Das „Dritte Lager“ neu betrachtet: Proletarischer Internationalismus in Krieg und nationaler „Befreiung“
In einer Zeit beschleunigender Kriege gerät der proletarische Internationalismus zunehmend in den Sog einer Logik, die zur Parteinahme für Nationalstaaten drängt. Die Athener Gruppe Antithesi blickt auf die Geschichte des sogenannten „Dritten Lagers“ und fragt, warum internationalistische Positionen in den großen Kriegen des 20. Jahrhunderts meist eine Minderheitenposition blieben.
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Die folgenden Überlegungen gehen auf eine Reihe von Begegnungen und Gesprächen im vergangenen Jahr zurück, in denen wir uns mit der Geschichte des proletarischen Internationalismus und seiner Bedeutung für die Gegenwart auseinandergesetzt haben. Besondere Dringlichkeit erhielten diese Debatten durch das besorgniserregende Wiedererstarken des Campismus (Lagerdenkens) in radikalen – und zunehmend auch in weniger radikalen – politischen Milieus. Erneut zeigt sich die Tendenz, die Kritik an Staaten, Krieg und kapitalistischer Herrschaft der Unterstützung des „kleineren Übels“, eines nationalen Lagers unter Berufung auf die reale Unterdrückung der Bevölkerung, die es zu vertreten vorgibt, oder von Kräften, die dem „Widerstand gegen den Imperialismus“ zugerechnet werden, unterzuordnen. Von der Ukraine über Westasien bis nach Südostasien ist der zunehmende Zwang zur Entscheidung zwischen konkurrierenden imperialistischen oder nationalen Lagern erneut zu einem zentralen politischen Problem geworden.
Einige Diskussionen, die im Frühjahr 2026 in Paris stattfanden, verliehen diesen Fragen eine konkretere Kontur. Im Zentrum einer dieser Debatten stand eine Übersetzung von Texten Marie-Louise Berneris aus War Commentary for Anarchism and Freedom, an der derzeit gearbeitet wird und die in Neither East Nor West zusammengestellt worden waren.1 Eine weitere Diskussion galt dem kurz zuvor verstorbenen Henri Simon – dem im Alter von 102 Jahren verstorbenen Rätekommunisten und ehemaligen Mitglied von Socialisme ou Barbarie – sowie seinem Verhältnis zu Henry Chazé. Dieser gehörte sowohl zu den prägenden Figuren der Union Communiste als auch der französischen Fraktion der Internationalen Kommunistischen Linken.
Diese Begegnungen wiesen über jede einzelne Organisation oder politische Tradition hinaus auf eine umfassendere Geschichte des proletarischen Internationalismus hin, der sich quer durch kommunistische und anarchistische Strömungen entwickelt hatte und zwar im Widerstand gegen den kapitalistischen Krieg und gegen die politischen Formen, durch die das Proletariat wiederholt diesem untergeordnet wurden. Diese reichen von antifaschistischer Klassenkollaboration über nationale „Befreiung“ und der Vorstellung von „gerechten nationalen Kriegen“ und schließlich der Parteinahme für ein imperialistisches Lager, das sich als „antiimperialistisch“ darstellt. Doch diese Geschichte wiederzuentdecken, wirft eine schwierigere Frage auf, als lediglich eine internationalistische oder „Drittes-Lager“-Position erneut zu formulieren: Warum blieb diese Position nach 1920 fast durchweg eine Minderheitenposition innerhalb der Klasse?
Das Problem bestand jedoch nicht allein in der zahlenmäßigen Schwäche dieser Strömungen. Die Gruppen, die an einer internationalistischen Position festhielten, fanden nur selten – und selbst dann meist nur für kurze Zeit und in begrenztem Umfang – Zugang zu den Massenbewegungen der Klasse, an die sie sich wandten. Sie waren klein, arbeiteten im Untergrund, wurden verfolgt, waren theoretisch scharfsinnig und organisatorisch fragil. Sie schrieben für eine Klasse, die sich in der überwältigenden Mehrheit in die entgegengesetzte Richtung bewegte, sei es unter nationalen Flaggen, in antifaschistischen Fronten oder in Befreiungsarmeen.
Die revolutionäre Welle von 1917 bis 1920 bildet die offensichtliche Ausnahme: Diese war ein Moment, in dem sich der Standpunkt der Massen tatsächlich in großem Maßstab umkehrte. Zwischen 1917 und 1920 – in Russland, Deutschland und Ungarn, in Teilen Italiens und durch die Meutereien, die gegen Ende des Krieges die Armeen der Entente erschütterten – wurde die internationalistische Verweigerung des Krieges für kurze Zeit zu einer materiellen Kraft. Soldaten verbrüderten sich über die Schützengräben hinweg und verweigerten den Kampf, Arbeiter:innen bestreikten die Produktion und bildeten Räte.
Lenins Formel, den „imperialistischen Krieg in einen Bürgerkrieg zu verwandeln“, war dabei nicht bloß ein Slogan. Sie beschrieb etwas, das tatsächlich geschah. Angetrieben wurde diese Bewegung nicht in erster Linie von der bolschewistischen Organisation, sondern von der Erschöpfung, der Wut und der politischen Radikalisierung von Millionen, die in den Tod geschickt wurden, um für Interessen zu sterben, die offensichtlich nicht ihre eigenen waren. Was diese Verbindung ermöglichte, war nicht in erster Linie die Richtigkeit der politischen Linie. Es war die materielle Erschöpfung durch Jahre in den Schützengräben, verbunden mit einer bereits bestehenden organisatorischen Dichte in der Arbeiter:innenklasse, die in eine andere Richtung reaktiviert werden konnte. Bis 1921 oder 1922 war die revolutionäre Welle fast überall niedergeschlagen. Als in den 1930er- und 1940er-Jahren der nächste große Zyklus von Kriegen einsetzte, war die internationalistische Position daher erneut weitgehend auf kleine Minderheiten beschränkt. Warum die Verbindung zwischen Kriegsmüdigkeit, Klassenorganisation und revolutionärem Internationalismus damals zustande kam und warum sie sich seitdem nicht mehr in derselben Weise wiederholt hat, ist die wichtigste Frage, die diese Erfahrung aufwirft. Es ist eine Frage, die wir im weiteren Verlauf der Diskussion bewusst offenhalten wollen.
Der Ausgangspunkt des proletarischen Internationalismus ist die Ablehnung des immer wieder auf die Proletarier ausgeübten Drucks, sich zwischen staatlichen Lagern entscheiden zu müssen. Diese Zurückweisung beruht auf der Einsicht, dass der Krieg keine Abweichung vom normalen Funktionieren des Kapitalismus darstellt, sondern vielmehr dessen Verdichtung. Er verschärft den zwischenstaatlichen Wettbewerb um Märkte, Territorien und Arbeitskräfte, ordnet die Produktion durch Zerstörung neu und setzt eine Disziplin durch, die sich in Friedenszeiten nicht in gleicher Weise erzwingen lässt. Dieser Druck tritt nicht nur in Gestalt von Patriotismus oder suprematistischem Nationalismus auf. Er kann ebenso als Antifaschismus, nationale Befreiung, Verteidigung der Demokratie, Antiimperialismus, Widerstand gegen Besatzung oder als Unterstützung des kleineren Übels auftreten. Unabhängig von seiner konkreten Ausprägung führt er dazu, dass die proletarische Autonomie zugunsten einer vermeintlich dringlicheren politischen Aufgabe aufgegeben wird.
