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Ökonomie aktuell – zwischen Heilsversprechen und Katastrophenahnung

Ökonomie aktuell – zwischen Heilsversprechen und Katastrophenahnung

28. Juni 2026

I.

Jede technologische Modernisierung, aus welchen Beweggründen auch erfunden, landet im Kapitalismus auf dem Prüfstand der Verwertung von Wert. Das gilt speziell für diejenigen, die die Arbeitsproduktivität erhöhen können. In Unternehmen werden sie nur dann angewandt, wenn das darauf gegründete Geschäftsmodell oder die durch Einführung der Technik veränderte Produktion sich in mehr Profit des Privateigentums niederschlägt. Ob technologische Modernisierung in sozialer Hinsicht überhaupt Fortschritt bringt, hängt allein von den Auseinandersetzungen ab, die Lohnarbeiter:innen bereit sind zu führen.

Das alles gilt auch für die Künstliche Intelligenz (KI). Und wer halbwegs aufmerksam die Wirtschaftsnachrichten verfolgt, weiß, dass sie schon allerhand Jobs verschwinden lässt, also die existenzielle Unsicherheit von Lohnarbeiter:innen vergrößert (unabhängig davon, wie attraktiv man diese Jobs im Einzelnen findet). Dabei hat KI ihre für Kapitalwachstum segensreiche Wirkung durch Automation und steigende Produktivität noch kaum entfaltet.

Einzig im Interesse der Verwertung von Wert angewandt, kann man bei ihrem zweifellos enormen Veränderungspotenzial heute nicht mit Gewissheit sagen, inwieweit sie Lohnarbeiter:innen dequalifiziert und die Aneignung von Fähigkeiten in dem Maße verhindert, wie diese auf Maschinen übertragen werden. Wenn elementare Kulturtechniken, die über viele Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte sich entwickelt haben und gelernt wurden, in der Breite verloren gehen, dann ist das kein Fortschritt, sondern Rückschritt. Die »Aneignung der eigenen allgemeinen Produktivkraft« des Menschen durch den Menschen als Emanzipationsprojekt, von dem Marx in den Grundrissen spricht, verlangt Praxis und Übung auf vielen unterschiedlichen gesellschaftlichen Feldern. Sie umfasst Kopf- und Handarbeit.

Wenn monotone, einseitige Handarbeit durch Mechanisierung und Automation verschwindet, dann ist das kein Verlust; sehr wohl aber, wenn allgemein handwerkliche Fertigkeiten verloren gehen oder nur noch von einer kleiner werdenden Schar von Spezialist:innen gelernt und ausgeübt werden. Ähnliches gilt auch für die Kopfarbeit, auf die die KI jetzt losgelassen wird – allgemein Texte verfassen, Gedanken schriftlich formulieren, Programm-Code für Software schreiben etc.

Wenn die bürgerlichen Prophet:innen der KI davon schwärmen, dass jetzt alles neu erfunden werden könnte und müsste, und Gewerkschaften wieder einmal davon träumen, die Einführung einer neuen Technik sozialpartnerschaftlich und sozialverträglich zu begleiten, dann gilt es demgegenüber an radikaler, allgemeiner Kritik an Kapital und Staat festzuhalten und Fragen der ökonomischen Befreiung von Lohnarbeit und weiter gefasst der menschlichen Emanzipation zu thematisieren. Alles, was aktuell ökonomisch passiert, liefert reichlich Stoff für eine solche Kritik und Anknüpfungspunkte für sozialrevolutionäre, emanzipatorische Bestrebungen.

II.

Seit einiger Zeit schon sprechen skeptische Kommentator:innen vom drohenden Platzen einer KI-Blase, andere warnen vor einer Finanzkrise 2.0, die vom Private-Credit-Markt ausgeht, wieder andere sehen eine Rezession heranrollen, ausgelöst durch strapazierte Lieferketten vor allem im Zuge des Iran-Kriegs und die so hervorgerufene Inflation. Nur wenige Ökonom:innen reflektieren diese drei Aspekte im Zusammenhang. Was die Möglichkeiten einer tiefen Weltwirtschaftskrise betrifft, bildet all das jedoch ein Ganzes und ist zugleich ein Lehrbeispiel für die Rolle von Staat und Privatkapital in der entfalteten kapitalistischen Produktionsweise. Das Auge des Hurricans befindet sich in den USA, dem höchst entwickelten kapitalistischen Land. Hier spielt die Musik, was den KI-Boom, den Private-Credit-Markt, den Protektionismus und den Krieg betrifft.

