Linke Kriegsbefürworter im Porträt: Artur Weigandt – Abstechen für Spargel?
Eine Überzeugung, der man nicht mehr anhängt, kann noch für einiges nützlich sein. Sie lässt sich lukrativ verwerten – indem man sich von ihr distanziert, manchmal länger, als man ihr anhing. Und manchmal kann man sich mit der Distanzierung stärker profilieren als mit der verworfenen Überzeugung.
„Artur Weigandt“, teilt uns der C.H. Beck Verlag mit, „war überzeugter Pazifist, für den Gewalt ein Zeichen von Schwäche war.“ Der Anlass, uns diese Information mitzuteilen: Die Präsentation von Weigandts Buch Für euch würde ich kämpfen. Mein Bruch mit dem Pazifismus.
Vom Pazifisten Weigandt hatte man allerdings wenig gehört. Pazifist war er für sich, nicht für die Öffentlichkeit. Vor dem Antipazifisten Weigandt hingegen kann man sich in den deutschen Medien kaum noch retten. Wenn jetzt die Redaktion der Graswurzelrevolution oder die Deutsche Friedensgesellschaft plötzlich Militär und Notwendigkeit der Aufrüstung für sich entdeckt hätten, wäre das eine Nachricht wert. Weigandt jedoch ist überhaupt erst durch seinen Sinneswandel ins Rampenlicht gerückt.
„Doch als Bomben fielen, hörte und spürte er die Verzweiflung der Überlebenden“, entnehmen wir dem Klappentext des Buches - die einem als Pazifisten gar nicht bewusst sei! Glaubt man dem Ex-Pazifisten Weigandt, sind Pazifisten nicht etwa deshalb gegen den Krieg, weil er Leid produziert, sondern weil sie dieses Leid ausblenden.
Dass Krieg zum Schaden für Menschen führt, ist eigentlich gar kein Streitpunkt zwischen Pazifisten, Aufrüstungsbefürwortern oder auch antikapitalistischen Gegnern der Staatspolitik. Allerdings haben sie Differenzen darüber, was die Ursachen sind und was daraus folgt. Die Pazifisten bleiben eben bei der Feststellung, Krieg sei fürchterlich für Menschen. Ihre bellizistischen Kontrahenten hingegen leiten daraus die Notwendigkeit ab, den Krieg durch einen militärischen Sieg zu beenden.
„Aus dem Idealisten wurde ein Realist: Wer überfallen wird, muss sich wehren – notfalls mit der Waffe in der Hand. Auch er selbst wäre dazu bereit“, so die Buchwerbung weiter.
An den alten Urteilen des Pazifisten Weigandt gibt es nicht viel zu verteidigen. Wer „Gewalt“ ganz abstrakt bewertet, ob sie nun zwischen einzelnen Menschen oder staatlichen Armeen stattfindet, und sie dann auch noch sozialpädagogisch als „Ausdruck der Schwäche“ sieht, hat sich den Titel „Idealist“ redlich verdient: Er vergleicht die Realität mit seinem vorgefertigten Ideal und hält es für Kritik, die Kluft dazwischen zu benennen.
Wie ist es aber um den „Realismus“ des gewandelten Weigandt bestellt? Er besteht darin, die Regeln und Normen, die er in der gesellschaftlichen Realität vorfindet, zu seinem neuen ganz persönlichen Ideal zu machen und nun daran alles zu bemessen. Entscheidend ist die Frage, wer angefangen hat. Ebenso wie viele weitere parteiische Begleiter des Kriegsgeschehens redet Weigandt sich ein, er sei nur deswegen für eine Seite, weil die andere mit dem ersten Schuss die geltenden Regeln gebrochen hat. Mit den Interessen des Staates, mit dem sie sich identifizieren, habe das gar nichts zu tun. Verteidigt wird die „regelbasierte Ordnung“, nicht die Interessen der Mächte, die diese Ordnung installiert haben. Soweit hat sich Weigandt von seinen Anschauungen als Pazifist doch nicht wegbewegt: Gewalt darf nicht sein, wer sie anwendet, bricht Regeln. Was neu dazu gekommen ist: Wer Regeln bricht, muss mit Gewalt in die Schranken verwiesen werden.