Diese Tendenz, die häufig als proletarisches „drittes Lager“ oder als „dritte Wahl“ bezeichnet wird, verweigerte sich der Logik des „kleineren Übels“ zwischen den Staatsapparaten. Ein schwächerer Kapitalismus, der mit einem stärkeren in Konflikt steht, bleibt Kapitalismus. Ein Staat, der beherrscht oder angegriffen wird, hört deshalb nicht auf, Ausbeutung zu organisieren, die Arbeit zu disziplinieren, Bevölkerungen zu kontrollieren und die Klassen in der Form der Nation aneinanderzubinden. Die Nation ist eine der politischen Formen, in denen der Klassenantagonismus verschoben wird: Eine durch Ausbeutung gespaltene Gesellschaft erscheint als eine gemeinsame Gemeinschaft von Bürger:innen, die durch ein gemeinsames Interesse, ein gemeinsames Schicksal und im Krieg durch einen gemeinsamen Feind verbunden ist. Die Niederlage eines imperialistischen Blocks verändert lediglich das Kräfteverhältnis innerhalb der globalen Konkurrenz. Sie stellt weder einen Sieg der Arbeiter:innenklasse noch einen Schritt zu ihrer Selbstaufhebung dar. Nicht einmal den Imperialismus als solchen stellt sie infrage. Demokratische Kriegsmaschinen, nationale Befreiungsbewegungen und autoritäre oder theokratische Gegner des Westens verlangen in unterschiedlichen Sprachen letztlich dieselbe Verzichtserklärung. Der autonome Klassenkampf soll im Namen einer vermeintlich höheren politischen Notwendigkeit ausgesetzt werden.
Die politische Klarheit der internationalistischen Strömung entsprang weder dem Sektierertum noch der Isolation als solcher. Sie ergab sich aus der Tatsache, dass diese Militanten durch die reaktionäre Entwicklung der Arbeiter:innenbewegung selbst dazu gezwungen wurden, mit den Formen zu brechen, durch die diese Bewegung in den Staat, die Nation und die Kriegsanstrengungen eingegliedert wurde. Ihre politische Klarheit wurde daher in einer Reihe aufeinanderfolgender Brüche herausgebildet: 1914 mit dem Sozialpatriotismus, mit dem Stalinismus, mit der Verteidigung der UdSSR, mit der antifaschistischen Klassenkollaboration, mit der nationalen Befreiung als Form kapitalistischer Modernisierung und Staatsbildung und schließlich mit jeder Vorstellung, die proletarische Emanzipation könne über den Sieg eines Staates oder imperialistischen Lagers führen.
Die Minderheitsposition explizit internationalistischer Gruppen sollte nicht als Beleg für das Ausbleiben von Widerstand gegen den Krieg verstanden werden. Die Mobilisierung für den Krieg ist niemals rein ideologisch oder freiwillig. Sie setzt Disziplin, Zwang, Angst, Propaganda, gesetzlichen Zwang und die Kontrolle der Bevölkerung voraus. Wehrdienstverweigerung, Desertion, Ungehorsam innerhalb des Militärs, die Verweigerung der Kriegsproduktion, gesellschaftliche Erschöpfung, Streiks und Feindseligkeit gegenüber dem Staat können die Kriegsanstrengungen allesamt schwächen, ohne deshalb bewusst und ausdrücklich internationalistisch zu sein. Die politische Frage lautet, wie sich solche Verweigerungen in eine Klassennegation des kapitalistischen Krieges und sämtlicher Nationalstaaten umgewandelt werden können, anstatt vom Pazifismus, vom demokratischen Humanitarismus, vom Nationalismus oder vom rivalisierenden Lager absorbiert zu werden.
Die in unserer Publikation versammelten Texte sollten nicht als unveränderliche Doktrin gelesen werden, sondern als kontextbezogene Versuche, eine klassenbezogene Antwort auf Momente zu formulieren, in denen Proletarier in nationale, antifaschistische, demokratische oder antiimperialistische Mobilisierungen hineingezogen wurden. Jeder Fall kehrt aus einem anderen historischen Blickwinkel zu demselben Problem zurück.
Der erste Ansatz tritt besonders deutlich in der Reaktion japanischer Anarchist:innen auf den Einmarsch in die Mandschurei von 1931 hervor. Die Japanische Libertäre Föderation schrieb aus dem Inneren des angreifenden imperialistischen Landes. Ihr erstes Ziel war der japanische Staat selbst, seine Armee, seine Kapitalistenklasse und die patriotische Rhetorik, mit der die Invasion gerechtfertigt wurde. Das Vaterland erscheint in diesem Text nicht als Gemeinschaft der Ausgebeuteten und ihrer Ausbeuter. Es wird vielmehr als die politische Form verstanden, in der von den Armen verlangt wird, Hunger, Kälte und Tod zu ertragen, während die herrschende Klasse Profit und Macht erlangt.
Entscheidend ist hier, dass die Verurteilung des japanischen Imperialismus nicht in eine Unterstützung des gegnerischen nationalen Lagers umschlägt. Die Japanische Libertäre Föderation fragt, wer davon profitieren würde, wenn der japanische Einfluss durch einen Sieg der nationalen Befreiungsbewegung aus China verdrängt würde. Ihre Antwort fiel eindeutig aus. Profitieren würden davon nicht die chinesischen Arbeiter:innen und Bäuer:innen als autonome soziale Kraft, sondern die aufstrebende chinesische Bourgeoisie und die ausländischen Kapitale, die mit Japan um Einfluss und Märkte konkurrierten. Darin zeigt sich bereits eine frühe Form jener doppelten Verweigerung, die in den späteren Texten unserer Publikation noch schärfer ausgearbeitet wird.
Der Text bezieht sich ausdrücklich auf Kropotkins Haltung von 1914. Er unterstützte damals die Entente, weil er den deutschen Militarismus für die größere Gefahr hielt. Die japanischen Anarchist:innen betrachteten dies als fatalen Fehler. Sobald ein Imperialismus als schlimm genug gilt, um die Unterstützung eines anderen zu rechtfertigen, ist der Internationalismus bereits in der Logik des zwischenstaatlichen Krieges aufgegangen. Das Problem liegt in der Akzeptanz eines Rahmens, innerhalb dessen Proletarier:innen dazu aufgefordert werden, abzuwägen, welche herrschende Klasse über eine andere siegen soll.
Die Union Communiste entwickelte dieselbe Frage während des Chinesisch-Japanischen Krieges von 1937 in einer systematischeren kommunistischen Form weiter. Die Erfahrungen in Spanien hatten bereits den Rahmen dafür geschaffen: Die Volksfront hatte gezeigt, dass eine „kritische“ Unterstützung der demokratischen Bourgeoisie bedeutete, den Apparat zu stärken, der im Mai 1937 die Arbeiter:innen von Barcelona niederschlug und Kräfte – die POUM und die radikalsten anarchistischen Strömungen – eliminierte, die sich der nationaldemokratischen Linie nicht unterordnen wollten. Ihre Polemik gegen Trotzki ist von zentraler Bedeutung. Trotzki vertrat die Auffassung, dass China als von Japan angegriffenes semikoloniales Land einen fortschrittlichen nationalen Krieg führe. Revolutionär:innen sollten diesen Krieg unterstützen, dabei jedoch ihre politische Unabhängigkeit von Chiang Kai-shek bewahren.
Die Union Communiste lehnte diese Unterscheidung zwischen militärischer Unterstützung und politischer Unabhängigkeit ab. Es ging nicht darum, welche Seite angegriffen worden war. Die Landesverteidigung wird durch den bürgerlichen Staat, seine Armee und seine politische Führung organisiert. Sie zu unterstützen bedeutet daher, den Apparat zu stärken, durch den die Arbeiter:innenklasse unterworfen wird. In China bedeutete dies eine Stärkung der militärischen und bürokratischen Macht der Kuomintang und damit derjenigen bürgerlichen Kraft, die die Arbeiter:innenrevolution von 1926–27 niedergeschlagen hatte. Ein Staatsapparat, der im Namen des antiimperialistischen Krieges errichtet wird, wird dadurch nicht unschädlich, dass die ihm entgegengebrachte Unterstützung als „kritisch“ bezeichnet wird. Die Disziplin des nationalen Krieges verwandelt die „kritische Unterstützung“ in eine praktische Beteiligung an den nationalen Kriegsanstrengungen.
