander – wieder abgesagt. Die Erfahrungen, die wir in diesem Kontext gemacht haben, sind Ausgangspunkt, aber nicht Gegenstand des folgenden Textes. Genauso wenig ist es der Nahostkonflikt, obwohl wir den Streit darum immer wieder ansprechen werden.

Für unsere ursprüngliche Zusage zum Kongress haben uns viele kritische Reaktionen erreicht, auf die wir mit diesem Text reagieren.2 Das ist uns auch ein Jahr später noch wichtig, denn die in diesen Reaktionen implizit und explizit enthaltenen Thesen zu Strategien der Linken und auch die teils krassen Formen dieser Reaktionen sind symptomatisch für den Zustand eines Teils der deutschen Linken: pauschalisierende Aussagen über „die anderen“, mit denen man sich nicht gemein machen dürfe, erschreckende Auffassungen darüber, wie man mit Leuten umgehen solle, die (vom eigenen Standpunkt aus) Verwerfliches denken, Drohungen mit sozialer Ächtung.

Praktisch wird die Frage „Zu wem hältst denn Du?“ zur alles entscheidenden, und obwohl die oft wohlfeile Antwort darauf keinem totgebombten Zivilisten in Palästina und auch keiner israelischen Geisel hilft, wird in der deutschen Linken hieran in Freund und Feind unterschieden. Der oft unkonstruktive und autoritäre Umgang mit Dissens ist Ausdruck eines Mangels an Strategie, schwächt die radikale Linke und trägt zu ihrer Marginalisierung bei. Ein Bewusstsein dieser Mechanismen ist eine Voraussetzung dafür, sie irgendwann zu überwinden.

Zur Ausführung und Begründung unserer Kritik orientieren wir uns an folgenden Fragen:

  • * Wie werden in der hiesigen Linken Bilder des „Gegners“ konstruiert? Welche Vorteile hat das für die Konstrukteure – und welchen Schaden richtet es an?
    * Welche Rolle kann Argumentieren innerhalb der Linken einnehmen, insbesondere dann, wenn es um tiefgreifende inhaltliche Differenzen geht?
    * Wo kommt das Argumentieren an seine Grenzen? Wann und inwiefern ist Machtausübung gegen andere Linke eine angemessene Konsequenz daraus?
    * Was passiert mit dem linksradikalen Diskurs, wenn man diese Fragen vorschnell und unreflektiert beantwortet?

  1. „Argumentiert ihr noch oder tut ihr schon was?“

Argumentieren ist eine der wichtigsten Grundlagen linker Politik. Denn Argumentieren ist die Grundlage von Einsicht. Das ist keine taktische Position: Argumente sind kein besonders effizienter Weg, um mehr zu werden, kein Königsweg zur Revolution. Leute auf die eigene Seite zu holen, funktioniert auf andere Weise meist viel geschmeidiger: Gruppendruck, Identitätsempfinden aufgrund gleichen Styles, Sympathie, das Charisma der irgendwie überzeugenden Rednerin – all das funktioniert ohne Argumente.

Es geht bei Überzeugungsarbeit in emanzipatorischer Absicht also nicht darum, dass eine schlüssige Argumentation am verlässlichsten oder schnellsten von Erfolg gekrönt wäre, sondern dass sie – einen vernünftigen, auf den Interessen der großen Mehrheit aufbauenden Inhalt vorausgesetzt – der Möglichkeit nach allgemein einsehbar ist. Das unterscheidet eine Argumentation von Sympathie, Gruppenzugehörigkeit und Charisma, die da sein können oder nicht, die wechseln können oder verschwinden. Einsehbarkeit ist eines der wesentlichen Kennzeichen der Gesellschaft, die wir an Stelle des Kapitalismus setzen wollen, und nur Einsehbarkeit könnte die Gewalt, die in der Vergesellschaftung der Individuen steckt, minimieren. Um immer wieder neu herauszufinden, welche Einsichten standhalten und was vielleicht doch nur unzureichend durchdacht ist, braucht es den offenen argumentativen Diskurs.

Klar, zum Überzeugen braucht es immer mehr als das beste Argument. Man lernt nur etwas, wenn das Gelernte zu den eigenen Erfahrungen passt, Erfahrungen sind dem Lernen also vorausgesetzt. Dabei ist Erfahrung allein aber noch nichts Gutes: Aus Erfahrungen, gerade den gesellschaftlich normalen, ziehen Menschen massenhaft die falschen Schlüsse – daher hat Ideologietheorie ihren Gegenstand. Zur Erfahrung muss Reflexion hinzukommen. Die ist aber nicht als rein individueller Prozess zu verstehen, so als könnte sich jede und jeder Einzelne all das, was einer vernünftigen Kritik dieser Gesellschaft aus Philosophie und Gesellschaftstheorie der letzten paar tausend Jahre zugrunde gelegt ist, doch einfach alleine immer wieder neu ausdenken. Deshalb kommen Linke nicht darum herum, Menschen von Erkenntnissen zu überzeugen. Das gilt gegenüber anderen Linken und, wenn sie wollen, dass ihre Positionen irgendwann mal hegemonial werden, auch gegenüber Menschen, die nicht schon Linke sind.

Dabei diskutieren wir nie mit „Menschen überhaupt“, sondern immer mit konkreten Menschen, und kommunizieren in einer konkreten Teilöffentlichkeit. Es sind also Entscheidungen notwendig, wen wir zu einem bestimmten Zeitpunkt unter welchen Bedingungen wovon und wie überzeugen möchten.

In dieser Frage kann man sich auch falsch entscheiden. Diskutiert man beispielsweise mit jemandem, der Argumenten gar nicht zugänglich ist, so ist das Zeitverschwendung – wobei man im Einzelfall nie sicher sein kann, ob der Versuch wirklich vergeblich war: Argumente brauchen Zeit, um durchdacht zu werden, und ob man nicht selbst bei fehlgeschlagenen Diskussionen beim Gegenüber zumindest den Boden für eine weitere, fruchtbarere Auseinandersetzung mit der Sache bereitet hat, weiß man nie. Außerdem wiegt das Urteil, dass jemand für Argumentation verloren ist, schwer und sollte nicht leichtfertig getroffen werden. All das geht in unsere Abwägungen ein, mit wem wir wann wie diskutieren – oder eben nicht.