Was folgt, ist ein Versuch, diese Zusammenhänge thesenartig kritisch darzustellen.

III.

Die KI-Revolution erfasst Hard- und Software der IT; für sie werden Rechenzentren errichtet, deren riesige Mengen an Grafik-, Neural- und Tensor-Prozessoren1 fast die Hälfte der Investitionssummen verschlingen; für sie werden Large-Language-Modelle und KI-Agenten entwickelt, die die Automation in allen Bereichen der Wirtschaft voranbringen sollen. Rechenzentren gehören zur digitalen Infrastruktur und damit – wie alle Verkehrs- und Kommunikationssysteme – zu den allgemeinen Produktionsbedingungen des privaten Kapitals, das bei ihrer Schaffung eine andere Rolle spielt als der Staat. Folgt man der Argumentation von Marx in den Grundrissen, dann ist die kapitalistische Produktionsweise dort am höchsten entwickelt, wo auch die Herstellung dieser allgemeinen Produktionsbedingungen zu einer Sache des privaten Kapitals wird.2 Historisch hat der bürgerliche Staat dabei immer eine mehr oder weniger große Rolle gespielt. Aber auch da, wo er den Bau von Verkehrs- und Kommunikationssystemen aus Steuermitteln oder per Kredit finanziert und sie selbst betrieben hat, hat in der Regel das private Kapital die Bauarbeiten und die Produktion aller dafür nötigen sachlichen Mittel besorgt. Der Staat war oder ist allenfalls Auftraggeber und Käufer, der den durch Lohnarbeit erzeugten Wert und Mehrwert realisiert.

Wie die Aufgabenverteilung zwischen Staat und privatem Kapital genau aussieht, ist von Land zu Land durchaus unterschiedlich. In den USA entwickelte das private Kapital sich am ungezügeltsten und hier kommen wir der höchsten Entwicklung des kapitalistischen Systems am nächsten.3 So kann es nicht verwundern, dass die schwindelerregenden Investitionen in Hard- und Software der KI von privatem Kapital (Big Tech, Fonds und Banken) gestemmt werden. Wo aber solche Infrastruktur ganz in dessen Händen liegt, muss ihr Betrieb sich letztlich rentieren durch den erfolgreichen Verkauf von Waren (in diesem Fall Software-Abos und kostenpflichtige Nutzung von KI-Rechenzentren). Die Investitionen müssen wieder eingespielt, Kredite getilgt, Zinsen gezahlt und schließlich Profite gemacht werden. Die Verwertung von Wert muss durch Realisierung beim Verkauf von Waren erfolgreich abgeschlossen werden. Ob das beim gegenwärtigen KI-Boom klappt, ist bis jetzt vor allem Spekulation.

Soweit sich in diesem Boom die Voraussetzung für eine Überakkumulationskrise aufbaut, hat das allgemein mit den Krisentendenzen in der Marktwirtschaft zu tun. Die politische Intervention des Staates kann diese Tendenzen verstärken oder abmildern, aber sie lassen sich weder auf solche Eingriffe zurückführen noch durch ausgeklügelte Reformprogramme aus der Welt schaffen.

Als Programm privatkapitalistischer Rationalisierung ist auch die KI-Revolution rücksichtslos gegenüber den Menschen (Lohnabhängige in den unterschiedlichsten Jobs, die in ihrer lohnabhängigen Existenz bedroht werden) und gegenüber unseren natürlichen Lebensgrundlagen auf diesem Planeten (maßloser Heißhunger nach Energie, Wasser und Rohstoffen).

Was politische Intervention des Staates in das Wirtschaftsgeschehen betrifft, so liegt ihr Krisenpotenzial gegenwärtig in der restriktiven Einflussnahme auf den Welthandel. Waren verteuern sich durch staatliche Erhöhung von Zöllen – vorangetrieben durch die USA –, durch Sanktionen von Seiten der USA und der EU sowie durch Kriege, die Lieferketten unterbrechen.