Während des Zweiten Weltkriegs tauchte dasselbe Problem in der Form des Antifaschismus und der Verteidigung der Sowjetunion wieder auf. Diese Massenmobilisierung war der Höhepunkt der politischen Entwaffnung des Proletariats in der Zwischenkriegszeit, in der die institutionelle Integration der Arbeiter:innenklasse in den demokratischen Staat durch die Sozialdemokratie und die stalinistische Politik der Volksfronten, die den Klassenkampf in eine antifaschistische Verteidigung der bürgerlichen Demokratie verwandelte, bereits jegliche Grundlage für Klassenautonomie untergraben hatte. Für den Großteil der Linken wurde der Krieg als Kampf zwischen Faschismus und Demokratie dargestellt oder als ein Krieg, in dem die UdSSR trotz des Stalinismus verteidigt werden musste. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die internationalistischen Gruppen nicht nur vom Stalinismus, sondern auch von der trotzkistischen Position losgesagt, dass Russland als entarteter Arbeiter:innenstaat gegen den Imperialismus verteidigt werden müsse. Dies ist eine Logik, die letztlich dazu beitrug, die proletarischen Massen weltweit dem imperialistischen Lager der Alliierten unterzuordnen. Die internationalistischen Minderheiten im besetzten Europa versuchten, eine andere Position zu vertreten. Die Revolutionären Kommunisten Deutschlands (RKD), die Groupe Révolutionnaire Prolétarien/Union des Communistes Internationalistes (GRP/UCI), linkskommunistische Fraktionen und das anarchistische Netzwerk um André Arru, das von Marseille und Toulouse aus operierte, lehnten den Nationalsozialismus und die deutsche Besatzung ab, aber auch den Imperialismus der Alliierten, den Stalinismus, nationale Widerstandsfronten, die auf Klassenkollaboration beruhten, sowie die Wiederherstellung der kapitalistischen Ordnung unter dem Deckmantel der „Befreiung“. Diese Gruppen produzierten illegale Flugblätter auf Deutsch und Französisch, sprachen deutsche Soldaten als Proletarier in Uniform an und nicht als bloße Werkzeuge des NS-Staates und riefen zur Verbrüderung, zur Desertion, zur Verweigerung der Disziplin und zum Kampf gegen alle Staaten auf. Sie versuchten, den aufgezwungenen nationalen Zusammenhalt des Krieges zu zerschlagen, indem sie politisch in die Reihen der Armee selbst eingriffen.
Und selbstverständlich bedeutete dies keine Leugnung der Realität der deutschen Besatzung oder des nationalsozialistischen Terrors. Es bedeutete vielmehr, sich zu weigern, diese Realität in eine Unterstützung des Lagers der Alliierten, des patriotischen Widerstands oder des sowjetischen Staates zu übersetzen. Einige Militante wurden verhaftet, deportiert oder getötet. Karl Fischer von der RKD überlebte die nationalsozialistische Repression, nur um nach dem Krieg vom sowjetischen Apparat entführt und in den Gulag verschleppt zu werden.
Auch im griechischen Kontext fehlte diese Tendenz nicht. Die Strömung um Aghis Stinas hielt während der Besatzung – in ihren aufeinanderfolgenden organisatorischen Formen – innerhalb des besetzten Griechenlands an einer internationalistischen Position fest. Sie wandte sich sowohl gegen die Achsenmächte als auch gegen das Lager der Alliierten und ebenso gegen den Kurs der EAM/ELAS auf nationale Einheit, den sie als Unterordnung der Arbeiter:innenklasse unter den alliierten Imperialismus verstand. Die internationalistische Position beschränkte sich somit nicht auf die Metropolen Westeuropas. Sie wurde auch in einem Land unter Bedingungen äußerster Repression aufrechterhalten, wo der Druck zur nationalen Einheit zu den stärksten überhaupt gehörte.2
Im italienischen Kontext zeigten die Streiks vom März 1943 in Turin, Mailand und den nördlichen Industriezentren, dass innerhalb des Aggressorstaates ein echter Bruch der Arbeiter:innenklasse entstehen konnte, angetrieben von Hunger, Erschöpfung und Hass auf die faschistische Disziplin. Doch dieser Bruch wurde später in den Rahmen der antifaschistischen nationalen Befreiung eingebunden, vor allem durch die PCI und das CLN, die klassenübergreifende Koalition der Nationalen Befreiung, die Kommunist:innen, Christdemokrat:innen und sogar Monarchist:innen vereinte. Die in unserer Sammlung enthaltenen Texte, die von Gruppen in Großbritannien und im besetzten Frankreich im Zusammenhang mit der italienischen Konstellation verfasst wurden, schildern diese Situation nahezu übereinstimmend, obwohl zwischen den Gruppen keinerlei Austausch bestand. Berneris Texte weigern sich, die Bombenangriffe der Alliierten mit Befreiung gleichzusetzen. Stattdessen stellt sie die Bombenangriffe den Streiks und Sabotageaktionen der Arbeiter:innen in Italien gegenüber und legt dadurch offen, dass sie ein Mittel zur Durchsetzung der kapitalistischen „Ordnung“ waren. Die Texte der kommunistischen Linken greifen denselben Prozess als präventive Konterrevolution an, die auf die Wiederherstellung der kapitalistischen Ordnung durch Antifaschismus und Nationalismus abzielt. Was der Rahmen der nationalen Befreiung unterdrückte, war die Möglichkeit, dass die Revolte der Arbeiter:innen gegen Faschismus und Krieg die Grenzen des antifaschistischen Staatsaufbaus überschritten und sich in einen Klassenkampf verwandelt hätte.
In Frankreich warf die „Befreiung“ von Paris im Jahr 1944 kurzzeitig die Frage auf, ob diese internationalistischen Minderheiten Anschluss an eine breitere Arbeiter:innenbewegung finden könnten. Militante der GRP/UCI und der RKD beteiligten sich am Streikkomitee bei Renault. Für einen kurzen Moment war die Erwartung einer neuen revolutionären Welle nicht abwegig. Doch diese Öffnung schloss sich schnell wieder. Der stalinistische Einfluss in den Arbeitsplätzen, die Wiederherstellung der staatlichen Ordnung und die von den alliierten Armeen herbeigeführte Stabilisierung schränkten die Möglichkeiten ein. Gruppen, die über Jahre der Unterdrückung hinweg eine internationalistische Position bewahrt hatten, fehlten die Verankerung oder die Größe, um die Situation zu gestalten, als sich kurzzeitig eine Öffnung bot. Theoretische Klarheit allein kann keine breitere Kraft hervorbringen; dies hängt vom Grad der Klassenorganisation, dem Zerfall der militärischen Disziplin, der Schwächung der staatlichen Legitimität und der Möglichkeit ab, vereinzelte Widerstände zu einer gemeinsamen Bewegung zu verbinden.
War Commentary in Großbritannien agierte nicht unter deutscher Besatzung, sondern innerhalb eines der siegreichen demokratischen imperialistischen Staaten. Internationalismus wird nicht nur unter Diktatur oder Besatzung auf die Probe gestellt. Er wird auch innerhalb der Demokratie auf die Probe gestellt, wenn der demokratische Staat im Namen des antifaschistischen Kriegseinsatzes Arbeitsdisziplin, Zensur, militärischen Gehorsam und Schweigen fordert. Die Anarchist:innen um War Commentary argumentierten, dass Großbritannien keinen Freiheitskampf gegen den Faschismus führte. Es handelte sich um einen imperialistischen Staat, der Kolonien, Märkte, Handelswege und seine globale Position verteidigte. Der antifaschistische Krieg war ein kapitalistischer Krieg. Die Forderung, dass die Arbeiter:innen die Kriegsanstrengungen unterstützen sollten, bedeutete ihre Einbindung in die Disziplin des Staates.