Diejenigen, die man zumindest theoretisch überzeugen könnte, sind dabei nie ein leeres Gefäß, das nur darauf wartet, mit Erkenntnissen gefüllt zu werden, sondern sie haben immer bereits Erkenntnisse und Überzeugungen. Dass sie dabei oft Mist vertreten, ist kein ärgerlicher Ausnahmefall, sondern generell Ausgangspunkt linker Überzeugungsarbeit. Und während wir versuchen, ein Gegenüber zu überzeugen, sind in dessen Augen im Zweifelsfall wir es, die Mist im Kopf haben. Ein solches Gespräch kann nur funktionieren, wenn wir die Möglichkeit ernst nehmen, dass sie oder er damit recht haben könnte.

In der bürgerlichen Öffentlichkeit wie auch in linken Teilöffentlichkeiten gibt es nun auch Positionen, die nicht nur mangelhaft sind, sondern irgendetwas zwischen Ärgernis und Trauerspiel: Kriege werden gerechtfertigt, gesellschaftliche Gruppen verächtlich gemacht, autoritären Problemlösungen wird das Wort geredet, wirkliche Ursachen für empfundene Missstände übersehen, wenn nicht sogar verschleiert. Es gibt immer wieder Linke, die in solchen Fällen vom Argumentieren ganz absehen wollen und das, was sie als falsch identifizieren, lieber aufhalten, stören, in seiner Verbreitung hindern wollen. Für sie ist also der Einsatz von Macht das Mittel der Wahl gegen diejenigen, die sie als politische Gegner:innen ausmachen. Das beginnt bereits dort, wo Leute den Kontakt zur Gegenseite und ihren Standpunkten am liebsten ganz unterbinden würden, weil ein solcher Kontakt quasi anstecken und verderben könnte. Das Menschenbild, das einer solchen Angst zugrunde liegt, ist tendenziell autoritär, weil es die Adressat:innen nicht als Subjekte ernst nimmt.

Da muss man von Glück reden, dass die scheinbar starken Arme solcher Diskussionsverhinderer:innen maximal in die ausgefransten Ränder der eigenen Subszene reichen. Denn in den Fällen, in denen eine Linke die Macht hatte und einzusetzen bereit war, um das Äußern von Positionen in einer ganzen Gesellschaft mit Gewalt zu verhindern, ist dabei nichts Gutes rausgekommen: Es gelingt nämlich nicht, nur diejenigen Positionen auszuschließen, die es ganz sicher verdient haben. Entscheidungen wie das Fraktionsverbot der Bolschewiki 19213 haben Stalins Herrschaft einige Jahre später möglich gemacht, und dessen spätere noch viel ‚gründlichere‘ Verhinderung von Diskussion war die Bedingung für die geistige Totenstarre der realsozialistischen Führungen, als er selbst schon längst gestorben war.

Heute ist die hiesige Linke selbst in ihren autoritären Teilen notgedrungen bescheidener, denn ihre Machtmittel sind beschränkt und reichen nicht in die Mehrheitsgesellschaft. Sie reichen höchstens für Versuche, gegnerische Positionen innerhalb der Linken zu marginalisieren, um diese geschlossener erscheinen zu lassen und so – vielleicht – stärkeren Einfluss auf die bürgerliche Öffentlichkeit, den „Diskurs“, zu gewinnen. Solche Versuche sind autoritär, überschätzen in der Regel die eigene Wirksamkeit – und sie übersehen den politischen Preis, der meist höher ist als der strategische Gewinn: Bestätigt wird dieser Öffentlichkeit damit vor allem die weit verbreitete Gewissheit, dass radikale Linke tendenziell nur darauf warten, anderen ihre Meinung aufzwingen zu können.

Wenn also offene Diskussion eine Minimalbedingung für eine sich weiterentwickelnde gesellschaftliche Linke ist: Gibt es nicht trotzdem irgendwo Grenzen, etwa wenn ein Gegenüber offensichtlich menschenverachtende Positionen verbreitet? Wäre es zum Beispiel sinnvoll, auf einem AfD-Parteitag ein Referat über die befreite Gesellschaft zu halten, um die anwesenden Post-, Prä- und Proto-Faschos auf den rechten Weg zu bringen? Nein, wäre es sicher nicht – aber nicht deswegen, weil AfDler:innen empörende Dinge vertreten. Unsinnig wäre ein Auftritt auf so einer Veranstaltung wegen des Settings: Eine autoritäre, von der eigenen Ermächtigung beseelte Menge bietet den ihr Angehörenden keinen Raum für individuelles Nachdenken. Es ist nicht einmal vorstellbar, dass wir das, was zu sagen wäre, wirklich ungestört vorbringen könnten. Weil AfD-Parteitage nach Ansicht ihrer Organisator:innen aber auch genau so sein sollen, werden wir auch gar nicht eingeladen und müssen uns diese Frage nicht ernsthaft stellen.

Wie war es diesbezüglich nun auf dem Gegenform-Kongress in Berlin – einem Kongress aus dem antideutschen Spektrum, zu dem auch Referent:innen eingeladen waren, die Krieg und ethnische Säuberungen in Gaza rechtfertigen? Bot er die Möglichkeit offener argumentativer Auseinandersetzung? Ohne dass wir auf die inhaltlichen Unterschiede zwischen Antideutschen und der AfD überhaupt eingehen müssen, können wir schon feststellen: Wir wurden eingeladen, obwohl wir unsere Distanz zu dem vom Kongress primär angesprochenen Milieu artikuliert haben. Wir hatten im Vorfeld freie Hand bei der Ausgestaltung unserer Input-Themen. Und der Kongress, als er dann (ohne uns als Vortragende) stattfand, hat bestätigt, was wir erwartet hatten: dass da niemand niedergebrüllt und nur als Watschenhannes vorgeführt wurde, dass die Anwesenden überhaupt keinen monolithischen ideologischen Block bildeten, sondern in vielen Fragen uneins waren, kurz: dass diskutiert wurde. Wir werden weiter unten darauf zurückkommen.

  1. Spoiler: Nicht alle Israelverteidiger:innen wohnen in Mordor, nicht alle Palästinasolidarischen bauen am Todesstern

Zwar teilen viele die Auffassung, dass innerhalb der Linken über verschiedene Fraktionen hinweg konstruktiv argumentativ gestritten werden sollte, trotzdem ist ein argumentativer Austausch kaum möglich, wenn verschiedene Positionen zum Nahostkonflikt aufeinandertreffen.

