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Die Kasakow-Weigandt-Debatte

Die Kasakow-Weigandt-Debatte

06. Oktober 2026

Communaut veröffentlichte im August 2026 Ewgeniy Kasakows Rezension des Buches »Für euch würde ich kämpfen. Mein Bruch mit dem Pazifismus« von Artur Weigandt auf die wir einen Leserbrief des Autoren erhielten. Diesen veröffentlichen wir hier zusammen mit einer Replik des Rezensenten.

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Sehr geehrter Herr Kasakow,

ich habe Ihren Text über mich gelesen. Sie müssen mir nicht antworten. Ich schreibe Ihnen, weil Sie darin eine Figur beschreiben, die meinen Namen trägt – und weil ein Teil Ihrer Kritik durchaus den öffentlichen Rahmen trifft, in dem mein Buch verhandelt wird. Sie haben recht: Der Verlag und Teile der Berichterstattung haben aus einem politischen Argument eine Konversionsgeschichte gemacht. „Pazifist wird Realist“ ist ein Verkaufssatz. Er verkürzt, was ich geschrieben habe, und macht den Bruch interessanter als die Gründe dafür. Auch Ihr Hinweis, dass Sichtbarkeit mitunter erst mit dem Widerruf einer früheren Überzeugung entsteht, ist keiner, den ich einfach beiseite wischen möchte.

Unrecht haben Sie dort, wo aus diesem öffentlichen Rahmen ein persönliches Motiv wird. Ich war kein öffentlicher Pazifist mit Gefolgschaft. Ich war jemand, der Gewalt moralisch pauschal verwarf und 2022 feststellen musste, dass diese Pauschale angesichts eines Angriffskrieges für mich nicht mehr trägt. Das ist weder Heldentum noch der Beweis besonderer Einsicht. Es ist zunächst eine Korrektur der eigenen Überzeugungen, die man kritisieren kann, ohne sie deshalb zur lukrativen Distanzierung von einer früheren Haltung zu erklären.

Sie werfen mir vor, Empathie an die Stelle von Analyse zu setzen. Diesen Vorwurf nehme ich ernst. Wer Soldaten kennenlernt, mit ihnen arbeitet, ihre Geschichten hört und Menschen in einem angegriffenen Land zu seinen Freunden zählt, riskiert, aus Nähe Gewissheit zu machen. Deshalb bleibt die Frage berechtigt, was aus dieser Erfahrung politisch folgt: für Waffenlieferungen, Wehrpflicht, Verhandlungen, staatlichen Zwang und die Kosten auf beiden Seiten. Persönliche Betroffenheit beantwortet diese Fragen nicht. Herkunft ebenso wenig. Und auch historische Traumalinien von 1941 zu 2022 sind keine Beweisführung. Wenn ich sie beschreibe, müssen sie als biografische Erinnerung kenntlich bleiben, nicht als Geschichtsgesetz.

Falsch wird Ihr Text allerdings dort, wo Sie so tun, als bestünde meine Position darin, dass Putin „meine Freunde“ angreift und Staatlichkeit dagegen bloß eine zynische Abstraktion sei. Staaten führen Kriege. Menschen sterben in ihnen. Beides ist wahr. Wer nur das eine gelten lässt, wird sentimental; wer nur das andere gelten lässt, wird kalt. Ich habe versucht, beides zusammenzuhalten. Ob mir das gelungen ist, sollte man an den Seiten meines Buches prüfen, nicht am Klappentext.

Dass Empathie auf beiden Seiten politisch instrumentalisiert werden kann, bedeutet zudem nicht, dass die politischen Sachverhalte symmetrisch sind. Russische Familien können um ihre gefallenen Söhne trauern, Menschen im Donbass können Opfer dieses Krieges sein – und trotzdem bleibt die Frage beantwortbar, welcher Staat die Grenze des anderen überschritten, Gebiete annektiert und diesen Krieg begonnen hat. Die Gleichheit menschlichen Leids hebt die politische Verantwortung nicht auf.