Unangetastet von kritischer Überprüfung blieb dagegen die Gleichsetzung von Gewalt zwischen Menschen und zwischen Staaten. Der kritische Zeitgenosse prüft die Lizenz zum Töten streng und kommt zum Urteil: Ein Staat darf Gewalt anwenden, wenn er angegriffen wird. Nicht dass Staaten ihn oder sonst einen Einzelbürger fragen würden, aber gut zu wissen.
„Auch er selbst wäre dazu bereit.“ Die Bereitschaft des Ex-Pazifisten besteht schon seit Jahren, aber für einen Fronteinsatz reichte es bisher nicht: „Als Dolmetscher für ukrainische Soldaten auf einem deutschen Truppenübungsplatz erlebte Weigandt, was es heißt, inmitten von Leopard-Panzern, militärischer Routine und persönlichen Schicksalen, nicht nur zu übersetzen, sondern Haltung zu zeigen. Dieses Buch erzählt von Panzerausbildung und Propaganda, von Müdigkeit und Mut – und von der Frage, was es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen.“
Zwischen Panzern und persönlichen Schicksalen findet endgültige Läuterung statt. Hier schreibt kein Strammsteher mit Pickelhaube, sondern ein Typ von neuem Typus, dem vom taz-Redakteur Jan Feddersen bescheinigt wird, dass ihm „alles, was man neumodisch als ‚toxische Männlichkeit‘ bezeichnet, abgeht“.
„Artur Weigandt schreibt dieses Buch für jene, die Krieg nur aus Nachrichten kennen, in Wohlstand verharren, nie die Erschütterung einer Explosion spürten, aber in sozialen Medien die Einstellung von Waffenlieferungen fordern – angeblich aus Menschlichkeit. Er schreibt für Soldaten, Veteranen und alle, die seit dem 24. Februar 2022 den wahren Preis der Freiheit kennen. Ein radikales Buch über die Zumutungen der Gegenwart, über Verrat, Solidarität – und darüber, warum Wehrhaftigkeit mehr ist als ein militärischer Begriff.“
Im „taz-Talk“ mit Jan Feddersen spricht Weigandt über den Krieg und seine Haltung zu ihm. Es ist ein persönliches Thema – er hat es zu einem solchen gemacht. Am ersten Kriegstag wurden seine „Freunde bombardiert“, mit den ukrainischen Soldaten knüpfte er persönlichen Kontakt und wir erfahren viel darüber, was der Krieg mit einem Menschen macht, der beschloss, sich mit einer Kriegspartei emotional zu identifizieren. Die Abstraktion, dass Putin nicht „seine Freunde“, von deren Existenz der Mann im Kreml wahrscheinlich nichts weiß, sondern einen anderen Staat angreift, wirkt dann wie purer Zynismus.
Auch die Feststellung, dass es keinen Krieg zwischen Staaten gibt, bei dem das Menschenmaterial nicht massenhaft leidet, würde wohl nur von der Schuldfrage ablenken. Weigandt kennt den Krieg zunächst auch nur aus den Nachrichten. Dann aber reist er hin und schmückt seine Parteinahme mit persönlich erlebten starken Emotionen. Dass genau das – hinfahren, Leute kennenlernen und auf einmal viele persönliche Schicksale sehen – bei allen Konfliktseiten aller Konflikte funktioniert, wollen die Verfasser und Leser solcher „persönlichen Berichte“ nicht wahrhaben. Auch die russische Öffentlichkeit wird systematisch von früh bis spät mit Berichten à la „Was ich im zerbombten Donbass gesehen habe“ bearbeitet. „Authentisch“ sind hier nicht die Fakten, sondern die Emotionen. Diese „menschliche Note“ der Kriegspropaganda gewöhnt uns an den Gedanken, dass es ein Ausdruck der Empathie mit den einen wäre, die Empathie mit den anderen stark zu reduzieren. Wer mit den „Kindern von Donezk“ oder den „Freunden von Artur“ Mitleid empfindet, soll gefälligst keine Fragen nach dem „Kollateralschaden“ auf der anderen Seite stellen.