Es gibt wichtige inhaltliche Differenzen zwischen Antizionist:innen, Antideutschen und denjenigen Linken, die sich dazwischen oder jenseits befinden: Welche Ursachen hat der Nahostkonflikt? Welche Dynamiken bestimmen seinen geschichtlichen Verlauf? Gibt es Schuldige und Verantwortliche, und was folgt daraus? Welche Strategien sollten Linke innerhalb und außerhalb Israels/Palästinas verfolgen, um eine humanere und emanzipatorische Entwicklung zu fördern? Lässt sich eine solche Strategie derzeit überhaupt seriös formulieren? Und was wäre eigentlich eine emanzipatorische Entwicklung? All diese Fragen werden unterschiedlich beantwortet – und die jeweiligen Antworten sind oft miteinander unvereinbar. Es gäbe also genug Stoff für harte sachliche Auseinandersetzungen. Doch das ist nicht die Ebene, auf der der Konflikt zwischen den Lagern ausgetragen wird.

Statt argumentativ zu streiten, wird bekämpft. Oberflächlich betrachtet könnte das daran liegen, dass in beiden Lagern zutiefst menschenverachtende Auffassungen anzutreffen sind: Wenn für Angehörige der antizionistischen Bewegung ein Massaker an israelischen Zivilist:innen ein Grund zu feiern ist4 oder wenn Teilnehmende einer Palästina-Solidaritätskundgebung einer Gegendemo „Go back to Poland“5 zurufen; wenn in einem linken Café eine Person allein deshalb rausgeschmissen wird, weil sie ein T-Shirt mit hebräischem Schriftzug trägt, ungeachtet dessen Inhalts6, dann ist das menschenfeindlich und ja: antisemitisch. Wenn Antideutsche und andere Israel-Unterstützer:innen die Siedlungspolitik in der Westbank und die damit verbundenen ethnischen Säuberungen achselzuckend hinnehmen, wenn sie noch die zerstörerischste Kriegsführung der israelischen Armee mit Verweis auf Israels Recht auf Selbstverteidigung rechtfertigen, wenn sie das Entsetzen über das Leid palästinensischer Zivilist:innen als „öffentlich zelebrierte(s) Mitleid mit der Gefolgschaft der im Führerbunker unter Gaza-Stadt ausharrenden Mannen mit den grünen Stirnbändern“7 abtun – dann machen sie damit deutlich, dass für sie das Leben und die Lebensbedingungen von Palästinenser:innen kein nennenswertes Gewicht haben; dann ist das menschenfeindlich und ja: rassistisch.

Die Unmenschen beider Seiten reproduzieren damit in ihrem Blick von Deutschland aus auf die Akteure in Israel/Palästina eine Logik, die auch vor Ort eine wichtige Rolle im Konflikt spielt: Die jeweilige Gegenseite wird als Kollektivsubjekt konstruiert; alle dessen Angehörige werden in Haftung genommen für vergangene und mögliche zukünftige Gräuel – unabhängig davon, wie sie sich individuell zu den Geschehnissen stellen. Für die eigene Seite wird eine solche kollektive Verantwortungszuschreibung brüsk zurückgewiesen.8

Die menschenverachtenden Auswüchse in den jeweiligen Unterstützungslagern sollten Ausgangspunkt einer kritischen Reflexion sein: Der Schritt ins Menschenfeindliche kann von jeder politischen Positionierung aus gegangen werden. Das allein spricht nicht per se gegen die jeweilige „Richtung“ und das grundsätzliche Anliegen: Stalin und Pol Pot sind kein Argument gegen jede sozialistische Revolution; palästinensische Antisemit:innen delegitimieren nicht das Interesse von Palästinenser:innen an Selbstbestimmungen und guten Lebensbedingungen; israelische Rechtsradikale machen den Schutz von Jüdinnen und Juden vor Antisemitismus nicht weniger notwendig. Notwendiger Bestandteil einer solchen diskursiven Reflexion wäre die Bereitschaft in der Palästina- und in der Israel-Soli-Bewegung, auch in der eigenen Bubble zu unterscheiden und Grenzen zu ziehen, sowie das Bewusstsein, dass es sowohl auf der eigenen als auch auf der Gegenseite beides gibt: menschenverachtende Haltungen und berechtigte Interessen. Tatsächlich sind wir der Überzeugung, dass es in beiden Lagern, zwischen ihnen sowie jenseits davon eine relevant große Zahl von Leuten gibt, die zu einem argumentativen Austausch im Gespräch in der Lage wären, und dass es – ließe man die Inhumanen beider Seiten möglichst außen vor – bei vielen von ihnen sogar eine gemeinsame Basis an Werten und politischen Zielen gibt, die zumindest ein Gesprächsangebot sinnvoll und wertvoll machen würden.

Doch ein solcher Diskurs findet bekanntlich kaum statt. Ein Interesse an kritischer Reflexion der eigenen Seite kann sich nirgendwo durchsetzen. Stattdessen werden „die anderen“ moralisch verurteilt und es wird versucht, Macht einzusetzen, um die Gegenseite zu schwächen: vom „Leute aus der Linken hinausdrängen“ bis hin zum Verprügeln. Warum das so ist, dazu haben wir zwei Beobachtungen und eine Vermutung.

Die erste Beobachtung: Auch wer (wie wir) keiner körperlichen Gewalt in diesem Konflikt ausgesetzt war, bemerkt die Wut vieler Beteiligter. Es gibt auf beiden Seiten einen Anteil von Leuten, bei dem uns nicht nur sachliche Kritik und vielleicht noch Verwunderung über vermeintlich oder tatsächlich falsche Positionen der Gegenseite begegnet, sondern Schaum vorm Mund und eine Sehnsucht nach zumindest verbaler oder psychischer Gewaltanwendung. Hier stoßen Leute nicht auf Positionen, die sie falsch finden und widerlegen wollen, sondern sie werden getriggert.