Auch beim staatlichen Zwang machen Sie es sich mit meiner Position etwas einfacher. Ich behaupte nicht, dass militärische Verteidigung frei von Zwang ist. Wehrpflicht ist Zwang. Mobilisierung ist Zwang. Im Krieg beschränkt auch ein demokratischer Staat Freiheiten, und gerade deshalb sind solche Maßnahmen rechtfertigungsbedürftig. Der Dissens zwischen uns beginnt dort, wo Sie aus der Existenz dieses Zwangs bereits ein Argument gegen die Verteidigung selbst gewinnen. Denn die Alternative zum Zwang eines sich verteidigenden Staates ist in einem Angriffskrieg nicht zwangsläufig die Abwesenheit von Zwang. Sie kann auch der Zwang desjenigen sein, der diesen Krieg gewinnt.

An zwei Stellen ersetzt in Ihrem Text schließlich die Pointe das Argument. Aus meiner zugegeben ungeschickten Spargel-Formulierung machen Sie eine komplette Interessenlehre, nach der Osteuropa verteidigt werden müsse, damit Deutschland weiterhin über billige Arbeitskräfte verfügt. Und aus meiner falschen Verwendung des Plurals „GULAGs“ wird eine Demontage meiner politischen Argumentation. Beides ist witzig. Beides beantwortet die Sache nicht.

Wenn Sie wollen, können wir uns über den Kern streiten: darüber, ob Verteidigung gegen einen Angriffskrieg lediglich Staatsräson im moralischen Gewand ist oder eine Zumutung, der sich demokratische Gesellschaften stellen müssen, gerade weil Verteidigung Freiheit nicht nur schützt, sondern im Ernstfall auch Freiheit einschränkt und unfreiwillige Opfer verlangt. Das wäre eine bessere Debatte als die darüber, welche publizistische Figur sich aus meiner Biografie herstellen lässt.

Artur Weigandt

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Sehr geehrter Herr Weigandt,

lassen Sie mich zuerst meine Freude darüber ausdrücken, dass Sie einem Medium wie Communaut Ihre Aufmerksamkeit schenken.

Sie haben gleich in mehrerer Hinsicht recht. Erstens, dass ich in meinem Text nicht ausführlich auf den Kern Ihrer Argumentation eingehe. Zweitens, dass mein Text von lediglich oberflächlicher Lektüre Ihres Buches zeugt. Ich hatte tatsächlich große Probleme weiterzulesen, nachdem ich in der Einleitung las, dass der Angriff Russlands auf die Ukraine ihre Haltung zu den Kriegen nachhaltig änderte. „Jeder Schuss, jeder zerfetzte Körper, jedes Bild von zerstörten Städten und zerbrochenen Leben ließ etwas in mir sterben.“

Sie erwecken nicht den Eindruck eines am Weltgeschehen desinteressierten Menschen. Ich unterstelle Ihnen einfach mal Wissen darüber, wo es überall auf der Welt Kriege gibt und was in deren Rahmen Menschen mit anderen Menschen machen. Der aktuelle Krieg ist auch nicht der erste Krieg im postsowjetischen Raum. Ist es nicht eher ein Zeugnis von prinzipieller Gleichgültigkeit und Ignoranz, wenn wir Sterben von Menschen in Karabach und Sudan nicht zum Anlass für Reflexionen über die Ursachen der Gewalt und unsere Haltung dazu nehmen?

Alles, worüber Sie schreiben, was Ihre „Illusionen zertrümmerte“, ließe sich in jedem der Kriege, die heute auf der Welt stattfinden, beobachten: „zerstörte Schulen, Kinder in Kellern, Mütter, die ihre Söhne begraben.“ Aus Ihrer Zeit als „Pazifist“ werden Sie vielleicht noch wissen, dass es keine Kampfhandlungen gibt, bei denen Mütter nicht ihre Söhne begraben. Es mag Gegenden der regelbasiert geordneten Welt geben ohne Schulen, die zerstört werden können, aber ansonsten existiert kein Krieg, von dem es nicht solche Bilder gibt.