Gerade deshalb waren ihre Versuche, die Soldaten zu erreichen, so wichtig. War Commentary wandte sich an die Truppen nicht als Teil einer vermeintlich neutralen nationalen Institution, sondern als eine Masse von Arbeiter:innen in Uniform, die zwar der Disziplin unterworfen, aber dennoch zu Diskussion, Unzufriedenheit und Revolte fähig waren. Durch die Soldatenkorrespondenz, den Forces Newsletter und Verweise auf frühere Meutereien und Soldatenräte versuchte die Publikation, eine Kommunikation innerhalb der Streitkräfte selbst zu eröffnen. Ihre strafrechtliche Verfolgung im Jahr 1945 wegen Verschwörung zur Herbeiführung von Unzufriedenheit in den Streitkräften zeigte die Grenzen demokratischer Toleranz genau in dem Moment, als der Krieg zu Ende ging und die Demobilisierung drohte, die Soldaten wieder zu einer unberechenbaren sozialen Kraft zu machen. Die Gefahr bestand nicht in einer unmittelbar bevorstehenden militärischen Revolte, sondern darin, dass heimkehrende Soldaten – Arbeiter in Uniform, die bald wieder in Arbeitsstätten, Straßen und Wohnungsstreitigkeiten3 eintreten würden – Unzufriedenheit zurück ins zivile Leben tragen könnten. Der Versuch von War Commentary, sie als denkende Proletarier und nicht als gehorsame militärische Untertanen anzusprechen, berührte daher eine echte Bruchlinie im Übergang von der Kriegs- zur Nachkriegsordnung.
Die koloniale Frage offenbarte jedoch eine Grenze innerhalb dieses Milieus. Albert Meltzers Text von 1942 über die nationale Unabhängigkeit ließ weiterhin die Möglichkeit zu, dass Kämpfe um nationale Unabhängigkeit unter bestimmten Bedingungen einen fortschrittlichen Charakter annehmen könnten. Darin zeigt sich eine Schwierigkeit, die sich immer wieder stellt: Wie lässt sich der eigene imperialistische Staat bekämpfen und zugleich der Kampf der kolonisierten Menschen unterstützen, ohne damit politisch nationalistische Bewegungen zu unterstützen, die die Klassenherrschaft unter einer anderen Flagge lediglich reproduzieren?
Im kolonialen Kontext an sich ist Ngo Vans Darstellung Vietnams in der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg von großer Bedeutung, da sie diese Schwierigkeit auf brutale Weise konkret macht. Seine Perspektive beruhte auf der unmittelbaren Erfahrung des französischen Kolonialismus, der japanischen Besatzung, des Zusammenbruchs der japanischen Herrschaft, der britischen Intervention, der Rückkehr der Französ:innen und des Aufstiegs der Viet Minh. Im Jahr 1945 gab es einen kurzen Moment während des Machtvakuums, das nach dem Abzug der Japaner:innen entstanden war, in dem Arbeiter:innen und arme Bauern eigenständig handelten. In den Bergwerken von Hongay-Campha übernahmen die Arbeiter:innen die Kontrolle über die Produktion und bildeten Räte. In Saigon stellten unabhängige Komitees und internationalistische Militante der linken Opposition Forderungen nach Waffen, Arbeiter:innenkontrolle und Land für die Bauern und bildeten Volkskomitees. Diese Bewegungen wurden nicht nur von den Kolonialtruppen, sondern auch vom Viet Minh niedergeschlagen. Die Ermordung von Militanten der linken Opposition war dabei kein zufälliger Auswuchs. Sie entsprach vielmehr der Logik nationaler Befreiung als Prozess der Staatsbildung, in deren Rahmen jene Kräfte beseitigt werden mussten, die sich der neuen nationalen Autorität nicht unterordnen ließen.
Als Ngo Van später, im Jahr 1968 und während des Vietnamkriegs, schrieb, spielte er die Gewalt des US-Imperialismus keineswegs herunter. Er weigerte sich jedoch, diese Gewalt zum Grund dafür zu machen, den Staat Ho Chi Minhs zu unterstützen. Er vertrat die Position, dass vietnamesische Arbeiter:innen und Bäuer:innen weder vom amerikanischen Kapitalismus noch vom Staatskapitalismus Nordvietnams etwas zu gewinnen hätten. Nationale Befreiung wurde als Wechsel der Herrscher verstanden. Die Kolonialverwaltung mag zwar abziehen, doch die Ausbeutung wird von einer nationalen Bürokratie, dem Parteistaat und der aufstrebenden einheimischen herrschenden Klasse neu organisiert. Seine Einschätzung erwies sich als vollkommen richtig.
In Vietnam war die Gefahr, dass die Unterstützung eines nationalen Krieges zur Errichtung eines staatskapitalistischen Regimes führen würde, keine theoretische Vorhersage mehr. Sie war bereits zur historischen Erfahrung geworden. Die nationale Bewegung hatte gezeigt, dass sie, um die Staatsmacht zu monopolisieren, autonome Initiativen des Proletariats und der Bäuer:innen zerstören würde. Ngo Vans Kritik an der nationalen Befreiung entsprang daher nicht einer Gleichgültigkeit gegenüber der kolonialen Herrschaft, sondern der Erfahrung eines Kampfes, in dem der antikoloniale Krieg in die Bildung einer neuen Staatsmacht gegen eben jene sozialen Kräfte umgewandelt worden war, die er angeblich vertreten sollte.
Der Vietnamkrieg in den 1960er Jahren wirft ein anderes Licht auf die Analyse von Antikriegsmobilisierungen und der Insubordination von Soldaten. Das militärische Scheitern der USA war nicht einfach eine Niederlage auf dem Schlachtfeld, sondern das Ergebnis einer weit verbreiteten Klasseninsubordination. Der Widerstand innerhalb der Armee und der US-amerikanischen Gesellschaft schwächte die Fähigkeit des amerikanischen Staates, den Krieg fortzuführen, entscheidend. Soldaten desertierten, verbreiteten Untergrundzeitungen für GIs, verweigerten den Kampfeinsatz und griffen Offiziere an (Diese Praxis ging soweit, dass Offiziere mit Handgranaten angegriffen wurden. Sie wurde damals als Fragging bezeichnet). Zugleich zerfiel die militärische Disziplin, während die eingezogene Arbeiterklasse zunehmend erschöpft war. Dieser Widerstand kristallisierte sich nicht zu einer proletarischen internationalistischen Bewegung heraus; er blieb weitgehend pazifistisch, demokratisch und allgemein antiimperialistisch. Dennoch zeigt er, dass eine breitere Kriegsverweigerung auch dann materielle Bedeutung erlangen kann, wenn der explizite Internationalismus des „dritten Lagers“ eine Minderheit bleibt. Die entscheidende Frage ist, wie solche Verweigerungen politisch geklärt und miteinander verbunden werden können, ohne dass sie vom liberalen Pazifismus, von der Unterstützung des gegnerischen Lagers oder von einem Antiimperialismus vereinnahmt werden, der den Klassencharakter der gegnerischen Kräfte ungeprüft lässt.
In diesem Zusammenhang ist das Pariser Manifest arabischer und israelischer Kommunist:innen von 1976 von besonderer Bedeutung. Es steht den heute verbreiteten unkritischen Positionen zur nationalen Befreiung entgegen und entwickelt, veröffentlicht in der Zeitschrift Khamsin, eine gleichzeitige Kritik am Zionismus, am israelischen Staat, an den arabischen Regimen, an den palästinensischen nationalen Organisationen und an den in der Region aktiven imperialistischen Kräften. Der israelische Staat wird darin als zionistischer kapitalistischer Staat analysiert, der auf massenhafter Vertreibung, militärischer Herrschaft und brutaler Gewalt gegen die palästinensische Bevölkerung beruht. Zugleich wird untersucht, wie jüdische Arbeiter:innen in die nationale Verteidigung sowie in das nationalistische und expansionistische zionistische Projekt eingebunden werden. Heute ist der von ihnen kritisierte Kurs des Militarismus zu einem Völkermord eskaliert. Gleichzeitig werden israelisch-jüdische Arbeiter:innen nicht auf einen bloßen verlängerten Arm des Staates reduziert. Klassenkonflikte, wilde Streiks, interne Hierarchien und soziale Unzufriedenheit waren damals noch Realität innerhalb der israelischen Gesellschaft und blieben politisch relevant. Das Kräfteverhältnis der Klassen ist heute ein anderes, und reaktionäre nationalistische Ideologien haben ein viel größeres Gewicht gewonnen. Das gilt nicht nur für Israel, sondern für die gesamte Region und darüber hinaus auch international.