Die zweite Beobachtung: Auf beiden Seiten wird mit Unterstellungen und Projektionen gearbeitet, mit dem Ergebnis, die gegnerische Seite zu homogenisieren, und zwar in Richtung ihrer schlimmsten, menschenverachtenden Varianten. Wer Argumente der Gegenseite vertritt, auch wenn es nur einzelne Theoreme sind, macht sich dieser Sichtweise nach mit ihren Schlimmsten gemein, schätzt also nicht bloß den Geschichtsverlauf, die Kräfteverhältnisse usw. anders ein, sondern teilt scheinbar keinerlei humane Werte und Ziele. Dieses Gegenüber erscheint wahlweise als völlig irrational, als moralisch böse oder beides. Wieder lässt sich hier beobachten, wie das Gegenüber als homogenes Kollektivsubjekt konstruiert und damit moralisch delegitimiert wird.

Wenn wir versuchen, den beiden Beobachtungen auf den Grund zu gehen, sind wir auf Vermutungen angewiesen, die aber zumindest für uns ein recht überzeugendes Bild ergeben: Psychische Trigger, die eine starke emotionale Reaktion auslösen, haben etwas mit Beschädigungen zu tun, mit Ängsten, vielleicht sogar mit Traumata. Der Nahostkonflikt muss die hiesigen, sozusagen sekundär Beteiligten in den Solibewegungen in einer Weise „angehen“, die bei anderen jahrzehntelangen Massenmorden (Afghanistan, Kongo) nicht gegeben ist. Das spricht erstmal gar nicht gegen die Beteiligten. Es ist ja eher beschämend, wie viele politische Konflikte wir uns sonst jeden Tag emotional am Arsch vorbeigehen lassen, um klarzukommen. Es würde sich aber lohnen, hier mal genauer hinzuschauen und nicht die Fiktion aufrecht zu erhalten, man selbst argumentiere immer ganz sachlich und objektiv.

Die Vorteile davon, die Gegenseite stattdessen zu homogenisieren und zu delegitimieren, sind aus anderen Kontexten hinlänglich bekannt: Die Dichotomie von „Wir“ und „Die“ gibt die Sicherheit, auf der richtigen Seite zu stehen und Vernunft wie Moral auf der eigenen Seite zu haben. An die Stelle der Angst, der Verzweiflung, nichts tun zu können, moralisch den eigenen Maßstäben nicht zu genügen, tritt die Wut, dass „die anderen“ einen daran hindern. Das Projizieren und Homogenisieren stärkt die Einheit und den Zusammenhalt der Peergroup und der näheren Teilöffentlichkeiten. Innerhalb dieser Gruppe macht es inhaltliche Auseinandersetzungen scheinbar weniger nötig, wenn sich die Einheit leichter und ichferner über die Abgrenzung nach außen herstellen lässt. Ist dieser Prozess erstmal im Gange, wohnt ihm eine Tendenz zur Radikalisierung inne: Wenn auch Vertreter:innen von Zwischenpositionen sowie Zweifler:innen und Wankelmütige von Exkommunikation bedroht sind, wird es für jede:n Einzelne:n gefährlich, und es erscheint umso nötiger, die Reihen fest geschlossen zu halten.

Politisch ist dieser Effekt fatal, denn er macht beide Seiten dümmer: Ohne Kritik und Selbstkritik wird die Linke nicht besser, nicht stärker werden. Die Dichotomie von „Wir“ und „Die“ legt auch die inneren Potenziale zur Weiterentwicklung still.

Manche muss man rechts liegen lassen

Wir verwenden in diesem Text häufig Wendungen wie „die (radikale) Linke“ oder „innerlinke Öffentlichkeit“, und es ist vermutlich sinnvoll, einmal zu skizzieren, wen wir damit meinen und wen nicht. Unser wichtigstes positives Kriterium ist, dass das Ziel einer Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise geteilt wird sowie des Aufbaus einer Gesellschaft mit bedürfnisorientierter und möglichst selbstverwalteter Produktion, in der alle Menschen unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Alter etc. gleichen Zugang zu Entscheidungen und Ressourcen haben.

Während dieses Ziel geteilt werden muss, sollte es unter Genoss:innen Streit über die konkretere Ausformung dieses Ziels geben können, über die Einschätzung, was dessen Möglichkeitsbedingungen sind, welche Strategie hilft, dorthin zu kommen, und wie konkrete historische Situationen und globale Konstellationen in Bezug auf dieses Ziel einzuschätzen sind.

Um das etwas plastischer zu machen: Die genannten Ziele teilen aus unserer Sicht beispielsweise Leute nicht mehr, die zwar in ihrer Analyse der kapitalistischen Verhältnisse in einer marxistischen Tradition stehen, aber das Ziel der Überwindung dieser Verhältnisse aufgegeben haben – etwa, weil sich die Arbeiter:innenklasse durch Integration in die bürgerlichen Verhältnisse in einen antisemitischen Mob transformiert hätte. Sie sehen als einzig verbliebene emanzipatorische Praxis, den Staat Israel mit allen Mitteln zu verteidigen und im Zweifelsfall rechte Regierungen zu befürworten, die dieses Ziel hemmungsloser als andere unterstützen, und finden, dass palästinensische Zivilist:innen für das Ziel eines sicheren jüdischen Staates über die Klinge zu springen haben. In Bezug auf die andere Seite sehen wir eine gemeinsame Zielstellung insbesondere dann nicht mehr gegeben, wenn im Vordergrund nicht eine gesellschaftliche Befreiung von Herrschaftsverhältnissen steht, sondern die nationale Selbstbefreiung als eigenständiger Zweck gilt, also nur eine bestimmte Herrschaft überwunden werden soll. Das trifft auch dann zu, wenn zwar nominell eine Einstaatenlösung mit gleichen Rechten und mit Sicherheit für alle propagiert und als Zwischenschritt zur antikapitalistischen Befreiung behauptet wird, aber Mittel wie eine implizite oder explizite Unterstützung der Hamas gar nicht weiter daraufhin abgeklopft werden, wie sie denn das Erreichen solch eines Ziels befördern sollen.