Ich habe dennoch weitergelesen. Wie Sie richtig schreiben, ist der eigentliche Kern Ihrer Überlegungen die Frage, „ob Verteidigung gegen einen Angriffskrieg lediglich Staatsräson im moralischen Gewand ist oder eine Zumutung, der sich demokratische Gesellschaften stellen müssen, gerade weil Verteidigung Freiheit nicht nur schützt, sondern im Ernstfall auch Freiheit einschränkt und unfreiwillige Opfer verlangt“.

Sie formulieren es so, als wäre es eine ganz persönliche Frage, die man sich als Privatperson stellt. Doch sobald es zu einem Krieg kommt, stellt und beantwortet der Staat diese Frage für jeden Staatsbürger: Es ist deren Pflicht, dem Befehl zu gehorchen. Die Bundesrepublik Deutschland ist ein souveräner Staat mit einer demokratisch gewählten Regierung. Diese hat sich bereits unmittelbar nach Beginn der aktiven Kampfhandlungen entschieden. Ohne dass Sie oder ich oder sonst jemand gefragt wurde. Die damalige Bundesaußenministerin fand klare Worte: „Wir haben uns diese Situation nicht ausgesucht. Wir können und wir wollen ihr nicht aus dem Weg gehen. Die Europäische Friedensordnung der letzten Jahrzehnte ist die Grundlage für das Leben in Wohlstand und Frieden. Wenn wir jetzt nicht entschlossen dafür eintreten, werden wir einen noch höheren Preis zahlen.“

Doch so klar sind diese Worte vielleicht doch nicht. Denn wer ist nochmal dieses „Wir“? Ja, Sie oder ich haben uns tatsächlich die Situation nicht ausgesucht. Uns wird klargemacht, dass wir zusammen mit der Bundesregierung, die sich durchaus das politische Programm ausgesucht hat, die EU-Einflusszone auszuweiten, der Lage nicht aus dem Weg gehen können. Weil die Bundesregierung es nicht will. Wir vielleicht schon, aber wir sind ja nicht die Regierung. Die Entscheidungen über Sanktionen, Waffen- und Truppenentsendungen, Kürzungen und Überwachungen trifft die Regierung, und den Konsequenzen dieser Entscheidungen können wir, also Sie, ich und andere Bundesdeutsche tatsächlich nicht aus dem Weg gehen.

Wir können uns gerne den Kopf zerbrechen, was der Staat tun soll, als wären wir wirklich die Entscheidungsträger. Wir können uns ideell mit unserem Staat und seinen Verbündeten identifizieren. Wir können uns angegriffen fühlen, Daumen drücken, Verständnis für durch die Zeitenwende entstehenden Einschnitte im Leben zeigen. Oder es auch lassen. Wir leben in einem Staat, wo jeder für sich selber entscheiden kann, ob er mit dem Schicksal des Staates und der Nation der Ukraine mitfiebert, oder sagt, es sei einem wirklich sehr egal, ob man „Kiew“ oder „Kyjiw“ schreibt.

Jeder kann von dieser Freiheit Gebrauch machen. Eine mit Gewaltmonopol ausgerüstete Instanz gibt uns Freiheit und sichert sie, und das heißt auch, sie kann sie uns auch nehmen. Zum Beispiel im Notstandsfall, ausgelöst durch einen Krieg. Im heutigen Deutschland kann sich jeder selber entscheiden, historisches Leiden der ukrainischen Nation, die es laut nationalen Mythen schon im grauen Mittelalter gab, zum Anlass für die Parteinahme zu nehmen. Jemand kann auch Empathie mit Menschen in Abchasien, Südossetien oder Transnistrien entwickeln, die sich kein Leben im jeweils georgischen bzw. moldawischen Nationalstaat wünschen, oder auch Verständnis für mangelnde Begeisterung mancher ukrainischer Staatsbürger über das dortige Nation-Building zeigen. Andere werden dies als illegitimes Rütteln am Völkerrecht abweisen. Aber diese Debatten sind aktuell möglich. Es wird auch Leute geben, die Empathie mit Menschen nicht in Parteinahme mit Zwangskollektiven wie Nationen übersetzen.

