Von „Frau, Leben, Freiheit“ zum Krieg
„Alle Augen sind auf das geopolitische Duell zwischen Donald Trump und dem iranischen Regime gerichtet. Über die Iraner:innen selbst dagegen erfährt man nur wenig. Somayeh Rostampour schlägt vor, die drei verschiedenen Fronten der Konterrevolution zusammenzudenken: die blutige Unterdrückung der Aufstände durch die Revolutionsgarden, die kläglichen Restaurationsversuche der hinter Pahlavis Sohn versammelten Monarchist:innen und die US-israelische Militäroffensive.“ So leitet Lundi matin den Text ein, den wir im Folgenden übersetzt haben. Es handelt sich um eine diskussionswürdige Analyse, in der die Komplexität der Situation in Iran deutlich wird, verbunden mit der Kritik an einem stupiden Antiimperialismus, der sich auf die Seite der „Achse des Widerstands“ schlägt. Und man erhält einen Einblick in die Differenzen innerhalb der iranischen Diaspora, die in den letzten Monaten auch in Deutschland immer wieder zu verschiedenen Kundgebungen und Demonstrationen mobilisierte. Die Diskussion der Asymmetrie zwischen Israel und Iran fällt zwar unseres Erachtens hinter das differenzierte analytische Niveau zurück, das in Bezug auf die Situation in Iran erreicht wird, dennoch ist an der grundsätzlichen Perspektive unbedingt festzuhalten und weiter zu diskutieren: was all die verwickelten Geschehnisse für die Idee einer Emanzipation von unten bedeuten.
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Genealogie der Konterrevolution im Iran
„Im Jahr 2024 nimmt Donald Trump an Kundgebungen teil, bei denen Slogans wie ‚Seid unregierbar!‘ und ‚Massenabschiebung jetzt!‘ skandiert werden. Wenn Faschist:innen unsere Erzfeinde sind, dann nicht nur, weil ihr Projekt das genaue Gegenteil von unserem ist, sondern auch, weil sie sich dabei einen revolutionären Anstrich geben, um die Impulse und Hoffnungen der Revolte von unten anzuzapfen, während sie in Wirklichkeit die letzte Bastion der Zentren sind. Putin, Meloni, Le Pen und so viele andere machen sich die Frustrationen und Demütigungen der Arbeiter:innenklasse, der die jüngsten kapitalistischen Umwälzungen den Boden unter den Füßen wegziehen, zunutze, um sich besser als Anti-Establishment darstellen und so das System verteidigen zu können. Sie behaupten, alles ändern zu wollen – damit sich nichts ändert. Heute werden die Reaktionäre radikaler, während Linke sich in Mäßigung ergehen.“
Aus dem internationalistischen Manifest „Revolutions of Our Times: An Internationalist Manifesto“, The Peoples Want
Seit mehreren Jahren steht der Iran im Zentrum des regionalen und internationalen Geschehens, am Schnittpunkt dreier eng verflochtener Dynamiken: der wiederholten Aufstände gegen die Islamische Republik, der imperialistischen Neugestaltung Westasiens im Zusammenhang mit dem relativen Niedergang der US-Hegemonie und zuletzt der zwei Kriege, die im Juni 2025 und im Februar 2026 über die iranische Bevölkerung gebracht wurden. In Fortsetzung des Völkermords in Palästina und der massiven Zerstörungen im Libanon beteiligen sich die USA und Israel auch im Iran an der Verwüstung von Leben, Körpern, Landschaften und lebenswichtiger Infrastruktur, indem sie insbesondere Raffinerien, Strom-, Wasser- und Ölinfrastruktur sowie zivile Einrichtungen ins Visier nehmen. Der Wechsel innerhalb eines Monats vom Trump’schen Slogan „Make Iran Great Again“ zur Drohung, die ganze Zivilisation „in die Steinzeit zurückzubomben“, hat im Übrigen jegliche Unklarheit über die imperiale Logik dieses Krieges beseitigt.
Neu ist der Gedanke allerdings nicht. Im Bericht der UN-Mission vom 20. März 1991 wurden die Zerstörungen im Irak infolge des Golfkriegs als „fast apokalyptische“ Auswirkungen auf die Infrastruktur beschrieben, die das Land vorübergehend in ein „vorindustrielles Zeitalter“ zurückversetzt hätten. Noch vor dem Konflikt selbst wurde dem damaligen US-Außenminister James Baker in einem Gespräch vom 9. Januar 1991 mit Tarek Aziz eine ähnliche Drohung zugeschrieben. Später ist dies in der gängigen Medien- und Politsprache in den brutaleren Ausdruck „in die Steinzeit“ umformuliert worden. Die heute gegen den Iran gerichtete Drohung reiht sich somit in eine etablierte imperiale Tradition ein: die eines Krieges, der über die bloße militärische Niederlage des Gegners hinaus auf dessen historischen Rückschritt abzielt.
Doch diese Gewalt von außen interveniert in eine deutlich andere Situation: Seit 2017 befindet sich der Iran in einer Phase anhaltender politischer Radikalisierung, geprägt von wiederholten Aufständen von unten, die die politische, wirtschaftliche, soziale und ökologische Krise unter grundlegend andere Bedingungen stellen: mindestens fünf landesweite Revolten, Tausende kollektiver Aktionen jedes Jahr – und ein politischer Horizont, der weit über jede reformistische Perspektive hinausgeht. Arbeitslosigkeit, Inflation, Armut, Ungleichheit, extreme Prekarität, Freiheitseinschränkungen und das Schwinden von Zukunftsperspektiven haben das Land in einen Nährboden für Streiks, Aufstände und Massenproteste verwandelt. Die unteren Schichten, Studierende, Rentner:innen und arbeitslose Jugendliche sind wiederholt auf die Straße gegangen. Vor allem die Jugend erstickt unter einer Ordnung, die keine Zukunft bietet. Wenn die Arbeitslosigkeit bei fast 50 Prozent liegt, 97 Prozent der Beschäftigten nur auf weniger als sechs Monate befristete Verträge haben und Rentner:innen sowie Angestellte im öffentlichen Dienst manchmal mit umgerechnet 100 Dollar im Monat auskommen müssen, während die Mieten in Teheran mit denen einiger europäischer Städte konkurrieren, ist es nicht verwunderlich, dass der Iran zu einem der explosivsten Brennpunkte Westasiens geworden ist.
Dabei wäre es falsch, diese Aufstände auf rein wirtschaftliche Revolten zu reduzieren. Doch genau das versuchen bestimmte antiimperialistische Strömungen, die damit de facto zur Aufrechterhaltung der Islamischen Republik beitragen. Denn in Wirklichkeit sind diese Mobilisierungen zutiefst politisch – in ihrem Gehalt, in ihren Formen und in ihren Parolen. Sie stellen immer ausdrücklicher die radikale Forderung nach einem Sturz des Regimes, zumal die Repression mit jedem Zyklus die soziale Wut in einen frontalen Protest gegen die theokratische Ordnung verwandelt.
Die Revolte vom Januar 2026, die noch umfassender war als die vorangegangenen, breitete sich vom Basar in Teheran rasch auf Studierende, städtische Arbeiter:innen, Kleinhändler:innen und die Marginalisierten der Vororte aus. Innerhalb weniger Tage waren mehr als 210 Städte in 31 Provinzen beteiligt. Das Regime reagierte mit einer Gewalt, die in der modernen Geschichte des Iran beispiellos ist: Es schaltete das Internet und die Telefonnetze ab und bekräftigte seine Macht mittels eines Repressionsapparats, der durch autoritäre Überwachungs- und Kontrolltechnologien insbesondere aus China und Russland gestützt wird. Sechs Wochen später, am 28. Februar 2026, eröffnet die amerikanisch-israelische Koalition mit einem Luftangriff eine zweite Kriegsfront gegen den Iran. Ali Chamenei, der selbst direkt für die Verbrechen im Iran und in Syrien verantwortlich zeichnete, stirbt bei der Bombardierung seines Komplexes durch Akteure, die selbst in imperiale und genozidale Gewalt verstrickt sind. Doch weder vor noch nach Bekanntgabe seines Todes scheint die Befehlskette unterbrochen zu sein: Teheran feuert weiterhin Raketen auf Israel ab und weitet seine Angriffe auf mehrere Golfstaaten aus, in denen sich US-Stützpunkte befinden.
Von da an drängt sich die Frage auf: Wie konnte es von einem revolutionären, feministischen und dekolonialen Moment, der 2022 unter dem Slogan „Frau, Leben, Freiheit“ begann und einen Wandel von innen und von unten, sprich einen „dritten Weg“ gegenüber der Tyrannei ebenso wie gegenüber der Einmischung von außen versprach, zu einer autoritären Restauration im Jahr 2025 und anschließend zu einem imperialistischen Krieg im Jahr 2026 kommen? Mehr noch: Wie konnte diese Restauration gleichzeitig die Form staatlicher Repression, imperialistischer Intervention und der Vereinnahmung der Sprache der „Befreiung“ annehmen, die nun von außen, durch Bomben, beschworen wird?