Mit wem man diskutiert, ist keine Frage der Moral, sondern eine Frage der Strategie

Zurück zum Kongress: Wenn wir als Referent:innen an einer politischen Veranstaltung teilnehmen, dann deshalb, weil wir irgendein Anliegen haben und finden, dass wir etwas zu sagen haben, wovon wir das Publikum überzeugen wollen. Nicht jedes Setting taugt dafür. Wenn zu erwarten ist, dass sich kaum jemand im Publikum auf das einlassen wird, was wir sagen wollen, dann wäre eine Teilnahme verschwendete Liebesmüh; genauso, wenn die Veranstalter:innen Vorgaben machen, die unser Vorhaben durchkreuzen würden – sei das technischer Art wie beispielsweise zu kurze Redezeit für unser Anliegen, seien es inhaltliche Vorgaben.

Probleme solcher Art gab es für uns in Bezug auf den Gegenform-Kongress nicht. Aus dem Vorgespräch mit den Veranstalter:innen haben wir den Eindruck gewonnen, dass Interesse und Offenheit trotz unserer Ansage bestand, dass wir die in der Kongresseinladung formulierten Standpunkte nicht teilen und uns auch nicht als Teil des Milieus verstehen, aus dem heraus der Kongress organisiert wurde. Inhaltliche Vorgaben gab es nicht.

In Bezug auf das Publikum war unsere Erwartung, dass der Kongress von einem vergleichsweise breiten Spektrum besucht werden würde und wir mit hinreichend Leuten rechnen konnten, die sich auf unsere Argumentation zumindest einlassen würden. Wäre unsere Erwartung falsch gewesen, dann hätten wir das eben vor Ort leidvoll erfahren und unsere Einschätzung revidiert. Dass aber beispielsweise auf dem Abschlusspodium, bei dem wir am Ende dann im Publikum saßen, eine Kritik antideutscher Positionen zur aktuellen Dynamik der Militarisierung großen Beifall bekam, bestätigt unsere Einschätzung, dass das Publikum kein monolithischer Block war.

Neben der Frage, ob das Setting unserem Anliegen gerecht wird, gibt es weitere Erwägungen, die in eine Entscheidung über die Teilnahme eingehen können. Die Vorbereitung kostet Zeit, und man hat andere Prioritäten in der politischen Arbeit. Daneben sind auch emotionale Kosten in unsere Entscheidung mit eingeflossen. Zum einen spielte die zu erwartende Atmosphäre für uns im Vorfeld eine Rolle: Würden wir selbst oder andere auf dem Kongress abschätzig behandelt, mundtot gemacht oder vielleicht sogar bedroht, dann wäre das nicht nur eine kühl strategische Problemstellung, sondern ein unmittelbarer psychisch belastender Konflikt. Eine Rolle für unsere Entscheidung hat am Ende auch der emotionale Stress gespielt, der aus Drohungen verschiedenen Inhalts resultierte, die uns im Vorfeld wegen unserer geplanten Teilnahme erreicht hatten: vom Liebesentzug bis zur Ankündigung, wir würden aus der linken Szene fliegen.

Damit sind wir bei den Einwänden, die uns vor dem Kongress von verschiedenen Seiten erreicht haben, und bei den Machtmitteln, mit denen diese Einwände uns gegenüber geltend gemacht werden sollten.

  1. Und plötzlich bist Du raus

  2. Unsere ursprünglichen Erwägungen für die Teilnahme – ob wir etwas zu sagen haben, wie wahrscheinlich es ist, dass Leute uns zuhören und unsere Argumente erwägen, wie hoch die Kosten sind – haben einen sehr anderen Charakter als diejenigen, die wir den Nachrichten von Bekannten und Gesprächen mit Freund:innen und Genoss:innen aus verschiedenen politischen Milieus entnommen haben. Einig waren wir uns mit ihnen in dem Anliegen, den Einfluss bestimmter antideutscher Theoreme möglichst begrenzt sehen zu wollen, uneinig aber in der Wahl der Mittel.

    Während für uns das Mittel der Wahl die argumentative Auseinandersetzung ist, wollen sie den Einfluss Antideutscher in der linken Szene dadurch begrenzen, dass man sie vom Rest der Szene isoliert: indem man dafür sorgt, dass möglichst wenige an ihren Veranstaltungen teilnehmen; indem man sie, statt öffentlich mit ihnen zu diskutieren und damit „leftwashing“ zu betreiben, als rechts „markiert“, damit moralischer Druck entsteht und Linke erst gar nicht auf die Idee kommen, sich antideutsche Argumente anzuhören; und indem man selbst nicht-antideutschen Linken, die statt auf Isolieren lieber auf Überzeugen setzen, mit Exkommunikation aus der linken Szene droht.

    Darüber hinaus wurde von uns eingefordert, nicht zur Normalisierung antideutscher Positionen beizutragen. Die Normalisierung von etwas setzt voraus, dass es als anormal gilt, weil es mit einem Tabu belegt ist. Antideutsche Positionen und die Auseinandersetzung mit Antideutschen wären demnach in der Linken tabuisiert oder sollten es zumindest sein, sodass mit Sanktionen zu rechnen hat, wer antideutsche Positionen vertritt, erwägt oder sich öffentlich mit Antideutschen auseinandersetzt. Innerhalb nicht-antideutscher Milieus und Halböffentlichkeiten soll eine Kultur herrschen, in der ein Liebäugeln mit einer antideutschen Auffassung sanktioniert wird und in der beispielsweise Leute, die in ihrem Urteil zu einem bestimmten innerlinken Streitpunkt vielleicht unsicher sind, sich gegebenenfalls scheuen, Fragen zu stellen, wenn das Gegenüber aus der Frage eine Sympathie mit Antideutschen ablesen könnte. Genau so haben es unsere Bekannten und Freund:innen natürlich nicht formuliert und sicher auch nicht gemeint, aber das sind die objektiven und real erlebbaren Implikationen der Anwendung des Mittels des Nicht-Normalisierens/Tabuisierens.

    Und klar, es wurde auch eingefordert, die Veranstaltung wenigstens zu stören, wenn man schon hingeht. Beim Stören scheint es darum zu gehen, den Anwesenden das Erlebnis des Kongresses so weit zu vermiesen, dass zumindest manche von ihnen beim nächsten Mal nicht wieder teilnehmen und auf Dauer so das antideutsche Milieu geschwächt und seinem Einfluss auf die Linken auf diesem Weg begegnet wird.