Die Kritik des Manifests am palästinensischen Nationalismus ist der Kritik am Zionismus nicht untergeordnet. Es lehnt sowohl die staatsorientierte Strategie der PLO als auch die ablehnende Alternative ab, die im Namen der totalen nationalen Befreiung und der Zerstörung des Staates Israel jeglichen Kompromiss ablehnte. Diese Positionen unterschieden sich in taktischer Hinsicht, gingen jedoch von derselben politischen Perspektive aus: der Organisierung der palästinensischen Proletarier als nationales Volk, vertreten durch politische und militärische Führungen. Emanzipation kann nicht mit der Errichtung eines Staates, dem Sieg einer nationalen Armee oder der diplomatischen Anerkennung einer nationalen Führung gleichgesetzt werden. Die Position der Genossen war eindeutig. Ein palästinensischer Staat könnte zwar dem arabischen Nationalismus einen seiner Vorwände nehmen und die palästinensischen Arbeiter ihrer eigenen herrschenden Klasse unmittelbar gegenüberstellen. Ihre Emanzipation würde er jedoch nicht darstellen.
Frieden zwischen Staaten oder zwischen einem Staat und quasi-staatlichen Akteur:innen ist nicht das Gegenteil des Krieges. Er ist vielmehr eine Neuorganisation derselben Realität. Grenzen, Sicherheitsvorkehrungen, polizeiliche Maßnahmen, diplomatische Anerkennung, die Verwaltung von Bevölkerungen, Wiederaufbau und neue Formen der Eingliederung in nationale Ökonomien bleiben bestehen. In diesem Sinne setzt der Frieden den Klasseninhalt des Krieges mit anderen Mitteln fort. Er beseitigt nicht die Kräfte, die den Konflikt hervorgebracht haben, sondern kann ihre Beziehungen stabilisieren und ihre jeweiligen Rollen neu verteilen.
Diese Dynamik lässt sich auch auf die Gegenwart übertragen, ohne dass dies anachronistisch wäre. Zeitweilige Vereinbarungen, Waffenstillstände, der Austausch von Gefangenen oder Geiseln, Wiederaufbaumechanismen und Sicherheitsgarantien können für Akteur:innen wie die Hamas, den Iran, Katar, Israel und die Vereinigten Staaten aus jeweils eigenen Gründen und im Rahmen ihrer jeweiligen Strategien akzeptabel sein. Solche Vereinbarungen lassen sich jedoch nicht mit den Interessen der palästinensischen Proletarier:innen gleichsetzen. Sie regeln die Bedingungen, unter denen Palästinenser:innen weiterhin regiert, polizeilich kontrolliert, vertrieben, eingeschlossen, beschäftigt oder arbeitslos gehalten, von Hilfsleistungen abhängig gemacht oder sogar massenhaft getötet werden.
Der letzte Beitrag unserer Sammlung, Arya Zahedis Text über den Iran, verortet die Kritik am antiimperialistischen Lagerdenken in der Gegenwart. Der Konflikt des iranischen Staates mit den Vereinigten Staaten, Israel oder dem Westen wird von solchen „Antiimperialist:innen“ erneut als ausreichender Grund herangezogen, um seinen Klassencharakter, seine brutale Unterdrückung von Klassen- und sozialen Kämpfen sowie seine Rolle bei der kapitalistischen Vorherrschaft in Westasien außer Acht zu lassen. Die Islamische Republik nutzt externe Konflikte, um interne Disziplin gewaltsam durchzusetzen: um Streiks zu unterdrücken, die Frauenbewegung zu zerschlagen, Sparmaßnahmen durchzusetzen, die Moral zu überwachen, Minderheiten zu unterdrücken und sozialen Kampf in einer Zeit nationaler Notlage als Verrat darzustellen. Dies ist kein Phänomen, das nur im Iran auftritt. Jeder Staat nutzt äußere Gefahren, um innere Einheit einzufordern. Das Besondere heute ist, dass Teile der internationalen Linken diese Logik akzeptieren, wenn der betreffende Staat den Vereinigten Staaten, Israel oder dem Westen gegenübersteht – wobei die Kriegsanstrengungen des Staates als „Widerstand“ umgedeutet werden –, ohne das Feigenblatt des sozialistischen Charakters des Staates oder einen „dritten Weg“ zum Sozialismus, wie es in der Vergangenheit der Fall war.
Das Ergebnis ist vorhersehbar: Arbeiter:innen, Frauen, Migrant:innen, Minderheiten und Gefangene, die gegen das Regime kämpfen, verschwinden aus dem Blickfeld, wenn Bomben fallen. Die Kriegsanstrengungen des Staates werden als „Widerstand“ umgedeutet und diejenigen, die er ausbeutet und unterdrückt, rücken in den Hintergrund. Der Konflikt mit einem stärkeren Imperialismus verwandelt einen Staat nicht in einen Akteur der Emanzipation. Er macht den Staat lediglich intern effektiver, da abweichende Meinungen als Verrat kriminalisiert werden können.
Dieses Problem beschränkt sich nicht auf die alte Linke mit ihren Formen des Stalinismus, der Sozialdemokratie, des patriotischen Antifaschismus oder des klassischen antiimperialistischen Campismus. Es findet sich auch in Strömungen, die sich als radikale Kritik am traditionellen Marxismus verstehen.
Diese Strömungen dürfen nicht miteinander gleichgesetzt werden. Die Theorie der Kommunisierung, die Wertkritik, der von Postone beeinflusste Marxismus, das Erbe der Frankfurter Schule und die antideutsche Politik haben unterschiedliche Entstehungsgeschichten und führen nicht selten zu entgegengesetzten politischen Schlussfolgerungen. Dennoch teilen bestimmte Varianten dieser Strömungen eine gemeinsame Tendenz. Das Proletariat erscheint darin als derart vollständig in das Kapital integriert, dass es nicht länger als widersprüchliches Subjekt einer kommunistischen Transformation gedacht werden kann.
Der Ansatz von Théorie Communiste (TC) ist subtiler. TC reproduziert nicht einfach eine Theorie der vollständigen Subsumtion des Proletariats unter das Kapital. Ebenso wenig verortet TC jedoch die kommunistische Aufhebung in einer möglichen Konstituierung der Arbeiter:innenklasse als Klasse für sich. Jede positive Autonomie oder Selbstbehauptung des Proletariats gilt innerhalb von TC weiterhin als Bekräftigung eines Pols des Kapitalverhältnisses und damit als eine Grenze, die überwunden werden muss. Das Problem besteht darin, dass, sobald autonome Klassenaktivität auf eine solche Grenze reduziert ist, der Übergang jenseits der Kapitalbeziehung nicht mehr durch die Entwicklung und Verallgemeinerung dieser Aktivität selbst entstehen kann. Sie wird vielmehr strukturell in der Transformation des Klassenverhältnisses verortet. Entscheidend sind dabei die zunehmende Überflüssigkeit der Arbeit für die Verwertung und die wachsende Trennung zwischen der Reproduktion der Proletarier:innen und der Verwertung ihrer Arbeitskraft. Die Aufhebung des Proletariats erscheint damit weniger als ein mögliches Ergebnis seiner widersprüchlichen Selbsttätigkeit. Sie erscheint vielmehr als Resultat eines vom Kapital selbst hervorgebrachten Widerspruchs. Dieser macht die Klassenzugehörigkeit schließlich zu einem äußeren Zwang, der durch die kommunisierenden Maßnahmen einer Bevölkerung aufgehoben wird, deren Konstituierung als Klasse unmöglich geworden ist.
Unsere Kritik an diesen Positionen bedeutet nicht, sich auf einen nostalgischen, arbeitertümelnden Kult der Arbeit und der Fabrik zurückzuziehen. Der kommunistische Horizont besteht nicht in der Selbstbehauptung des Proletariats als Klasse innerhalb des Kapitalismus, sondern in der Aufhebung des Kapitals als gesellschaftlichem Verhältnis und damit in der Aufhebung des Proletariats als solchem. Das Problem beginnt dort, wo die notwendige Kritik an der Selbstbehauptung des Proletariats in einen theoretischen Ausschluss der Möglichkeit umschlägt, dass die Klasse sich durch ihre eigenen Kämpfe selbst verändern kann. Wird das Proletariat ausschließlich als vollständig unter das Kapital subsumiert verstanden, als in eine „total verwaltete Gesellschaft“ integriert oder gar nur noch als ein Pol des Kapitalverhältnisses begriffen, dann wird die Möglichkeit des Bruchs tendenziell an einen anderen Ort verschoben.
