An den Grenzen des Klassenkampfs – Über die jüngsten Ereignisse in Ceuta

15. September 2026

In diesem Beitrag beschäftigt sich die Gruppe artifices aus Frankreich mit der jüngsten „Krise“ in Ceuta und ordnet diese in die grundlegenden Entwicklungslinien der jüngeren Geschichte der europäischen Migrationskontrolle ein, die auf Bürokratisierung, Auslagerung und Sortierung von Migrant:innen beruht. Am 30. und 31. Juli versuchten mindestens 72.000 Menschen aus Marokko und der Subsahara-Region, die Grenze zwischen Marokko und der spanischen Enklave Ceuta sowie, in geringerem Maße, Melilla zu überqueren. Meistens geschah dies schwimmend, aber auch über Mauern und Stacheldraht kletternd. 141 Menschen sollen bei der von beiden Ländern koordinierten brutalen Unterdrückung getötet worden sein. Tausende Migrant:innen warten noch immer in Ceuta und Melilla darauf, auf das spanische Festland gebracht zu werden. In ihrem Text erinnern artifices daran, dass die Grenze in erster Linie eine Klasseninstitution ist, deren Aufgabe darin besteht, Bevölkerungsbewegungen zu kontrollieren und die rassifizierte Trennung zu reproduzieren, welche die kapitalistische Produktionsweise geografisch strukturiert. Bei diesen Überlegungen handelt es sich um eine Vorarbeit zu einer umfassenderen Analyse zum Thema Migration, die artifices bis Ende des Jahres veröffentlichen wird.

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Am 30. und 31. Juli 2026 versuchten knapp 72.000 Migrant:innen, die spanische Enklave Ceuta an der afrikanischen Küste, die unmittelbar an der Grenze zum marokkanischen Staatsgebiet liegt, zu erreichen. Wie üblich gab das Ereignis Anlass zu einer Reihe abstoßender Kommentare, die vor einer massiven „Migrationskrise“ warnten. Diese „Menschenflut“ aus dem Maghreb stelle eine gravierende Bedrohung für die Sicherheit der westlichen Staaten dar und untergrabe ihre Fähigkeit, die territoriale Integrität zu bewahren. Letztlich handle es sich um eine Frage der nationalen Verteidigung vor dem Hintergrund geopolitischer Rivalitäten. Die Bilder von Tausenden von Menschen, die versuchten, in die Enklave zu gelangen, wurden schnell als Ergebnis eines Versagens der Grenzkontrollen interpretiert, was unweigerlich die Frage nach der marokkanischen Souveränität über Ceuta wieder auf den Tisch brachte. Die Diskussion darüber, ob dieses Gebiet verwaltungstechnisch an Marokko oder an Spanien zurückgegeben werden müsse, verstellt lediglich den Blick auf die Realität dessen, was sich dort tatsächlich abspielt.

Es ist uns gleichgültig, ob die Ankunft zahlreicher Menschen aus Marokko und der Subsahara-Region in der spanischen Enklave in Nordafrika von der marokkanischen Regierung inszeniert wurde oder nicht. Ein Manöver, das im Übrigen ihre wertvollen diplomatischen Beziehungen zu Spanien und der Europäischen Union zutiefst beeinträchtigen würde. Was uns interessiert, ist nicht, was Ceuta über die Außenministerien Marokkos, Spaniens oder gar Israels aussagt. Vielmehr ist diese Perspektive symptomatisch für den Verzicht der Linken auf jede Klassenanalyse zugunsten einer bürgerlichen, „geopolitischen“ Sichtweise auf Ereignisse, die sie selbst kaum zu verstehen vermag. Wir weigern uns, die Revolte Zehntausender Proletarier:innen als bloßes Symptom eines diplomatischen Spiels zwischen Staaten darzustellen. Eine solche Lesart gibt unter dem Deckmantel der Kritik letztlich nur den Blick des Staates auf sich selbst wieder. Um zu verstehen, was sich in Ceuta abspielt, muss man den Blick wieder auf die proletarische Kampfkraft richten und auf die unmittelbare Realität eines Klassenkampfs, der die Form des Exils annimmt.