Das zentrale Argument dieses Artikels ist einfach, wird aber selten so formuliert: Die Niederschlagung des Aufstands vom Januar 2026 durch die Islamische Republik, die innerhalb weniger Nächte Tausende Leben forderte, und der amerikanisch-israelische Militärangriff vom 28. Februar 2026 stellen weder zwei getrennte Ereignisse noch zwei gegensätzliche Formen der Gewalt dar, von denen die eine „böse“ und die andere emanzipatorisch wäre. Sie bilden vielmehr aufeinanderfolgende Momente desselben konterrevolutionären Prozesses. Und dieser Prozess hatte bereits vor seiner militärischen Vollendung begonnen. Schon im Vorfeld hatte sich eine politische, mediale und symbolische Konterrevolution entfaltet, die insbesondere von der nationalistischen und monarchistischen iranischen Rechten vorangetrieben wurde, vor allem innerhalb der Diaspora, die sich bemühte, „Frau, Leben, Freiheit“ in eine chauvinistische, autoritäre, linksfeindliche und letztlich militaristische und kriegsbefürwortende Agenda einzubinden.
1. Entwicklung: Von der fortschreitenden Revolution „Frau, Leben, Freiheit“ zur Konterrevolution des Krieges
Um den Verlauf von 2022 bis 2026 zu verstehen, muss man von einem entscheidenden Punkt ausgehen: Die Konterrevolution begann weder mit dem Massaker im Januar 2026 noch mit dem darauffolgenden Krieg. Zunächst etablierte sie sich im politischen, medialen und symbolischen Bereich. Der Aufstand „Frau, Leben, Freiheit“ stellte nicht nur die Kopftuchpflicht infrage und prangerte einen staatlichen Mord an. Er eröffnete auch einen revolutionären, feministischen, popularen und dekolonialen Horizont. Dadurch wurde eine Transformation von unten denkbar, getragen von Frauen, Minderheiten (insbesondere Kurd:innen und Belutsch:innen), Jugendlichen, Arbeiter:innen und marginalisierten Regionen. Zugleich erschütterte der Aufstand monarchistische und reformistische Narrative, indem er die Verflechtungen zwischen Patriarchat, Klassenverhältnissen und dem „internen Kolonialismus“ des iranischen Staates sichtbar machte.
Genau dieser Horizont wurde zum Ziel einer ersten konterrevolutionären Offensive, die insbesondere von nationalistischen und monarchistischen Kreisen der Diaspora vorangetrieben wurde. Ihre Strategie bestand darin, den Spruch „Jin, Jiyan, Azadî“ seiner subversiven Kraft zu berauben, um ihn innerhalb einer männlich dominierten, zentralistischen, linksfeindlichen und kriegsbefürwortenden Logik umzudefinieren. Bereits 2022 wurden dem Slogan Formulierungen wie „Mann, Vaterland, Wohlstand“ entgegengesetzt. Der feministische, pluralistische und antiautoritäre Inhalt wurde neutralisiert. Mehr noch: Er wurde bisweilen mit kolonialer Gewalt selbst in Einklang gebracht, etwa wenn er neben israelischen Flaggen erschien oder als symbolische Bestätigung eines Völkermordprojekts auf die Trümmer von Gaza geschrieben stand.
Die 2023 an der Georgetown University organisierte Kundgebung, ein Vereinigungsversuch der exiliranischen Rechten unter dem Banner einer Nach-Amini-Epoche, setzte diese Dynamik fort. Zwar scheiterte das Bündnis, hatte aber Auswirkungen: eine Verschärfung der Spaltungen, den Rückzug bestimmter progressiver Kräfte und die Schwächung der 2022 aufgebauten Solidaritäten. Parallel dazu trug die Propaganda rechter oder rechtsextremer Medien wie Manoto oder Iran International (die über starke Finanzmittel in Höhe von etwa 250 Millionen Dollar pro Jahr verfügen) dazu bei, die radikalste Ausprägung von „Jin, Jiyan, Azadî“ zu entschärfen. Die Kritik an ethnischen Hierarchien, die Neudefinition von Souveränität als Gemeingut und die Forderung nach echter Gleichberechtigung wurden zugunsten einer rassistischen, zentralistischen und militaristischen Vorstellungswelt verdrängt. Diese medialen Strategien verbinden monarchistische Nostalgie mit der Diskreditierung der Gegner:innen („Komplizen der Mullahs“, „Unpatrioten“, „Feinde des Fortschritts“). Gleichzeitig bezeichnen sie die Islamische Republik aufgrund ihrer Verbindungen zu China, Russland oder Venezuela mitunter als „kommunistisch“, obwohl gerade die Linken zu den ersten Opfern der Repression gehörten. Zudem neigen sie zu Kriegstreiberei, indem sie ausdrücklich den israelischen Staat unterstützen und mögliche westliche Angriffe gegen den Iran befürworten – was sich ja auch konkretisiert hat.
Gleichzeitig wurden die Vorreiter:innen des Aufstands systematisch ins Visier genommen. Kritische Feministinnen wurden beleidigt, Studierende (in Anspielung auf die Partei der Volksmudschahedin) als „Mudschahedin“ diskreditiert und Kurd:innen wie Belutsch:innen des „Separatismus“ bezichtigt. Jede Forderung nach Autonomie, Pluralismus oder Selbstbestimmung wurde auf eine Bedrohung der „territorialen Integrität“ reduziert. Der Umgang mit dem kurdischen Neujahrsfest Newroz verdeutlichte diese Logik. Was eigentlich ein großes Volksfest sein sollte, wurde von einem Teil der Eliten des „Zentrums“ ebenso wie von Rechtsnationalist:innen durch ein sicherheitspolitisches und koloniales Prisma betrachtet. Exemplarisch drückte sich dies in dem offenen Brief aus, den 2025 achthundert Intellektuelle des „Zentrums“ an den Staat richteten. In diesem Brief, der mit „Warnung der Intellektuellen“ überschrieben ist, wird die traditionelle Feier des kurdischen Newroz in abwertender Sprache und in offen feindseligem Ton angegriffen; die Unterzeichnenden fordern die Islamische Republik auf, die Begehung des Fests zu verhindern. In dieser Weise wurde der interne Kolonialismus reaktiviert. Dies hatte dreierlei Auswirkungen: eine massivere Ausgrenzung der nationalen und ethnischen Minderheiten, ein wachsendes Misstrauen gegenüber dem „Zentrum“ (persisch und schiitisch), einschließlich dessen patriotischer Linker, sowie eine geringere Beteiligung dieser Gruppen am Aufstand von 2026. Gleichzeitig zersplitterte die ohnehin schon geschwächte Linke noch weiter.
Der „Zwölf-Tage-Krieg“, also die imperialistische Invasion Israels und der USA gegen den Iran im Juni 2025, beschleunigte diese Tendenz. Er verstärkte den Nationalismus und die rassifizierende Wucht der Herrschaft, indem er es erleichterte, die kurdischen und belutschischen Avantgarden unter dem Etikett der „separatistischen Bedrohung“ anzuklagen. Bezüglich der Handlungsfähigkeit der unterdrückten Bevölkerungsgruppen, insbesondere der Kurd:innen und Belutsch:innen, wurde dabei oft Schuldumkehr betrieben. Ähnlich einer frauenfeindlichen Logik, die Überlebende für die erlittene Gewalt verantwortlich macht, stellten bestimmte Analysen die Mobilisierung dieser Gruppen so dar, als hätte sie die staatliche Repression oder ausländische Intervention „provoziert“. Diese Argumentation ist politisch gefährlich und theoretisch unhaltbar, da sie die Verantwortung von den Herrschaftsstrukturen auf diejenigen verlagert, die sich ihnen widersetzen. Sie schließt sich letztlich – ohne es zu wollen – der Perspektive jener Kräfte an, die sie angeblich bekämpft. In diesem Klima wurde sogar die Erinnerung an „Jin, Jiyan, Azadî“ zum Kampffeld. Ihr radikales Versprechen ist nach und nach einer militarisierten Normalität gewichen.
Ein Teil der alten „Patriot:innen“ trug daraufhin seinen Teil dazu bei, das Regime als Bollwerk gegen den äußeren Feind zu legitimieren. Der Nationalismus verschärfte sich, so wie er es auch heute nach der Invasion vom 28. Februar 2026 weiterhin tut. Ethnische und geschlechtsspezifische Hierarchien traten deutlicher hervor, die politischen Hürden für einen persischzentrierten, rassistischen und fremdenfeindlichen Diskurs wurden geringer.
Das zeigt sich an der Kampagne gegen afghanische Migrant:innen, bei der selbst eine Zwangsausweisung von mehr als zwei Millionen Menschen Rückhalt beim Regime sowie bei Nationalist:innen und Monarchist:innen fand. In diesem Klima stießen die außergerichtlichen Hinrichtungen von Kurd:innen und Afghan:innen, denen Spionage für Israel vorgeworfen wurde, mehr auf Schweigen als auf Widerstand. Besonders deutlich ablesen lässt sich diese Entwicklung an der Ankündigung eines Bündnisses fünf kurdischer Parteien am 21. Februar 2026, das den Sturz des Regimes und das Recht Kurdistans auf Selbstbestimmung in einem demokratischen Iran zum Ziel hat. Dieses Bündnis betont Demokratie, Frauenrechte, Umweltschutz und Gleichberechtigung. Dennoch wurde es sowohl von Reza Pahlavi als auch von den regimetreuen Medien sofort als „separatistisch“ abgestempelt. Ein Teil der liberalen Republikaner:innen und Reformist:innen schloss sich dieser Sichtweise an. Damit verbindet ein gemeinsamer Punkt eigentlich gegensätzliche Lager: die Ablehnung der Autonomie unterdrückter Bevölkerungsgruppen und Nationen.