Bisweilen wird sie auf überschüssige Bevölkerungen, Migrant:innen, rassifizierte Subjekte, die absolut Ausgeschlossenen oder auf eine unbestimmte Figur des Widerstands wie die „Barbaren“ übertragen. Manchmal wird sie auf nationale Befreiungsbewegungen übertragen, deren Klasseninhalt dabei ungeprüft bleibt. In anderen Fällen, insbesondere in bestimmten antideutschen Milieus, vollzieht sich diese Verschiebung in die entgegengesetzte Richtung. Sie führt zur Verteidigung eines bestehenden Staates, nämlich Israels, als vermeintlicher Barriere gegen antisemitische Barbarei.
Die Entwicklung der antideutschen Strömung ist ein Fall, in dem die ursprüngliche Einsicht bereits die Keime ihrer späteren Entwicklung in sich trug. Tatsächlich hatte es in Teilen der deutschen Linken eine Tendenz gegeben, Antisemitismus und Holocaust so zu behandeln, als reiche es bereits aus, allgemein von Faschismus, Kapitalismus oder Imperialismus zu sprechen, um ihre konkrete historische Form zu erfassen.
Die Antideutschen reagierten darauf, indem sie diese historische Form von den Klassenverhältnissen, dem kapitalistischen Staat und der materiellen Geschichte imperialistischer Gewalt ablösten. Das Ergebnis war keine dialektische Bestimmung des Antisemitismus als eines spezifischen Moments innerhalb der kapitalistischen Totalität. Stattdessen wurde diese Besonderheit zu einer politischen Ausnahme erhoben. Antisemitismus ist weder einfach ein Rassismus unter anderen, noch ist der Holocaust lediglich ein staatliches Massaker unter anderen. Ebenso wenig lässt sich beides als eine nicht weiter herleitbare Singularität begreifen, die von jener kapitalistischen gesellschaftlichen Totalität losgelöst wäre, aus der der moderne Staat, die Rassifizierung, die imperialistische Konkurrenz und der Vernichtungsnationalismus hervorgegangen sind. Der antideutsche Fehler bestand daher nicht erst in der späteren Unterstützung Israels, der Vereinigten Staaten oder der NATO. Er lag bereits in der Form der ursprünglichen Korrektur selbst. Anstatt die Besonderheit aus der Totalität heraus zu bestimmen, wurde die Besonderheit zunehmend der Totalität entgegengesetzt.
Von diesem Punkt aus wurde Israel seiner konkreten gesellschaftlichen Realität als kapitalistischer Staat mit eigenen Klassenverhältnissen, nationalistischer Gewalt und geopolitischer Funktion entkleidet und stattdessen zum privilegierten Träger historischer Erinnerung und antifaschistischer Vernunft erhoben. Die Verteidigung Israels ging dabei nahtlos in eine Apologie der Macht der USA und der NATO über, die nun als Verteidigung der Zivilisation gegen antisemitische Barbarei codiert wurde.
Dies ist keine geringfügige Abweichung von der ursprünglichen Kritik. Es ist ihre reductio ad absurdum: Die kritische Theorie der totalen Integration, bis zu ihrem äußersten Konsequenzpunkt geführt, bringt eine unkritische Unterstützung der bestehenden Machtverhältnisse hervor. Diese Entwicklung muss präzise benannt und beschrieben werden, gerade weil sie zeigt, wie vollständig die Verlagerung der Emanzipation aus dem Klassenverhältnis heraus die ursprüngliche politische Intention ins Gegenteil verkehren kann.
Die politischen Konsequenzen der Konzeption von TC werden in ihrem Austausch mit Minassian über den Gazastreifen deutlicher.4 In seiner Analyse der Situation in Gaza erkennt TC zutreffend die Fragmentierung des palästinensischen Proletariats und seine Hervorbringung als „überschüssige Bevölkerung“. Das Problem liegt vielmehr darin, was TC unter autonomer Klassenaktivität versteht. Für TC bleibt die proletarische Selbstorganisation eine Selbstbehauptung der Klasse innerhalb des Kapitalverhältnisses und damit eine Grenze, die überwunden werden muss. Da Selbstorganisation bedeutet, dass die Klasse strikt als solche handelt, kann sie selbst nationale oder andere Formen ihrer Eingliederung annehmen. Dadurch verwischt die Unterscheidung zwischen Selbstorganisation und Klassenautonomie. Autonomie bezeichnet dann nicht mehr eine Tendenz innerhalb des Kampfes, durch die Proletarier:innen mit den Formen in Konflikt geraten, die sie als Klasse des Kapitals organisieren. Stattdessen wird sie als die Suche nach einer vermeintlich reinen Klassenaktivität behandelt, die von diesen Bestimmungen losgelöst ist. Daher auch der Vorwurf der „begrifflichen Reinheit“ gegenüber Versuchen, autonome Tendenzen innerhalb der Kämpfe der palästinensischen Bevölkerung auszumachen. Das Ergebnis ist paradox. Wenn nationalistische Selbstorganisation als die tatsächliche Form des proletarischen Kampfes akzeptiert wird, während der Versuch, die durch diesen Kampf hindurchgehenden antagonistischen Widersprüche zu bestimmen, als Ausdruck einer abstrakten Reinheit verdächtigt wird, dann drohen die „verfügbaren Banner“ nationaler oder religiöser Protostaaten zu den praktisch unausweichlichen Formen des Kampfes zu werden. Gerade dadurch verlieren die realen Kämpfe und materiellen Reibungen gegen die Hamas als herrschende Bürokratie ihre eigenständige politische Bedeutung.
Die Folgen dieser Position reichen über die eigene Analyse von TC hinaus. Politisch trifft sie auf eine breitere „antiimperialistische“ Linke, die diese nationale Grenze mit großer Härte verteidigt und bereits den Gedanken einer Solidarität über nationale Grenzen hinweg – oder jeden Versuch, den Konflikt in Klassen- statt in nationalen Begriffen zu fassen – vorab als Ausdruck einer „kolonialistischen Denkweise“ oder eines „liberalen Zionismus“ diffamiert.
Letztlich behandelt dieser Ansatz den kapitalistischen Apparat der nationalen Befreiung als eine unüberwindbare Grenze des Kampfes und gibt damit die internationalistische Position der Logik des kleineren Übels preis.
Die Unterstützung des palästinensischen nationalen Widerstands und die Unterstützung des israelischen Staates führen offensichtlich zu unterschiedlichen politischen Ergebnissen. Unterhalb dieser offenkundig unterschiedlichen politischen Konsequenzen liegt jedoch eine verwandte theoretische Verschiebung. Die Emanzipation wird nicht länger in den widersprüchlichen Kämpfen des Proletariats gegen seine eigene kapitalistische Konstitution verortet. Stattdessen wird die transformative Tätigkeit tendenziell entweder in den Bestimmungen gesucht, unter denen die Klasse gegenwärtig organisiert ist, in anderen privilegierten Figuren der Negativität oder überhaupt außerhalb der proletarischen Selbsttätigkeit. An ihre Stelle treten dann die unterdrückte Nation, das ausgeschlossene Subjekt, die zur Opferidentität gewordene Identität, die abstrakte Negativität oder ein Staat, der für sich beansprucht, die Zivilisation gegen die Barbarei zu verteidigen.