Dies könnte sich schlagartig ändern, wenn man sich im Krieg befindet und Meinungen zu Verdachtsmomenten für Verrat am Staat, dem Garanten der Freiheit, werden. Im Krieg bleibt so etwas selten ohne Konsequenzen. Logisch: Wenn der Staat den Krieg und die Souveränität verliert, kann er nicht mehr die Freiheit garantieren, also muss er sie zwecks Sieges einschränken. Es stellt sich also gar nicht die Frage: Muss das eine demokratische Gesellschaft aushalten? Sie muss, kein demokratischer Staat kann anders funktionieren. Das liberale Dilemma auf den Punkt gebracht: Alle haben das moralische Recht, ihr eigenes Leben vor das des Staates zu stellen – aber der Staat muss eben notfalls diese Freiheit mit Gewalt begrenzen.

Wir beide, Sie und ich, gehören zu der Minderheit der Bevölkerung, die sich nicht einfach damit begnügt, dass der Staat sie in die Pflicht nimmt. Freilich mit diametral entgegengesetzter Intention. Sie sind ein ausgesprochen guter Staatsbürger, der die Pflichten, denen er sowieso unterworfen ist, als vernünftig nachzuvollziehen strebt. Eine Traumvorstellung des deutschen Philosophen, der über den Krieg sagte: „Es gibt eine sehr schiefe Berechnung, wenn bei der Forderung dieser Aufopferung der Staat nur als bürgerliche Gesellschaft und als sein Endzweck nur die Sicherung des Lebens und Eigentums der Individuen betrachtet wird; denn diese Sicherheit wird nicht durch die Aufopferung dessen erreicht, was gesichert werden soll.“1

Es ist Ihnen ein ganzes Buch wert, dass ein Angriff auf die Heimat den Bürgern die moralische Pflicht zur Verteidigung eröffnet und man sich daher als moralisches Subjekt die Frage stellen müsse, wie man denn ganz persönlich zur Gewalt steht. Es legt den Menschen nahe, statt über die Gründe des Krieges und die Zwecke derer, die über Krieg und Frieden entscheiden, nachzudenken, sich der Frage zu widmen, wie sich das für sie persönlich als subjektive Gewissensentscheidung darstellt. Der Umstand, dass das eine staatliche Gewalt-Angelegenheit ist, in der das empfindsame Individuum nicht viel zu sagen hat, schlägt sich für Sie nur als Verschärfung des persönlichen Dilemmas nieder.

Lassen Sie uns bitte der Tatsache gewahr werden, dass die Bürgerrechte durch das staatliche Gewaltmonopol garantiert werden und dieses nicht zur Disposition gestellt werden darf. So etwas gewährt weder ein demokratischer noch ein diktatorischer Staat der Bevölkerung. Es ist völlig egal, wer und warum das staatliche Gewaltmonopol in Frage stellt – kein Staat lässt es ohne Konsequenzen geschehen. Sie wissen selber, dass Wolodymyr Selenskyj für die Wiederherstellung der ukrainischen Staatsgewalt in den international anerkannten Grenzen kämpft – was nicht ohne Gewalt und Repression gegen die illoyalen eigenen Staatsbürger (deren reale Anzahl bleibt zwischen pro-russischen und pro-ukrainischen Quellen stark umstritten) vonstatten geht. Der Staat verteidigt seine Souveränität unter dem Einsatz des Lebens seiner Bürger und, wenn es sein muss, gegen seine Bürger.