Die massenhafte Migration Zehntausender junger Männer und Frauen, die von einem Tag auf den anderen ihre Familien verlassen, liegt nicht im Interesse des marokkanischen Staates. Sie offenbart vielmehr das Ausmaß der inneren Unzufriedenheit im Land und den Fluchtwunsch einer Jugend, für die das Bleiben keine Option mehr darstellt. Obwohl ein solches Phänomen aufgrund seiner Größenordnung außergewöhnlich ist, ist es keineswegs neu: Bereits 2012 versuchten 73 Migrant:innen aus Marokko, über die Isla de Tierra (eine spanische Insel vor der marokkanischen Küste) nach Europa zu gelangen, wobei sie auf die rechtliche Unklarheit dieser Enklaven setzten. Im Jahr 2014 wurden am Strand von Tarajal in Ceuta 200 Migrant:innen, die versuchten, in die Enklave zu gelangen, von der spanischen Guardia Civil mit Gummigeschossen und Tränengas empfangen. Etwa fünfzehn von ihnen wurden dabei getötet. In jüngerer Zeit, in den Jahren 2021 und 2022, kam es in den spanischen Enklaven, Ceuta und Melilla, zu ähnlichen Krisen, bei denen jeweils 8.000 bzw. 2.000 Migrant:innen die Grenzblockaden überwanden. Im letzteren Fall forderte das gemeinsame harte Vorgehen Marokkos und Spaniens etwa 30 Todesopfer. Schließlich gelangten im Jahr 2024 bereits minderjährige Mädchen schwimmend und ohne Bezahlung eines Schleppers nach Ceuta, begünstigt durch einen Trend, der auf dem marokkanischen TikTok entstanden war. Dieser Übergang zwischen Marokko und Spanien stellt demnach eine der zentralen Routen dar, über die von Afrika aus die Bewegung einer Bevölkerung organisiert wird, die zur Migration gezwungen ist. Zugleich ist er einer der Orte im Mittelmeerraum, an dem die sicherheitspolitische Verwaltung der Grenze regelmäßig zusammenbricht. Um zu verstehen, was dort vor sich geht, muss man diesen sensiblen Punkt der Migrationsrouten nach Europa zunächst in einen historischen und politischen Kontext stellen.

Bürokratisierung zur besseren Kontrolle

Marokko übernimmt seit mindestens 1992 im Auftrag Spaniens eine wichtige Funktion bei der Kontrolle, Inhaftierung und Abschiebung von Migrant:innen, die dieses Gebiet durchqueren. Ausgehend von dieser Zusammenarbeit, die durch die Ereignisse von 2014 verstärkt wurde, hat die Europäische Union eine umfassende Strategie zur Externalisierung ihrer Grenzen im Mittelmeerraum umgesetzt. Anhand einer Reihe von Verträgen und bilateralen Abkommen vergibt die EU bestimmte Zuständigkeiten in diesem Bereich an die Maghreb-Staaten, die Türkei sowie an bestimmte Länder südlich der Sahara, insbesondere an Mali über das Zentrum für Information und Migrationsmanagement (CIGEM)1. So hat Europa ein Netzwerk aufgebaut, das sich stetig erweitert und über seine eigenen Grenzen hinaus ausdehnt. Im Mittelmeerraum ist die Bedeutung von Programmen wie MEDA2 (heute durch den NDICI ersetzt) hervorzuheben, die im Namen des „Freihandels“ die Kontrollen an den Außengrenzen modernisiert haben.