In dieser Polarisierung organisierte sich die Opposition nach und nach in zwei Blöcken. Auf der einen Seite steht der revolutionäre Horizont von 2022, der sich um „Frau, Leben, Freiheit“, die Transformation der Machtverhältnisse und der Geschlechterrollen von unten sowie heute gegen den Krieg formiert hat. Auf der anderen Seite steht ein konterrevolutionärer Block der Rechten, einschließlich der extremen Rechten, der vom Pahlavismus dominiert ist, aber den darüber hinaus zentralistische Staatsorientierung, Militarismus, Kriegsbefürwortung und die Wiederherstellung der alten Ordnung vor 1979 vereint. Reza Pahlavi wusste, diese Konstellation zu nutzen. Nachdem er zunächst nur über eine begrenzte Basis verfügte, griff er mit Unterstützung des Westens 2022 die Forderung nach einem raschen Sturz des Regimes auf, entwickelte eine nationalistische, linksfeindliche Perspektive und positionierte sich gegen die treibende Rolle der Akteur:innen des Aufstands „Frau, Leben, Freiheit“.
Die 2026 aufgetauchten nationalistischen, sexistischen, homophoben, rassistischen und linksfeindlichen Parolen sind somit Ausdruck einer konterrevolutionären Reaktion.1 Sie spiegeln die Angst wider, die die politische Macht der marginalisierten Gruppen 2022 ausgelöst hatte, aber auch die Erschöpfung, die Ohnmacht und das Gefühl der Ausweglosigkeit angesichts der Widerstandsfähigkeit des Regimes. Mit der Zeit setzte sich die Vorstellung durch, dass die Initiative den reaktionären Kräften überlassen werden müsse – notfalls auch mit Krieg. Doch diese Kräfte, seien sie staatlich oder aus der Opposition stammend, sind nicht nur reaktionär, sondern auch parasitär. Sie kapern die kreative Energie der Aufstände, um sie für nationalistische, imperiale oder restaurative Zwecke zu vereinnahmen. Der Krieg hat diesen bereits eingeleiteten Prozess lediglich mit Waffengewalt vollendet – nicht um den Iran zu befreien, sondern um die letzten Überreste des Aufschwungs von 2022 zu vernichten und von außen einen Machtwechsel durchzusetzen, der die Möglichkeiten einer autonomen Transformation durch die Menschen selbst auf lange Zeit zunichte macht.
2. Entwicklung: Die Dämonisierung der Linken
Die Entwicklung im Iran erschöpfte sich nicht in der ersten konterrevolutionären Phase, sprich der Repression des Regimes. Man muss einen weiteren entscheidenden Aspekt verstehen: wie „die Linke“ schrittweise zum allumfassenden Feindbild aufgebaut wurde. In dieser Konstellation wird alles, was für Gleichheit, Autonomie, sprachliche und politische Pluralität, Frauenrechte, Selbstbestimmung, die Emanzipation unterdrückter Bevölkerungsgruppen oder soziale Gerechtigkeit steht, auf dieselbe bedrohliche Kategorie reduziert: die Linke. Das gilt für die Islamische Republik, das gilt für die Monarchist:innen und das gilt – in abgeschwächter Form – auch für einen Teil der Reformist:innen.
Diese Dämonisierung ist nicht neu. Schon unter der Tyrannei der Pahlavis (1919–1979) wurden linke Kräfte mit Chaos, Subversion, Abhängigkeit vom Ausland oder Fortschrittsfeindlichkeit in Verbindung gebracht.2 Nach 1979 setzte die Islamische Republik diese Logik fort und radikalisierte sie. Es kam zur Beseitigung der unabhängigen Linken (davon zeugen die Massengräber von Khavaran), zu Massenhinrichtungen, Säuberungsaktionen, zur Unterdrückung in Kurdistan im Namen des „Dschihad“ sowie zur Kriminalisierung von Aktivist:innen unter Etiketten wie „Kommunist:in“, „Atheist:in“, „verwestlicht“ oder „konterrevolutionär“. Da die Kurd:innen einen wichtigen Teil der linken Kräfte im Iran bildeten und Frauen eine aktive Rolle in linken Organisationen spielten, ging der für die Islamische Republik typische Kampf gegen die Linke stets mit einer Dämonisierung der Kurd:innen und Antifeminismus einher. Dabei wurden beide Gruppen gemeinsam ins Visier genommen.
Gleichzeitig hat sich das Regime bestimmte Diskurse der sozialen Gerechtigkeit, der palästinensischen Sache und des Antiimperialismus zu eigen gemacht, um sie gegen die Opposition zu wenden. Der Antiimperialismus der islamischen Republik knüpft jedoch in keiner Weise an eine Tradition der Emanzipation an. Er dient vielmehr dazu, innerstaatliche Gewalt zu rechtfertigen, die autoritäre Ordnung in eine Haltung des Widerstands umzudeuten und die geschlechtsspezifische Apartheid im Namen kultureller Authentizität zu legitimieren. Mit anderen Worten: Eine Sprache der Befreiung hat sich in eine Technologie der Herrschaft verwandelt.
So erscheint die offizielle Unterstützung für Palästina und die Hisbollah in den Augen eines wachsenden Teils der Gesellschaft nicht länger als antikoloniale Solidarität, sondern wird als Instrument der ideologischen Legitimation und der regionalen Machtausübung des Regimes wahrgenommen. In dem Maße, wie sich die Lebensbedingungen verschlechtern, wird diese Politik zunehmend als Umleitung nationaler Ressourcen zugunsten externer militaristischer Interessen interpretiert. Diese Interpretation wird zusätzlich durch nationalistische und antiarabische Diskurse verstärkt, die das Regime bereits während des Iran-Irak-Kriegs (1980–1988) mobilisiert hatte. „Palästina“ und „Antiimperialismus“ werden so zur moralischen Rechtfertigung für Zwang, für Unterdrückung im Inland und die Beteiligung an Massakern an der Zivilbevölkerung außerhalb der Landesgrenzen, unter anderem in Syrien und im Irak.
Die iranische Form dieser Aneignung weist eine Besonderheit auf. Die Begriffe von Gerechtigkeit, Widerstand oder Antiimperialismus wurden in eine religiöse und mystische Sprache übersetzt und anschließend in den Mythos eines zivilisatorischen Kampfes gegen den Westen eingebettet. Die Linke wird dadurch zu einer doppelten Feindin: wegen ihres Säkularismus und weil sie dem Regime die Deutungshoheit über soziale Gerechtigkeit, Antiimperialismus und Palästina streitig macht. Auf internationaler Ebene hat sich der iranische Staat das Vokabular der „Achse des Widerstands“ angeeignet, während er im Inneren eine tyrannische Ordnung aufrechterhält. Was angesichts des „großen Kampfes“ gegen den Imperialismus als nebensächlich dargestellt wird, ebnet in Wirklichkeit den Weg für die Festigung einer islamistischen, patriarchalen und autoritären Macht, die als authentisch, antikolonial und national unabhängig präsentiert wird.
Auch die Reformist:innen spielten eine zentrale Rolle bei dieser Dämonisierung. Als einzige Strömung aus den zugelassenen Parteien, die dauerhaft die Macht mit den Islamisten teilte, verbreiteten sie jahrelang eine diffusere, aber politisch entscheidende Kritik an der Linken. In ihren Zeitschriften, Leitartikeln und in ihrem Kulturschaffen wird die Linke auf Irrationalität, Dogmatismus, Gewalt oder Abhängigkeit vom Ausland reduziert. Der von den Vereinigten Staaten unterstützte Staatsstreich von 1953 wird dabei ebenso heruntergespielt wie die Unterdrückung progressiver Kräfte nach 1979. Im Namen der Stabilität, Mäßigung und Entwicklung wird jeder emanzipatorische Bruch als Katastrophe dargestellt.
Zudem hat der reformistische Diskurs oft dazu beigetragen, die populären Klassen selbst zu delegitimieren. Diese erscheinen darin häufig als soziales Fundament des religiösen Konservatismus oder als unwissende Masse, die für Autoritarismus empfänglich ist.3
Sozioökonomische Revolten werden nicht als Momente der Politisierung gelesen, sondern als Ausdruck einer angeblichen Irrationalität des Volkes. In Krisenzeiten griffen einige Reformist:innen sogar die Sicherheitsrhetorik der Machthaber auf, bezeichneten Demonstrant:innen als „Terroristen“ und stellten ihren Forderungen die Angst vor dem „Schlimmsten“ entgegen. Der Reformismus, der nach dem Iran-Irak-Krieg als einziger realistischer Weg des Wandels dargestellt wurde – durch Wahlbeteiligung, parlamentarisches Handeln und Verhandlungen „von oben“ –, hat das politische Feld dauerhaft auf eine enge Alternative reduziert: Reform oder Zusammenbruch. Jeder Bruch wurde mit „Syrisierung“, Extremismus oder Verrat am nationalen Interesse gleichgesetzt. Nach den Erfahrungen von fast zwei Jahrzehnten (1997–2017) erschien er allerdings weniger als Alternative zum Regime, sondern geradezu als einer seiner Reproduktionsmechanismen. Dieser Glaubwürdigkeitsverlust fasst sich im Slogan der Revolte von 2017/18 zusammen: „Reformisten oder Konservative, für euch beide ist es vorbei“.