Vermutlich ist das nichts Neues für Sie. Sie haben erst neulich Herrn Achmed Sakajew von der „Exilregierung“ der „Tschetschenischen Republik Itschkerien“ für die FAZ interviewt. Sie sind also im Bilde, wie gefährlich es für diejenigen ist, die sich mit dem staatlichen Monopol anlegen. Würde der liebe Achmed Chalidowitsch so etwas, was er gegen die Russische Föderation unternahm, gegen einen westlichen Staat versuchen, hätte er vermutlich ein Loch mehr in seinem durchaus weisen Kopf. (Er legt ein Zitat von Zbigniew Brzezinski dem Bolschewiken Feliks Dzierżyński in den Mund, und weder Ihnen, den investigativen Journalisten noch der FAZ-Redaktion fällt es auf). Vielleicht wäre er auch in Guantanamo oder an einem Ort, wo (ich zitiere einen Bericht der Organisation „medico international“) echte Terroristen oder auch diejenigen, die dessen verdächtigt werden, Folgendes erleben dürfen: „Ununterbrochen gefesselt und den extremen Temperaturen der Wüste ungeschützt ausgeliefert, werden sie unter freiem Himmel in Käfigen gehalten. Sie müssen auf dem Boden schlafen, bekommen nur geringe Mengen an Nahrung und müssen in Windeln defäkieren.“ Einige Menschen in der demokratischen Öffentlichkeit würden sich darüber empören, andere anzweifeln, ob alles wirklich so „schlimm“ sei, die Dritten wiederum sagen, er habe es ja nicht anders verdient. Aber es wäre egal, denn während dieses demokratischen Meinungsaustauschs müsste er Waterboarding und Stromschläge über sich ergehen lassen und wäre definitiv nicht in der Lage, mit Ihnen Kaffeekränzchen abzuhalten. Die Methoden, zu denen Demokratien in einer Notstandssituation greifen, werden in den Diktaturen dauerhaft angewandt. Nur ist Krieg immer eine Notstandssituation.

Sie begreifen diesen Krieg als Ihre Sache. Ihnen genügt nicht die bloße Zustimmung zur Intervention Deutschlands und der EU in diesen Krieg, Sie wollen Ihren ganz persönlichen Beitrag leisten. Indem Sie bei der Ausbildung der Truppen einer der Kriegsparteien mithelfen und indem Sie der interessierten Öffentlichkeit ein paar Essentials über diesen Krieg aus Ihrer ganz persönlichen, zudem authentischen Perspektive nahebringen: Es sterben Kinder, Putin hat zuerst angefangen, Freiheit ist besser als Unfreiheit, Russland böse, wir töten nur aus Selbstverteidigung. Sie wissen ja, wovon Sie sprechen, weil Sie das erste Jahr ihres Lebens im unabhängigen Kasachstan verbracht haben, Ihre Großeltern unter Stalin litten und zuhause russisches TV lief. Dies bildet eine solide Basis für die Analyse von Putins Russland und seinen Kriegszwecken. Man kann dann in jedem Interview sagen: „Hört mehr auf die Stimmen postsowjetischer Menschen“, weil diese qua Herkunft besser um das wahre Wesen von Putins Herrschaftsmodell, Russland in der Weltgeschichte und russische Kriegsziele wissen. Sie haben ja, wie Sie in ihrem Buch schreiben, dem linken Milieu, das „Diskurse höher bewertet als Herkunft“ (ach, wenn es bloß wahr wäre, Herr Weigandt!), den Rücken gekehrt und sind jetzt auf dem guten Weg dorthin, wo es andersrum ist.

Wie sehr ich dem persönlichen Mut von Oppositionellen in Russland Respekt zolle – viele von denen treten an die Öffentlichkeit mit Aussagen nach dem Muster: „Ich wurde für eine Protestaktion drakonisch bestraft, was beweist, dass Putin akut den Angriff auf die EU plant.“

Gegen „bloß“ theoretische Beschäftigung mit dem Krieg tragen Sie in ihrem Buch Kritik vor. Es geht darum, „vom Denken zum Kämpfen“ zu kommen. „Die berechtigte Frage bleibt: Wie weit dürfen wir uns in theoretische Gefilde zurückziehen, wenn vor unseren Augen Städte brennen? Wie lange dürfen wir diskutieren, abstrahieren, relativieren – ohne sich mitschuldig zu machen am Schweigen“ Wenn wir nicht gerade Feuerwehrleute vor Ort sind – und auch die machen erst eine Lageanalyse, bevor sie drauflos stürmen – ist sich Klarheit über die Ursachen von alldem zu verschaffen, das Allererste, was wir machen können und sollen. Wenn „unser“ Staat in den Krieg eintritt, dann dürfen wir uns tatsächlich weder theoretisch noch praktisch zurückziehen.