    Uns überzeugen all diese Mittel nicht. Wollten wir ihre immanenten Schwächen genauer herausarbeiten, müssten wir klären, ob sie eigentlich funktionieren und ob sie geeignet sind, ihr Ziel zu erreichen: Ist es tatsächlich ein Mangel an Isolierung, der den Einfluss antideutscher Positionen erklärt? Sind falsche Gedanken quasi infektiös, oder braucht es dafür, eine Position zu übernehmen, nicht ein bisschen mehr, als ihr einfach nur ausgesetzt zu sein? Kann eine Markierung Antideutscher als rechts funktionieren bei einer Szene, in der teilweise immer noch radikale Kapitalismuskritik und aus der kritischen Theorie stammenden Maßstäbe einer befreiten Gesellschaft präsent sind? Ist ein Stören von Veranstaltungen zielführend, wenn man damit den Unmut auch derjenigen auf sich zieht, die für die Kritik antideutscher Prämissen ohne diesen Unmut erreichbar gewesen wären? Führen Tabus nicht dazu, dass mangels Auseinandersetzung auch die Argumente gegen antideutsche Positionen im linken öffentlichen Raum fehlen? Resultiert aus der Exkommunikation von Genoss:innen aufgrund einer „Kontaktschuld“ möglicherweise eine relative Stärkung der Gegenseite durch Schwächung der eigenen?

    Das alles kann man sich fragen, und uns kommen die beschriebenen Mittel recht unausgegoren vor.9 Leute scheinen von ihnen sehr unmittelbar überzeugt sein – vermutlich aufgrund einer moralischen Wucht, mit der sie daherkommen –, ohne sich wirklich zu fragen, ob und wie sie eigentlich funktionieren und ihr Ziel erreichen sollen. Und dieses Ziel wird schon gar nicht auf eine allgemeinere Strategie für eine emanzipatorische Praxis bezogen. – Aber die genauere immanente Kritik der Verwendung dieser Mittel ist uns an dieser Stelle weniger wichtig. Uns geht es im Folgenden um eine Auseinandersetzung mit ihrem allgemeinen Charakter als Machtmittel.

  3. Aber muss nicht irgendwann auch mal Schluss sein mit Reden?

  4. Alle genannten Taktiken haben gemeinsam, dass sie nicht auf einen zumindest potenziellen guten Willen beim Gegenüber zählen, nicht auf die Möglichkeit argumentativer Fortschritte, nicht auf das Finden gemeinsamer Grundlagen. Sie setzen vielmehr darauf, stärker zu sein als die anderen, etwa im Zurückdrängen oder Stören. Das Ziel ist es, mithilfe von Machtmitteln die Gegner möglichst aus der Öffentlichkeit hinauszudrängen.

    Wir haben nicht vor, der Anwendung von Machtmitteln eine naive Aufklärungsduselei entgegenzusetzen. Schließlich ist auch jeder Streik ein Machtmittel. Und wir hoffen, dass wir als Arbeiter:innenklasse unsere Machtpotenziale einmal voll entfalten werden, um sie gegen Kapital und Staat zu wenden, statt uns nur auf die Überzeugungskraft des Arguments zu verlassen. Das heißt aber nicht, dass die Anwendung von Machtmitteln jederzeit und in Bezug auf alle Andersdenkenden irgendwie Sinn machen würde.

    Es ist davon auszugehen, dass es in einer möglichen revolutionären Situation unter Revolutionär:innen substanzielle Differenzen über die genaueren Ziele und Wege einer Revolution geben wird. Die Geschichte kommunistischer Revolutionen ist voll von Beispielen, wie solchen Differenzen mit (offensichtlich drastischeren als den oben genannten) Machtmitteln begegnet wurde, verbrämt meist als „Bekämpfung der Konterrevolution“. Dass sich eine sogenannte Diktatur des Proletariats auch dauerhaft nicht nur gegen die Bourgeoisie, sondern gegen alle wendet, die anderer Auffassung über Mittel und Wege zum Kommunismus sind, wird schwer zu verhindern sein, wenn in der revolutionären Phase erst einmal eine Kultur und Institutionen der allgemeinen Unterdrückung etabliert wurden.

    Dabei liegt es keineswegs auf der Hand, wie Alternativen zur Unterdrückung aussehen können, wenn sich verschiedene revolutionäre Gruppierungen gegenüberstehen mit ihrer jeweiligen Gewissheit über den einzig möglichen Weg zur befreiten Gesellschaft. Umso wichtiger, dass schon jetzt politische Bewegungen, die eine nachkapitalistische und von Herrschaftsverhältnissen befreite Gesellschaft anstreben, auch bei tiefgreifenden Differenzen dem Gespräch und dem Austausch von Argumenten einen strategischen Platz einräumen – vielleicht auch einer punktuellen Zusammenarbeit und dem Finden von Kompromissen.

    Auf dieser strategischen Ebene denken wir, dass Räume zur Auseinandersetzung innerhalb der Linken so eingerichtet sein sollten, dass auch über schwierige Themen lernorientiert gestritten werden kann. Eine Kultur zu fördern, in der die Dämonisierung anderer betrieben wird und eine Abkapselung gegen alle, die mit den Dämonisierten auch nur in Berührung kommen, halten wir hingegen für einen Irrweg. So übt man einen Umgang mit Andersdenkenden ein, der, sobald man die Machtmittel hat, auf deren Unterdrückung hinausläuft, und man gibt den Anspruch auf Allgemeinheit auf, den eine revolutionäre Perspektive auf Befreiung notwendigerweise braucht. Das ist schädlich für eine Bewegung, die die bedürfnisorientierte Vermittlung einer Gesamtgesellschaft im Blick hat.