Doch trotz ihrer Legitimitätskrise reproduziert sich diese Strömung sowohl im Iran als auch in der Diaspora weiter, insbesondere unter bestimmten nationalistischen und teils unter campistischen Eliten. Der problematische Text von Fariba Adelkhah4, der am 14. Januar 2026, nur wenige Tage nach den blutigen Nächten vom 8. und 9. Januar, erschien, fügt sich in diese reformistische Diaspora-Grammatik ein: Er schützt methodologische Vorsicht vor, um an einem antiradikalen Bezugsrahmen festzuhalten, und positioniert sich so gegen die Linke und gegen den Sturz des Regimes.5 Der Text bekräftigt die reformistische Vorstellung, dass weiterhin eine regimeinterne Vermittlung möglich wäre, eine, die es in den Worten Abelkhahs ermöglichen soll, „ohne Rückgriff auf Gewalt zu debattieren“. Doch angesichts der Slogans, Praktiken und Politisierungsformen der jüngsten Aufstände ist diese Perspektive offensichtlich Makulatur. Indem der Reformismus jede nicht-reformistische Alternative ablehnt, die Aufstände relativiert und sich oft im Namen der Nichteinmischung mit bestimmten campistischen Strömungen verbündet, hat er indirekt die Rehabilitierung des Monarchismus begünstigt. Die Tatsache, dass eine solche Lesart in Frankreich von bestimmten dekolonialen Campist:innen oder Pseudo-Antiimperialist:innen weiterverbreitet wird, zeigt eine diskursive Nähe zwischen diesen Strömungen und antirevolutionären reformistischen Positionen aus dem Iran. Beide sind „wütend auf den Imperialismus, verängstigt vor der Revolution“, wie es ein iranischer Linker bereits in den 1960er Jahren formulierte6. Im Namen der Vorsicht, Realpolitik oder des Kampfes gegen westliche Einmischung relativieren diese Diskurse die zentrale Bedeutung der Unterdrückung, delegitimieren die Aufstände und liefern – direkt oder indirekt – Rechtfertigungen für die Gewalt autoritärer postkolonialer Staaten7. Diese Logik hat bestimmte dekoloniale Strömungen dazu veranlasst, den Aufstand von Jina Mahsa Amini 2022 zu diffamieren und als „Frau, Leben, Zionismus“ zu bezeichnen, wie etwa bei Paroles d’Honneur (PDH). Durch diese Diskreditierung wurde der Rechten das Monopol auf Radikalität überlassen. In dem Sinne werden diese Strömungen – wenn schon nicht zu Verbündeten – so doch zumindest zu Komplizen des Aufstiegs der Monarchist:innen, deren Diaspora-Zweig heute eine Variante der extremen Rechten darstellt. Indem sie die iranische Krise auf Sanktionen oder Einmischung reduzieren, spielen diese campistischen Tendenzen die Verbrechen des Regimes herunter, relativieren sie oder beschönigen sie sogar. Wenn der Krieg, den das Regime gegen die eigene Bevölkerung führt, aus der Analyse verschwindet, bleibt jede Kritik am externen Krieg politisch unvollständig. Die Folgen sind vielfältig: die Verschließung des revolutionären Horizonts von 2022, die Isolierung der popularen Kräfte und die Verlagerung des Wunsches nach einem Bruch hin zu reaktionären, ja sogar genozidalen Lösungen.
Die Monarchist:innen haben in der Diaspora die Dämonisierung der Linken organisiert und verschärft. Mit Unterstützung internationaler Mächte, Israels sowie mächtiger Medien- und Finanzzirkel schreiben sie die Geschichte neu. Sie führen die iranischen Krisen auf die „Fitna“8 von 1979 und den „Verrat der Linken“ zurück. Die Fehler eines Teils der Linken – insbesondere die zeitweilige Unterstützung der Islamischen Republik durch die Tudeh – dienen dabei als Vorwand für eine umfassendere Operation: die Gleichsetzung der Linken mit der Islamischen Republik. So wird „die Linke“ zu einer Kategorie der Ausgrenzung, die jeden trifft, der sich dem Pahlavismus entgegenstellt. Einige Menschenrechtsaktivist:innen, Republikaner:innen, Liberale und sogar politische Gefangene wie Narges Mohammadi9 können so diesem imaginären Lager zugerechnet werden. Gleichzeitig wird die historische Verantwortung der Monarchie und des Westens unter den Teppich gekehrt. Und die soziale Wut wird in eine linksfeindliche, konterrevolutionäre Nostalgie umgelenkt.
Reformist:innen und Monarchist:innen, die oft einen neoliberalen Horizont verfolgen und wenig Toleranz für ethnisch-nationalen Pluralismus zeigen, stärken sich in diesen Fragen gegenseitig. Mitunter verwandeln sie sich von potenziellen in tatsächliche Verbündete. Der populäre Ausdruck „Die Linke hat es nie verstanden“, der kurz vor dem Aufstand von 2026 von beiden Lagern wiederbelebt wurde, verdeutlicht die Wirksamkeit dieses diskursiven linksfeindlichen Denkens – scheinbar sanft in der Form, aber politisch strukturierend in seinen Auswirkungen.
Der entscheidende Punkt ist daher: Reformist:innen, Monarchist:innen und die Islamische Republik konvergieren – trotz ihrer offen zur Schau gestellten Gegensätze – in der Beseitigung emanzipatorischer Alternativen, die von der Linken, dem Feminismus und den unterdrückten Bevölkerungsgruppen angestrebt werden. Alle tragen in unterschiedlichem Maße dazu bei, den Horizont zu verschließen, den „Frau, Leben, Freiheit“ eröffnet hat. Dieser Horizont wird in Slogans wie „Weder Monarchie noch Führer: Freiheit und Gleichheit“ zusammengefasst, die von Tausenden im Iran skandiert wurden. Mit anderen Worten: Der Aufstieg der extremen Rechten beruht nicht nur auf ihrer eigenen Stärke, er ist auch das Ergebnis eines konterrevolutionären Prozesses und einer langjährigen Diskreditierung der Emanzipationsbestrebungen. In diesem Kontext werden Frauenrechte, die Autonomie ethnischer Minderheiten, soziale Gerechtigkeit und politische Gleichheit zur existenziellen Bedrohung für verschiedene Formen des Autoritarismus, sei er theokratisch, monarchisch oder reformistisch-nationalistisch. In diesem diskursiven Rahmen wird die „Linke“ zur übergreifenden Kategorie und zur Hauptgegnerin. Daraus ergibt sich schließlich die Lesart des Aufstands „Frau, Leben, Freiheit“ als unerträgliche „linke Revolution“, die eine rechte Konterrevolution – und, wenn nötig, sogar Krieg – erforderlich mache.
3. Entwicklung: Der Krieg, die als Befreiung getarnte Konterrevolution
Die gewaltsame Niederschlagung des Aufstands „Jin, Jiyan, Azadî“ im Jahr 2022 durch die Islamische Republik hat nicht nur eine Welle feministischer, populärer, antiautoritärer und antikolonialer Mobilisierung zerschlagen; sie richtete sich gleichzeitig gegen den politischen Horizont, den diese Bewegung verkörperte. In diesem Sinne war die Niederschlagung des Aufstands auch die eines „dritten Weges“, der sowohl in seinem politischen Gehalt als auch in seiner strategischen Logik verankert war: den einer revolutionären Transformation von unten, gegen den Autoritarismus und von innen heraus, also einer Transformation, die weder in einer Reproduktion der theokratischen Macht noch im Horizont einer imperialen Intervention aufgeht. Die staatliche Konterrevolution hat also nicht nur eine Dynamik des Kampfes unterbrochen; sie hat die Bedingungen des politisch Denkbaren selbst neu gestaltet, indem sie die Möglichkeit untergraben hat, sich Freiheit jenseits der tödlichen Alternative zwischen Islamischer Republik und Imperialismus vorzustellen. Durch die Ablehnung der Forderungen nach Geschlechter- und Umweltgerechtigkeit, nach Demokratisierung und nach Autonomie der unterdrückten Bevölkerungsgruppen hat die theokratische Macht eine bereits strukturelle Legitimitätskrise weiter vertieft und den Zerfall dessen beschleunigt, was vom Gesellschaftsvertrag noch übrig war. Das Ergebnis war mehr als nur ein einfacher Bruch zwischen Staat und Gesellschaft. Beeinträchtigt wurde die kollektive Fähigkeit, sich Emanzipation als einen endogenen, populären und konfliktreichen Prozess vorzustellen. Mit anderen Worten: Die staatliche Konterrevolution hat nicht nur Körper unterdrückt; sie hat den Horizont des Möglichen selbst verwischt.
Die Tage des 8. und 9. Januar 2026 gaben dieser Abschottung durch das Regime eine fast unerträgliche Form. Während des letzten Massenaufstands verhängte das Regime eine fast vollständige Internet- und Kommunikationssperre und versuchte anschließend, die Ordnung durch Isolation, Terror und Massaker wiederherzustellen. Ein führender Augenarzt im Teheraner Farabi-Krankenhaus erklärte, dass in einer Nacht Hunderte von Eingriffen an Demonstrant:innen vorgenommen wurden, die durch Schüsse direkt an den Augen getroffen worden waren. Krankenhäuser waren nicht mehr Orte der Pflege, sondern wurden zu Orten der Überwachung, der Verhaftung und manchmal des Verschwindens. Verletzte wurden ins Gefängnis gebracht, einige wurden dort außergerichtlich hingerichtet. Die Leichen der Getöteten wurden aufgestapelt, verstümmelt und durch extreme Gewalt manchmal bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Um ihre Toten begraben zu können, waren Familien gezwungen, ihre Angehörigen in Leichenhallen zu suchen, für die Rückgabe der Leichen zu bezahlen oder gefälschte posthume Geständnisse zu unterschreiben. Andere wurden nicht einmal über die Beerdigungen informiert, die oft im Geheimen, im Morgengrauen oder mitten in der Nacht unter Sicherheitsaufsicht stattfanden. Die Zahlen selbst – Tote, Verletzte, Verschwundene, Massenverhaftungen, erzwungene Geständnisse – verdeutlichen das Ausmaß einer Gewalt, die nicht nur auf Unterdrückung abzielte, sondern darauf, die Gesellschaft nachhaltig zu terrorisieren. Der auf der Straße skandierte Slogan „Basij [Regime-Milizen], Sepahi [Revolutionsgarden], ihr seid unser IS“ war fortan keine bloße Floskel mehr, er wurde zu einer politischen Beschreibung der gelebten Erfahrung.