Sie nehmen ja auch jede Menge Abstraktionen vor. Zuerst abstrahieren Sie komplett von den Interessen der Bundesrepublik, der EU und der NATO in diesem Krieg. Denn es gehe um sterbende Kinder und weinende Mütter der ukrainischen Seite. Für Sie fällt die Frage nach den Kriegsursachen mit der Schuldfrage zusammen. Wenn Gewalt angewendet wird, ist nicht die Frage fällig, „warum“, sondern „dürfen die, die das machen das“. Und nein, dürfen sie nicht, sie brechen ja Regeln. Dass nach diesen Regeln eine gnadenlose wirtschaftliche Konkurrenz läuft, davon abstrahieren Sie sehr gut. Die Frage, ob die EU-Erweiterung Russlands Wirtschaft schade, wer mag sie stellen, wenn doch Kinder sterben und Mütter weinen. Ja, es sei rechtens, dass die Standortkonkurrenz Staaten in den Ruin treibt, aber es passiert nun mal nach Regeln. Möchte Russland nicht wirtschaftlich ruiniert werden, solle es sich doch nach fairen Regeln mit Fleiß und Disziplin nach oben hocharbeiten, noch ein paar Runden „Schocktherapie“ durchziehen, dann klappt es bestimmt! Aber doch nicht zu militärischer Gewalt greifen! Das denkt sich die Führung Russlands zu Ihrer Überraschung und Entsetzen aber anders und gedenkt, zuerst mit militärischen Mitteln die politischen Rahmenbedingungen zu ändern, um dann auch eine ökonomische Weltmacht zu werden. Dass es weder für die eigene Bevölkerung noch für die der Ukraine etwas Gutes verheißt, hält sie nicht davon ab – ökonomische Konkurrenz auf dem Weltmarkt ist schließlich auch keine Wohltat für die Mehrheit der Menschheit.

Das erscheint Ihnen vermutlich unglaublich zynisch und unempathisch. Der Schaden einer explodierenden Bombe (auf der richtigen Seite) rührt uns zum Tränen. Verelendung ist dagegen ein „normales“ Risiko, das das Leben (im Kapitalismus) so mit sich bringt. Gewalt sei etwas Pathologisches, Armut etwas so Natürliches wie das Altern – so erscheint die Welt heute vielen. Ich würde dafür plädieren, sich die Frage vorzulegen, ob man das Leben im Armutsrisiko verteidigen sollte, indem man selbst sein Leben riskiert und dabei andere Menschen – ebenfalls unter Armutsrisiko, aber halt in einer anderen Uniformen – Todesrisiken aussetzen sollte.

Wir sind uns fundamental uneinig über die Kriegsziele von Putins Russland. Ich würde bestreiten, dass Putin seine Truppen in Bewegung setzte, um ukrainische Kinder zu töten, russischen Soldaten sexuelle Gewalt an ukrainischen Frauen und Raub von ukrainischen Waschmaschinen zu ermöglichen – obwohl das alles massenhaft stattfindet. Ich kenne kein Dokument, in dem der Kreml von Berlin verlangt, alle LGBTIQ-Clubs zu schließen, Regenbogenfahnen abzuhängen oder keine CSDs mehr zu genehmigen. Weder die Eroberung Deutschlands noch der Export seines Herrschaftsmodells nach Deutschland stellt den Zweck von Putins Krieg dar. Auch nicht die Wiederherstellung der Sowjetunion, des Russischen Zarenreiches oder irgendwelcher eurasischer/panslawistischer Fantasiestaaten. Bevor Sie mir „Verharmlosung“ vorwerfen – alles ist viel schlimmer: Russland möchte eine kapitalistische Weltmacht werden. Der Weg zu so einem Ziel kann nur sehr blutig ausfallen, davon zeugen die Aufstiegsgeschichten der realexistierenden kapitalistischen Weltmächte. Tod von unzähligen Menschen, in oder ohne Uniform ist ein Mittel, nicht das Ziel des Krieges. Exzesse gegen Zivilisten werden Kriege immer begleiten und sie werden immer mehr, je länger der Krieg dauert und die Motivation, diese zu ahnden, wächst dabei auch nicht proportional zur Zunahme der Vorfälle. Schließlich werden eigene Soldaten an der Front, nicht im Gefängnis benötigt.