Parallel dazu finanziert die EU auch lokale Entwicklungsprojekte. Dasselbe Programm sorgt dafür, dass Migrant:innen abgeschoben werden und möglichst geringe Chancen haben, zurückzukehren, indem die Kontrollen in den Herkunfts- und Transitländern verschärft werden. Auf diese Weise lagert Europa informell Aufgaben aus, indem es die Grenzpolitik dieser Partnerländer an seinen eigenen Interessen ausrichtet und gleichzeitig die Migrationsrouten und Abschiebewege strukturiert. Es kann daher die Gewährung von Entwicklungshilfe an diese Länder durchaus von deren Kooperationsbereitschaft bei der Rückübernahme Abgeschobener abhängig machen. Zu diesem Prozess der staatlichen Auslagerung kommt die Mitwirkung parastaatlicher Akteure wie Frontex hinzu, einer unabhängigen europäischen Agentur, die mit der Koordinierung der Ordnungskräfte an den Grenzen Europas und der Harmonisierung der repressiven Praktiken der verschiedenen Mitgliedstaaten beauftragt ist3. Schließlich erschließen private Unternehmen dabei neue lukrative Märkte, insbesondere im Bereich Transport und Logistik der Abschiebung. Als Gegenleistung für diese Übertragung hoheitlicher Aufgaben erhält das Drittland verschiedene Vorteile: Subventionen, einen Kompetenztransfer im Bereich der Bevölkerungsverwaltung, ja sogar Technologietransfers oder den Zugang zu bestimmten digitalen Datenbanken. Allein für Marokko erfolgt dies insbesondere über mehrere europäische Entwicklungshilfeprogramme und über Finanzmittel, die speziell für die Grenzkontrolle bestimmt sind und sich zwischen 2014 und 2022 auf rund 2,1 Milliarden Euro beliefen.

Es ist daher verständlich, dass angesichts all dieser Mechanismen und unter Berücksichtigung des politischen Gewichts der europäischen Länder, die über zahlreiche Mittel verfügen, um einem Drittland eine solche Politik aufzuzwingen, die territorialen Ansprüche Marokkos kaum ins Gewicht fallen. Dass Ceuta und Melilla auf dem Papier von Marokko als zu seinem Staatsgebiet gehörende Gebiete betrachtet werden, hat das Land keineswegs daran gehindert, sich voll und ganz an ihrer Umwandlung in riesige, unter freiem Himmel gelegene Verwaltungshaftzentren zu beteiligen.

Obwohl eine solche Rollenverteilung an der Grenze auf einer Asymmetrie zwischen den Staaten beruht, verschafft sie dem „Subunternehmer“ dennoch eine strategische Position im zwischenstaatlichen System, die er geltend machen kann, um Vorteile zu erlangen oder an Autonomie zu gewinnen. Dazu genügt es ihm, damit zu drohen, mehr Migrant:innen passieren zu lassen. Genau das geschah 2021 an der Grenze zu Ceuta, als die marokkanischen Behörden fast 8.000 Menschen in die Enklave vordringen ließen. Damit sollte Druck auf Spanien ausgeübt werden, das gerade einen der Führer der Polisario-Front, der Unabhängigkeitsbewegung der Westsahara, aufgenommen hatte. Marokko erzeugt keine Migrationsbewegungen aus dem Nichts und muss auch niemanden manipulieren. Vielmehr instrumentalisiert es eine bereits bestehende Route, um sie als diplomatisches Druckmittel gegenüber Spanien einzusetzen. Es ist übrigens nicht auszuschließen, dass auch die 8.000 Menschen versucht haben, die Situation auszunutzen, indem sie die Verwundbarkeit dieser Achillesferse der „Festung Europa“ sowie ein günstiges geopolitisches Umfeld nutzten, um auf der Suche nach einem besseren Leben nach Europa zu gelangen.

Was den 30. und 31. Juli 2026 betrifft, deutet nichts darauf hin, dass wir es mit demselben Szenario zu tun haben. Es ist wahrscheinlicher, dass rund 72.000 Menschen angesichts einer Lockerung der Kontrollen an der marokkanischen Grenze, die mit den Feierlichkeiten zum Nationalfeiertag zusammenhing, darauf gesetzt haben, über diese Enklave nach Europa gelangen zu können.

 

Diese oben beschriebene Externalisierung ist Teil eines Entpolitisierungsprozesses. Gemeint ist damit, dass ein Teil der politischen Grenzkontrolle an einen Akteur übertragen wird, der als unpolitisch dargestellt wird.4 Dieser Vorgang ermöglicht es, sowohl die nationalen Behörden ihrer Verantwortung zu entbinden als auch den eigentlichen politischen Charakter der Regulierung kapitalistischer Sozialbeziehungen zu verwischen.