IV.

Die KI-Revolution soll die Produktivkraft der Arbeit generell steigern und dadurch großes Wachstum des Kapitals ermöglichen. Sie verlangt jedoch enorme Investitionen in Hardware (speziell Rechenzentren), die sich aktuell nur wirklich rechnen für Unternehmen, die diese Hardware produzieren und sich über die enorme Nachfrage nach ihren Waren freuen, einschließlich der Energie- und Bauindustrie. Sie realisieren im aktuellen Boom tatsächlich erzeugten Mehrwert mit ihren Profiten und darüber hinaus Extraprofite dank der hohen Preise, die sie verlangen können.4

Die sogenannte Intelligenz der KI besteht aus Software, mit der unmittelbar kaum oder gar kein Profit gemacht wird. Unternehmen wie Google, Meta oder Microsoft haben ihre bewährten Geschäftsmodelle, bei denen sie mit Werbung oder Softwarelizenzen riesige Profite machen. OpenAI oder Anthropic, die eigentlichen Revolutionäre, machen dagegen unmittelbar keine Profite, kaufen oder mieten aber sehr viel Hardware und Rechenzeit, die benötigt wird für das Training und die Nutzung ihrer Software. Woher nehmen und nicht stehlen? Vor allem nehmen sie Kredite auf – auf dem Privat Credit Markt. Daneben spielen auch Allianzen von OpenAI und Anthropic mit den Big-Tech-Unternehmen eine große Rolle. Man schiebt sich gegenseitig Geld zu, um den Boom am Laufen zu halten.5

Die Softwareentwicklung überschlägt sich förmlich, wobei sich das Gewicht von bloßen LLMs hin zu KI-Agenten verschiebt, die durch Automation von Prozessen die Arbeitsproduktivität in Industrie- und Dienstleistungsbetrieben enorm steigern sollen. Besonders davon, inwieweit das gelingt, wird schließlich die Nachfrage der Industrie nach Software und benötigter Rechenzeit abhängen.

An dem Rennen um die Entwicklung der Software sind mittlerweile auch Big-Tech-Firmen wie Meta, Google, Amazon, Microsoft beteiligt. Von starker Nachfrage seitens der Industrie- und Dienstleistungsunternehmen hängt schließlich ab, ob die gigantischen Investitionen in Softwareentwicklung und Rechenzentren sich rechnen, oder ob da eine Überakkumulation entsteht, die sich durch Entwertung in Wohlgefallen auflöst.6 Die staatliche Nachfrage (Militär, Sicherheitsorgane) nach Programmen von Palantir zur Überwachung, Optimierung von Kriegsführung etc. mag den Verwertungsdruck abschwächen, aber sie kann die Nachfrage privater Unternehmen nicht ersetzen. Schon gar nicht kann das die Nachfrage seitens unproduktiver privater Konsument:innen.

V.

Nach der Finanzkrise 2007 bis 2009 wurden Banken verstärkt reguliert, um ihre riskante Kreditvergabe zu reduzieren. Als Folge entwickelte sich ein System der unregulierten Schattenbanken – der sogenannte Private-Credit-Markt, der von knapp 200 Milliarden Dollar auf mittlerweile fast 3 Billionen US-Dollar angewachsen ist.7 Dominiert wird er von Fonds, die nicht der Bankregulierung unterliegen und auf Risikokapital mit hohen Renditeansprüchen spezialisiert sind. Mittlerweile sind sie bestens vernetzt mit den Banken, die sich an ihnen beteiligen. Ein Crash im Private-Credit-Markt, den manche Finanzspezialist:innen kommen sehen, hätte heute kaum absehbare Folgen für den gesamten Kreditmarkt.

VI.

Ob das Geschäftsmodell der innovativen Softwareschmieden und der reinen Betreiber von KI-Rechenzentren (Cloud Services) aufgeht, ist sehr fraglich. Es setzt voraus, dass sehr viele Unternehmen in erforderlicher Größe Software und Rechenzeit bei ihnen mieten. Ob sie das machen und ob sie das überhaupt in der erforderlichen Größe können, hängt wiederum von ihrem Geschäftsmodell und dessen Erfolg ab. Der Erfolg aller dieser Unternehmen wird aber momentan massiv bedroht von allgemein steigenden Preisen aufgrund unterbrochener Lieferketten.