Bitte denken Sie nicht, ich will darauf hinaus, Krieg sei „amoralisch“. Im Gegenteil, Kriegführen benötigt viel Moral und moralische Empörung an der richtigen Stelle. Die toten Zivilisten auf „unserer“ Seite sind „Genozidopfer“, die auf der anderen sind „Kollateralschäden“. Wir hätten doch längst Frieden, würden die anderen auf ihre Kriegsziele verzichten um des Friedens willen! Indem Sie über den Krieg durchgehend in moralischen Kategorien schreiben, entpolitisieren Sie ihn. Und Entpolitisierung des Krieges ist eine Verharmlosung.

Der Chor der empörten Stimmen, der Russlands Überfall auf die Ukraine als „grundlose“ Gewalt abstempelt, abstrahiert einfach von den real vorhandenen Kriegsgründen. Wer die Existenz von ukrainischer oder russischer Staatsgewalt, die „Verteidigung der nationalen Souveränität“, nicht als Abstraktion von sehr vielen sich widersprechenden Interessen in den jeweiligen Gesellschaften, sondern als unhinterfragbare Selbstverständlichkeit nimmt, ist dazu verdammt, Gewalt nach „berechtigt“ und „rechtswidrig“ zu unterscheiden, was wenig mit den Ursachen der Gewalt zu tun hat.

Sie machen es gut vor: „Es gibt auf dieser Welt Regime, die noch grausamer, brutaler, zynischer handeln als wir. Die ihr eigenes Volk unterdrücken, die andere Länder überfallen nicht nur aus Kalkül und Prinzip, auch aus Ideologie. Aus Machtgier.“ Mir ist die Unterscheidung von Kalkül und Machtgier sowie Prinzip und Ideologie nicht ganz klar. Ich glaube auch nicht, dass, sobald die Bundesrepublik mit Aufrüstung und außenpolitischen Interventionen aufhört, Kriege im Sudan oder Myanmar enden. Ich glaube auch nicht, dass nur, weil die EU ein imperialistisches Konkurrenzprojekt zur USA geworden ist und anderen Staaten Bedingungen diktiert, die USA oder Russland was Besseres im Schilde führen oder über die politische Ordnung der Staaten jenseits der NATO viel Positives zu sagen wäre. Aber ist es nicht doch ein bisschen albern, erst zu sagen, „wir sind ein kleineres Übel“, und im nächsten Atemzug, „und müssen überall auf der Welt die Ordnungsmacht sein“ – denn darauf läuft ja die ganze „aber Kinder sterben“-Argumentation hinaus. Damit die anderen aufhören, Kinder zu töten, müssen unsere Bomben deren Kinder erreichen können. Unsere Wirtschaft muss so stark sein, dass wir den anderen mit Sanktionen drohen können. Wenn die Kapitale aus der EU Zugriff auf Arbeitskräfte, auf die Ressourcen und Absatzmärkte woanders bekommen, ist es gut, weil dann die Kinder nicht mehr an Bomben sterben und Mütter nicht weinen. Es sei aber auch „unser“ gutes Recht, denn „wir“ waren einfach ökonomisch effektiver als Russland. Das müsse man unterscheiden vom neo-imperialen Großmachtanspruch Russlands (und der USA und der Volksrepublik). „Unsere“ Dominanz tue den Menschen, ihren Rechten, dem Klima, ja eigentlich der ganzen Welt gut! Vor der Dominanz der anderen brauchen alle auf der Welt unseren Schutz.