Selbst Feddersen, der mit seinem Interviewpartner in allen Punkten einig zu sein scheint, stellt vorsichtig die Frage, warum Weigandt, der ein Jahr nach seiner Geburt mit seinen Eltern aus Kasachstan als „Spätaussiedler“ in die Bundesrepublik kam, sich von dem Thema so berührt zeigt. Die Antwort ist mit allen identitätspolitischen Wassern gewaschen. Putins Angriff auf die Ukraine aktivierte bei Weigandt ein „postgenerationales Trauma“ – er musste an die Deportation der Wolgadeutschen nach Kasachstan 1941 denken, an die Hungersnot in der Ukraine 1932/1933 und an jene in Kasachstan von 1930 bis 1933. Und an die Gewalt des Zarenreiches gegen Minderheiten.
Was das Zarenreich mit der Sowjetunion unter Stalin und der Russischen Föderation unter Putin zu tun hat, braucht gar nicht mehr erläutert zu werden. Ob das Zarenreich den deutschen Siedlern nicht zeitweilig Privilegien gegenüber „Kleinrussen“ und „Kirgis-Kajsaken“ sicherte oder ob Putin wirklich die Kollektivierung der Landwirtschaft nach Stalins Vorbild im Schilde führt, fragt man an der Stelle besser nicht. So wie im Ersten Weltkrieg die Entente-Propaganda die Deutschen mit Attila dem Hunnen identifizierte, so wird heute Russland als Reich Iwans IV. mit Atomwaffen imaginiert. Auch diesen Trick kennt die Propaganda der Gegenseite bestens. Man kämpfe in der Ukraine heute, so russische Medien, gegen alle Bösewichte der Vergangenheit, mag deren Bezug zum heutigen ukrainischen Staat noch so diffus sein.
Weigandts Weckruf, den „Bequemlichkeitspazifismus“ endlich sein zu lassen, die Komfortzone zu verlassen und die Notwendigkeit der Wehrpflicht einzusehen, kommt mit viel persönlich-menschlichem und linkem Vokabular daher. Es geht immer wieder um Freunde, für die er kämpfen möchte. Real kämpfen eher sie für ihn, da ihr Kampf doch „unsere“ Freiheit schützt. Es geht um Solidarität, denn Zwangsmobilisierung sei auch eine Form der solidarischen Umverteilung der Kriegslasten. Um die „Ungerechtigkeit“, als die er den Krieg unter Absehung von allen Kriegsgründen bezeichnet. Um „Resilienz für diese Aspekte“, wie es in der Sprache des Care- und Selfcare-Militarismus heißt. Und darum, dass man mit Putin nicht verhandeln kann, denn er hat sich ja gründlich dafür disqualifiziert, mit unserem vertrauenswürdigen demokratischen Politpersonal zu reden.
Doch manchmal bricht sich das schnöde Strategendenken Bahn. Dann erfahren wir, dass „der Gegner vor dem Tor steht“. Dass die Bundeswehr in Litauen ziemlich genau vor dem „Tor“ des Gegners steht, ist in nicht weiter von Bedeutung. Davor, dass Deutschland die ganze EU-Außengrenze zu seinem „Tor“ erklärt, braucht ja niemand Angst zu haben. Dann wird der Wunsch geäußert, die „politischen Akteure“ der Bundesrepublik würden sich an die Bevölkerung mit der gezielten Ansprache wenden: „So und so sind die Fakten, das sagt der Bundesnachrichtendienst und das müssen wir tun.“ Die Freiheit, die „wir“ verteidigen müssen, ist die Einsicht in die Notwendigkeit.
Manchmal schrammt Weigandt auch hart an materialistischen Einsichten vorbei, etwa wenn er „Zivildienst“ als „Privileg einer Friedensgesellschaft“ bezeichnet. Denn im Kriegsfall kann sich kaum jemand im wehrpflichtigen Alter darauf verlassen, vom Staat nicht zum Kämpfen gezwungen zu werden. Oder wenn er als Kritik an Ole Nymoen anmerkt, dass „Flucht ein Privileg“ sei und in der Ukraine Männer horrende Summen zahlen müssen (er spricht von acht bis zehntausend Euro), um das Land zu verlassen. Es fehlt nur noch ein kleiner Schritt: offen auszusprechen, dass Ausreisebeschränkungen für die Wehrpflichtigen, die Weigandt auch in Deutschland im Kriegsfall für wahrscheinlich hält, genau von dem demokratischen Staat verhängt werden können, der doch die Freiheit garantiert.
