KI und der Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen
Anfang der 2000er Jahre forderte der damalige Vorsitzende des BDI: „Gebt uns unsere Freiheit wieder!“ An dieser grundsätzlichen Forderung der Klasse der Kapitalbesitzer:innen nach Freiheit des Privateigentums hat sich nie etwas geändert. Sie galt in allen Perioden kapitalistischer Entwicklung. Was diese Perioden voneinander unterscheidet, ist lediglich das Ausmaß, in dem sie durchgesetzt wird. Momentan ist der Prozess, der alle Schranken für die Freiheit des Privateigentums beseitigen soll, wieder voll im Gang – besonders in den USA als „kapitalistischer Führungsmacht“, aber tendenziell überall. Die Big-Tech-Unternehmen sind der Vorreiter und die Trump-Administration setzt die Brechstange an.
Peter Thiels Erkenntnis, dass Freiheit und Demokratie nicht zusammenpassen, wird zum Leitfaden einer Politik, die das Privateigentum von allen Fesseln befreien will, die ihm im Rahmen repräsentativer bürgerlicher Demokratie im Laufe von Jahrzehnten angelegt wurden – als Ergebnis sozialer Auseinandersetzungen, die sich mitunter bis zu offenen Klassenkämpfen steigerten. Schrankenlose Freiheit des Privateigentums bedeutet absolutistische Macht der Privateigentümer in den kapitalistischen Unternehmen, und sie bedeutet absolutistische politische Macht der Regierung – einer Regierung, die von den reichsten und mächtigsten Kapitalbesitzern in Besitz genommen worden ist.
Der Geist, von dem diese „Freiheitskämpfer“ beseelt sind, wird deutlich, wenn etwa Trump sagt: „Ich mache mit Kuba, was ich will.“ Er kommt aber auch zum Ausdruck in der Praxis der Epstein-Gang, die unter den Reichen und Mächtigen bestens vernetzt war und für möglichst uneingeschränkten sexuellen Zugriff der Männer auf (minderjährige) Frauen sorgte.
Die durchgeknallten Freiheitsapostel des Privateigentums versprechen vor allem ökonomisches Wachstum und Mehrung des Profits. Zentral dafür ist seit einer Weile die „Künstliche Intelligenz“, die auf zwei Säulen ruht: der Entwicklung enormer Rechenleistung von Computerhardware und der Ent- und Aneignung von jeder Art menschlichen Wissens. Durch maschinelles Lernen, also die Verarbeitung und Nutzbarmachung dieses Wissens durch entsprechende Software, soll die Arbeitsproduktivität maximal gesteigert werden.
Taylor wollte mit seiner „Wissenschaftlichen Betriebsführung“ die Werkstätten von jeder geistigen Arbeit befreien und sorgte mit seinen Methoden dafür, dass sich das Management das Wissen der industriellen Lohnarbeiter:innen aneignen konnte – Harry Braverman nannte das in seinem Buch Die Arbeit im modernen Produktionsprozess deren zweite Enteignung. Dieser Prozess wird durch die KI um ein Vielfaches getoppt. Es geht nunmehr um Zugriff auf alles menschliche Wissen und dessen Nutzbarmachung für kapitalistisches Privateigentum. Man könnte das auch eine dritte Welle von Enteignung nennen, die besonders kreativ arbeitende Selbständige trifft.
Stellt man sich für einen Moment eine kommunistische Gesellschaft vor, also eine Gesellschaft, die das Privateigentum an Produktionsmitteln durch Gemeineigentum in Selbstverwaltung ersetzt hat, so eröffnete KI durchaus Perspektiven menschlicher Emanzipation. Wissen aller Art für die Allgemeinheit weitgehend uneingeschränkt zugänglich zu machen, wäre ein großer Fortschritt. Niemand müsste Angst haben, dadurch die Grundlagen seiner Existenz einzubüßen, niemand müsste Angst haben vor dem Missbrauch seiner persönlichen Daten durch große Konzerne oder kriminelle Privateigentümer. Die Entwicklung und Nutzung von KI wäre demokratisch und sozial reguliert. Sie würde behutsam vorangetrieben, also nicht zuletzt unter Berücksichtigung ökologischer Gesichtspunkte. Das alles unter dem Motto: „Kontrolle sozialer Produktion durch soziale Ein- und Vorsicht“ (Marx).