Sie wollen ganz klar „Wehrhaftigkeit“ von der „bedingungslosen Loyalität zum Staat“ unterscheiden. Aber jeder müsse sich schon einen Kopf machen, was er zur Verteidigung beitragen kann. „Wer sich dieser Frage nicht stellt, verdrängt feige und bequem, das Unvermeidliche – und macht sich damit mitschuldig.“ Warum ist der Krieg nochmal so unvermeidlich? Ach ja, weil Putin so böse ist und Russland schon immer alle erobert und unterdrückt hat.

Merken Sie gar nicht, wie nahe Sie dabei an die rhetorischen Figuren von Putins Propaganda herankommen? Sie wissen schon: „Wir haben keine Wahl, wir müssen auf diese reale Gefahr reagieren.“ usw. Exkurse in die Geschichte. Parallelen zum Zweiten Weltkrieg. Aufregung darüber, dass die anderen „unsere Werte verhöhnen“ (gut, wir deren zwar auch, aber das ist was anderes!). Irgendwann fangen Sie dann auch an von der „Dekadenz“ zu schreiben – ich vermute, Sie meinen damit schon was anderes, aber es manifestiert sich, darin stimmen Sie mit Russlands TV überein, in einer mangelnden Bereitschaft, sich für den Krieg nützlich zu machen.

Eine ganze Reihe Ihrer Argumente ist einfach beliebig einsetzbar in jede Richtung. Krieg muss man vorbereiten, führen und gewinnen, damit Kinder einen friedlichen Alltag haben. Sie schauen aus dem Fester, da sind sie, so friedlich und unbeschwert. In jeder noch so finsteren Diktatur gibt es so etwas wie Alltag, ja, auch mit spielenden Kindern. Zu sagen, wenn wir nicht in den Krieg ziehen, ist die Zukunft der kommenden Generationen gefährdet, schafft auch russische Propaganda.

Mir ist immer noch ein Rätsel, warum in Deutschland so viele Pazifisten und Antipazifisten ihre Position mit ihren Schulhoferfahrungen zu zementieren versuchen. Ob Johannes Ponader von den „Piraten“ , Bernd Drücke von der Graswurzelrevolution oder mal jemand aus ihrem Lager, Deniz Yücel. Kriege sind Konflikte zwischen Staaten, nicht zwischen Privatpersonen, und sie können nur geführt werden, wenn sich Abertausende dafür mobilisieren lassen.

Sie verkaufen Ihre Parteinahme als ein Ergebnis von „Ich ging dorthin und sprach mit den Menschen“. Sie hätten sich auch genauso gut ein anderes Flugticket kaufen können und mit den Zivilisten der Gegenseite, aber auch mit Tamilen und Singhalesen, israelischen Siedlern oder Hisbollah-Anhängern persönliche Bekanntschaft schließen können. Sie würden bald feststellen, dass dies alles nicht nur Schlagwörter aus den Nachrichten sind, sondern Menschen, die ihren Alltag haben, eigene Angehörige lieben, Tote betrauern und neben ihrer politischen Agenda einfach haufenweise persönliche Eigenschaften besitzen. Was jedoch nicht viel über die Gründe der Konflikte, an denen sie teilnehmen, aussagt und auch nicht ihre politischen Ziele durchstreicht. Sie waren zuerst parteiisch und dann packten Sie drei gehäufte Löffel „persönliche Menschenschicksale“ drauf.

Sie schalten immer wieder um von „Wie steht man zur Gewalt ganz persönlich“ zu Appellen an den politischen Realismus. Der beste Grund, parteiisch für das Hier und Heute mit all seinen Kriegen zu sein, ist das Hier und Heute mit all seinen Kriegen. Das Einzige, was man dazu wissen muss: Es ist so und nicht änderbar. Traumtänzer, die Kritik nicht an Machbarkeit messen. Arbeiter werden den Krieg nicht durch den Generalstreik stoppen, also muss man ihn führen und gewinnen!

Ewgeniy Kasakow

  • 1. Hegel (Anm. der Redaktion).