Diese sogenannten Lieferketten sind tatsächlich Wertschöpfungsketten als Produkt der enorm entwickelten internationalen Arbeitsteilung. Wenn die großen Kapitale am Ende der Kette selbst bei niedriger Profitrate riesige Profitmassen realisieren, dann ist dies zu einem großen Teil Mehrwert, der in der Produktion der Vorprodukte und deren Transport entstanden ist – also in der der gesamten Wertschöpfungskette. Unterbrochen werden solche Ketten durch nationalistisch-protektionistische Politik und Kriege, und dies wirkt wie eine starke Reduzierung der Arbeitsproduktivität: Das Warenangebot wird knapp und die Preise steigen. Dieser Preisanstieg macht wiederum selbst die verfügbaren Waren zunehmend unverkäuflich, was zu Umsatzrückgang und schließlich zur Einschränkung der Produktion führt.8 Sofern die Inflation zur Unverkäuflichkeit von Waren in großem Maßstab führt, sinken die Profite und Lohneinkommen, was zur Häufung fauler Kredite von Unternehmen wie Verbraucher:innen führt und das Kreditsystem erschüttert.

VII.

Wir haben es mit zwei geradezu gegensätzlichen Prozessen zu tun, die im Resultat aber beide die Preise in die Höhe treiben:

Auf der einen Seite ein Boom in einer speziellen Branche, der gerade daher weitere Bedeutung hat, weil er die allgemeinen Produktionsbedingungen verändert (»digitale Infrastruktur«) – und gerade daher durch große Spekulation auf künftiges allgemeines Wachstum getragen wird. Dabei speist sich die enorme Nachfrage nach Hardware für die KI-Rechenzentren sowohl aus den riesigen Profiten der Big-Tech-Unternehmen, die sie mit ihren bisherigen Geschäftsmodellen erzeugt haben, als auch aus den privaten Krediten von Fonds des Private-Credit-Marktes. Damit ist dieser Boom geradezu idealtypisch ein rein marktwirtschaftlicher Vorgang, dessen Akteure private Kapitalbesitzer:innen sind.

Auf der anderen Seite verursachen Kriege und die Einschränkung des Welthandels durch Staatsinterventionen Preiserhöhungen, die mittlerweile einen großen Teil der weltweit produzierten und gehandelten Rohstoffe und damit die stoffliche Basis aller sogenannten Wertschöpfung betreffen.

Die besondere Brisanz für die ökonomische Entwicklung liegt in dem sich ergänzenden Zusammentreffen beider Faktoren.

VIII.

Schaut man sich ferner die Big-Tech-Unternehmen an, so verändert sich ihre Kapitalzusammensetzung im aktuellen KI-Boom technisch wie wertmäßig rapide. Für ihre bisherigen Geschäftsmodelle brauchten sie nur vergleichsweise wenig in konstantes fixes Kapital zu investieren. Das Sachanlagevermögen dieser Konzerne war vergleichsweise klein, wenn man es mit den klassischen Industrien vergleicht (Stahl, Maschinen- und Anlagenbau, Auto-, Elektro- oder chemische Industrie). Durch den Bau von KI-Rechenzentren werden sie nun aber ziemlich rasch zu Kapital mit hoher organischer Zusammensetzung (worunter die durch die technische Zusammensetzung bestimmte Wertzusammensetzung des Kapitals verstanden wird). Konstantes Kapital überflügelt nun auch bei Unternehmen wie Meta oder Google das variable. Es dürfte spannend sein, zu beobachten, ob und wie sich das auf ihre Profitrate auswirkt. Die Kosten ihres Geschäftes werden sich jedenfalls dauerhaft deutlich erhöhen.9

IX.

Betrachtet man diese drei Faktoren – KI-Revolution, Kreditsystem und nationalistisch-protektionistische Politik von Staaten – sowie ihre Wechselwirkungen, dann steuern wir auf eine tiefe Weltwirtschaftskrise zu.