Die Externalisierung der Grenzkontrolle ermöglicht es, auch die politischen und sozialen Kosten des Grenzregimes abzuwälzen, indem ein Teil der mit ihm verbundenen Gewalt außerhalb der europäischen Grenzen ausgeübt wird. Für die Länder des kapitalistischen Zentrums geht es dabei darum, die Regulierung der Arbeitskraft durch Migration in den peripheren Gebieten aufrechtzuerhalten. Selbstverständlich üben die EU und ihre Mitgliedstaaten weiterhin die Kontrolle über die Grenze aus. Doch sie tun dies nun außerhalb der EU und vermittelt über eine Vielzahl von Akteur:innen, die diese Kontrolle in eine rein technische und „humanitäre“ Verwaltung übersetzen.5 Der Migrant und die Migrantin verwandeln sich in einen „Strom“, ihre Inhaftierung in eine „Kontrollmaßnahme“, ihre Abschiebung zu einer „Verwaltungsmaßnahme“, während ihre Ausbeutung zwar als humanitäres Drama inszeniert wird, aber in jedem Fall außerhalb der europäischen Grenzpolitik liegt. Wenn die sogenannte „Krise“ von Ceuta etwas zeigt, dann ist es auch das Scheitern dieser Strategie der Entpolitisierung. Die EU hat versucht, die politische Gewalt, die die Abschiebung darstellt, auszulagern, doch nun schlägt diese Gewalt auf sie zurück und politisiert die Migrationsfrage erneut.

Ob stromaufwärts oder stromabwärts: Die Arbeitskräfte werden sortiert

Zu dieser in Ceuta vollzogenen Externalisierung und Entpolitisierung gesellt sich der umgekehrte Prozess: die Verlagerung der Grenze ins Innere. Hier machen sich die Auswirkungen der europäischen Grenze nicht mehr nur vorgelagert, sondern auch nachgelagert bemerkbar. Um das spanische Festland zu erreichen, reicht es nicht aus, Ceuta und Melilla zu durchqueren. Migrant:innen, die diese Enklaven erreicht haben, werden in vorübergehenden „Erstaufnahmezentren“ namens CETI (Centros de Estancia Temporal de Inmigrantes) inhaftiert. Dort werden sie festgehalten, während sie auf eine Genehmigung für die Überstellung auf spanisches Staatsgebiet warten. Je nach Profil, Herkunftsland, Alter usw. können Menschen dort Monate oder sogar Jahre inhaftiert sein. Geflüchtete müssen warten, bis ihre Asylanträge von den spanischen Behörden bearbeitet werden. Ebenso werden unbegleitete Minderjährige in diesen Enklaven bis zu ihrer Volljährigkeit festgehalten, bevor sie auf das spanische Festland gelangen können, sodass im Jahr 2019 die durchschnittliche Aufenthaltsdauer in Ceuta für Migrant:innen 129 Tage und für Asylwerber:innen 300 Tage betrug. Tatsächlich ist Ceuta kein (wenn auch verschlossener) Einreisepunkt, sondern dient der selektiven Blockade der Mobilität innerhalb des spanischen Staatsgebiets. Sie ermöglicht es Spanien, die Einwanderung genau zu steuern, wodurch sowohl die Migration als auch die Überlastung der Aufnahmezentren eingedämmt werden, während gleichzeitig die Möglichkeit besteht, die Ankommenden nach ihren Profilen zu sortieren. Auf diese Weise werden bestimmte Formen der Mobilität faktisch entmutigt, während andere zugelassen werden.

