Die Arktis-Karte immer dabei
Es ist sicherlich ein Highlight der freiheitlich-demokratischen Berichterstattung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, was am 28. Februar 2026 im ZDF ausgestrahlt wurde.
„Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas hat keinen leichten Job. In einer Zeit, in der auf internationaler Bühne immer öfter das Recht des Stärkeren zu gelten scheint, sind Kallas' diplomatische Anstrengungen ein Drahtseilakt. ZDF-Korrespondent Ulf Röller hat Europas Chefdiplomatin begleitet: Er zeigt, wie sie versucht, die EU im rauen Fahrwasser auf Kurs zu halten.“
Es beginnt in der Arktis. Weil die Arktis „immer mehr zum Spielball der Weltmächte“ wird, so die Stimme aus dem Off. Eins davon ist die EU, und um eine der führenden Politiker:innen wird es gleich gehen. Aber zuerst geht es um die Arktis. „Neben Russland hat jetzt auch Amerika ein Auge auf die Region geworfen.“ Die EU dagegen wirft kein Auge auf die Region. Sie ist einfach da. Quasi schon immer. Und damit es so bleibt, eilt die EU-Außenbeauftragte, ehemalige estnische Regierungschefin Kaja Kallas, „vom Termin zum Termin“. Denn die EU ist umringt von „feindlichen Mächten“, ist aber selbst für niemanden eine feindliche Macht und umringt auch niemanden. Sondern erweitert sich lediglich in den Osten. Sie ist in Begleitung der ZDF-Kameras im norwegischen Tromsø unterwegs, wo sich die Bewohner:innen als „Vorposten der NATO fühlen“. Ganz zu Recht – denn Tromsø ist ein Vorposten der NATO im arktischen Raum. „Kallas hat eine Karte von der Arktis dabei, sie erinnert sie daran, was auf dem Spiel steht.“
Jetzt könnte das Publikum darüber informiert werden, worum es konkret in der Region geht, auf die angrenzende Staaten ein „Auge werfen“. Zum Beispiel darüber, was sich Russland alles davon verspricht, die Ressourcenförderungen in der Arktis zu intensivieren, und welche Folgen es für die EU-Wirtschaft haben könnte, wie es Felix Jaitner in seiner Studie über Russlands Ökonomie erarbeitete. Darüber wird es an dieser Stelle aber nicht gehen. Die Interessen der EU-Staaten in der Region sind etwas Selbstverständliches, es bedarf keiner weiteren Begründung. Die EU wirft auf die Arktis kein Auge, sondern ist einfach da. Schon immer gewesen, und so soll es auch gefälligst bleiben.
Es steht die Arktische Sicherheitskonferenz an. Mit Sicherheit ist selbstverständlich die Sicherheit der NATO-Mitgliedsstaaten gemeint. Wenn Staaten Sicherheit brauchen, dann vor anderen Staaten. Und darüber, welche diese sind, herrscht in der Runde Klarheit. Das ZDF fragt aber nochmal nach: „Wer ist der Feind: Russland oder die USA?“ Kallas darauf: „Die Arktis ist sehr wichtig. Grönland auch. Wir arbeiten an verschiedenen Konzepten, um die Sicherheit in der Region zu erhöhen.“ Also so viel Drohpotenzial zu schaffen, dass die Gegenseite sich unsicher fühlt beim Erwägen der eigenen Pläne. Es ist ein Kampf „David gegen Goliath“, weil die USA ihrem NATO-Partner Dänemark Grönland wegnehmen möchten. „Europa ist nicht vorbereitet auf eine militärische Konfrontation“. Wenig überraschend, weil man davor der USA in friedlicher Konkurrenz den Rang der Weltmacht Nr. 1 abjagen wollte, die aber jetzt auf einmal keinen Grund sehen, auf militärische Drohungen zu verzichten. Davor war es gerade das militärische Bündnis mit ihnen, das den Zugriff auf fast die ganze Welt für das EU-Kapital sicherte. Aber nun hat „Europa verstanden, dass es mehr tun muss“, weswegen Kallas sich gleich auf ein norwegisches Kriegsschiff begibt.
Zeit für mehr Hintergrundinfos zu der materiellen Ausrüstung des Schiffes und der geistig-ideologischen der hohen Besucherin. „Kallas kommt aus Estland, ihre Familie hat unter der sowjetischen Herrschaft gelitten, ihr Land ist bereit, sich zu verteidigen. Ihr Weltbild hat das sehr geprägt.“
Diese Aussage weiß die EU-Chefdiplomatin sofort zu bestätigen. „In Estland ist die Wehrpflicht sehr beliebt. Junge Männer und junge Frauen gehen zusammen zum Militärdienst. Wenn ich mir dann die Debatten in Deutschland anhöre … Bei uns sagen die jungen Frauen: ‚Wenn ein Kerl nicht beim Militär war, ist er kein richtiger Mann‘.“ Seit 2022 machen Teile der feministischen Bewegung Werbung für die Waffenlieferung an die Ukraine, weil es sich ja um einen Wertekonflikt zwischen reaktionärem Russland und emanzipierter Demokratie handelt. Aber vermutlich werden weder Nadeschda Tolokonnikowa noch Anastasia Tichomirowa, schon gar nicht Valerie Brosch, diese Aussage so ernst nehmen, wie sie gemeint ist.