Diese Krise wird keine normale Überproduktionskrise sein, wie sie im Laufe eines Zyklus der Kapitalakkumulation allgemein durch »überhitzte Konjunktur« entsteht. Zu bedeutend sind die Auswirkungen nationalistisch-protektionistischer Politik auf die Erhöhung der Weltmarktpreise.

Überhitzt ist nur eine spezielle Konjunktur, die angetrieben wird von der Nachfrage nach Chips und anderer Hardware für die Rechenzentren. Sie betrifft auch viele Komponenten, die eigentlich für PCs, Notebooks etc. benötigt werden. Die Preise für RAM-Bausteine, SSDs etc. explodieren förmlich, was wiederum auf den Markt für Desktop-PCs, Notebooks etc. zurückwirkt.10 Auch hier werden die Preise steigen. Die Profite schießen aber nur bei Unternehmen wie Samsung, dem weltweit größten Hersteller von DRAM, in die Höhe.

Was die Inflation allgemein treibt, ist sowohl die überhitzte Konjunktur in der Chipproduktion, bedingt durch den KI-Hype, als auch der staatliche Protektionismus (Sanktionen, Zölle) und Krieg vor allem durch die Trump-Regierung.11 Von der Teuerung profitieren nur bestimmte Industrien; und da, wo die Konzentration und Zentralisation von Kapital sehr hoch ist, nur einzelne Konzerne. Insgesamt treibt die Teuerung allgemein die Kosten und produziert Unverkäuflichkeit von Waren sowohl für die produktive Konsumtion der Industrieunternehmen als auch für die individuelle Konsumtion der Endverbraucher. Für das Wachstum des Kapitals allgemein ist diese Entwicklung bedrohlich.

Wohin man auch schaut, die gesamte ökonomische Situation lässt die Preise für Vorprodukte der Industrie und für viele Konsumartikel der Lohnarbeiter:innen (vor allem aber Mieten, Wohnnebenkosten und Lebensmittelpreise) immer weiter steigen, trotz der außerordentlich hohen Arbeitsproduktivität, mit der Waren heute erzeugt werden. Es gibt keinerlei Grund zu der Annahme, dass die versprochene weitere Erhöhung der Arbeitsproduktivität durch KI diese Preisentwicklung stoppen könnte. Schon von daher ist eine große allgemeine Überproduktionskrise geradezu unausweichlich. Allein sie wird die Dynamik der Preiserhöhungen brechen und zu der fälligen Entwertung von Kapital und Waren führen.

Wovon sie ihren Ausgang nimmt – von einem Crash auf dem Private-Credit-Markt, einer weiteren Verschärfung des Protektionismus, endlosen Kriegen oder einem Platzen der KI-Blase – lässt sich nicht voraussagen. Aber kommen wird sie. Man sollte sich vom KI-Hype nicht blenden lassen und über Big Tech den Blick aufs Ganze, auf die Eigentümlichkeiten der kapitalistischen Produktionsweise und ihre Bewegungsgesetze, nicht vergessen.