    In Räumen, die dafür ausgelegt sind, eine innerlinke Öffentlichkeit herzustellen, halten wir also im Allgemeinen Machtmittel für ungeeignet, um mit der Äußerung unliebsamer, unausgegorener oder selbst in ihren Konsequenzen menschenfeindlicher Positionen umzugehen. Was wir in solchen Räumen voraussetzen (darum die Qualifizierung als links), ist, dass im Grundsatz Ziele wie Herrschaftsfreiheit und gleicher Zugang zur Ressourcen für alle geteilt werden, und das heißt eben auch das Anliegen von Antirassismus und Antisemitismuskritik. Aber das schließt eben nicht aus, dass Leute aufgrund ihrer jeweiligen Analyse der Verhältnisse, der Weltlage und der Geschichte, aber auch aufgrund von Verbohrtheiten und Scheuklappen nicht doch Positionen vertreten, die objektiv rassistische etc. Implikationen haben. Doch darüber muss sachlich gestritten werden können. Eine linke Öffentlichkeit, die eine Alternative zur kapitalistischen Welt bieten und davon überzeugen will, erreicht dies nicht durch Ausschluss falscher Gedanken, sondern durch die geteilte Fähigkeit, argumentativ damit umzugehen. Anders sieht es aus bei einem Verhalten, das darauf hinausläuft, die Grundlage des Funktionierens einer solchen Öffentlichkeit zu untergraben. Rassistische und sexistische Beleidigungen, Übergriffigkeiten oder Bedrohungen beispielsweise sprechen den Betroffenen ihren Status als Subjekt und gleichberechtigtes Gegenüber in der politischen Auseinandersetzung ab. In solchen Fällen finden wir den Einsatz von Machtmitteln bis hin zum Ausschluss auch sinnvoll und gegebenenfalls notwendig.

    Wenn man sich für den Einsatz solcher Mittel entscheidet, sollte man das aber im Bewusstsein tun, dass Ausschlüsse einen hohen Preis haben, und sich darüber Rechenschaft ablegen, warum genau man diesen Preis in Kauf nimmt. In der Abwägung sollte es einen Unterschied machen, ob es sich um eine allgemeine Öffentlichkeit (Diskurse oder Veranstaltungen, zum Beispiel einen antideutschen Kongress) handelt oder um Fälle innerhalb eines Arbeitszusammenhangs, in dem dauerhafte produktive Kooperation möglich sein muss. Wenn sich beispielsweise innerhalb einer Gruppe, einer Organisation oder eines Bündnisses eine Person oder Gruppe grenzüberschreitend rassistisch verhalten hat und trotz Kritik dieses Verhaltens nicht zu einer Entschuldigung oder Selbstreflexion bereit ist, würden wir befürworten, Druck auszuüben, indem man die Bereitschaft aufkündigt, mit der betreffenden Person oder Gruppe weiterhin zu diskutieren, sie einzuladen etc., solange sie nicht bereit sind, auf die gegen sie vorgebrachte Kritik zu reagieren. Unter solchen Umständen können wir uns auch vorstellen, dass wir Genoss:innen kritisieren (wenn auch nicht exkommunizieren) würden, die eine Diskussion mit der entsprechenden Person oder Gruppe fortführen, zumal wenn sie die politischen Differenzen zu ihnen nicht klar kommunizieren würden.

    Auch aus unserer Sicht gibt es also Fälle, in denen es wichtig ist, eine klare Grenze zu ziehen, und in denen die Bedeutung einer solchen Grenzziehung gegenüber der Möglichkeit zur (öffentlichen) Auseinandersetzung überwiegt. Dabei ist es eines, eine Grenzziehung gegenüber einem spezifischen Akteur vorzunehmen, und etwas anderes, dies gegenüber einem kompletten Milieu zu tun. Letzteres scheint uns generell sinnfrei zu sein und wir sehen nicht, wie eine solche Dynamik zu etwas anderem führen kann als zu einem autoritären Sektenwesen, das so ziemlich das Gegenteil einer sinnvollen Strategie antikapitalistischer Praxis darstellt.

  5. Minenfelder zu Bauspielplätzen!

  6. Eine gemeinsame Öffentlichkeit der radikalen Linken ist angewiesen auf einen konstruktiven und antiautoritären Umgang mit Dissens, bei dem das Gegenüber als Subjekt ernst genommen wird. Den habituellen Griff zu Machtmitteln bei Dissens halten wir für politisch schädlich – einerseits, weil wir mit Blick auf eine revolutionäre Perspektive, die die Katastrophen vorheriger Revolutionen ernst nimmt, einen gewaltfreien und konstruktiven Umgang mit Dissens lernen und uns auf Pluralismus einlassen müssen. Aber auch mit Blick auf unsere aktuelle Situation ist es fehlgeleitet, möglichst homogene Meinungen in der radikalen Linken erzwingen zu wollen. Denn damit verkennt man, dass Dissens zu sich unmittelbar stellenden gesellschaftlichen Fragen in einer unvernünftig eingerichteten Welt neben moralischen oder kognitiven Verirrungen der Einzelnen oft auch Gründe in der Sache haben. Jede „Lösung“ für den Nahostkonflikt beispielsweise, die realistisch und in absehbarer Zeit umsetzbar sein soll, müsste sich in die gewaltsamen politischen und ökonomischen Strukturen einordnen, die das kapitalistische Weltsystem ausmachen, und wäre, selbst wenn sie in mancher Hinsicht Fortschritt bringen würde, nach emanzipativen Maßstäben notwendig widersprüchlich. Jede solche Lösung wäre außerdem gezwungen, einen Kompromiss zwischen in Konflikt zueinander stehenden Zielstellungen zu finden, und ist dabei notwendig mit Abstrichen für die beteiligten Interessengruppen verbunden. Es hängt von sehr vielen verschiedenen Faktoren ab, welche Schlussfolgerungen Linke vor so einem Hintergrund für ihre eigene Positionierung ziehen: von der eigenen Position innerhalb der Verhältnisse und sich daraus ergebenden unmittelbaren Interessen, von strategischen „Projektionen“ in die Zukunft, die zwangsläufig spekulativ sind, von der Absicht, möglichst viel menschliches Leid zu verhindern, was zu schwierigen Abwägungen führt…

    Dazu kommt, dass Leute, die man aus der Szene herauszudrängen versucht, nicht einfach weg sind. Stattdessen müssen wir davon ausgehen, dass Dissens zum Nahostkonflikt und ähnlich gelagerten Konflikten dauerhaft bestehen bleiben, und sollten Wege finden, damit umzugehen. Dafür braucht es einen Modus der Auseinandersetzung, der auf langfristige Beziehungen und Verständigungsmöglichkeiten setzt, die Möglichkeit von Widersprüchen einräumt und Entwicklungsmöglichkeiten zugesteht. Auch jenseits der eigenen Organisationszusammenhänge braucht es dafür Räume, die ihrer Anlage nach besonders gut geeignet sind, Dissens offen und grundlegend auszutragen. Zugleich muss es Teil der eigenen strategischen Reflexionsprozesse sein, Widersprüche und Fallstricke der eigenen Positionen wahrzunehmen und zuzugeben, und zwar mitunter auch in der Öffentlichkeit, und an diesen Schwächen gemeinsam zu arbeiten. Das Bewusstsein, dass es auch im eigenen Lager Ungereimtheiten, vielleicht auch Positionen mit gegebenenfalls inhumanen Implikationen gibt, würde auch dazu führen, Kritik von außen besser, ohne Reflex der Selbstverteidigung, annehmen und verarbeiten zu können.