Die Grenze in Ceuta (oder Melilla) fungiert nicht als strenge geografische Linie, sondern vielmehr als Dispositiv, das Bewegungsmöglichkeiten verteilt. Die Migrant:innen werden dabei bestimmten Bereichen zugewiesen, in denen der Staat sie einteilt, verlegt, festhält oder innerhalb des Staatsgebiets oder über dessen Grenzen hinaus verteilt. Dieses Dispositiv hat sich seit den 1990er Jahren langsam herausgebildet, als die Grenzen noch nicht unter dem Joch einer systematischen Regulierung standen. Die ersten mit Marokko geschlossenen Rückübernahme- und Externalisierungsabkommen erlaubten zunächst keine systematische Abschiebung illegalisierter Migrant:innen. Dies wurde zunächst dem Ermessen der lokalen Regierungen von Ceuta und Melilla sowie des spanischen Staates überlassen, bevor die Abschiebung nach und nach institutionalisiert wurde, obwohl diese Abschiebeprogramme undurchsichtig und willkürlich blieben. Erst ab den 2000er Jahren wandelte sich dieses Verfahren zu einer regelrechten Sortierung: Die Abschiebungen wurden selektiver und die Menschen entsprechend ihrem Profil eingeteilt. Durch diese Sortierungs- und Abschiebepolitik soll nicht nur eine räumliche, sondern auch eine zeitliche Kontrolle der Einwanderung etabliert werden, indem festgelegt wird, wann und in welchem Rhythmus Menschen einreisen können.6

Die Grenze als Instrument der rassischen Segmentierung

Dieses Geflecht von Widersprüchen zwischen Repolitisierung und Depolitisierung, Externalisierung und Internalisierung wird für die EU umso mehr zu einem Problem, als es sich vor dem Hintergrund einer zunehmend restriktiven Gesetzgebung und einer verschärften Repression gegen irreguläre Migration entfaltet, während zugleich der Bedarf an ausländischen Arbeitskräften stetig wächst. Auf europäischer Ebene werden gesetzgeberische Maßnahmen ergriffen, um den Zugang zum Flüchtlingsstatus einzuschränken. Dabei handelt es sich um einen Trend, der durch die Verabschiedung des Europäischen Pakts zu Migration und Asyl (GEAS) im Jahr 2024 beschleunigt wurde7. Derselbe Pakt trägt zudem dazu bei, die Externalisierung der Migrationspolitik zu verstärken. Von nun an kann ein europäischer Staat auf der Grundlage bilateraler Abkommen Menschen in ein als „sicher“ bezeichnetes Drittland abschieben, und zwar, ohne dass diese dort jemals gelebt, sich dort aufgehalten oder es durchreist haben. Die Regierungen schränken die legale Einwanderung ein, indem sie die Zulassungskategorien verringern8, und verstärken gleichzeitig die Maßnahmen zur Inhaftierung und Abschiebung von Menschen ohne Aufenthaltsgenehmigung. Die Haftzeiten verlängern sich, und es kommen immer mehr Kriterien hinzu, die eine Abschiebung rechtfertigen. Das Darmanin-Gesetz in Frankreich reiht sich in diese Entwicklung ein, indem es die Mittel zur Bekämpfung der „illegalen“ Einwanderung verdoppelt und gleichzeitig Ausnahmeregelungen für die Erteilung von Aufenthaltsgenehmigungen in Berufsbranchen mit Arbeitskräftemangel, den sogenannten Mangelberufen, einführt. In Italien hat die Regierung unter Meloni Vereinbarungen mit in Nordafrika tätigen Zeitarbeitsfirmen geschlossen, um den Bedarf der Unternehmen im Norden des Stiefels zu decken. Selbst in Ungarn unter Orbán wurden unter dem Druck der ungarischen Arbeitgeberverbände Arbeitsgenehmigungen für ausländische Arbeitskräfte erteilt, und dies trotz des Widerstands der Industriegewerkschaften. Die offen zur Schau gestellte Feindseligkeit gegenüber der Einwanderung steht keineswegs im Widerspruch zur unverzichtbaren Ausbeutung ihrer Arbeitskraft.

Die Bevölkerungsbewegungen über das Mittelmeer stellen daher für die EU nicht nur Menschen dar, die unterdrückt werden müssen, sondern sind auch eine wesentliche Quelle von Arbeitskräften für die europäischen Volkswirtschaften. In diesem Sinne darf die Grenze nicht als bloße Abschottung, Barriere oder Mauer verstanden werden, sondern als Klasseninstitution. Die Grenze dehnt sich nach außen aus, über Drittstaaten, an die bestimmte Kontrollfunktionen delegiert werden, erstreckt sich aber auch innerhalb der Staaten selbst. Das Überschreiten einer nationalen Grenze bedeutet daher nicht einfach den Übergang von einem abgeschotteten Gebiet in einen Raum der Freizügigkeit. Die Grenze entfaltet ihre Wirkung weit über die geografische Linie hinaus, die sie verkörpert, indem sie die Bedingungen für die Freizügigkeit, die Arbeit, die Inhaftierung und die Abschiebung von Migrant:innen regelt.