Lob der Freiheit und Verweis auf die Sachzwänge gehen bei Weigandt und seinem Gesprächspartner Hand in Hand. Die Freiheit, nicht an der Kriegsmaschinerie teilzunehmen, können „wir“ „uns“ allerdings nicht mehr leisten. Denn, so Weigandt, man müsse sich vor Augen führen, „was Russland gerade tut mit seiner eigenen Bevölkerung“, dort werden Menschen nämlich „in GULAGs geworfen“. Auch wenn es „GULAG“ nicht im Plural geben kann, schließlich ist es die Abkürzung für „Hauptverwaltung für Besserungs- und Arbeitslager“, und die existiert seit 1956 nicht mehr. Aber Weigandt ist Experte qua Herkunft, so wie er auch Kriegsfreiwilliger ausschließlich im Geiste ist.
Weigandt denkt sehr konstruktiv und realpolitisch über die möglichen Probleme der kommenden Kriegsführung nach (die bei ihm „solidarisch reagieren“ heißt). Er möchte die Kritik an den Verhältnissen in der Bundesrepublik nicht über Bord werfen, sondern eine Ordnung verteidigen, in der man diese Kritik konstruktiv äußern darf. „Dieser Status quo muss erhalten bleiben, um positive Veränderungen innerhalb Deutschlands (…) weiter zu forcieren.“ Es fällt ihm gar nicht auf, dass er damit derselben Logik folgt wie auf der anderen Seite die „Kommunisten“ von der KPRF, deren Programm im Kern lautet: „Lieber Putin als Abhängigkeit vom Westen“. „Es ist immer noch besser als Russland“, wiederholt er und suggeriert damit, dessen Ziel sei es, Deutschland zu erobern. So schildert er in seinem Buch dann auch ein ganzes Kapitel lang das „Berlin unter Okkupation“, in dem es „keine Clubs, keine LGBTQ-Parties, keine Queerness mehr gibt“ – denn Putins eigentliches Kriegsziel ist offenbar die Zerschlagung der Berliner Clubs. Dafür käme unter der imaginierten russischen Besatzung etwas ganz Neues dazu, nämlich „Rassismus“ – ein in Deutschland unter Bundeskanzler Merz gänzlich unbekanntes Phänomen.
Doch Weigandt bleibt immer ein Mann mit Visionen und Werten: „Mein Verständnis von Gemeinsamkeit reicht bis zur Ukraine, aber ganz besonders, weil ich in der Europäischen Union groß geworden bin.“ In seinem Verständnis ist die Erweiterung der EU und der NATO ein Akt der Solidarität und ein Schritt zur Überwindung der nationalen Schranken, nicht die Durchsetzung der Interessen von wirtschaftlich stärkeren Nationalstaaten.
Die deutsche Bevölkerung ist Europa einen Krieg schuldig: „Wer Blutspargel in Deutschland mit osteuropäischen Gastarbeitern genießen kann [sic!], der sollte gewissermaßen die Verantwortung haben, Osteuropa verteidigen zu wollen“, sagt der wortgewaltige Literat. Was er meint, ist: Wer den von den billigen osteuropäischen Arbeitskräften geernteten Spargel genießt – höchstwahrscheinlich nicht in deren Gesellschaft –, der sollte einsehen, dass Deutschland einen Krieg mit der Atommacht Russland nicht scheuen sollte, um den Verbleib der betreffenden Herkunftsländer in der EU sicherzustellen.
Perspektivisch können auch von Putins Einfluss befreite Ukrainer und Moldawier sich den deutschen Landwirten zur Verfügung stellen. Deren Nutzen für mieseste Jobs ist ein Grund, die EU unter Einsatz des eigenen Lebens zu verteidigen. Denn sonst essen bald die Russen unseren Spargel!