Unser Ausgangspunkt ist ein anderer. Er setzt keinen naiven Glauben an ein fertiges revolutionäres Subjekt voraus. Das Proletariat ist nicht deshalb revolutionär, weil es rein, außerhalb des Kapitals oder sich seiner Aufgabe bereits bewusst wäre. Es ist deshalb von Bedeutung, weil es vom Kapital hervorgebracht und durch das Kapital diszipliniert wird und dennoch im Kampf fähig ist, die Reproduktion des Verhältnisses zu unterbrechen, das es selbst konstituiert. Das Problem lässt sich nicht lösen, indem man zulässt, dass die Integration des Proletariats in das Kapital die politische Bedeutung seiner Kämpfe erschöpft. Es geht nicht darum, das alte affirmative Arbeiter-Subjekt durch eine andere, gereinigte Figur der Negativität zu ersetzen. Gemeint sind damit etwa das sogenannte „Abjekte“, überschüssige Bevölkerungen oder ein struktureller Mechanismus, von dem angenommen wird, dass er den Bruch aus sich selbst heraus hervorbringt. Es geht vielmehr darum, die widersprüchlichen Verweigerungen, die innerhalb der kapitalistischen gesellschaftlichen Verhältnisse selbst entstehen, praktisch und theoretisch durchzuarbeiten.
Das bringt uns zurück zu Vietnam. Die Geschichte des Vietnamkriegs ist nicht deshalb von Bedeutung, weil sie ein wiederholbares Modell liefern würde. Sie ist deshalb wichtig, weil sie das Terrain sichtbar macht, auf dem internationalistische Intervention ansetzen muss. Die Verweigerung des Krieges beginnt fast immer in verworrenen, partiellen und nicht-programmatischen Formen. Doch gerade dieser Raum spontaner Widerständigkeit bildet die materielle Grundlage für einen proletarisch-internationalistischen Bruch mit der nationalen Kriegsmaschine.
Damit kehren wir auch zu der Frage zurück, mit der wir begonnen haben: Warum hat sich eine solche spontane Widerständigkeit nur selten zu einem Massenausbruch verdichtet, der mit der Entwicklung zwischen 1917 und 1920 vergleichbar wäre? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir über die ideologische Niederlage hinausblicken. Das Ausbleiben einer vergleichbaren internationalistischen Welle in den folgenden Jahrzehnten war das Ergebnis einer tiefgreifenden strukturellen Verschiebung. Die materielle „organisatorische Dichte“, die Meutereien, Verbrüderungen und die Herausbildung der Räteform ermöglicht hatte, wurde systematisch beseitigt. Zum einen wurden autonome Formen der Klassenorganisation physisch zerschlagen oder durch ihre institutionelle Eingliederung in den Staatsapparat unschädlich gemacht. Dies geschah durch die Bürokratisierung der Gewerkschaften, die Sozialdemokratie und den Stalinismus. Zum anderen hat sich die Zusammensetzung der Klasse selbst grundlegend verändert. Aufeinanderfolgende Wellen kapitalistischer Restrukturierung, Deindustrialisierung und die Auflösung geschlossener Arbeiter:innenmilieus und -gemeinschaften haben die alte materielle Grundlage kollektiven Handelns zersetzt. Das Problem besteht heute daher nicht darin, die Organisationsmodelle von 1917 einfach wiederzubeleben. Es geht vielmehr darum, wie die heutige Verweigerung des Krieges einen Klasseninhalt gewinnen und innerhalb der strukturell fragmentierten Realität des gegenwärtigen Proletariats zu einer materiellen Kraft werden kann.
Die europäische Wiederaufrüstung macht dieses Problem heute besonders dringlich. Die Regierungen sprechen von Verteidigungsbereitschaft und Landesverteidigung. Doch die Bereitschaft, zu kämpfen, steht dem Staat nicht einfach zur Verfügung. Sie muss durch Angst, Disziplin, Propaganda, Grenzregime, Wehrpflichtgesetze und Strafen erst hervorgebracht werden. Der politische Wille zum Krieg, verstanden als massenhafte freiwillige Identifikation mit nationalen militärischen Projekten, ist heute in Europa bemerkenswert schwach. Die Ukraine ist dafür der deutlichste Anhaltspunkt. Zwangsrekrutierung, weit verbreitete Umgehung der Einberufung und die sozialen Spannungen, die durch die Kosten des Krieges entstehen, stehen dem Mythos einer Bevölkerung, die geschlossen hinter der Flagge steht, diametral entgegen. Das bedeutet nicht, dass die ukrainischen Arbeiter:innen und Soldat:innen eine internationalistische proletarische Position eingenommen hätten, zumindest nicht in organisierter Form. Die Kluft zwischen dem, was der Staat benötigt, und dem, was die Bevölkerung bereit ist zu ertragen, stellt jedoch einen realen Bruch dar. Mit genau solchen Brüchen müssen wir arbeiten.
Letztlich führt die Geschichte, die wir hier behandelt haben, zu einem praktischen Problem und nicht zu einer abgeschlossenen Schlussfolgerung. Unter welchen Bedingungen kann die internationalistische Position in die realen Bruchlinien der Kriegsmobilisierung eingreifen und dazu beitragen, sie in einen Klassenbruch mit dem Staat, der Nation und der kapitalistischen Organisation des Lebens zu verwandeln? Diese Brüche sind nicht unmittelbar revolutionär. Sie können vom Pazifismus oder vom Campismus vereinnahmt werden. Das zeigt sich beispielsweise an der umkämpften politischen Bedeutung der Mobilisierungen von Hafenarbeiter:innen gegen Waffenlieferungen. Ohne solche Brüche bleibt der „dritte Standpunkt“ jedoch eine abstrakte Formel.
Antithesi, (21. Juni – 11. August 2026)
Texte aus dem veröffentlichten Sammelband
Japanese Libertarian Federation, „What To Do About War?", Jiyu Rengo Shinbun, Nr. 64, November 1931; ursprünglich auf Esperanto veröffentlicht; englische Übersetzung von John Crump, nachgedruckt in Anarchist Opposition to War, Seattle: Charlatan Stew, 1995. (https://theanarchistlibrary.org/library/japanese-libertarian-federation…)
Union Communiste, „En face le conflit sino-japonais", L'Internationale, Nr. 31, 3. Oktober 1937. (https://archivesautonomies.org/spip.php?article5995)
Redaktionsgruppe von „War Commentary", „War and Resistance", War Commentary, Bd. 1, Nr. 1, November 1939. (https://archivesautonomies.org/spip.php?article6258)
Redaktionsgruppe von „War Commentary", „The Third Choice", War Commentary, Bd. 1, Nr. 10, August 1940. (https://archivesautonomies.org/spip.php?article6289)
Les Communistes Révolutionnaires / Die Revolutionären Kommunisten, „Ouvriers! Soldats! / Arbeiter! Soldaten!", zweisprachiges Flugblatt auf Französisch und Deutsch, Juli 1942. (https://archivesautonomies.org/spip.php?article5300)
Die Revolutionären Kommunisten, „Deutsche Soldaten! Kameraden!", Flugblatt auf Deutsch, besetztes Frankreich, September 1942; das deutsche Original ist abgedruckt in: Philippe Bourrinet, The ‚Bordigist' Current (1912–1952), Editoriale Fondazione Amadeo Bordiga, 2013.