Kallas war schon mal in Tromsø, „als Kind, damals, als Russland der Feind und der Westen ein Sehnsuchtsort war“. Genauer genommen waren Russland und Estland damals nur Bestandteile desselben Staates, aber nationale Feindschaft war bereits auf dem Siegeszug im Kampf gegen die offizielle Idee vom „proletarischen Internationalismus und Sowjetpatriotismus“. Kallas' Eltern bekamen ein Visum für Finnland und reisten, wie sie selber sagt, „völlig illegal“ nach Norwegen ein. Weswegen sie zwar laut Kallas Angst hatten, aber gleichzeitig beeindruckte sie das ungeheure Ausmaß der Freiheit. Ja, wenn man nicht geschnappt wird beim illegalen Grenzübertritt, fühlt man sich frei. Heute können viele Menschen in der EU das bestätigen.
Kallas, so das ZDF, „fühlt sich berufen, die westlichen Werte hochzuhalten“. Weiter geht es in Brüssel. „Brüssel ist eine Kompromissmaschine. 27-mal Hände schütteln, 27 Egos streicheln“, setzt das Zweite Deutsche Fernsehen seinen Bericht über die EU-Powerfrau fort. „Kallas' Auftrag ist, 27 Nationalinteressen in ein EU-Interesse zusammenzuschmelzen.“
Das ist ein reales Problem. Ein konstituierender Widerspruch der EU ist ja gerade, dass sie sich aus Staaten zusammensetzt, die ihre Wirtschaftskraft zwecks Erfolgs auf dem Weltmarkt vereinigen und gleichzeitig in Konkurrenz zueinander auf dem Weltmarkt stehen. Da hilft auch kein Egos-Streicheln, wenn die Sanktionen, die Deutschland und Frankreich durchboxen, der Wirtschaft von Ungarn und der Slowakei schaden. Da setzen Deutschland und Frankreich nicht auf Streicheln von Egos, sondern auf das Streichen von Subventionen.
Sand im Getriebe der „Kompromissmaschine“ sind nicht gekränkte Egos des politischen Personals. In 27 Mitgliedstaaten findet demokratische Konkurrenz um die politische Macht statt, und fast überall finden sich Parteien, die sich fragen, ob die EU nicht einen Schaden an der nationalen Souveränität mit sich bringt, ob sie nicht Konkurrenzvorteile für andere Staaten schafft oder den Volkswillen mit Richtlinien und Vorgaben einschränkt. In der Heimat von Kallas ist ihre neoliberale Estnische Reformpartei von den zunehmenden Erfolgen der Estnischen Konservativen Volkspartei (EKRE) bedrängt. Diese sieht das estnische Vaterland durch die Migration nicht minder bedroht als durch den russischen Nachbarn. Wer wie viel bezahlen muss und wer bestimmt, wie weit der Westen in der Unterstützung der Ukraine und in der Konfrontation mit Russland gehen darf, sind ja Fragen, über die in jedem nationalen Parlament Streit geführt wird.
Aber es kommen noch größere Gefahren auf die „regelbasierte Weltordnung“ zu, in der die EU sich als federführende Kraft bei der Formulierung der Regeln, auf denen die Ordnung basieren soll, sah. Das ZDF: „Für die Estin ist ihr Leben lang Russland der Feind und Amerika der Befreier gewesen. Nun bedroht Trump den Westen.“
Wer der Westen sei, möchte die EU schon selber definieren. Aber eins muss den ZDF-Zuschauern echt klar sein: „Wir“ bedrohen niemanden! Beim Ausbau von „unserem“ europäischen Drohpotenzial handelt es sich lediglich um eine absolut notwendige Antwort auf den Machtzuwachs von den USA, Russland und China. Das ist die Grundlage, auf der die Debatte darüber, wie die EU sich besser durchsetzen kann, stattfindet.
„Kallas hat ein schwieriges Verhältnis zum US-Außenminister [Marco] Rubio“, verrät uns das ZDF und beschreibt den Kontrahenten: „Rubio ist ein Botschafter seines Meisters Trump. Der Trumpismus als Weltanschauung, als Vorbild für Europa, Rücksichtslosigkeit als Strategie.“
Es ist schon klar, wer den Anspruch auf die Rücksicht seitens der USA hat – die EU, ganz sicher nicht Russland. Die EU-Politik ist ihrerseits deutlich geprägt von Rücksicht – zum Beispiel Deutschlands gegenüber Griechenland, wenn es um die Austerität geht. Gerade ist die Öffentlichkeit vor allem in Deutschland damit beschäftigt, sich zu fragen, ob man in den vergangenen Jahren zu viel Rücksicht auf Russland genommen hat. Dass der Euro von Anfang an ein Projekt war, dem US-Dollar den Rang der wichtigsten Weltwährung abzulaufen, ist kein wohlbehütetes Staatsgeheimnis. Dennoch reagiert Kallas verwundert auf das „EU-Bashing“ seitens der Trump-Regierung.
Die Durchsetzung der EU-Interessen sollen die Zuschauer:innen des ZDF keineswegs mit der „Rücksichtslosigkeit“ Trumps oder Putins gleichsetzen. Es ist ein Dienst an die gesamte Menschheit: „Wir geben alles, damit die Welt nicht auseinanderfällt.“ In aller Bescheidenheit – die Welt wird durch „unsere“ Sicherheitspolitik zusammengehalten. Die zurückhaltendste Weltmacht aller Zeiten zeigt sich dialogbereit. Kallas: „Wir wollen die Amerikaner auf unserer Seite haben, denn wir brauchen sie für unsere Sicherheit.“ Das Einplanen der Weltmacht Nr. 1 für den eigenen Nutzen stößt zwar an eigene Grenzen, aber Kallas bewahrt Optimismus. Schließlich kann es die USA nicht ernsthaft wollen, dass die NATO-Partner kaputtgehen.
So zieht das ZDF Fazit: „Sich mit Stolz und Würde gegen Amerika behaupten, Europas Werte hochhalten – darum geht es auch ganz enorm in der Arktis“