  • 1. https://blog.qnap.com/de/cpu-gpu-npu-tpu-was-sind-sie.
  • 2. »Die höchste Entwicklung des Kapitals ist, wenn die allgemeinen Bedingungen des gesellschaftlichen Produktionsprozeß nicht aus dem Abzug der gesellschaftlichen Revenu hergestellt werden, den Staatssteuern (…) sondern aus dem Kapital als Kapital. Es zeigt dies den Grad einerseits, worin das Kapital sich alle Bedingungen der gesellschaftlichen Produktion unterworfen, und daher andrerseits, wieweit der gesellschaftliche reproduktive Reichtum kapitalisiert ist und alle Bedürfnisse in der Form des Austauschs befriedigt werden; auch die als gesellschaftlich gesetzten Bedürfnisse des Individuums, d. h. die, die es nicht als einzelnes Individuum in der Gesellschaft, sondern gemeinschaftlich mit andren konsumiert und bedarf – deren Weise der Konsumtion der Natur der Sache nach eine gesellschaftliche ist – auch diese durch den Austausch, den individuellen Austausch, nicht nur konsumiert werden, sondern auch produziert.« Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, Marx Engels Werke (MEW), Bd. 42, S. 438.
  • 3. In den USA werden inzwischen selbst solche gigantischen Großprojekte wie die Erschließung des Weltraums privatisiert. SpaceX und Amazon sind dabei, den Weltraum »inwert zu setzen«.
  • 4. »Ein modernes Rechenzentrum ist weit mehr als nur eine Halle voller Server. Es ist ein hochkomplexes Bau- und Technikprojekt, das Energie, Kühlung, Netzwerk, Stahl und Beton miteinander vereint und bis ins Detail geplant werden muss. Nach Schätzungen von McKinsey, der Dell’Oro Group und dem Uptime Institute entfallen rund 40 bis 50 Prozent der Gesamtinvestitionen beim Bau auf IT-Hardware. Weitere etwa 40 Prozent fließen in Energieversorgung, Kühlung und Infrastruktur, der Rest entfällt auf Bau, Sicherheit sowie Planung und Projektmanagement.« Der gesamte Artikel ist sehr informativ: https://www.boerse-am-sonntag.de/unternehmen/unternehmen/ki-datacenter-….
  • 5. »In der Branche (…) klumpt sich was zusammen. Denn die Verflechtungen und gegenseitigen Beteiligungen unter den Tech-Firmen werden immer tiefer. Jüngstes Beispiel: der Online-Riese Amazon und der KI-Spezialist Anthropic. In einem ersten Schritt wird Amazon fünf Milliarden Dollar in die Entwicklung des KI-Chatbots Claude stecken – in weiteren Schritten könnten es bis zu 20 Milliarden Dollar mehr werden. Anthropic wiederum will in den nächsten Jahren bis zu 100 Milliarden Dollar für Halbleiter und Rechenleistung von Amazon ausgeben. Nur eines von vielen Beispielen aus der Branche: ›Da ist die Beteiligung von Microsoft an OpenAI, also damit an ChatGPT. Wir sehen aber auch Google wiederum beteiligt an Anthropic und Nvidia, die sich an sehr vielen Unternehmen aus dem Bereich KI beteiligen, weil sie dahin ja auch gerne ihre Chips verkaufen wollen‹, sagt Stefan Riße von der Vermögensverwaltung Acatis. (…) Damit wachsen aber auch die gegenseitigen Abhängigkeiten, sagt Volkswirt Martin Lück von Macro Monkey. ›Mit anderen Worten: Ich gebe meinem Kunden das Geld, damit er meine Produkte kauft. Das hat immer ein Geschmäckle.‹ Dazu komme immer die Gefahr der Instabilität. ›Das heißt, wenn einer fällt, könnten da gleich mehrere fallen. Die Frage ist dann, wer als erster fällt.‹ Und diese Entwicklung heizt auch die Gefahr von Monopolen an. Da geht es nicht nur um Preise, die dann einseitig festgelegt werden können - sondern um riesige Datenmengen in der Hand weniger – also Informationsmonopole.« https://www.tagesschau.de/wirtschaft/digitales/allianz-der-techkonzerne….
  • 6. Was sich nicht in Wohlgefallen auflösen wird, sind die weiterhin nutzbaren Gebrauchswerte, die die Rechenzentren darstellen. Die Gewinner in einem möglichen Crash können sie sich dann zu niedrigen Preisen aneignen und weiterhin nutzen.