Groupe Révolutionnaire Prolétarien, „Quelques Thèses", Mitteilungsblatt der Groupe Révolutionnaire Prolétarien, März 1943. (https://www.archivesautonomies.org/IMG/pdf/gauchecommuniste/internationaliste3ecamp/grp-uci/mars1943)
Groupe Révolutionnaire Prolétarien, „La situation politique en France", Bulletin der Groupe Révolutionnaire Prolétarien, März 1943. (https://www.archivesautonomies.org/IMG/pdf/gauchecommuniste/internationaliste3ecamp/grp-uci/mars1943)
Groupe Révolutionnaire Prolétarien, „Position du prolétariat révolutionnaire à l'égard de l'Allemagne", Bulletin der Groupe Révolutionnaire Prolétarien, März 1943. (https://www.archivesautonomies.org/IMG/pdf/gauchecommuniste/internationaliste3ecamp/grp-uci/mars1943)
Groupe Révolutionnaire Prolétarien, „Position du prolétariat révolutionnaire à l'égard de la Russie", Bulletin der Groupe Révolutionnaire Prolétarien, März 1943. (https://www.archivesautonomies.org/IMG/pdf/gauchecommuniste/internationaliste3ecamp/grp-uci/mars1943)
Communistes Révolutionnaires, „Appel aux ouvriers juifs", Fraternisation Prolétarienne, Nr. 3, April 1943. (http://archivesautonomies.org/spip.php?article1545)
Fédération Internationale Syndicaliste Révolutionnaire, „À tous les travailleurs intellectuels et manuels", Flugblatt gedruckt in Toulouse, 1943; verfasst in Marseille von Jean Solier, alias André Arru, Voline und Gefährten. (https://archivesautonomies.org/IMG/pdf/anarchismes/2eguerre/anarchistes-resistance-tome1.pdf)
Marie-Louise Berneri, „The 'Liberation' of Italy: Bombs will do the Job", War Commentary, Bd. 4, Nr. 16, Mitte Juni 1943. (https://archivesautonomies.org/IMG/pdf/nonfrenchpublications/english/warcommentary/war-commentary-volume4-cira-n16.pdf)
Albert Meltzer, „Patriotism", War Commentary, Bd. 4, Nr. 15, Juni 1943. (https://archivesautonomies.org/IMG/pdf/nonfrenchpublications/english/warcommentary/war-commentary-volume4-cira-n15.pdf)
Fédération Internationale Syndicaliste Révolutionnaire, „Mort Aux Vaches", Plakat, Toulouse, August 1943. (https://placard.ficedl.info/article9268.html?lang=fr)
Marie-Louise Berneri, „British Bombing" (Britische Bombenangriffe), War Commentary, Band 4, Nr. 21, September 1943. (https://archivesautonomies.org/spip.php?article5557)
Union des Communistes Internationalistes, „Contre la guerre impérialiste, révolution socialiste!", Le Réveil Prolétarien, Nr. 1, Oktober 1943. (https://archivesautonomies.org/spip.php?article1488)
Marie-Louise Berneri, „War and Fascism", War Commentary, Bd. 5, Nr. 4, Mitte Dezember 1943. (https://archivesautonomies.org/spip.php?article6416)
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GRP-UCI / Union des Communistes Internationalistes, „Pourquoi des Conseils d'usine?", Le Réveil Prolétarien, Nr. 6, März 1944. (https://archivesautonomies.org/spip.php?article1497)
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Antithesi, „Ngo Van: The Imperialist Slaughterhouse and Class Autonomy in Vietnam in 1945", in 100 Years Against Every Camp: Proletarian Internationalism, War and Revolution, Antithesi, Juni 2026. (Basiert hauptsächlich auf https://theanarchistlibrary.org/library/ngo-van-in-the-crossfire)
Solidarity, „News from Zengakuren", Solidarity. For Workers' Power, Bd. 2, Nr. 5, Juli 1962; enthält einen Auszug aus dem Zengakuren-Newsletter, Nr. 3. (https://libcom.org/article/solidarity-workers-power-205)
Ngo Van, „Sur la réforme agraire", Cahiers de discussion pour le socialisme de conseils, Nr. 8, April 1968. (https://archivesautonomies.org/spip.php?article4728)
Ngo Van, „Réflexions préliminaires sur la guerre du Vietnam", Cahiers de discussion pour le socialisme de conseils, Nr. 8, April 1968. (https://archivesautonomies.org/spip.php?article4613)
Mustapha Khayati, Lafif Lakhdar u. a., „Adresse aux prolétaires et aux jeunes révolutionnaires arabes et israéliens contre la guerre et pour la révolution prolétarienne", Mai 1976; Beilage in Khamsin, Nr. 3; teilweise nachgedruckt in Jeune Taupe, Nr. 10, Juin 1976. Zu den Unterzeichner:innen gehören Hakima Berada, Mustapha Khayati, Maroine Dib, Kamal Lahbadi, Dany Diner, Lafif Lakhdar, Avishai Ehrlich, Eli Lobel, Abdul-Kader El-Janaby, Moshé Machover, Mikhal Marouane, Emir Harbi, Moshe Speier, Lea Horowitz, Khalil Toama und Abdallah Zannan; spätere Unterzeichner: Ayed Nagib, Mohamed Cheret und Khaldoun Abou El-Wafa. (https://situationnisteblog.com/2020/05/25/5368/)
Arya Zahedi, „The Anti-Imperialist Imperialism Club: On Left Internationalism and Iran.", Heatwave, Nr. 2, Herbst 2025, PM Press. (https://libcom.org/article/anti-imperialist-imperialism-club-left-internationalism-and-iran-arya-zahedi-2025), auch auf Deutsch: https://panopticon.noblogs.org/post/2026/01/16/der-antiimperialistische-imperialismus-club-ueber-linken-internationalismus-und-den-iran-arya-zahedi-2025/
- 1. Marie Louise Berneri, Neither East Nor West: Selected Writings, Freedom Press, London, 1952. Wir danken besonders unseren Genoss:innen in Paris für die Gespräche, die dieses Projekt mit angestoßen haben: dafür, dass sie Berneris Schriften in unsere Diskussionen eingebracht und uns auf die Beziehung zwischen Henry Chazé und Henri Simon aufmerksam gemacht haben. Wir sind besonders dankbar für die Arbeit, die derzeit an ihrer Korrespondenz geleistet wird, die unsere Neugier geweckt und uns ermutigt hat, diesen Verbindungen weiter nachzugehen.
- 2. Diese politische Strömung sollte jedoch nicht isoliert vom breiteren sozialen Terrain des besetzten Griechenlands betrachtet werden. Die ersten Wellen von Streiks, Demonstrationen und kollektiven Aktionen in Athen entstanden nicht aus einem bereits konsolidierten EAM-Apparat. Zu Beginn der Besatzung war der Organisationsapparat der Kommunistischen Partei durch Diktatur, Inhaftierung, Exil und polizeiliche Unterwanderung schwer zerschlagen. Viele frühe Kämpfe entstanden stattdessen aus dem unmittelbaren materiellen Druck von Hunger, einbrechenden Löhnen, Suppenküchen, Zwangsarbeit, den Zuständen in den Krankenhäusern und der Frage des physischen Überlebens. In einer Reihe von Fällen handelten Arbeiter:innen, Angestellte, Invaliden der albanischen Front, Tuberkulosekranke und lokale Komitees, bevor die EAM/EEAM-Führung überhaupt zögerte, oder sogar gegen deren anfängliches Zögern, das sie diese Initiativen jedoch letztlich unterstützte, koordinierte und politisch absorbierte. Es geht also nicht darum, eine reine Spontaneität der Organisation entgegenzusetzen. Der griechische Fall zeigt vielmehr, wie sich die EAM-Hegemonie durch einen Prozess der Intervention in Kämpfe herausbildete, die ihr ursprünglich vorausgingen. Was später als geeinte nationale Befreiungsbewegung erschien, enthielt in sich eine ungleichmäßigere Geschichte sozialer Selbsttätigkeit: betriebliche Initiativen, Krankenhauskomitees, Hungerproteste und Streiks, die von der konkreten Reproduktion des Arbeiter:innenlebens unter der Besatzung ausgingen. Die internationalistische Kritik der Strömung um Stinas gewinnt vor diesem Hintergrund einen Teil ihrer Bedeutung. Sie bestand darauf, dass diese sozialen Brüche nicht dem Wiederaufbau einer nationalen Front untergeordnet werden sollten, sei es unter alliierter Schirmherrschaft oder unter der politischen Führung der EAM.
- 3. Im Sommer und Herbst 1946 besetzten angesichts akuter Wohnungsnot, der Demobilisierung und der Nachkriegsentbehrungen Zehntausende Menschen – viele von ihnen ehemalige Soldaten und ihre Familien – leerstehende Militärlager und später auch Hotels und Wohnungen in ganz Großbritannien. Die Bewegung stellte zwar keine revolutionäre Herausforderung für den Staat dar, sie zeigt jedoch, wie die Rückkehr der Soldaten ins zivile Leben im Übergang von der Kriegs- zur Nachkriegsordnung zu einer Quelle sozialer Reibung und direkter Aktion werden konnte.
- 4. Gaza 2024, Theorie Communiste 28, p. 101-138