Nicht so in einer kapitalistischen Gesellschaft mit Privateigentum an Produktionsmitteln. Die riesigen Rechenzentren werden gebaut von Unternehmen, deren Investitionen sich rechnen müssen. Zweck der Übung ist die Produktion von Profit. Die Start-ups, die die Software der KI entwickeln, haben in Erwartung künftiger Profite große Mengen an Geldkapital eingesammelt, das Rückfluss und Vermehrung verlangt. Alle gesammelte Information, alles maschinell gelernte, verarbeitete Wissen dient als verkäufliche Ware. Das mit der Entwicklung und Verwertung von KI beschäftigte Privateigentum benötigt und verlangt möglichst uneingeschränkten Zugriff auf Wissen – egal von wem es produziert wurde –, es benötigt und verlangt möglichst uneingeschränkten Zugriff auf persönliche Daten. Je stärker der Zugang zu Daten reguliert und eingeschränkt ist, desto schlechter das Training der Modelle, desto größer die Spielräume für „Halluzinationen“ der KI.
Im Kapitalismus hat das Projekt KI einen großen Haken: Die ganze aufwendige technische Innovation bei Hard- und Software muss durch das Nadelöhr der Verwertung. Das in den benötigten Rechenzentren investierte Kapital, das beständig durch weiteren technologischen Fortschritt entwertet wird, muss nicht nur seine Kosten wieder einbringen, sondern auch noch große Profite abwerfen. Enorm ist auch der Energieverbrauch, der wiederum nach neuen Kraftwerken verlangt, also weitere Investitionen in konstantes Kapital. Das ganze Geschäftsmodell steht und fällt letztlich damit, dass die entwickelte Software hält, was sie verspricht, also für allgemeinen Fortschritt in der Arbeitsproduktivität sorgt. Nur dann nämlich werden andere Unternehmen im erforderlichen großen Umfang Software und Rechnerzeit mieten, also für Rückfluss des investierten Geldes und für Profite sorgen.
Selbst große Akteure in dem Projekt KI wissen um die Möglichkeit eines Crashs. Sie machen aber seit Langem riesige Profite und schwimmen daher im Geld, mit dem sich „spielen“ lässt. Zusätzliche Kredite aufzunehmen, stellt für sie kein Problem dar. So hat etwa Zuckerberg keine Angst davor, bei einem Platzen der „Blase“ gewaltige Summen zu verlieren. Er ist sich sicher, dass er so oder so am Schluss als Gewinner in der Konkurrenz dastehen wird. Auch daran sieht man, dass die gesellschaftliche Entwicklung diese durchgeknallten Privateigentümer vollständig kalt lässt: Was macht es schon, wenn Millionen von Menschen durch eine Krise in ihrer Existenz bedroht sind, solange Leute wie Zuckerberg am Schluss als Sieger dastehen.
Für die KI gilt, was für allen technischen Fortschritt in der kapitalistischen Produktionsweise gilt, sofern er die Arbeitsproduktivität steigert und „Wertrevolutionen“ (Marx) auslöst: Er ist in jeder Hinsicht zweischneidig, vor allem aber dadurch, dass er Wachstum des Kapitals ermöglicht und gleichzeitig die nächste große Überakkumulationskrise vorbereitet. Die Entwertung von überakkumuliertem Kapital, das vor allem in den Rechenzentren steckt, könnte eine allgemeine Weltwirtschaftskrise auslösen.