Die Brutalität ist kein Zufall, sie ist Teil einer langen Geschichte. Die Revolution von 1979, die oft – auch von einem Teil der westlichen und dekolonialen Intellektuellen – als antiimperialistischer und emanzipatorischer Aufstand interpretiert wird, barg von Anfang an einen entscheidenden Widerspruch. Das Ereignis wurde nicht einfach „verraten“ bzw. im Nachhinein „verraten“, sondern beinhaltete von vornherein die Möglichkeit seiner Verkehrung in eine Konterrevolution. Die linken Kräfte spielten im Aufstand eine bedeutende Rolle. Als sich der Prozess rasch in seine eigene Negation verkehrte, beschränkte sich dieser Umschwung nicht auf eine Vereinnahmung der Revolution durch die islamistische Strömung. Er institutionalisierte sich darüber hinaus im Velâyat-e Faqih10 als spezifische Form einer theologisch-politischen, vertikalen, gewaltsamen und permanenten Macht, die Militarisierung, Autoritarismus und Souveränitätsmonopol miteinander verband.
Das Ergebnis war die Errichtung einer militärisch-theokratischen Ordnung. Die Gewalt, auf der diese beruht, ist sexistisch, männlich-dominant und homophob; sie ist zudem rassistisch, wie die strukturell entmenschlichende Behandlung afghanischer Frauen zeigt. Zudem ist sie in ihrer internen Form kolonial, wenn sie sich gegen Kurd:innen, Araber:innen und andere nichtpersische Bevölkerungsgruppen richtet, denen untergeordnete Positionen zugewiesen werden. Zur Zielscheibe dieser Entwicklung wurden übrigens als erstes jene Linken selbst, die im Namen des Antiimperialismus oder einer falschen Einschätzung des revolutionären Moments dem Bündnis mit Chomeini zugestimmt hatten, bevor sie eliminiert, zum Schweigen gebracht, ins Exil getrieben oder massakriert wurden. Es ist daher kein Zufall, dass der kurdische Slogan „Kurdistan, Friedhof der Faschisten“, der in den 1980er Jahren von den linken Kräften gerufen wurde, im Jahr 2022 während der Aufstände in einer erweiterten Form wieder auftauchte: „Iran, Friedhof der Faschisten“.
Im Vakuum, das diese lange Geschichte staatlicher Gewalt hinterlassen hat, fanden monarchistische und rechte Kräfte ihren Platz. Der Aufstieg von Reza Pahlavi signalisiert nicht in erster Linie eine massive ideologische Hinwendung zum Monarchismus, sondern deutet darauf hin, dass ein Teil der Gesellschaft zu der Überzeugung gelangt ist, ein Bruch mit dem Regime sei nicht mehr möglich ohne Einmischung von außen. Als die am sichtbarsten mit internationaler, insbesondere israelischer Unterstützung verbundene Figur konnte Pahlavi für manche als der realistischste Hoffnungsträger für eine von außen erzwungene Befreiung erscheinen. Seine Anziehungskraft beruhte weniger auf einem positiven Wunsch nach einer Wiederherstellung der Monarchie als vielmehr auf der Vorstellung, dass er die Möglichkeit eines „Regimewechsels“ verkörperte, der durch den Krieg und die westliche Unterstützung herbeigeführt würde. Das Regime reagierte seinerseits im Januar 2026 mit einer neuerlichen Verschärfung seiner Sicherheitsrhetorik, indem es die Demonstrant:innen als Terrorist:innen, Spion:innen und Agent:innen des Auslands bezeichnete, und gleichzeitig neue Hinrichtungswellen vorbereitete. So entstand ein Teufelskreis. Je mehr die Repression den Weg zu einer Befreiung von innen versperrte, desto vernehmbarer wurden durch das so entstandene politische Vakuum reaktionäre Lösungen von außen, insbesondere jene, die von den Monarchist:innen und den mit ihnen verbundenen Medien verbreitet wurden, die in iranischen Haushalten viel rezipiert werden und über einen starken Einfluss verfügen, insbesondere in Phasen der Revolte.
Es ist wichtig anzumerken, dass sich der vorherrschende Pahlaviismus in der Diaspora von jenem im Iran unterscheidet. Im Iran selbst ist er konjunkturell, ambivalent oder vor allem aus einer regimekritischen Haltung gespeist und oft ohne echte doktrinäre Kohärenz. In der Diaspora hingegen zeichnet er sich durch einen hohen Grad an ideologischer Organisation und, in seinen hegemonialen Fraktionen, durch ausgeprägte Affinität zum rechtsextremen Repertoire aus. Dies ist nicht auf bloßen Opportunismus zurückzuführen, sondern auf eine stärker strukturierte Anlehnung an ein autoritäres Projekt der nationalen Rezentralisierung, das von einer imperial-weißen Ordnung und einer rassistischen sowie islamfeindlichen Vorstellungswelt gespeist wird, sowie von starken internationalen Verbindungen zu verschiedenen rechtsextremen Strömungen. In diesem Kontext wird die Unterstützung Israels zu einem Identitäts- und Zivilisationsmerkmal. Diese Konfiguration ist Teil eines „verlagerten Nationalismus“, in dem der Islam als Verfälschung eines vermeintlich reinen iranischen Wesens konstruiert und „der Araber“ zur rassifizierten Figur wird, auf die der Niedergang des Iran und das Trauma der Konterrevolution von 1979 projiziert werden. Diese Matrix ermöglicht es, die palästinensische Sache auf eine außenpolitische Strategie Teherans zu reduzieren und so zu diskreditieren, die koloniale Gewalt Israels unsichtbar zu machen oder gar zu beschönigen und die Positionen von Opfern und Aggressoren zu vertauschen. Israel wird auf diese Weise zum Symbol des Westens, der Moderne und des Nicht-Arabischen erhoben, während die Linke, die Kurd:innen, Migrant:innen, Feminist:innen, der Islam und das Arabische als Feinde der Ordnung, der Entwicklung und der territorialen Integrität bezeichnet werden. Dies geht bis zur Verbreitung von Parolen wie „Tod den drei Korrupten: Linker, Mullah, Mudschahed“. Daraus ergibt sich eine Politik der systematischen Diskreditierung abweichender Stimmen (oder gar deren Beseitigung), die gerne des Verrats oder der Komplizenschaft mit der Islamischen Republik bezichtigt werden, selbst wenn sie sich ausdrücklich gegen das Regime stellen. Der Pahlavi-Nationalismus der Diaspora erscheint somit als ein Gefüge, in dem sich militarisierter Nationalismus, Islamophobie, Anti-Egalitarismus und die Beschönigung der Gewalt Israels und der USA vermischen.
Die militärische Eskalation Israels und der USA gegen den Iran in den Jahren 2025 und 2026 muss in diesem Kontext verstanden werden, in dem ein besonders gefährliches politisches und emotionales Terrain entstanden ist. In dem Maße, wie sich die Wege der Reform, der Anerkennung und der Teilhabe verschlossen, verlagerte sich die Idee der Freiheit selbst für manche in die Erwartung eines von außen kommenden Bruchs. Der Krieg, einst als Zerstörung und als Antithese zur Emanzipation gedacht, begann fortan in bestimmten Kreisen, als ein Unterfangen zur „Befreiung“ des Iran zu erscheinen, als ein denkbares Mittel, um ein Regime zu entmachten, das sich in grenzenloser Gewalt verschanzt hatte. Diese Verschiebung darf nicht als bloße Zustimmung der iranischen Bevölkerung zum Militarismus verstanden werden. Sie offenbart vielmehr einen tiefgreifenden Wandel der politischen Subjektivität, für den neben der Islamischen Republik auch andere Kräfte große Verantwortung tragen. Das gilt insbesondere für die Monarchist:innen, die dazu beigetragen haben, die Idee des „Krieges als Mittel zur Befreiung“ zu normalisieren – eine Idee, die von den oft pro-westlichen iranischen Mainstream-Medien der Diaspora verbreitet wird. Einerseits hat das Regime durch jahrzehntelange Unterdrückung – und noch mehr durch seine gnadenlose Reaktion auf die Aufstände von 2022 und dann im Januar 2026 – nicht nur den Horizont für Reformen verschlossen; es hat die Grenzen zwischen Zerstörung und Befreiung, zwischen Vernichtung und Rettung verwischt. Andererseits versuchte die monarchistische Strömung nach den Massakern vom Januar 2026, den Aufruf zu einer amerikanisch-israelischen Militärintervention als Ausdruck eines „nationalen Willens“ darzustellen und ging sogar so weit, diese Offensive nach der Invasion vom 28. Februar als „humanitären Krieg“ zu bezeichnen. Damit hat sie sich in einen offensichtlichen Widerspruch verstrickt: Einerseits beruft sie sich auf die Verteidigung der territorialen Integrität und diffamiert Linke und ethnische Minderheiten als „unpatriotische Verräter“. Andererseits sehnt sie einen Angriff von außen herbei, der eben genau diese Integrität massiv bedroht. Eine solche Haltung, zu der noch die Bagatellisierung der Toten als bloßer „Kollateralschaden“ hinzukommt, entspringt einem rechten Pragmatismus, dem letztlich alle Mittel recht sind. Auf diese Weise wird Gewalt moralisiert und emotionalisiert, auf Kosten der Selbstbestimmung der Subjekte.