Die Migrationspolitik im Mittelmeerraum, Ergebnis der Zusammenarbeit zahlreicher staatlicher und parastaatlicher Akteur:innen, zielt darauf ab, diese Bewegungen steuerbar zu machen. Nachdem die Ströme vor der Grenze kontrolliert und die Migrant:innen dahinter sortiert wurden, wirkt diese Politik dennoch auf dem Arbeitsmarkt weiter, und zwar durch die permanente Drohung mit Abschiebung sowie durch die zunehmende administrative und polizeiliche Schikane, die sich insbesondere in unterschiedlichen Arbeitsbedingungen und einem unterschiedlichen Maß an Prekarität zeigt und somit durch die gesamte Grenzinfrastruktur reproduziert wird.

Das Ziel der europäischen Grenzpolitik besteht nicht darin, die menschliche Mobilität vollständig zu unterbinden, sondern sie gerade so weit zu verlangsamen, dass sie im Mittelmeerraum kontrollierbar und nachverfolgbar wird. Es geht darum, die ständige Drohung der Abschiebung über den migrantischen Arbeiter:innen schweben zu lassen, um sie zu disziplinieren und sie in alle Formen prekärer Beschäftigungsverhältnisse oder irregulärer Lohnarbeit zu zwängen. Auf diese Weise nutzt das Kapital strukturell den Unterschied zwischen zwei sich ergänzenden Arbeitskräften aus, von denen eine je nach dem, was der Markt aufzunehmen vermag, leicht zu feuern und für besonders belastende Arbeiten einsetzbar ist. Im Idealfall ginge es für die kapitalistischen Staaten und ihre Partner darum, Migrationsrouten zu logistischen Lieferketten wie jede andere zu machen. In der Realität ist die Disziplinierung an der Grenze nie dauerhaft gesichert und muss ständig neu durchgesetzt werden.

Abschließend

Dieses Ideal scheitert stets an der Realität der Migrationsbewegungen, die diesem Regime zuwiderlaufen, sowie an der unliebsamen Tendenz der Proletarier:innen, die Festung des Kapitals ins Wanken zu bringen. Am 30. und 31. Juli in Ceuta waren es nicht nur die marokkanischen und subsaharischen Migrant:innen, die mit der Realität der Grenze konfrontiert wurden, sondern ebenso sehr die Grenze selbst, die mit der Realität der Migration konfrontiert wurde.

Der Status von Ceuta ist lediglich die konkrete Ausformung eines Spannungsverhältnisses, das den gesamten europäischen und mediterranen Raum prägt: Europa kann seine Grenzen in Wirklichkeit nur dadurch abschotten, dass es sie unablässig als offen voraussetzt. Es kann nicht auf die Bevölkerungsgruppen verzichten, die es angeblich auf Distanz hält, weil es sie als verfügbare, mobilisierbare und zugleich entbehrliche Arbeitskraft absolut benötigt. Dieser Widerspruch zwischen Feindseligkeit und Notwendigkeit, um den sich die Grenzregime drehen, ist letztlich der Widerspruch der Arbeitsmobilität in der kapitalistischen Produktionsweise. Die Mobilität des Proletariats ist darin zugleich notwendig und immer im Übermaß vorhanden. Ein immer größerer Teil der verfügbaren Arbeitskraft muss freigesetzt und in Bewegung gesetzt werden, während er zugleich festgesetzt und immobilisiert werden muss, um ihn für den Arbeitsmarkt verfügbar zu machen.9 Dieser Widerspruch ist in Ceuta zerbrochen und hat einen Spalt geöffnet, durch den 72.000 Menschen sich durchzupressen versuchten.