  • 7. »Noch vor 15 Jahren lag das Marktvolumen bei rund 200 bis 300 Milliarden US-Dollar, heute wird der Private-Credit-Markt auf etwa drei Billionen Dollar geschätzt. Das ist zwar immer noch weniger als der globale Markt für Unternehmensanleihen, der laut OECD rund 40 Billionen Dollar umfasst. Allerdings ist Private Credit inzwischen größer als der gesamte Markt für sogenannte Hochzinsanleihen, die traditionell zur Finanzierung riskanter Unternehmen genutzt wurden. Diese Finanzierungen verlagern sich damit zunehmend weg vom öffentlichen Markt in das private System. Das gilt insbesondere für AI-Infrastruktur, die sich vor allem über den Private-Credit-Markt finanziert und als besonders volatil gilt. Der Investor Jeremy Grantham etwa schätzt laut ›Follow the Money‹, dass sich die entsprechende Kreditaufnahme von Unternehmen im Bereich AI und Datenzentren von 166 Milliarden Dollar im Jahr 2023 auf rund 625 Milliarden Dollar im Jahr 2025 vervielfacht hat. So wird laut Reuters etwa Metas ›Hyperion‹-Rechenzentrum mit Kosten von rund 30 Milliarden Dollar über Fremdkapital finanziert, unter anderem von einem Fonds von Blue Owl Capital. Der Hedgefondsmanager Michael Burry, der bereits vor der Finanzkrise 2008 erfolgreich auf den Zusammenbruch des US-Immobilienmarkts gewettet hatte, warnte zuletzt, dass sich diese und ähnliche milliardenschwere Investitionen in Rechenzentren niemals vollständig amortisieren würden.« https://web.de/magazine/wirtschaft/droht-private-credit-naechste-finanz….
  • 8. »Das allgemeinste und sinnfälligste Phänomen der Handelskrisen ist plötzlicher, allgemeiner Fall der Warenpreise, folgend auf ein längeres, allgemeines Steigen derselben.« Karl Marx, Zur Kritik der politischen Ökonomie, MEW Bd. 13, S. 156.
  • 9. »Amerikas größte Tech-Konzerne vereinen mittlerweile die Renditen des Silicon Valley mit den Bilanzstrukturen des Ruhrgebiets. Wer vor zehn Jahren in Aktien von Alphabet, Meta oder Microsoft investierte, hat – Dividenden ausgenommen – heute den achtfachen Einsatz. Die massiven Investitionen in Rechenzentren haben dafür gesorgt, dass Sachanlagen heute mehr als 60 % ihres Buchwerts ausmachen – vor einem Jahrzehnt waren es lediglich 20 %. Addiert man die Investitionsausgaben dieser drei zusammen mit Amazon und Oracle, übertreffen sie inzwischen die Summe aller börsennotierten US-Industrieunternehmen. Laut Jason Thomas vom Investmenthaus Carlyle geht ein Drittel des jüngsten US-Wachstums auf diese Tech-getriebenen Ausgaben zurück.« Aus der deutschen Übersetzung eines lesenswerten Artikels im Economist vom August 2025: https://www.marktundmittelstand.de/technologie/ki-boom-auf-pump.
  • 10. »PC- und Komponentenhersteller stellen sich auf einen Einbruch der Nachfrage im restlichen Jahr ein, der insbesondere den Selbstbau-Markt trifft. Marktführer Asus soll Prognosen zufolge Mühe haben, in diesem Jahr auf 10 Millionen Mainboard-Verkäufe zu kommen. 2025 waren es noch über 15 Millionen. Bei den Wettbewerbern auf den Plätzen Zwei, Drei und Vier soll es ähnlich aussehen: Der Absatz von MSI und Gigabyte soll jeweils um rund 25 Prozent einbrechen, auf 8,4 Millionen bis 9 Millionen Stück. Asrock könnte mit einem Rückgang um 37 Prozent auf 2,7 Millionen Mainboards besonders schlecht dastehen. Die Lieferungen von Mainboards an PC-Hersteller sollen teils noch stärker einbrechen. Im Falle von MSI ist von einem Rückgang von 60 Prozent unter anderem an Partner wie Lenovo die Rede.« https://www.heise.de/news/Einbruch-auf-ganzer-Linie-Mainboard-Herstelle….
  • 11. Der staatliche Protektionismus der 1930er Jahre war Produkt der Überakkumulationskrise, die 1929 in den USA ausbrach. Resultat dieses Protektionismus war der Zerfall des Weltmarktes und anhaltende Depression. Der kapitalistische Ausweg aus diesem ökonomischen und sozialen Desaster gelang erst im Gefolge der noch größeren Katastrophe des Zweiten Weltkrieges. Im Unterschied zu damals ist der heute durch die USA vorangetriebene Protektionismus nicht Folge einer großen Weltwirtschaftskrise, sondern bereitet sie selbst mit vor.