Wir haben es also nicht mit einer einzigen Ursache zu tun, sondern mit der Verflechtung zweier Dynamiken: der Staatsgewalt und der ideologischen Arbeit der Medien. In diesem Zusammenhang erscheint der Krieg als mögliches Mittel zur Überwindung der politischen Sackgasse. Diese Verschiebung muss in einen größeren historischen Zusammenhang gestellt werden: den des Aufstiegs des Neofaschismus, der Banalisierung der Gewalt und der Etablierung eines regelrechten „Kriegsregimes“ auf globaler Ebene. In einem solchen Kontext ist Krieg nicht mehr nur eine militärische Tatsache, er wird zu einer politischen Grammatik. Er verwischt die Grenze zwischen Befreiung und Zerstörung, vereinnahmt die Sprache der Freiheit und präsentiert ausländische Interventionen als Rettung, Stabilität oder Übergang. Diese Situation zu kritisieren, bedeutet daher nicht nur, die Islamische Republik zu verurteilen und die Propaganda der kriegstreiberischen Medien anzuprangern. Es geht darum, die Verknüpfung zwischen diesen beiden Ebenen zu verstehen. Auf der einen Seite steht eine autoritäre Macht, die durch Unterdrückung und politische Abschottung die Gesellschaft in die Erschöpfung und in eine Sackgasse treibt; auf der anderen Seite stehen Medien- und Ideologieapparate, die von den riesigen Budgets des Imperialismus gestützt werden. Diese Apparate übersetzen die Zermürbung in die Sprache des Krieges, der Intervention und der autoritären Restauration, bis deren Logik normalisiert ist.
Wenn Netanjahu sich auf die iranische Freiheit beruft, während er Bomben abwirft, instrumentalisiert er nicht nur eine emanzipatorische Sprache: Er entzieht „Frau, Leben, Freiheit“ ihren feministischen, popularen und antikolonialen Inhalt, um sie in eine imperiale Grammatik einzubetten. Diese Vereinnahmung wurde übrigens durch das Schweigen, ja sogar die Komplizenschaft eines Teils der westlichen liberalen Feministinnen erleichtert, die zwar schnell bereit sind, sich mit den Iranerinnen gegen die Kopftuchpflicht zu solidarisieren, aber weit weniger geneigt sind, den Völkermord in Gaza und die koloniale Herrschaft Israels anzuerkennen. Denn diese Strömung betrachtet die Verteidigung Palästinas nach wie vor durch eine rassistische und muslimfeindliche Brille und hält sich von jedem radikalen antikolonialen Horizont fern, sobald dieser den Muslim:innen und Araber:innen zugutekommen oder den Westen infrage stellen könnte.
Nichts davon ist völlig neu. Die imperialen Mächte haben oft die Sprache der Frauenrechte, der Demokratie oder des Minderheitenschutzes mobilisiert, um ihre Interventionen zu legitimieren, im Irak wie in Afghanistan.11 Was die iranische Entwicklung hier auszeichnet, ist das Ausmaß, in dem ein solcher Diskurs in einer zerstörten Gesellschaft Widerhall finden konnte. Es handelt sich nicht im eigentlichen Sinne um eine Unterstützung des Krieges durch die Bevölkerung. Vielmehr ist sie ein Symptom historischer Erschöpfung, politischer Entmachtung und der systematischen Zerstörung interner Alternativen.
Ein entscheidender Punkt muss jedoch hinzugefügt werden. Der Krieg ist nicht in einem politischen oder wirtschaftlichen Vakuum entstanden, sondern wurde seit Langem durch die Zwangsarchitektur der Sanktionen vorbereitet, vor allem der US-amerikanischen. Diese bilden nicht nur einen diplomatischen Hintergrund, sondern sind eine Methode, mit der der Imperialismus die Verwundbarkeit der von ihm ins Visier genommenen Gesellschaften organisiert, wie es auch im Irak der Fall war. Im Iran haben die Sanktionen nicht nur die Bevölkerung verarmt, die Inflation verschärft, die Lebensgrundlagen zerrüttet und die kollektive Widerstandsfähigkeit geschwächt; sie haben auch dazu beigetragen, die Voraussetzungen für eine militärische Eskalation selbst zu schaffen. Indem sie dem Land dauerhaft eine Belagerungswirtschaft aufzwangen, haben sie die Wahrnehmung eines permanenten Ausnahmezustandes normalisiert, die rentenorientierten und sicherheitspolitischen Fraktionen des Staates gestärkt, die Kosten der Krise auf die unteren Schichten abgewälzt und dem Regime eine bequeme Sprache zur Neuordnung seiner Herrschaft geliefert. Gleichzeitig haben sie den ideologischen und materiellen Boden für den Krieg bereitet: Eine erschöpfte, in prekäre Verhältnisse gedrängte, zersplitterte und auf das bloße Überleben fixierte Gesellschaft ist anfälliger für die Logik einer externen Militarisierung. Die Sanktionen erscheinen dann als das, was sie oft sind: nicht als Alternative zum Krieg, sondern als eine der Formen seiner Vorbereitung, als ein Instrument imperialen Drucks, das die Möglichkeiten innerer Emanzipation schwächt und gleichzeitig in den Augen einiger die Vorstellung plausibler macht, dass ohne Intervention kein Ausweg mehr denkbar sei. In diesem Sinne beginnt die Verantwortung der Vereinigten Staaten (und, in einer anderen Form, die Israels) nicht erst mit den Bombardements, sie ist auch Teil dieser langfristigen Schaffung wirtschaftlicher Erstickung, sozialer Desorganisation und der Aussicht auf Krieg als Horizont.
Mit anderen Worten: Die politische und soziale Erschöpfung, die für einen Teil der Bevölkerung einen Bruch von außen denkbar macht, ist nicht das Ergebnis einer einzigen Ursache. Sie resultiert aus der Verflechtung der imperialen Gewalt, zu deren Ausprägungen die Sanktionen gehören, mit der autoritären Abschottung, die das Regime selbst auferlegt. Der entscheidende Punkt ist daher nicht, diese Verschiebung zu moralisieren, sondern ihre Bedingungen zu verstehen. Welche Art von Regime bringt einen Teil seiner eigenen Bevölkerung dazu, zu glauben, dass die Bomben eines äußeren Angreifers weniger unerträglich sein könnten als die Fortsetzung der inneren Herrschaft? Wie lässt sich erklären, dass dieser Gedanke, so falsch er auch sein mag, sich in diesem Maße normalisieren kann, während seine Folgen erst dann kollektiv und zu einem erheblichen Preis getragen werden, wenn es bereits zu spät ist?
Die Verantwortung der Islamischen Republik ist hier entscheidend. Indem sie sich nach 2022 jeder Rechenschaftspflicht entzog, Dissens kriminalisierte, den zivilgesellschaftlichen Raum immer weiter einschränkte und jede Forderung nach Gerechtigkeit als ausländische Unterwanderung betrachtete, hat sie nicht nur die Voraussetzungen für einen inneren Wandel zerstört; sie hat auch den Boden bereitet, auf dem sich die imperialen Mächte als Befreier präsentieren konnten. Dies umso mehr, als im Iran ein starkes nationalistisches Gefühl existiert, das die Monarchist:innen zu ihrem Vorteil zu nutzen versuchen, während das Regime aufgrund des tiefen Misstrauens, das es hervorgerufen hat, nicht mehr selbst in der Lage ist, dieses zu mobilisieren.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Israel und die Islamische Republik auf eine Stufe gestellt werden sollten. Eine solche Symmetrie wäre politisch und analytisch falsch: Israel bleibt der wichtigste externe Aggressor, ein von den USA und dem Westen unterstützter siedlerkolonialer Staat, der den Genozid in Gaza, die Besetzung des Westjordanlands und ein umfassenderes Projekt der militarisierten regionalen Vorherrschaft betreibt. Die Islamische Republik ist nicht der Architekt dieser imperialen Ordnung; sie ist vielmehr eines ihrer Ziele, insbesondere durch Sanktionen, bleibt aber gleichzeitig ein autoritäres, patriarchales Regime, das selbst tief in die regionale Militarisierung verwickelt ist, insbesondere in Syrien und im Irak. Die beiden Mächte sind also nicht symmetrisch. Aber sie sind miteinander verflochten. Jede nutzt den Krieg, um ihre eigene Krise zu bewältigen – Israel durch die Auslagerung von Gewalt, die Islamische Republik durch die Berufung auf eine äußere Bedrohung, um die Unterdrückung im Inland zu rechtfertigen. Beide mobilisieren zudem den Begriff der „Verteidigung“, um Unternehmungen zu legitimieren, die weit über den defensiven Rahmen hinausgehen: auf der einen Seite die iranische Militärintervention in Syrien im Namen der nationalen Sicherheit; auf der anderen Seite die israelischen Luftangriffe auf iranische Nuklearanlagen. Diese Verwechslung von Verteidigung und Angriff zeigt sich auch in den Doktrinen des Präventivkrieges, die auf einer weit gefassten Definition der „unmittelbaren“ Bedrohung beruhen, woran Amir Kianpour in einem aktuellen Artikel erinnert. Diese Verwechslung ist nicht nur doktrinärer oder strategischer Natur. Sie bringt auch eine Transformation der Kategorien mit sich, durch die Gewalt benannt, gedacht und verständlich gemacht wird.