Ob Ceuta und Melilla zu Spanien oder zu Marokko gehören, dürfte für die beteiligten Akteur:innen kaum einen Unterschied machen, abgesehen vielleicht von einem zusätzlichen Schub an Nationalstolz auf marokkanischer Seite. Vor allem würde sich am Schicksal der Migrant:innen nichts ändern, die weiterhin gezwungen wären, denselben Weg zu nehmen, ganz gleich, welche Flagge dort weht. Das Einzige, was in Ceuta zählt, ist dieser kurze Moment, in dem die Migrationsbewegungen aus ihren vorgesehenen Bahnen geraten und in ihrer Wut alle polizeilichen oder humanitären Dämme überwinden, die sie in ihren Bahnen halten.

  • 1. Die CIGEM ist eine Struktur, die 2008 gemeinsam von der EU und Mali mit einer Anschubfinanzierung in Höhe von 10 Millionen Euro ins Leben gerufen wurde, um die europäischen Grenzen nach Zentralafrika auszulagern.
  • 2. Das MEDA-Programm war das Finanzinstrument der EU zur Gestaltung der Partnerschaften mit den Mittelmeerländern (Entwicklungshilfe, Freihandelsabkommen ). Seit seiner Gründung im Jahr 1995 wurde es durch das NDICI (Europäisches Instrument für Nachbarschaft, Entwicklung und internationale Zusammenarbeit) abgelöst, über das heute der Großteil der europäischen Finanzmittel fließt (darunter natürlich auch die Mittel für die Verlagerung der Grenzen).
  • 3. Humanitäre NGOs sind dabei ein wesentliches Bindeglied, da sie ihre „Erfahrung vor Ort“ in so sensiblen Bereichen wie der Gesundheitskontrolle von Migranten einbringen.
  • 4. 4. Der Begriff, wie wir ihn hier verwenden, bezieht sich auf die Arbeiten von Peter Burnham. Als Beispiel sei hier die Geldpolitik genannt, wenn sie einer unabhängigen Zentralbank anvertraut wird, die angeblich „über“ den Staaten steht. Siehe: „Mondialisation, dépolitisation et gestion économique moderne” von Peter Burnham (2000) in: Niemand Nirgendwo und Sébastien Santuccio (Hrg.), Politique monétaire et lutte des classes, 2026, S .317-347
  • 5. Was sehr praktisch ist, wenn Partner:innen und Mitarbeiter:innen dies ausnutzen, um Migrant:innen aus Subsahara-Afrika zu entführen und zur Zwangsarbeit zu zwingen, wie im Fall Libyens.
  • 6. Zur Frage der Internalisierung der Grenze in Ceuta und der Immobilisierung von Migranten siehe López-Sala, A., & Godenau, D. (2026). „Now they move you, now they don’t“: Transferability, Territory and (Im)mobilities at the Spanish Peripheries. Territory, Politics, Governance, 14 (1), 114–130. https://doi.org/10.1080/21622671.2024.2391890
  • 7. „Man könnte die rund 3.000 Seiten des Pakts übrigens in einem Satz zusammenfassen: Wie kann man es den Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) ermöglichen, ihre internationalen Verpflichtungen hinsichtlich der Aufnahme von Asylbewerbern zu umgehen? Die Antwort lässt sich in zwei Hauptpunkte unterteilen: Sie als ‚irreguläre Migranten‘ zu behandeln und sie fernzuhalten.“ https://www.alternatives-economiques.fr/les-pays-europeens-pactisent-co…
  • 8. Diese Maßnahmen spiegeln sich in der Eskalation von Einwanderungsgesetzen wider, beispielsweise in Griechenland: https://www.infomigrants.net/fr/post/71369/accelerer-les-expulsions-de-…–la-grece-annonce-un-nouveau-projet-de-loi-dans-le-cadre-du-pacte-migratoire-europeen
  • 9. Der Blog „Restructuration sans fin“ hatte dieses Paradoxon auf interessante und prägnante Weise auf den Punkt gebracht: https://restructuration-sans-fin.eklablog.com/a-ce-propos-lieux-communs…