    Unser Ziel muss es sein, Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen nehmen zu können und Mehrheiten für die Überwindung des Kapitalismus zu gewinnen. Dafür müssen wir auch Leute überzeugen, die auf einem ganz anderen Positions- und Debattenstand sind als wir. Wie soll der Prozess dahin aussehen, wenn auf Dissens mit Herausdrängen reagiert wird? Wenn man selbst mit moderaten Antideutschen bzw. Antizionist:innen nicht reden will, dann ja wohl erst recht nicht mit Wähler:innen der Grünen, SPD, CDU oder gar AfD.

    Es gibt zurzeit Versuche, das besser zu machen: Beim Aufbau von Basisarbeit im Stadtteil oder am Arbeitsplatz etwa oder auch in Basisorganisationen der Partei DIE LINKE ist die Annahme grundlegend, dass ein Bemühen um die Entwicklung von gemeinsamen politischen und revolutionären Perspektiven auf Langfristigkeit angelegt sein muss und dass es dafür Räume des Kämpfens, des Diskutierens und der Bildung braucht. In solchen Räumen trifft man möglicherweise auf Leute, die viel weiter von emanzipatorischen Positionen entfernt sind, als man es selbst in erbitterten innerlinken Streits erlebt und die man, allein nach den von ihnen vertretenen Positionen beurteilt, als politische „Gegner“ einordnen könnte. Unter solchen Voraussetzungen kann eine Verständigung nur funktionieren, wenn man sich von reaktionären Äußerungen nicht abschrecken lässt, weil man sie nicht als endgültig hinnimmt; und wenn Leute zwar ausgeschlossen werden, wenn sie Individuen diskriminieren, aber erst, nachdem sie sich in längerer Auseinandersetzung als uneinsichtig und unzugänglich zeigen. Wenn wir den Aufbau solcher Räume ins Zentrum unserer Arbeit rücken, treten sektenartige innerlinke Streits möglicherweise von alleine in den Hintergrund.

  7.  

  • 1. Rüdiger Mats war für einen Workshop zur Rolle von Macht, Hierarchie und Herrschaft in Konzeptionen des Kommunismus eingeplant, Vogliamo Tutto war eingeladen, am Abschlusspodium des Kongresses mit dem Titel „Linke Kritik in der Krise“ teilzunehmen, das (nach der ursprünglichen Planung) außerdem mit Thomas Ebermann, Barbara Umrath und der Redaktion Pólemos besetzt sein sollte.
  • 2. Eine Kritik des AK Beau Sejour vor allem an der Gruppe La Banda Vaga, die auf dem Kongress einen Workshop zur materialistischen Analyse des Islamismus angeboten hat, ist auf Communaut erschienen und hier nachzulesen. Eine Replik von La Banda Vaga findet sich hier. 
  • 3. Während sich die Bolschewiki anfangs noch bemüht hatten, bei wichtigen Versammlungen die unterschiedlichen Strömungen der Partei in der jeweiligen Redner:innenliste abzubilden, wurde die Krise 1921 (Kronstädter Aufstand, Hungerkatastrophe, Arbeiteropposition in der KP) von Lenin als Rechtfertigung benutzt, Fraktionsbildung in der KPR (B) unter Strafe zu stellen. Organisierte innerparteiliche Kritik an der Parteiführung wurde mit dem Verweis auf eine vorgeblich notwendige Einheit damit praktisch unmöglich gemacht.
  • 4. Vgl. linxxnet: „Handala Leipzig – wo Solidarität ein Ende haben sollte“ (20.08.2025).
  • 5. Vgl. z. B. https://nypost.com/2024/04/21/us-news/anti-israel-protester-screams-at-demonstrators-with-israeli-flag-outside-columbia-u-go-back-to-poland/ (21.4.2024).
  • 6. Vgl. Tagesspiegel: „,Mal nachgedacht, wie es sich für Juden in Neukölln anfühlt?‘: Hebräisches Wort auf T-Shirt – Linkes Café wirft Paar raus“ (20.10.2025).
  • 7. Vgl. „Gaza – ein Déjà-vu in Deutschland?“ (Bahamas 97/2025).
  • 8. Die Affirmation brachialer Gewalt gegen Menschen hat sich auf beiden Seiten von einem möglichen militärischen „Sinn“ weitgehend entfernt. Das Konzept, „Provokationen“ der Gegenseite nicht hinnehmen zu dürfen und dagegen brutal eigene „Zeichen“ setzen zu müssen, erinnert stark an den frühmodernen Gedanken der Strafe. Das ist insofern bemerkenswert, als die gleichen Linken, die sich mit diesen Praktiken solidarisieren, durchaus ein Bewusstsein davon haben, dass ein Strafsystem nichts zur Humanisierung der Gesellschaft beiträgt – jedenfalls, wenn es um die Kritik des hiesigen bürgerlichen Staates geht.
  • 9. Zum Beispiel fällt ihre Anwendung in Bezug auf Antideutsche und solche mit „Kontaktschuld“ schärfer aus als in Bezug auf andere Akteure. Man stelle sich beispielsweise eine Veranstaltung gegen die AfD vor, bei der im Vorfeld neben linksradikalen Gruppen auch die Grünen mitmischen: Manche radikale Linke würde das vielleicht stören, aber uns ist bislang nicht begegnet, dass im Falle einer solchen „Verbrüderung mit dem Feind“ den betreffenden Gruppen damit gedroht wurde, sie aus der Linken zu verstoßen – schon gar nicht mit ähnlich viel Schaum vor dem Mund. Warum? Werden Antideutsche für schlimmer als die Grünen befunden? Ähnlich ist nicht unbedingt klar, warum eine öffentliche Diskussion mit Antideutschen eine Grenzüberschreitung ist, während auf Demos Hamas-Befürworter:innen durchaus mit Toleranz begegnet wird.