Genau in diesem asymmetrischen Zusammenhang sind die jüngsten Ereignisse im Iran einzuordnen. Auch wenn die 2022 ausgebrochene Revolution die Legitimität der Islamischen Republik tiefgreifend untergraben hat, gelang es dem Regime, sich nach dem 7. Oktober 2023 teilweise wieder zu erholen und das noch deutlicher nach dem ersten amerikanisch-israelischen Angriff im Juni 2025. Das Massaker vom Januar 2026 hat zwar erneut eine akute Legitimitätskrise ausgelöst, doch wenige Wochen später vertiefte eine neue israelisch-US-amerikanische Offensive die konterrevolutionäre Entwicklung, indem sie dieselbe Maschinerie imperialer Gewalt und dieselbe koloniale Logik, die bereits in Gaza, im Libanon und anderswo in Vorderasien entfesselt worden waren, auf den Iran ausweitete. Die Bombardements zerstörten Schulen (allein in Minab im südlichen Belutschistan des Iran, wo 168 Schüler getötet wurden), Krankenhäuser und zivile Infrastruktur und forderten Hunderte von Todesopfern. Dennoch hat der Krieg dem Regime auch einen Teil der Legitimität zurückgegeben, die es verloren hatte, insbesondere auf internationaler Ebene und bei bestimmten Teilen der globalen Linken. Es kam sogar vor, dass diese Linke dem Massaker an iranischen Frauen durch das Feuer des Imperialismus mehr Gewicht beimaß als dem Massaker durch die Kugeln des Regimes selbst. Diese Verlagerung ist keineswegs harmlos. Sie trägt, wenn auch indirekt, zur Wiederherstellung seiner Macht bei. Wie Chomeini während des Iran-Irak-Krieges wiederholt hatte: „Der Krieg ist ein Segen für die Islamische Republik Iran“ – nicht nur ein Mittel zur Disziplinierung und Erhaltung, sondern auch eine politische Ressource, um den Zusammenhalt wiederherzustellen, Dissens zu unterdrücken und die Legitimität des Regimes in der militarisierten Krise wiederherzustellen.
Der 2026 gegen den Iran geführte Krieg muss daher nicht als Bruch mit der Konterrevolution verstanden werden, sondern als deren militärische Fortführung. Er beschleunigt nicht automatisch den Sturz des Regimes. Im Gegenteil, er kann die Zerstörung verlängern, den Nationalismus stärken und den Raum für eine autonome Transformation durch die Bevölkerung noch weiter einschränken. Er hat zudem zu einer spektakulären Stärkung des Ethnonationalismus und des internen politischen Zusammenhalts geführt – die rasche Bestätigung Mojtaba Chameneis als neuen Obersten Führer belegt dies eindrucksvoll. Ein Regime, das sich als republikanisch bezeichnet, ohne es jemals wirklich gewesen zu sein, offenbart damit offener seine monarchische Wahrheit: Die Macht geht vom Vater auf den Sohn über. Und dies ohne nennenswerte politische Kosten für seine Reproduktion. Innere Repression und äußerer Krieg haben sich somit gegenseitig verstärkt. Das Regime geht aus dieser Phase militärisch geschwächt, aber politisch gestärkt hervor. In diesem Sinne hat es sein eigenes Überleben verlängert. Während nach dem Massaker im Januar 2026 sein Sturz kurzfristig noch plausibel erschien, hat es sich nun vermutlich einige weitere Jahre der Konsolidierung gesichert. Dies ist eines der brutalsten Paradoxe dieser Phase: Durch den Krieg und die Berichterstattung darüber haben die imperialistischen Mächte dem sogenannten „antiimperialistischen“ Regime zusätzliche Legitimität und damit mehr Zeit für seine politische Reproduktion verschafft. Unter diesen Umständen wird die Zivilgesellschaft weiter ausgehöhlt, die Opposition weiter kriminalisiert. Die Welle von Hinrichtungen, die sich gegen die im Januar 2026 verhafteten Demonstrant:innen richtet, beschleunigt sich mitten im Krieg, und jeder emanzipatorische Ausweg rückt immer weiter in die Ferne. Die Repression hat bereits zugenommen. Mehreren Zeug:innen zufolge erinnert die Atmosphäre sowohl an die ersten Jahre der Revolution als auch an das blutige Jahrzehnt des Iran-Irak-Krieges, als das Regime, geschützt durch den Kriegszustand, die Opposition, insbesondere die Linke, massenhaft massakrierte, während die allgegenwärtige Basidsch-Miliz ohne jede Zurückhaltung das Feuer auf die Bevölkerung eröffnete.
Seit einem halben Jahrhundert werden die Ressourcen eines reichen Landes von der sozialen Reproduktion auf militärische Prioritäten umgeleitet, und es sind die unteren Schichten, die den Preis dafür zahlen. Der jüngste Krieg hat diese Logik nur noch verschärft: Mindestens zwei Millionen Menschen sollen ihren Arbeitsplatz verloren haben, die Inflation wird sich verschärfen, und ein großer Teil der Beschäftigten im privaten Sektor wurde in unbezahlten Zwangsurlaub geschickt. Eine Arbeitskraft, die ohnehin schon zu den billigsten der Welt zählt, wird so weiter abgewertet, zugunsten einer schnelleren Akkumulation und verstärkter Ausbeutung. Hinzu kommen der anhaltende Internetausfall und die ungleiche Verteilung des Internetzugangs. Das bewirkt die Fortsetzung der Zerstörung der Lebensgrundlagen und der politischen Entmachtung, indem der Gesellschaft Zugang zu Informationen, Austausch und Sichtbarkeit ihrer eigenen Erfahrungen geraubt werden. Die Verschärfung der Sicherheitsmaßnahmen vervollständigt dieses System: Kontrollpunkte, diffuse Angst, die Allgegenwart einer fanatisierten extremen Rechten, Verhaftungen im Kontext des Zuganges zu ungefiltertem Internet und die Einbehaltung der Leichen hingerichteter Aktivist:innen. Dies sind nicht nur Auswirkungen des Krieges, sondern darin verdichtet sich ein und dasselbe Regime der Militarisierung, der Ausbeutung, der Informationserstickung und des politischen Terrors.
In diesem Sinne wirkt der Krieg hier als konterrevolutionäre Kraft. Er zügelt die Hoffnungen, schränkt die politische Imagination ein und setzt wieder patriarchale, nationalistische und staatliche Ordnungsformen durch – gegen den pluralistischen, feministischen und subalternen Horizont, den „Jin, Jiyan, Azadî“ eröffnet hatte. Die politische Herausforderung ist daher eine doppelte: einerseits den Imperialismus als militärische Aggression und als diskursives Unterfangen zur Vereinnahmung der Sprache der Freiheit zu bekämpfen; und andererseits die internen autoritären Strukturen zu demontieren, die diese Vereinnahmung plausibel machen. Eine Antikriegspolitik, die der iranischen Gegenwart gerecht wird, kann daher nur gleichzeitig antiimperialistisch und antiautoritär sein. Sie muss die falsche Wahl zwischen Bombardierung und Massaker, zwischen Verwüstung und Gefängnis, zwischen ausländischer Intervention und innerer Repression ablehnen. Mit anderen Worten: Sie muss den revolutionären Gehalt von „Jin, Jiyan, Azadî“ als lebendigen Horizont wiederfinden, gegen alle Kräfte, die auch heute noch versuchen, Zerstörung als Rettung hinzustellen.
Folgt man dieser Logik durch die jüngste Entwicklung, erscheinen das Massaker vom Januar und der jüngste Krieg nicht mehr als zwei getrennte Ereignisse, sondern werden als zwei Phasen desselben konterrevolutionären Prozesses erkennbar, der darauf abzielt, den Horizont zu verschließen, der 2022 durch den revolutionären Aufstand von „Jin, Jiyan, Azadî“ eröffnet wurde. Zwischen diese beiden Phasen schob sich der Versuch der rechten und monarchistischen Kräfte der Opposition, das Aufbegehren Jinas in einer rechten Umdeutung für sich zu vereinnahmen. In diesen drei Momenten wird nicht nur die Macht oder die Opposition ins Visier genommen, sondern die Möglichkeit einer emanzipatorischen Transformation von innen und von unten – die einer Revolution, sprich jenes dritten Wegs, der durch den Aufstand 2022 mit Nachdruck eröffnet wurde.
Schlusswort
Der Iran lässt sich nur durch die Konfrontation zweier Horizonte verstehen. Der erste, der durch „Frau, Leben, Freiheit“ eröffnet wurde, ist ein emanzipatorischer Horizont, der auf sozialer Gerechtigkeit, Pluralität und Transformation von unten beruht. Er repräsentiert heute einen Antikriegsblock, aber auch eine politische Kraft, die Parolen wie „Weder Islamische Republik noch Monarchie!“ vertritt, also die Bekräftigung eines dritten Weges in einem Kontext starker Polarisierung. Der zweite ist ein konterrevolutionärer Horizont, der verschiedene Formen annimmt – theokratisch, reformistisch, monarchistisch, campistisch, militaristisch oder imperial –, der jedoch in der Ablehnung dieser Möglichkeit zusammenläuft. Die autoritäre Restauration beruht nicht allein auf Repression. Sie funktioniert auch durch die Aneignung von Symbolen, die Dämonisierung linker Alternativen, die Erfindung innerer Feinde, die Erschöpfung der demokratischen Vorstellungskraft und die Legitimierung des Krieges als Lösung der Krise. Die Erschöpfung, die Desillusionierung und die angesammelten Erinnerungen an die Ereignisse von 2009, 2017 und 2019 haben es nach 2022 und noch mehr nach dem Januar 2026 der Islamischen Republik sowie bestimmten Sektoren der Exilopposition ermöglicht, staatszentrierte Logiken – seien sie theokratischer oder nationalistischer Natur – zu bekräftigen und eine revolutionäre Öffnung in den vertrauten Rahmen von Sicherheit, Männlichkeit und Ethnonationalismus einzudämmen.
Doch gerade die Gewalt dieser Konterrevolution hat indirekt auch die Kraft dessen offenbart, was sie zu zerschlagen sucht. Hinter der unerbittlichen Repression, hinter der Rechtsverschiebung im Diskurs, hinter der inneren und äußeren Militarisierung lässt sich noch immer die beharrliche Spur einer unterbrochenen Revolution erahnen. In diesem Sinne bedeutet die Unterdrückung von „Jin, Jiyan, Azadî“ nicht das Ende der Bewegung; sie zeugt vielmehr von ihrer Tiefe. Sie machte die Verflechtung von Sexismus, Klassenherrschaft, Rassismus und Territorialität in der autoritären iranischen Ordnung sichtbar und eröffnete zugleich einen Horizont vielfältiger Solidarität, der die Gegenwart auch nach dem imperialistischen Krieg von 2026 noch prägt. So war in jedem Moment nicht nur eine Opposition oder Bevölkerung im Visier, sondern die Möglichkeit eines Iran, der auf Gleichheit, Autonomie, Pluralität und sozialer Gerechtigkeit beruht.
Die Einmischung von außen beendet die Revolution nicht, sie negiert sie. Doch muss man hier zwischen der amerikanischen und der israelischen Logik unterscheiden. Washington will weder einen freien Iran noch einen Iran, der einem unkontrollierbaren Bürgerkrieg ausgeliefert ist. Es will einen neutralisierten Iran, militärisch geschwächt und politisch diszipliniert, aber ausreichend stabilisiert, um in der regionalen Ordnung wieder regierbar zu werden, den Kapitalverkehr und die Energieflüsse nicht mehr zu stören und kein Risikofaktor für das Öl mehr zu sein. Deshalb widerspricht auch die dauerhafte Zersplitterung des Landes teilweise der amerikanischen Logik. Sie treibt die Kosten in die Höhe, bringt die Märkte aus dem Gleichgewicht und macht den Ausgang weniger beherrschbar. Washingtons Unentschlossenheit in Bezug auf den „Regimewechsel“, die wiederkehrende Suche nach einem Ausweg und die Sensibilität gegenüber den Energiepreisen deuten in diese Richtung. Die israelische Logik ist eine andere: Es geht weniger darum, den Iran zu stabilisieren, als ihn dauerhaft derart zu schwächen, dass auch über das Regime hinaus keine strategische Kapazität mehr besteht, wieder zu einer Bedrohung zu werden zu können. Der syrische Präzedenzfall ist aufschlussreich: Nach dem Sturz Assads zerstörte Israel einen Großteil der syrischen Militärkapazitäten und plädierte für ein „schwaches Syrien“. Auch heute noch tendiert seine Doktrin zu einem langen Krieg, bestehend aus Pufferzonen, Zermürbung und permanenter Schwächung. Der weitere Verlauf des Krieges wird also zeigen, welche Linie sich durchsetzt (die einer imperialen Stabilisierung nach amerikanischem Vorbild oder die einer von Israel vorangetriebenen strategischen Zerstörung) und inwieweit sich Washington in diese zweite Logik hineinziehen lässt. Diese Annäherung war übrigens nicht selbstverständlich: Das israelische Kriegsprojekt stieß lange Zeit auf Vorbehalte in Washington und fand erst unter Trump seine volle Entfaltung.
Von nun an hängt die demokratische Zukunft des Iran von einer entscheidenden Bedingung ab: der Wahrung der politischen Autonomie der Kämpfe von unten. Dies setzt voraus, gleichzeitig die von den imperialen Mächten auferlegte Kriegslogik und die Islamische Republik, die monarchische Restauration und den mit der Schließung des revolutionären Horizonts einhergehenden Reformismus abzulehnen. Mit anderen Worten: Man muss gleichzeitig die Bomben, das Massaker, die Hinrichtung und die falschen Alternativen ablehnen. Denn nur aus diesem fragilen, belagerten, aber immer noch lebendigen Raum heraus kann der durch „Frau, Leben, Freiheit“ eröffnete Horizont neu formuliert werden.
Somayeh Rostampour ist Soziologin. Sie stammt ursprünglich aus dem iranischen Teil Kurdistans und forscht zu Kurdistan, dem Iran, Rojava sowie der Türkei. Zudem engagiert sie sich innerhalb verschiedener internationalistischer und feministischer Kollektive.
- 1. Die Parallelen zu anderen feministischen Aufständen, wie beispielsweise „Ni Una Menos“ in Lateinamerika, sind auffällig. In beiden Fällen stießen radikale Vorstellungen von Geschlechtergerechtigkeit und kollektivem Widerstand auf Repressionen durch Gefängnis, Militär und Ideologien. Was sich in diesen unterschiedlichen Kontexten abzeichnet, ist das, was Verónica Gago als globale Architektur des Backlashs bezeichnet: Demonstrant:innen werden kriminalisiert, Technologien der Repression zirkulieren transnational und Krieg wird zu einem Mittel, um politisches Verlangen zu disziplinieren.
- 2. Die Linke im Iran blickt aufgrund der Nähe des Landes zur ehemaligen Sowjetunion und ihren Kolonien auf eine lange Tradition zurück. Während der konstitutionellen Ära wurden Bewegungen für soziale Gerechtigkeit, Sozialdemokrat:innen und von der russischen Revolution beeinflusste Gruppen rasch von konservativen religiösen Kräften, dem feudalen Adel und später vom Zentralstaat unterdrückt. In den folgenden Jahrzehnten, insbesondere nach der Gründung der Tudeh-Partei in den 1940er Jahren und der Ausweitung ihres Einflusses auf Arbeiter:innen, Intellektuelle, Frauen und sogar die Armee, breitete sich die strukturelle Angst vor dem Kommunismus auf den gesamten Staat und den Königshof aus und gipfelte im Staatsstreich von 1953, der von den USA und Großbritannien unterstützt wurde und Premierminister Mohammad Mossadegh stürzte. Dieses Ereignis markierte einen entscheidenden Wendepunkt in der systematischen Unterdrückung der Linken im Iran.
- 3. Vgl. den Artikel von Yashar Darolshafa (einem linken politischen Aktivisten, der in den letzten Jahren mehr als vier Jahre in iranischen Gefängnissen einsaß) mit dem Titel „شوخی کافی است! این فاشیسم است“ [Genug mit den Scherzen! Das ist Faschismus!].
- 4. Anm. d. Übers.: Fariba Adelkhah ist eine französisch-iranische Anthropologin, die im Iran von Mai 2020 bis Februar 2023 wegen angeblicher Spionage inhaftiert war.
- 5. Staatliche Gewalt, ein in der modernen Geschichte des Iran beispielloses Massaker, das nach den Massenmorden nicht mehr offen geleugnet werden konnte, wird dort nur am Rande anerkannt und dann ständig zugunsten von Überlegungen zu Ordnung, Stabilität, Sicherheit und der Ablehnung äußerer Einmischung in einen anderen Kontext gestellt. Indem dem Staat weiterhin ein gewisses „Vertrauensguthaben“ zugeschrieben wird, indem strukturell manipulierte Wahlen als „wirklich kompetitiv“ dargestellt werden, indem der institutionelle Zwang der Kopftuchpflicht insbesondere im staatlichen Bildungswesen heruntergespielt wird oder nach einer Woche des Blutvergießens suggeriert wird, dass „die Debatte im Iran noch nie so offen gewesen war wie vor der Internetabschaltung“, trägt dieser Text zur Verharmlosung des iranischen Autoritarismus und des politischen Bruchs bei, der die Gesellschaft mindestens seit 2017 durchzieht. Er entspringt in Wirklichkeit eher einem persönlichen Wunsch als einer wahrheitsgemäßen Beschreibung der Lage.
- 6. Dieser Ausdruck wurde 1969 von Amir-Parviz Pouyan in seiner gleichnamigen Polemik verwendet, die er kurz nach dem Tod von Jalal Al-e Ahmad verfasste.
- 7. Vgl. auch diesen Text eines iranischen linken Ex-Häftlings (auf Persisch).
- 8. Anm. d. Übers.: Bedeutet so viel wie „schwere Prüfung“ oder „Prüfung durch Gott“.
- 9. Anm. d. Übers.: Iranische Menschenrechtsaktivistin.
- 10. Anm. d. Übers.: Die sog. „Statthalterschaft des Rechtsgelehrten“.
- 11. Wie Lila Abu-Lughod, Mahmood Mamdani und andere Forscher:innen gezeigt haben.